Ich will gern auch noch auf ein paar Punkte eingehen. Es geht in diesem Fall definitiv nicht nur um ein falsch übernommenes Zitat aus Wikipedia bzw. von Habermas, es ist aus meiner Sicht viel grundsätzlicher.
Zu Wikipedia (siehe etwa hier einen Artikel aus der SZ von Anfang 2019 zu Giffeys Übernahme): In akademischen Kreisen, also vor allem schriftlichen Arbeiten jeglicher Art, ist Wikipedia nicht zitierfähig (sofern es nicht selbst Untersuchungsgegenstand ist), weil es u. a. keine Zurechenbarkeit zu einer Autorin oder einem Autor bzw. Autorenkollektiv gibt. Wird Wikipedia als Quelle angegeben, kann bspw. die betreffende Stelle nächste Woche gelöscht sein (das lässt sich zwar nachvollziehen, spielt aber keine Rolle). Die dort enthaltenen Informationen sind nicht (immer) geprüft; ein Qualitätssicherungsprozess findet nur bedingt statt. Das alles weiß auch Frau Giffey, sonst hätte sie Wikipedia als Quelle angegeben (es handelt sich insg. um drei Einträge aus Wikipedia, die als Quellen nicht angegeben wurden). Sieht man auch daran, dass sie von Wikipedia selbst eine falsche Literaturangabe übernommen hat – was wiederum darauf verweist, dass sie die Literatur, die sie in ihrer eigenen Arbeit angibt, offenbar nicht gelesen hat (dazu mehr weiter unten). Als Einstieg und Anregung ist Wikipedia dagegen natürlich schon geeignet und enthält oft viele gute und auch umfangreiche Informationen. Man sollte es als Quelle halt nicht zitieren, sondern dann weiter in die entsprechende Originalliteratur gehen.
Insgesamt ist die Untersuchung von VroniPlag sehr gut dokumentiert, alles ist ins kleinste Detail nachvollziehbar (insb. Befunde), das liest sich teilweise wie ein Krimi, und zwar wie ein sehr guter:
Ergebnis bis jetzt:
Bisher (28. Mai 2021, 20:54:38 (UTC+2)) wurden auf 76 von 205 Seiten Plagiatsfundstellen dokumentiert. Dies entspricht einem Anteil von 37,1 % aller Seiten. Davon enthalten 11 Seiten 50 % - 75 % Plagiatstext und 1 Seite mehr als 75 % Plagiatstext.
Der Hauptteil umfasst ohne Abbildungen und Tabellen sowie deren Titel und Quellenangaben insgesamt 6282 Zeilen. Von diesen wurden 827 als plagiiert dokumentiert.5 Hieraus ergibt sich ein Plagiatsanteil von knapp 13,2 % des Textes im Hauptteil der Promotionsschrift.
Dass sie mehr als extrem schlampig gearbeitet sieht man u. a. an folgenden Stellen. Die Bemerkung, dass „Promovieren extrem stressig“ (@Hufschmied) sei, ist zwar (oft) richtig, sollte aber doch nicht dazu führen, Standards wissenschaftlichen Arbeitens und Schreibens nicht einzuhalten (btw: gibts dafür ja inzwischen Softwarelösungen usw.). Eigentlich wird das von Beginn an immer wieder eingetrichtert, man kommt daran gar nicht vorbei (s. die Verwendung der Zitierweise und ihre absurde Begründung). Und wenn man schon promovieren möchte, sollten diese elementaren Dinge eigentlich klar sein. Hier ist dann auch wieder auf ihre Betreuerin zu verweisen (s. unter Befunde – „Mögliche Versäumnisse bei der Begutachtung der Dissertation“)…
Ein wirkliches Highlight ist aber folgendes (Kontext: Kritik von VroniPlag am Schlussbericht eines von der FU eingesetzten Gremiums zur Überprüfung der Dissertation 2019, Anlage Klassifizierung):
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3. Die Attestierung methodischer Kompetenz ist fragwürdig:
Auf S. 8 stellt das Gremium fest: „Gerade im empirischen Teil beweist die Autorin, dass sie durchaus in der Lage ist, eigenständig wissenschaftlich zu arbeiten und bei ihrem Vorgehen die methodischen Standards der empirischen Politikforschung anzuwenden. Bei einer Gesamtzahl von 27 Forschungsinterviews muss diese Eigenleistung auch als substantiell bezeichnet werden.“
Die Verfasserin war während des Abfassens ihrer Dissertation Europabeauftragte des Berliner Bezirks Neukölln. Die Einrichtungen, deren Mitarbeiterinnen bzw. Mitarbeiter interviewt wurden, waren zum Teil abhängig von finanziellen Zuwendungen dieses Bezirks (vgl. z.B. Plagiatsfall Giffey: Chronik eines fortgesetzten Versagens von Jochen Zenthöfer, F.A.Z. vom 12. August 2020). Dies wird in der Dissertation weder dargestellt noch kritisch reflektiert. Insofern muss hinterfragt werden, ob „die methodischen Standards der empirischen Politikforschung“ tatsächlich angewendet wurden
Das verweist auf meinen Eingangspost: Ihr fehlt die kritische und reflexive Distanz zu ihrer Forschung – und es ist nunmal das erste, was man in den Sozialwissenschaften lernt bzw. lernen sollte: Ich bin als Mensch, Forscherin etc. immer (mal mehr, mal weniger) in den Untersuchungsgegenstand involviert oder zumindest Teil der sozialen Wirklichkeit, die ich zu untersuchen beabsichtige. Das muss aber zwingend thematisiert werden!
Weiterhin ließe sich auch fragen, wieso sie ausgerechnet mit ihrer Ausbildung (Studium FHVR) in Politikwissenschaft zu genau diesem Thema mit der durchgeführten Methodik promovieren wollte (Stichwort: Europabeauftragte).
Die Befunde und der ganze Prozess an sich ist wirklich sehr gut und nachvollziehbar dokumentiert: Dcl/Befunde | VroniPlag Wiki | Fandom
Es werden willkürliche Referenzierungen vorgenommen (getätigte Aussagen lassen sich mit den angegebenen Quellen nicht belegen), Einträge aus dem Literaturverzeichnis wurden im Text nicht genannt, angegebene bzw. benutzte Quellen sind teilweise fast 30 Jahre veraltet, obwohl neuere Auflagen vorgelegen hätten. Das sind alles nur einige der Vorwürfe.
Die Zusammensetzung des damaligen Prüfungsgremiums des OSI wirft zudem weitere erhebliche Fragen auf.
Nach Durchsicht all dieser Befunde komme ich nicht zu dem Schluss, dass nur „schlampig gearbeitet“ wurde, es musste vielmehr schnell gehen, Vorsatz und Täuschung ist daher nicht auszuschließen.
Solange es nur um ‚Fakten‘ geht, sollte die Originalquelle verwendet werden, die dann auch der „Lage“ bekannt sein müsste. Es ist ja nicht auszuschließen, dass auch Fakten falsch wiedergegeben werden. Das ist aber nicht unbedingt ein Problem des geistigen Diebstahls, wie schon angemerkt wurde. Kniffliger wird es, wenn es um komplexere Dinge wie Argumente oder Argumentationsstrukturen geht. Man kann ja mit den gleichen Fakten durchaus (vielleicht sogar der Regelfall) zu anderen Bewertungen und Interpretation kommen.