Grundsätzlich ist es natürlich jeder Person selbst überlassen wie er/sie ihre Wahlentscheidung trifft.
Ich sehe 2 probleme bei taktischen Wahlen:
man braucht dafür eine Informationslage die mMn kaum gegeben ist.
Natürlich ist es gut wenn möglichst viele demokratische Parteien die 5% Hürde schaffen. Wenn ich versuche taktisch zu wählen, aber die Partei scheitert trotzdem an den 5% habe ich meine Stimme verloren.
Schafft die taktisch gewählte es dann vllt sogar auf 6-7% aber meine eigentlich präferierte bekommt nur 4,9% ist die taktik gescheitert.
Und woher möchte man die Daten nehmen wo die Parteien landen werden? Aus Umfragen? Was geben die befragten an, ihre wirkliche Präferenz oder die aktuell wahrscheinliche taktische Entscheidung die sich möglicherweise durch das Ergebnis jener Umfrage wieder ändert?
die Signalwirkung (bei taktischer Wahl der größten Partei die nicht AfD ist, natürlich erst recht) auch wenn Parteien knapp an der 5% Hürde scheitern oder wahrscheinlich eh nicht mit ihnen Koaliert wird (Grüne/Linke), setzt es ein Zeichen des Wählerwillens.
Wenn man eigentlich zB sehr progressiv Wählen möchte, aber lieber mittig wählt damit die mittige Partei (oder mittig-linke) dann an der Regierung beteiligt ist und das schlimmste verhindern soll, ergibt die Wahlanalyse dann das es kein Interesse an progressiven Themen gibt.
Ich bin da mehr ein Fan von einem - wie auch immer im Detail genannt und ausgestaltet - Verfahren mit Ersatzstimme/Reservestimme, also dass ich neben meiner bevorzugten Wahlentscheidung noch eine “zweite Wahl” und ggf. dritte usw. angeben kann, falls die erste nicht verwirklicht wird. Das würde diese Taktiererei unnötig machen und zu einer besseren Repräsentation des Wählerwillens führen, ohne wie die Abschaffung der Hürde eine Zersplitterung in Kleinparteien zu riskieren.
Ich weiß, dass es da auch demokratietheoretische Vorbehalte gibt, weil z.B. von der Reihenfolge der Eliminierung abhängen kann, wer am Ende von einem bestimmten Wahlzettel profitiert - aber es kommt mir jedenfalls nach einem Fortschritt gegenüber dem Status Quo vor. Noch bedeutender ist die Verbesserung bei der Wahl von Direktkandidaten, wo heute die relative Mehrheit entscheidet. Bei der Bundestagswahl-Erststimme nimmt man das nur in Kauf (und verzichtet auf eine Stichwahl), weil die Gesamtverteilung zwischen den Parteien über die Zweitstimme bestimmt wird.
Für diese Analyse müsste man doch erstmal schauen wie wer gewählt hat - also ich kenne Grüne in Thüringen die nicht grün gewählt haben, weil sie taktisch wählen wollten und nicht mehr an den Einzug in den Landtag geglaubt haben und Leute die genau anders herum entschieden haben
Also das Beispiel ist sicher interessant, aber erst wenn es mit einer entsprechend seriösen Umfrage über anekdotische Evidenz hinausgeht
Die gesamte Argumentation und die Definition dieser Fälle betrachtest du nur als Einzelentscheidung - mir fehlt da der Gedanke von „wenn ich zu folgendem Ergebnis komme, könnten andere auch dazu kommen“ und damit sind wir bei einer Abwandlung vom Prisoner-Dilema… also ich gehe nicht davon aus, dass ich die einzige Stimme habe die taktisch eingesetzt werden könnte und damit ist der Hebel des taktischen Wählens größer als nur eine Stimme
Da die entsprechenden Daten fehlen, ist diese Analyse nicht möglich. Mir geht es an dieser Stelle darum, zu illustrieren, dass die Empfehlung zur strategischen Wahl, die ich in verschiedenen Kampagnen ausschließlich zugunsten der Grünen wahrgenommen habe, womöglich das Gegenteil ihres Ziels erreicht haben. Das sollte aus meiner Sicht auch dazugesagt bzw. bedacht werden, wenn entsprechende Empfehlungen ausgesprochen werden, so wie es in der LdN getan wurde.
Was definitiv gilt: Wenn die stärkste Partei Wahlkampf macht: macht uns stark, damit die AFD nicht stärkste Kraft wird, wie in der Lage kritisiert, dann besteht ein großes Risiko, dass Wähler kleiner Parteien versucht sind, ihre Stimme taktisch zu vergeben. Das bringt dann eine starke Partei, aber ohne gute Optionen, weil die Partner fehlen, da sie nun unter 5% gerutscht sind.
Ich habe keine generelle Empfehlung zugunsten der Grünen wahrgenommen, sondern die Empfehlung, zu schauen, wie die eigene Stimme möglichst sicher einer demokratischen Partei im Parlament zugute kommt und nicht „verfällt“, weil die gewählte Partei weniger als 5 Prozent erreicht. Das kann je nach Konstellation mal bedeuten, für die Grünen zu stimmen (etwa bei der letzten Landtagswahl in Brandenburg) und mal bedeutet, sie nicht zu wählen (wie von dir gezeigt bei der letzten Landtagswahl in Thüringen).
