Mein erster Gedanke war so eine Art NSU 2.0. Mit Blick auf Belfast kann ich mir auch umherziehende rechte Mobs gut vorstellen, bishin zu Bürgerkriegszuständen. Mit Blick auf Sachsen-Anhalt würden 40% der Menschen nach dem Verlust ihrer demokratischen Teilhabe wohl nicht einfach nur frustriert nach Hause gehen, oder?! Ein Verbot bedient doch perfekt das ganze Opfer und Anti-Establishment Narrativ. Ich denke auch an Trumps „geklaute“ Wahl… Eine tolle Mobilisierungsgrundlage.
Vielen Dank für den Beitrag, den ich gerne gelesen habe, spannend und interessant fand. Ich bin überzeugt, dass er einen Punkt hat mit seinem psychologischen Blickwinkel. Den Erfolg von Parteien rein als „psychologische Störung“ oder „Charakterschwäche“ der Wähler zu erklären, fällt mir persönlich schwer. Es vernachlässigt tatsächliche (wenn auch streitbare!) Argumenten, Ängsten oder Interessen, die es mir schwer fällt, als „krank“ wegzuwischen.
Zwei Aspekte sind mir aufgefallen:
- Püttmann zeigt an einigen Stellen auf, das der Narzissmus nicht angeboren ist, sondern zB. Produkt von digitaler Aufmerksamkeitsökonomie oder Relevanzverlust sinnstiftender, gemeinschaft und demokratiefördernder Institutionen ist.
- Püttmann nutzt im Text Formulierungen wie „auch“ und „im Wesentlichen“, was doch zeigt das, dass er eben keine vollständige Erklärung liefern möchte. Der Rechtspopulismus ist nicht ausschließlich ein psychologisches Problem. Eher würde der Psychologische Aspekt bisher übersehen oder unterschätzt, spielt aber eine wesentliche Rolle.
Vielleicht kann man sich hier darauf einigen, dass es versch. Aspekte und Parameter sind, die hier zusammenwirken/wechselwirken.
Wäre ja mal was ganz Neues, vor allem in Ostdeutschland
Ganz ehrlich: das wäre okay für mich. Ich lebe lieber in einem Land mit Rechtsextremen in Untergrund Terrorzellen und Mobs, die sich dann gerne alle von der Polizei erschießen lassen dürfen, im Zuge der Festnahme (wenn sie drauf bestehen), als in einem Land mit Rechtsextremer Regierung, die der Polizei Anweisungen geben darf.
Auf den Gedanken kam man wohl kommen… NSU 2.0 – Wikipedia
Ich habe angesichts diverser Verfassungsschutzberichte und laufender Ermittlungsverfahren wenig Zweifel, dass es diverse rechtsextreme Gruppen in Deutschland gibt, die mehr oder weniger konkret Gewalttaten planen.
Ein jüngeres Beispiel (nur ganz flott gegoogelt) hier: Razzia gegen mutmaßliche rechte Terrorgruppe - fünf junge Männer festgenommen | tagesschau.de
Sorry, das ist alles zu euphemistisch, ich muss mich korrigieren:
Ich habe keine Zweifel, dass kontinuierlich rechtsextreme und rechtsterroristische Gewalttaten in steigender Zahl in Deutschland begangen und geplant werden.
Seit dem Erstarken der AfD haben Ausmaß und Intensität der Bedrohung zugenommen. Dass es nicht häufiger zu Terroranschlägen kommt, ist mMn dem Unstand zu verdanken, dass die Terrorismusabwehr allgemein enorm verbessert wurde und dass die Sicherheitsbehörden, auch wegen unermüdlichen Drucks aus der Gesellschaft, auf dem rechten Auge nicht mehr ganz so blind scheinen wie es zu Zeiten des NSU war. Letzteren Fortschritt bedroht die AfD massiv, v.a. sollte sie auch nur in einem Bundesland in Regierungsverantwortung kommen.
