Zum Glück gibt es nochmal die letzten 5 Minuten des Beitrags, in denen erörtert wird, wie die Kosten im Rest von Europa sind. Ich habe den Eindruck, dass Tierhaltung ganz einfach ein Luxus ist und auch sein sollte, sowie Kinderhaltung inzwischen ein Luxus ist, der das eigentlich nicht sein sollte. Haustiere leisten einen deutlich geringeren Beitrag zum Fortbestehen einer Gesellschaft als Menschen, denn in Zeiten von großen Herausforderungen braucht es stetig jungen Nachwuchs, der im Stande ist transformatiefe Kräfte freitzusetzen, etwas zu verändern und neues zu schaffen.
Mir tut es als großer Katzen-Fan natürlich Leid, dass die Kosten so hoch sind, aber ich habe mich aus moralisch anderen Gründen schon ewig dafür entschieden, dass ich kein Haustier halten will, weil mein mein derzeitiger Wohnort dem Tier nicht genug Tierwohl bietet, wie ich es mir für das Tier artgerecht wünschen würde. Und wenn deutlich mehr Tierbesitzer in Deutschland mal von vorne herein die Frage stellen würden, ob Ihr Besitzwunsch tatsächlich gut für das Tier ist oder nur ihr eigener Egoismus, wäre die Antwort wahrscheinlich nicht selten, dass sie von Tierbesitz absehen sollten.
Ich verstehe die Aufregung nicht: Wenn dein Kind krank ist, wirst du alles in der Welt dafür tun, um es gesund zu bekommen. Das ist unter Umständen unfassbar teuer. Es ist teuer sich ein Lebewesen zu halten oder eines großzuziehen, wenn man nicht im Mittelalter lebt und es einem nicht egal ist, wie gut es diesem Lebewesen geht. Empathie kostet Geld. Gesundheit kostet Geld.* Und dass es normal ist, dass sich jeder ein Haustier leisten kann und einen das am besten nur 200 EUR im Jahr kostet, ist wahrscheinlich eine Deutsche Sonderrolle bzw. Sondervorstellung, die Jahrelang durch Ausbeutung gewisser Gruppen funktioniert hat. Dass die Kosten jetzt explodieren, ist wahrscheinlich einfach nur normal und richtig. Es setzt nämlich jetzt die Relation zu Kindern etwas korrekter: „Ich leiste mir kein Kind, weil ein Hund ist viel billiger, um mir emotionale Nähe zu verschaffen und er folgt mir aufs Wort und hat keinen eigenen Kopf“. Es gibt genug Tierbesitzer mit dieser Mentalität. Und denen wird jetzt vor Augen geführt, dass ein Tier eben nur dann brutal günstig ist, wenn man irgendjemand dafür ausbeutet (die Allgemeinheit, die Kommunen oder eben die TierärztInnen).
Bei den Deutschen hört der Spaß bei den Kosten für das Haustier auf, weil man das Tier emotional liebt. Aber dass Tiere, die der Ernährung dienen, brutal ausgebeutet und masakriert werden, ist natürlich in Ordnung, wenn das Fleisch im Supermarkt dafür extrem günstig ist. Ganz allgemein empfinde ich unfassbar viel Doppelmoral in Deutschland. Und das schließt das Thema Tierhaltung ganz deutlich mit ein. Und ich empfinde ein historisch geschaffenes Selbstverständnis, dass Tierhaltung irgendwie etwas Günstiges sein müsse. Warum? Wie kommt man darauf?
Meiner Meinung nach sollten zwei Dinge passieren:
- Man muss verhindern, dass Zustände wie in Großbritannien einziehen (das betrift nicht nur Tiergesundheit, sondern auch andere Themen): Und damit meine ich nicht, dass man marktwirtschaftlich dämliche Preisdeckel einführen soll. Ich meine damit, dass man Gesetzesgrundlagen schaffen soll, die brutal gegen Kartelle bzw. Mono- und Oligopole vorgehen und hier extrem hohe Strafen drohen oder es gar nicht möglich ist, so was zu bilden. Es braucht eine Gesetzeslage, die „Gesundheit als Oligopol oder Monopol mit Preissetzungsmacht“ für den Reichtum einiger weniger verhindert.
- Ansonsten sollte der Markt das vernünftiger regeln, ggf. mit wenigen Ausnahmen, wo man gezielt Gesetze auf Basis von Fakten und Wissenschaft gestaltet: Wenn ich beispielsweise weiß, dass es für die Gesellschaft und die Gesundheit der Besitzer besser ist, wenn ich einem 70 Jährigen Single Mann ein Haustier in Teilen subventioniere, dann ist das vielleicht sinnvoll. Wenn ich einen Therapiehund oder Blindenhund subventioniere ist das vielleicht sinnvoll. Aber ein 35 Jähriger, der keinen Bock auf Beziehung oder Kinder hat und sich einen Hund besorgt, um die Lücke zu stopfen, darf ruhig mit der Konsequenz leben, dass das Halten von Lebewesen einfach teuer sein kann. Erst recht, wenn er dabei eine bestimmte „Rasse“ wählt, die durch Qualzucht einen mies diversifizierten Genpool hat.
*Ein Aspekt hätte mich generell massiv interessiert: Was ist mit dem Thema Qualzucht bzw. Zucht im Allgemeinen und wie viel Kosten entstehen in der Tiergesundheit dadurch, dass sich EIgentümer „einen speziellen Genpool ihres Haustieres gönnen“, der vom Inzestfaktor alles andere als genetisch für die Gesundheit des Tieres Vorteilhaft ist? Ich finde nämlich absolut nicht, dass sich jemand über die Krankheit seines Tieres oder die Kosten beschweren darf, der gewissermaßen aus Egoismus und „Rassendenken“ selbst mit daran schuld ist.