Ich finde den Aspekt berechtigt. Allerdings gilt meine Argumentation für jegliche Anzahl an Stimmen. Also kann gerne meine Stimme (1) durch eine beliebige Anzahl an Stimmen ersetzt werden und die Unterscheidung der 3 Fälle bleibt gleich.
ja - aber die Wahrscheinlichkeit der Fälle wird anders - wenn man deine eine Stimme durch ein paar Hundert oder ein paar Tausend ersetzt wird der zweite Fall so gegen Null laufen
stattdessen wird der erste Fall deutlich wahrscheinlicher, wobei er dann die Implikation des zweiten Falls beinhaltet - also ohne alle taktischen Stimmen wäre die Partei nicht drinnen mit all den taktischen ist sie sicher drinnen…
Merz wirbt in Rheinland-Pfalz schon wieder dafür, die Stimme nicht an die FDP zu verschwenden, sondern angesichts der knappen Umfragen zu helfen die Union zur stärksten Kraft zu machen.
Genau das gleiche Problem. Wer glaubt, dass das potentielle FDP-Wähler nicht beeinflussen kann und damit die FDP erst recht nicht über die Hürde kommen wird - und angesichts dieser Aussichten noch mehr ihre Stimme woanders parken?
Es geht also in unserer Demokratie nicht mehr darum, die Partei zu wählen, deren Programm einen selbst (am meisten) überzeugt, sondern eher taktisch dem „kleineren Übel“ den Wahlsieg zu ermöglichen.
Ist das noch der eigentliche Sinn einer demokratischen Wahl?
Oder müssten wir dann unser System nicht mal überdenken?
Nein - es wird ja gerade diskutiert ob es überhaupt sinnvoll ist so zu wählen - es wird also eher argumentiert dass es nicht darum geht
aber ganz grundsätzlich geht es bei Parteien schon darum Meinungen zu bündeln, wenn alle eine Partei wählen die perfekt zu den eigenen Meinungen passt bräuchten wir sehr viele Parteien… ein bisschen was von dem „kleineren Übel“ ist also immer dabei - also ich wäre überrascht wenn ich eine Partei finde die über alle Themen eine Position vertritt die ich im Vergleich zu anderen Parteien die beste finde, heißt es gehört immer dazu abzuwägen welche Option von vielen du nimmst - während alle Optionen ein bisschen von deiner Meinung abweichen
Wie groß der zu erwartende Effekt ist, dass man möglicherweise die Stimme für eine Partei abgibt, die sie gerade über die 5-%-Grenze hebt, hängt vor allem davon ab, wieviele andere andere diese Partei wählen, und wie genau man das zu wissen glaubt, z. B. für wie ungenau man die Umfragen da hält. Genauer gesagt sind dabei die 3 schon genannten Fälle zu betrachten und mit der (angenommenen) Eintrittswahrscheinlichkeit vor der eigenen Wahlentscheidung zu wichten.
Mit der vereinfachten Annahme, dass die Stimmen der anderen für diese Partei normalverteilt sind mit Erwartungswert p und Standardabweichung sigma (unter Annahme einer hohen Zahl von Wählern) habe ich das erwartete Stimmenanteilgewicht über dem erwarteten Stimmenanteil der Partei für einige Unsicherheiten (Standardabweichungen) plotten lassen:
Mein Fazit: Man kann durch taktisches Wählen einer Partei nahe der 5-%-Grenze in einem gewissen Bereich tatsächlich ein höheres durchschnittliches Stimmgewicht erwarten, aber der Hebel liegt wahrscheinlich im unteren einstelligen Bereich (und ist davon abhängig, wie nahe man die Partei an der Grenze sieht und für wie ungenau man das hält).
Alle Szenarien “taktischen Wählens” scheitern eigentlich theoretisch daran, dass man eben nur 1 Stimme hat, und die macht rechnerisch effektiv keinen Unterschied. Aber wenn man sich besser damit fühlt, “taktisch” zu wählen als der eigenen Überzeugung entsprechend, spricht natürlich auch nichts dagegen.
die Wahl in BaWü und auch die Umfragen für die Wahl in Rheinland Pfalz zeigen eigentlich genau das Gegenteil von taktischen Wahlen.
In BaWü ist eindeutig eine Wählerwanderung der im Vorfeld der Umfragen führenden Parteien, zu Ungunsten der kleineren Parteien zu beobachten. Die AfD saugt aus allen Parteien Wähler ab. Die Polarisierung ging hinzu den stärksten führenden Parteien. Wobei die Grünen hier am meisten profitieren, die CDU Wähler aber stabil bleiben und sogar welche von den Grünen abgezogen haben.
In Rheinland Pfalz ist ähnliches zu beobachten (auch wenn es nur Umfragen sind, aber diese zeigen seit Wochen ein ähnliches Bild) auch wenn die CDU hier gerade in Umfragen führt, kann die SPD hier noch aufholen, und das wahrscheinlich zu Ungunsten von FDP, Grünen und Linken.
In Sachsen Anhalt wird, meiner Meinung nach, das gleich passieren. Nur dass das dann die CDU von Linken, SPD und Grünen Stimmen aufsaugt und die AfD weitestgehend stabil bleibt.
Auch das ist taktisches Wählen - und genau die Art, die in der Lage kritisiert wurde.
Um Einfluss auf die stärkste Partei zu nehmen, schwenken Wähler von den kleinen Parteien zu den möglichen Siegern und schwächen damit das politische Spektrum insgesamt - im schlimmsten Fall, indem ein möglicher Koalitionspartner unter 5% rutscht.