Aber die anderen Parameter treffen auf sehr viele Menschen zu, die es alle schaffen, trotzdem nicht rechtsextrem zu wählen. Von daher…
Also, wir haben schon mal folgende Terrorgruppen mit AfD-Verstrickung (Quelle s.o.):
Nordkreuz, Revolution Chemnitz, Patriotische Union, Sächsischen Separatisten, die Gruppe Freital, die Gruppe S., die Preppergruppe Zuflucht und der so genannte Neukölln Komplex
Dann noch:
Der Mitarbeiter des Bundestagsabgeordneten Markus Frohnmaier (AfD), Manuel Ochsenreiter, hatte mutmaßlich einen Terroranschlag in der Ukraine in Auftrag gegeben.
Der verurteilte Rechtsterrorist Franco A. hatte engste Kontakte zum Mitarbeiter des AfD-Bundestagsabgeordneten Jan Nolte, Maximilian T.
Besonders brisant: Der AfD-Abgeordnete Nolte war zu dem Zeitpunkt (und ist es auch bis heute) Mitglied des Verteidigungsausschusses des Bundestags. Genau dieser Ausschuss hat sich wiederum mit dem Fall Franco A. befasst. Somit hatte Maximilian T.[wahrscheinlich Zugriff auf Informationen des Ausschusses, der sich mit dem Fall des Rechtsterroristen Franco A., zu welchem T. selbst wiederum Kontakte hatte.
Walter Lübcke wurde am 2. Juni 2019 auf der Terrasse seines Wohnhauses in Istha, Hessen, mit einem Kopfschuss von dem Rechtsextremisten Stephan Ernst getötet.
Ein Mordkomplize nahm 2015 ein Video von Walter Lübcke auf, welches kurz darauf von der AfD auf ihren Accounts verbreitet wurde. […]
Der Mörder Stephan Ernst hat die AfD im Wahlkampf unterstützt.
Wie gesagt, da kommt jetzt schon einiges zusammen.
Die Psychologie ist ja nicht nur eine Psychopathologie, sondern erklärt psychische Phänomene im Allgemeinen.
Das ist mit Sicherheit so. Doch daraus folgt keineswegs, dass man solcherart Fanatisierung durch gutes Zureden korrigieren kann:
Tja, das ist für mich so ziemlich die Spiegelung der konservativen „law-and-order“ Position. Aber genauso wie ich nicht daran glaube, dass Straftaten im Wesentlichen durch harte Strafen verhindert werden, glaube ich auch nicht daran, dass Probleme durch Rechtsextremismus vor allem durch „klare Kante“ und Abgrenzung beseitigt werden.
Und das sieht nach meinem Kenntnisstand auch die Forschung so. In Magdeburg ist mit dem idK seit 2022 ein ganzes Institut damit beschäftigt den sozialen Wandel in Sachsen Anhalt zu begleiten und zu analysieren. Wenn man in ihren Bericht zur Situationsanalyse aus dem März diesen Jahres schaut [1], dann liest man Handlungsempfehlungen wie:
- mehr Mittel für Jugendarbeit, insbesondere (aber nicht nur) politische Bildung
- mehr Investition in Infrastruktur im ländlichen Raum (z.B. Mobilität, Gesundheit)
- besser moderierte Dialogräume auf kommunaler und Landesebene
- Parteien sollten gezielt Gruppen ansprechen, die sie auf den bisherigen Kanälen kaum erreichen konnten
Wenn man den Text liest, dann zieht sich durch alle diese Maßnahmen ein roter Pfaden namens „verloren gegangenes Vertrauen in politische Institutionen wieder herstellen“. Und auch wenn sicher niemand abstreitet, dass z.B. mehr Investition in Infrastruktur im ländlichen Raum sinnvoll ist, muss man sich vor dem Hintergrund dieser Probleme vielleicht auch Mal fragen, wie wir solche Investitionen in Zukunft priorisieren gegenüber manch anderen Ausgaben die wir so haben.
[1]
Interessant ist zunächst, wie da vorgegangen wurde:
Methodisch verbindet die vorliegende Situationsanalyse eine quantitative Sekundärdatenanalyse mit einer qualitativen Workshopreihe.
