LdN455 Feedback zu Grundsatzrecherchen

Liebes Lage-Team,

ich höre seit knapp über einem Jahr treu jede Folge, bin ein großer Fan Eurer Arbeit und will mich nun (zum ersten Mal!) zur neuesten Folge 455 mit Feedback melden. Die Idee, Kolleg*innen aus dem Team mit Recherchen zu unterbeleuchteten Schieflagen / gesellschaftspolitischen Themen zu Wort kommen zu lassen, finde ich großartig. Auf Grundsatzdebatten einzugehen macht ihr zwar punktuell bereits, ich persönlich würde mich aber sehr freuen, wenn Ihr einen Teil jeder Folge dezidierten Recherchen fernab vom politischen Tagesgeschäft widmet.

In dieser Art von Themensetzung liegt - neben dem 360-Grad-Blick - für mich auch der klare Mehrwert des LdN-Podcasts. In der inzwischen glücklicherweise gut gefüllten Politik-Podcast-Landschaft passiert es mir immer häufiger, dass ich aus der Fülle der Podcasts wöchentlich zwei bis drei aussuche und dabei die immer selben Schlagzeilen und Argumente zerlegt bekomme. Ein Beispiel: Mitte September konnte man sich als gut informierte Podcast-Zuhörerin aussuchen, ob man zum fünften Mal bei “Das Politikteil”, “OK, America?”, “Politik mit Anne Will”, “The Ezra Klein Show”, “The Daily” oder eben bei LdN vom menschlich tragischen, aber weltpolitisch letztlich nicht bewegenden Attentat auf einen davor eher unbekannten amerikanischen Rechtsextremen hören wollte. Weitere Beispiele aus 2025: Stadtbild, Brandmauer, etc. Das ist erstmal nicht unbedingt als Kritik gemeint, denn schließlich waren das die jeweils dominanten Schlagzeilen und Euer Podcast heißt “Lage der Nation”. Natürlich liegt das Widerspiegeln des Tagesgeschäfts irgendwo in der Natur der Politik-Podcast-Sache und ich suche mir genau diese ja auch selbst aus.

Dennoch macht es mich nachdenklich, dass das zermürbende Schlagzeilen-Recycling der Nachrichten-Welt unter den (evidenz-basierten, ernstzunehmenden) Politik-Podcasts inzwischen ein Echo findet. Dabei richten sich die tagespolitischen Akzente bekanntermaßen meist eben nicht nach Relevanz, Mehrwert, Informationsgehalt, sondern nach Emotionsgehalt und Online-Viralität. Müssen Podcasts diese Dynamik übernehmen oder gäbe es hier nicht noch Raum für mehr Themensteuerung hin zu “Hmm, davon habe ich noch gar nichts mitbekommen, spannend.”? Ich frage mich, ob es für gutes Politik-Debriefing manchmal nicht konstruktiver wäre, dezidiert nicht das bereits am lautesten diskutierte Thema zum zehnten Mal in den Vordergrund zu stellen. Das ist natürlich auch eine Frage von Nuancen und subjektivem Urteilsvermögen: Wenn die AfD/Union unwissenschaftlichen Mist zu Asylzahlen und Migration verbreiten - klar, gerne bei LdN faktenbasiert einordnen, auch wenn bereits überall sonst schon aufgegriffen. Wenn ein - mit Verlaub - dahergelaufener Rechtsextremer ermordet wird und das wochenlang die Mediendebatte einnimmt - vielleicht lieber eine Recherche zum (medial absolut untergegangenen) Konflikt im Sudan und Kürzungen in deutschen Entwicklungsgeldern in die Folge aufnehmen? Bestimmt sehen das andere genau andersrum. Oder es ist User Error und ich sollte das als Zeichen nehmen, meinen Podcast- und Nachrichtenkonsum herunterzufahren.

Jedenfalls gehört es zu den großen Vorteilen des LdN-Formats, dass ihr verschiedene Themen beleuchtet und dabei auch mal partizipativ vorgeht (Was haben die Zuhörerinnen hier für Erfahrungen gemacht?) und Grundsätzliches betrachtet. Die Expert*innen-Interviews über die Sommerpause fand ich aus genau diesen Gründen auch klasse! Bitte weiter so - und evtl. ein wenig food for thought zur generellen Themenwahl in den Folgen?

TL;DR: Recherchen wie zum Gender Health Gap sehr, sehr gerne beibehalten und ausbauen. :smiley: Und tolle Themenwahl für die Prämiere - von der Lebendigkeit des strukturellen Sexismus in unserer Gesundheitsversorgung sollen sich auch mal meine männlichen Mit-Zuhörer faszinieren lassen.

Liebe Grüße

Hayan

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Danke für das ausführliche Feedback und deine Gedanken dazu!

