Die Idee einer fairen Verteilung aller Migrationswilligen (auch derjenigen, die eigentlich nur zu schwach sind, um die Migration zu versuchen) ist ein schöner Gedanke
Asyl- und Migrationspolitik sollte sich grundsätzlich an der der Utopie ausrichten, dass die Menschheit allen Menschen, die in ihrer Heimat ein menschenunwürdiges Leben fristen, die Möglichkeit geben, „woanders“ ein menschenwürdiges Leben zu führen.
Gleichzeitig müssen wir aber anerkennen: Das Ausmaß an menschenunwürdigen Umständen in der Welt (durch Diktaturen/Verfolgung, Krieg, Hunger, Hitze, u.v.m.) ist so groß und im Verhältnis dazu die Anzahl der Länder, die (a) die Möglichkeit eines menschenwürdiges Leben bieten und (b) bereit sind, dieses mit „Fremden“ zu teilen, viel zu klein.
Das darf uns als Gesellschaft (Deutschland, EU) auf keinen Fall davon abhalten, zu helfen. Aber das bringt uns als Gesellschaft (und damit „die Politik“) in die im humanistischen Sinne eigentlich inakzeptable, „unmögliche“ Situation, eine Auswahl treffen zu müssen.
Das macht unser Asysrecht. In dem es vor dem Hintergrund unserer historischen Erfahrungen die Gründe, mit denen Menschen bei uns Asyl beantragen dürfen, definiert: Alle, die bei Rückkehr in ihr Herkunftsland einer schwerwiegenden Menschenrechtsverletzung ausgesetzt wären - soweit diese Bedrohung vom Heimatstaat ausgeht. Neben greifen die Genfer Flüchtlingskonventionen, auf die sich die Welt im Rahmen der UNO (?) geeinigt hat: Flüchtlingsschutz erhält, wer aus begründeter Furcht vor Verfolgung auch durch nichtstaatliche Akteure seinen Staat nicht in Anspruch nehmen kann oder will.
Allgemeine Notlagen wie Hunger, Armut, Hitze (Klimawandel), Arbeitslosigkeit oder Krieg gelten dagegen nicht als Asylgrund. Im Fall von (Bürger)Krieg greift bei uns der sog. subsidiärer Schutz, wenn also weder Asyl noch Flüchtlingsschutz gewährt werden können, aber im Herkunftsstaat „ernsthafter Schaden“ droht: Todesstrafe, Folter, unmenschliche oder erniedrigende Behandlung, individuelle Bedrohung des Lebens durch willkürliche Gewalt im Krieg oder Bürgerkrieg.
Ich schreibe das bewusst nochmal so auf, weil diese Fakten in der Diskussion über Migrationspolitik häufig unerwähnt und vergessen bleiben.
Die logische Konsequenz dieser „Auswahl“ ist, dass Menschen, die weder einen Asylgrund haben noch einen subsidiären Schutz genießen, in unserer Gesellschaft (Deutschland, EU) nur leben und arbeiten dürfen, wenn sie ein entsprechendes (Arbeits-)Visum erhalten haben (dort erfolgt dann das „Rosinenpicken“).
Ebenso müssen wir anerkennen, dass Menschen, die ihre Heimat aufgrund menschenunwürdigen Umständen verlassen, und keinen Staat in ihrer kulturellen Region haben, in dem ein menschenwürdiges Leben möglich wäre und die beriet sind, diese Menschen aufzunehmen, als Ziel ihrer Flucht solche „kulturfremden“ Länder auswählen, die in ihrer Vorstellung ein gutes Leben „versprechen“. Das sind, v.a. aus sprachlichen Gründen (und vielleicht auch aufgrund der „Auswanderer-Historie dieser Länder) oft die USA, Kanada, Australien. Diese Länder können sich am ehesten diejenigen Flüchtlinge herauspicken, die sie unter ökonomischen Gesichtspunkten als „wertschöpfend“ ansehen. Als nächstes folgen die Zielländer Europäische Union, allen voran die vermeintlich reichen Länder wie Deutschland oder Frankreich, aber auch Skandinavien.
Nebenbei: Deutschland verzichtet übrigens bislang bewusst darauf, sich an dieser Stelle die verbleibenden „Rosinen“ herauspicken (und das Asylsystem zu entlasten), solange es keinen „Spurwechsel“ zulässt.
Wenn sich aber alle Menschen, die auf der Welt unter menschenunwürdigen Bedingungen leben, als Fluchtziel auf einige wenige Länder konzentrieren, würde das in den Zielländern zu einer gesellschaftlichen Überlastung führen. Das gilt umso mehr, als diese Zielländer trotz Arbeitskräftemangel wenig tun, um gezielt und systematisch gesellschaftliche Kapazitäten für deren Integration aufzubauen.
Was ich damit sagen will:
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Eine fairer Verteilung von Migrationswilligen scheitert schon an der Begrenztheit an Ländern, die (1) ein menschenwürdiges Leben überhaupt erst ermöglichen und (2) bereit sind, sich an dieser Verteilung zu beteiligten.
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Die Vorstellung, dass man ohne die (ja: unwürdige, inhumane) Auswahl auskommt kommt, ist m.E. nativ und utopisch. Wir sollten uns statt dessen darauf konzentrieren, diese Auswahl so human wie möglich zu gestalten und systematisch gesellschaftliche Kapazitäten für Integration aufbauen, um mehr auswählen zu können.