Es handelt sich im zweiten Teil um „partizipative Workshops mit lokalen Akteur:innen aus der PfD [Partnerschaften für Demokratie], Zivilgesellschaft, Verwaltung, Bildung, Jugendhilfe, Politik und den Sicherheitsbehörden“.
Dass denen Maßnahmen einfallen, die sie selbst stärken oder ihnen das Leben erleichtern, ist nicht wirklich verwunderlich.
Eingangs findet sich eine interessante Situationsbeschreibung:
Demokratie- und vielfaltsfördernde Veranstaltungen werden zum Teil gestört, Mandatsträger:innen und Vereine geraten vereinzelt bzw. in Teilen unter Druck, die Legitimität von PfD-Strukturen und staatlichen Institutionen wird in einigen Regionen in Frage gestellt und prodemokratische Akteur:innen ziehen sich aus Angst vor Anfeindungen teilweise zurück. Darüber hinaus prägt eine zunehmend nach rechts verschobene Diskussionskultur den Alltag. Ein rauer Umgangston, entgrenzte Sprache und fehlende dialogische Auseinandersetzung verstärken Polarisierungen. Auf digitalen Plattformen breiten sich Hassrede, Falschinformationen und Verschwörungserzählungen aus; häufig ohne sichtbare Konsequenzen für die Verursachenden.
Insgesamt macht die Ist-Analyse deutlich, dass die PfD in Sachsen-Anhalt mit einer Vielzahl demokratiefeindlicher, vielfaltsablehnender und extremistischer Problemlagen konfrontiert sind, die sich über unterschiedliche Ebenen, von strukturellen Rahmenbedingungen bis hin zum alltäglichen Miteinander, erstrecken. Viele dieser Problemlagen überschreiten kommunale Grenzen und weisen regionale, landesweite oder bundesweite Bezüge auf, etwa im Hinblick auf rechtsextreme Netzwerke, verschwörungsideologische Milieus oder Diskursverschiebungen.
Liefe es irgendwo richtig gut, weil dieses oder jenes an bestimmten Orten oder in bestimmten Landkreisen schon umgesetzt worden wäre, müsste man das Grenzüberschreitende m.E. nicht so betonen.
Zugleich zeigt sich, dass lokale Besonderheiten wie historisch gewachsene Erfahrungen von Abwertung und „Abgehängtsein“ sowie defizitäre Beteiligungsstrukturen vor Ort diese Entwicklungen verstärken können.
Also kommen diese nur noch obendrauf und machen es noch (etwas) krasser. Abgesehen davon, dass sich historisch gewachsene Erfahrungen ja nicht einfach zurückdrehen können, zählen sie offensichtlich nicht zu den Hauptursachen.
Daraus lässt sich schließen, dass es langfristige Strategien zur Stärkung demokratischer Kultur, eine konsequente Auseinandersetzung mit Rechtsextremismus, Hate Speech und Verschwörungsideologien sowie eine gut finanzierte, professionell arbeitende und vernetzte Zivilgesellschaft braucht, um demokratische Resilienz zu sichern.
Die gehen also selbst davon aus, dass kurz- bis mittelfristig nichts zu holen sein wird.
Wichtig ist aber v.a.:
Darüber hinaus ermöglichen die quantitativen Daten ausschließlich Aussagen über statistische Zusammenhänge, nicht jedoch über Ursache-Wirkungs-Beziehungen. Die Analyse kann daher keine belastbaren Schlussfolgerungen darüber ziehen, welche Faktoren bestimmte Entwicklungen oder Problemlagen bedingen oder verstärken. Die Ergebnisse sind folglich deskriptiv zu verstehen und dienen primär der Einordnung struktureller Rahmenbedingungen.
Auch die qualitativen Daten weisen spezifische Limitationen auf. Die im Rahmen der Workshops erhobenen Inhalte basieren auf berichteten Erlebnissen, Wahrnehmungen und Einschätzungen der teilnehmenden Akteur:innen.
