Mir geht diese laienhafte Anthropomorphisierung von KI zunehmend gegen den Strich. Wir reden immer noch über Software: Bits und Bytes, die auf Hardware ausgeführt werden. Notfalls zieht man den Stecker oder schaltet das Rechenzentrum ab.
Eine KI „will“ nicht die Weltherrschaft. Gefährlich wird es, wenn Menschen ihr absichtlich oder fahrlässig Möglichkeiten geben, Dinge zu tun, die sie besser nicht tun sollte.
Ein paar etwas verkürzte Thesen und Fakten von jemandem, der seit den 80ern Computer programmiert und inzwischen LLMs zu Hause betreibt. Fachleute mögen mir die Verkürzungen nachsehen.
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Ein LLM kann zunächst einmal überhaupt nichts in der realen Welt tun. Im einfachsten Fall bekommt es Eingaben und erzeugt daraus Ausgaben. Text rein, Text raus.
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Damit daraus mehr wird, braucht es Software um das Modell herum. Früher war das für die meisten Benutzer schlicht der Browser. Browser sind aus gutem Grund stark sandboxed und dürfen nicht beliebig Dateien löschen, Programme starten oder auf sämtliche Ressourcen des Rechners zugreifen. Wo das trotzdem möglich ist, reden wir normalerweise von Berechtigungen, explizit bereitgestellten Schnittstellen oder von Sicherheitslücken.
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Irgendwann wollten Benutzer mit Hilfe von LLMs aber tatsächlich etwas erledigen. Also entstanden Anwendungen wie Claude Code, Gemini CLI oder OpenAI Codex. Solche Systeme nennt man heute meist Agents oder agentische Systeme.
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Diese Agents können Dateien bearbeiten, Programme starten, Git benutzen oder APIs ansprechen, weil die Entwickler ihnen genau diese Möglichkeiten gegeben haben. Das Modell bekommt Werkzeuge angeboten, beispielsweise sinngemäss: „Wenn du eine Datei lesen möchtest, steht dir dieses Tool mit diesen Parametern zur Verfügung.“
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Entscheidend ist: Das LLM selbst öffnet nicht plötzlich eine Datei. Es fordert einen Tool Call an. Die Software um das Modell herum entscheidet, ob dieser Aufruf erlaubt ist und führt ihn gegebenenfalls aus. Die Software läuft auf dem System des Benutzers, das LLM üblicherweise im Rechenzentrum des KI Anbieters.
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Hat diese Software keinen Zugriff auf
/etc/password, mein Home-Verzeichnis, meinen GitLab-Account oder meine Produktionsdatenbank, dann hat auch das Modell keinen Zugriff darauf. Capability und Berechtigung entstehen ausserhalb des Modells. -
Dasselbe gilt für das Internet. Ein nacktes Sprachmodell googelt nicht. Eine Anwendung stellt ihm Websuche, HTTP-Zugriff, einen Browser oder andere Werkzeuge zur Verfügung. Diese können vollständig deaktiviert, sandboxed oder beispielsweise auf bestimmte Domains beschränkt werden.
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Genau deshalb halte ich viele Diskussionen über „die KI hat sich Zugang zum Internet verschafft“ für irreführend. Interessanter ist die Frage: Welche Software hat dem Agenten welche Berechtigungen gegeben, und warum durfte er diese Aktion ohne weitere Kontrolle ausführen?
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Das bedeutet nicht, dass ein Agent ungefährlich ist. Im Gegenteil. Ein Modell muss weder böse noch bewusst sein, um grossen Schaden anzurichten. Eine falsche Zielvorgabe, Prompt Injection, ein Modellfehler und viel zu grosszügige Berechtigungen reichen vollkommen aus.
rm -rfoder 'DELTREE C:' braucht schliesslich auch keinen eigenen Willen. -
Deshalb erscheint mir eine ausschliessliche Regulierung grosser Modellanbieter als Sicherheitskonzept unzureichend. Regeln für Frontiermodelle können sinnvoll sein. Sie ersetzen aber keine klassischen Sicherheitsprinzipien wie Least Privilege, Sandboxing, Netzwerksegmentierung, Whitelisting, Authentifizierung, Logging und menschliche Freigaben für kritische Aktionen.
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Hinzu kommt: Selbst wenn alle grossen Anbieter ihre Frontiermodelle stark beschränken, verschwinden offene Modelle nicht. Hugging Face ist voll von frei herunterladbaren Modellen sowie Varianten, bei denen Safety-Finetuning gezielt verändert oder entfernt wurde. Solche Modelle kann man selbst betreiben. Dafür braucht man längst kein Rechenzentrum mehr; für viele leistungsfähige Modelle genügt entsprechende Consumer-Hardware mit ausreichend Speicher.
Deshalb finde ich die Vorstellung etwas naiv, man könne KI-Sicherheit hauptsächlich dadurch herstellen, dass das Modell selbst immer brav „Nein“ sagt.
Banküberfälle sind schliesslich ebenfalls reguliert und sogar verboten. Trotzdem schliessen Banken ihr Geld in Tresore ein.