Wir haben uns vorgenommen, dass wir möglichst in jeder Folge über ein „Unicorn“ berichten wollen - das ist ein unterbelichtetes Thema, das wir aber für wichtig halten. Das wird evtl nicht jede Woche gelingen, aber wir sind dran :wink:

Spoiler: Diese Woche gibt‘s auch wieder eins …

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Dieses Forum ist ein unfassbar breiter Quell an unterbelichteten, aber sehr wichtigen Themen. Oftmals, weil das Thema nicht so einfach ist und auch keine einfachen Lösung offensichtlich sind.

Ich will mal nur auf eines verweisen:

(auf die Gefahr, dass ich damit langsam den einen oder anderen nerve)

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Nur als Anregung, mir ist klar dass das nicht ins aktuelle Lage Konzept passt, aber wir beschweren uns ja (alle) gerne darueber, dass die Medien “ihrem Auftrag” nicht gerecht werden, und die “falschen” Themen priorisieren (siehe die Migrationsdebatte im Wahlkampf).

Um dem entgegen zu wirken koennte man sich 1x im Jahr hinsetzen und die 10 (mehr/weniger?) wichtigsten Themen des Landes identifizieren und nach Relevanz gewichten, und danach im laufenden Jahr die Themenaufmerksamkeit verteilen. Die Identifizierung habt ihr ja mit eurem Buch schon erfolgreich gemacht!

Das koennte dann zum Beispiel so aussehen:

  1. (30%) Klimakatastrophe/Klimaanpassung (Wie koennen wir, unsere Kinder in einem Europa mit +3 Grad Durchschnittstemperatur ueberleben?)
  2. (30%) Europaeische Unabhaengigkeit (Energie, Wirtschaft, Forschung, Sicherheit inkl. Ukraine)
  3. (20%) Wettbewerbsfaehigkeit Deutschlands (Verwaltung, Bildung, Infrastruktur, …)
  4. (10%) Gesundheitssystem (Kosten, Fehlanreize, Ineffizienzen, Menschenwuerde, …)
  5. (10%) Tagesaktuelles

Damit verhindert man, dass man sich von anderen die Themen vorschreiben laesst und bleibt effektiv bei den Themen die man selber fuer relevant haelt.

Das fände ich genauso schlimm - ich galube nicht, dass ein solcher Plan aufgeht - aber falls jemand ein Tracking machen würde, dass einfach nur darstellt wieviel Aufmerksamkeit welches Thema in den letzten Folgen bekommen hat würde das glaube ich schon ganz viel helfen - wenn man visualisieren kann wie die Themen gewichtet sind, fragt man sich automatisch ob man die Gewichtung verschieben möchte und kann damit auf den großen Jahresplan verzichten
Als Beispiel: In deiner Aufzählung kommt Landespolitik gar nicht vor, trotzdem gibt es immer mal Themen wie Hochschulpoltik, Schulen oder Polizei die Landessache sind und nicht nur behandelt werden sollten wenn sie unter “tagesaktuell” fallen - jetzt würde ich aber keine 5% Landespoltik in deine Liste aufnehmen, sondern darauf vertrauen, dass wenn es da spannende Themen gibt die von der Lage am ehesten mit aufgegriffen werden (oder in irgendwelchen Kolummnen der großen überregionalen Zeitungen, aber die alle zu lesen schaffe zumindest ich nicht)

Der Ansatz hinter meinem Vorschlag ist ja gerade Dinge auszublenden, da man der Meinung ist, dass es fundamental wichtige Themen gibt, und daher konzentriert man sich lieber auf diese, als dem aktuellen Medienzeitgeist hinterherzulaufen.

Ich wollte mit meinem Beispiel auch keinen Anspruch auf Vollstaendigkeit erheben, sondern nur die grundsaetzliche Idee illustrieren. Stelle aber fest, das alle deine Beispielthemen durchaus mehr order weniger gut verortet werden koennen: Hochschulen → 2/Forschung, Schulen → 3/Bildung, Polizei → 2/Sicherheit. Vermutlich sollte 5. “Sonstiges” sein, und nicht “Tagesaktuelles,”, denn das kann man, thematisch passen auch bei 1-4 einordnen.

Am Ende ist die Kernfrage hier fuer mich, wer entscheidet, was berichtet wird? Mein Eindruck ist, fuer den groesste Teil der Medienberichterstattung wird die Entscheidung, was thematisiert wird, von aussen gesetzt (“Berichten was ist”), vielleicht waere es aber fuer unseren demokratischen Diskurs am Ende besser, die Themen nach dem Motto “Herausarbeiten was wichtig ist” zu setzen?

Das man da dann immer noch Bezug auf aktuelles nimmt ist fuer mich selbstverstaendlich. Aber aktuelles zum Thema Klima bekommt in meinem Beispiel dann eben einen Teil von den 30% fuer 1. und die Migrationsdebatte nur einen Anteil an den 20% von 3. So dass am Ende das global wichtigere Thema immer mehr Zeit als die weniger wichtigen Themen bekommt, und somit kein verzerrter Eindruck der Wichtigkeit bei uns entstehen kann.