Und da taucht sie wieder auf: „Die Psychologie“.
Was ich versucht hatte auszudrücken: Das, was Frau Brakemeier vertritt, ist nicht „die Psychologie“. Es ist meinetwegen „die anerkannte Psychologie“ o.ä. Ich sagte bereits, es gibt kaum etwas anderes. Meine Kritik schließt die an Unis üblicherweise gelehrte Sozialpsychologie ein.
Wieso ist das relevant? Und zwar: Für alle hier? Für die gesamte Diskussion in diesem Thread? Dafür, wie wir der Klimakrise begegnen? (damit verbunden auch der AfD). Wir müssen beispielsweise klären, wie mit den oben zitierten Porschefahrenden umgegangen werden könnte. Wie mit einer gewissen Enttäuschung mit den Empfehlungen im Podcast.
Was ein Blick Richtung Geschichte, Politik, Soziologie bringen kann: Die Rahmenbedingungen genauer verstehen, in denen wir handeln. Die wir nicht in Frage stellen. Die wir in Frage stellen müssten, um unsere Situation zu verstehen und Ideen zu bekommen, wie sie sich lösen lässt (falls überhaupt).
Beispielsweise denken viele, wir leben in „der Demokratie“. Demokratie sei genau das, was wir hier haben und zwar sozusagen überhistorisch.
Ein Blick darauf, wie das Grundgesetz entstanden ist und entstehen musste, hilft weiter. Eigentlich ist es fast trivial, aber wesentlich und perspektivverändernd: Die Väter und Mütter des GG konnten nur auf das antworten, was sie kannten. Sie konnten berücksichtigen, was VOR und WÄHREND ihrer Lebenszeit 1949 bekannt war. Genau das haben sie gemacht, und zwar ziemlich gut.
Der erste Satz im Klassiker-Lehrbuch über „Das System der Bundesrepublik Deutschland“ verweist darauf, dass die BRD infolge eines Zusammenbruchs entstand, wie er unter Industrienationen seinesgleichen sucht (Mannewitz / Rudzio).
Sicherlich würde so ein Zusammenbruch in Zukunft uns neu über ein künftiges GG nachdenken lassen. Wenn die Klimakrise vollends eskaliert, wenn wir in der Folge in eine rechte Diktatur kippen. In 10, 20 oder 30 Jahren. Wie würde das GG dann geschrieben werden? Was wären neue Grundüberlegungen im Vergleich zu 1949?
1949 war Konsens: Rechtsstaat, demokratische Parteien im Wettstreit, repräsentative Demokratie etc. Andere „Themen“ sollten über Wahlen, den Wechsel von Regierung und Opposition gelöst werden.
Was nicht gesehen werden konnte: Eine ökologische Krise, die alle Menschen in allen Ländern betrifft. Die die Demokratie bedroht, weil ein erheblicher Teil der Menschen und eine große Partei das Problem einfach leugnet. Weil dies Bedrohung uns Dinge abverlangt, die ungeheuerlich sind. Die oben zitierten Porschefahrer sind noch relativ einfach, obwohl psychologisch interessant. Aber unser ganzes Wirtschaftssystem hängt am Wachstum, unsere Arbeitsplätze liegen zum großen Teil in der fossilen Abhängigkeit.
Wenn nach einem Zusammenbruch 2050 ein neues GG geschrieben würde, würde der praktizierte Nicht-Konsens der demokratischen Parteien in den Fokus rücken bezüglich der Lebensgrundlagen. Wir streiten uns unter demokratischen Parteien so, dass Klimaschutz und -anpassung viel zu langsam voran kommen. Beispielsweise weil es sich an der Wahlurne für die meisten Parteien rechnet, gegen ein Tempolimit zu sein (etc.).
Nicht zuletzt, weil unser demokratisches System von 1949 (mit geringen Modifikationen seither wie dem Art. 20a) es eben so vorsieht, hierüber Wahlkampf zu betreiben. Es gibt keine einzige überparteiliche Instanz mit Macht in unserem gesamten GG, die dieses Problem im Blick haben könnte. Wir halten es für „die Demokratie“, wenn wir über Klimaschutz streiten. Das politische System funktioniert grundsätzlich auf fürs Klima - nur faktisch viel zu langsam (siehe Fazit in obigem Lehrbuch).
Diese Rahmenbedingungen sind wesentlich dafür, was z.B. in Merz Kopf herumspukt und wie wir persönlich leben und hier diskutieren. Diesen Rahmen müssen wir in Rechnung stellen. Er gehört wesentlich dazu - und auch die Erkenntnisse der dominierenden Psychologie sind interessant, na klar. Aber ohne den Rahmen (dass GG ist nur ein Teil davon), fehlt Wesentliches.