Zudem handelt es sich bei den Befragten um eine selektive Gruppe von Akteur:innen, die in der Regel bereits institutionell, zivilgesellschaftlich oder beruflich in den jeweiligen Sozialräumen eingebunden sind. […] Die Ergebnisse spiegeln daher vor allem die Perspektiven der beteiligten Akteur:innen wider und nicht zwangsläufig die Gesamtheit aller relevanten Sichtweisen im Sozialraum.
Auch auf die „subjektiven Perspektiven“ wird ausdrücklich hingewiesen.
Damit ich nicht falsch verstanden werde: Man soll all das tun, was da an Handlungsempfehlungen vorgeschlagen wird, weil die Vorschläge an und für sich sinnvoll sind - und zwar völlig unabhängig davon, ob sie gegen Rechtsradikalismus wirksam sind.
Man soll aber nicht glauben, dass die Empfehlungen irgendwas gegen Rechtsradikalismus bewirken können. Dazu macht der Bericht nämlich gar keine in irgendeiner Weise belastbare Aussage.
Vielmehr wird darin explizit darauf hingewiesen, dass die gewählte Methodik nicht dazu geeignet ist, solcherart Ableitungen zu treffen.
Darauf wollte ich ja eigentlich antworten, also:
Es kommt darauf an, was du unter „Probleme[n] durch Rechtsextremismus“ verstehst.
Rechtsradikale von politischer Macht fernzuhalten ist ein lohnenswertes Ziel an sich. Und natürlich gibt es von der Brandmauer bis zum Parteiverbot allerlei Maßnahmen, die das weitgehend sicherstellen.
Insofern wirken sie präventiv im Hinblick auf die Probleme, die man sich einhandelte, wenn die Rechtsradikalen an die Macht kämen.
Was man durch die Anwendung solcher Maßnahmen nicht ‚löst‘ im Sinne von auflöst, sind die rechtsradikalen Einstellungen in der wahlberechtigten Bevölkerung.
Doch das hat m.W. auch noch niemand, der diese Maßnahmen befürwortet, behauptet.
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Die ersten knicken schon ein:
Nachdem in der sächsischen Stadt Glauchau neonazistische Sticker aufgetaucht sind, beendet die Diakonie die Zusammenarbeit mit dem Verein Kulturknall. Unter dem Namen Café Taktlos organisierte der jährlich etwa ein Dutzend Konzerte in einem Haus der Diakonie, dem sogenannten H2. Wegen der aktuellen Sicherheitslage sei das nicht weiter möglich, begründet der Wohlfahrtsverband der evangelischen Kirche seine Entscheidung.
Die Sticker zeigen die bunte Fassade des H2 in einem Fadenkreuz. Daneben: das Wappen der sächsischen Stadt Glauchau – allerdings versehen mit einem Hakenkreuz und dem ebenso verbotenen SS-Totenkopf. Außerdem gibt es Bezüge zum NSU.
„Das H2 ist überregional als alternatives Zentrum der Stadt bekannt“, sagt Michael Berger vom Café Taktlos. Seit April 1998 habe es im Erdgeschoss Veranstaltungen gegeben. Das H2 gehörte schon da der Diakonie.
Beschämend.
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In Niedersachsen hat sich die Lage wohl ebenfalls verschärft:
Den Zuwachs bei Rechtsextremist*innen führt der Inlandsgeheimdienst hauptsächlich auf das Wachsen der AfD zurück, die ihre Mitgliederzahl in dem Bundesland von 4.000 auf 8.000 verdoppeln konnte.
„Die Sozialisierung potenzieller Gewalttäter in traditionellen rechtsextremistischen Organisationen steht nicht mehr im Vordergrund“, berichtet der VS, Neonazi-Parteien wie „Die Heimat“ dümpelten in der Bedeutungslosigkeit. Junge, gewaltbereite Rechtsextreme gingen eher anlassbezogen auf die Straße und verhielten sich damit unberechenbarer.
Muss ich dir erstmal vollkommen recht geben und sehe es für mich persönlich genauso: Kein Frust rechtfertigt für mich die Wahl von Rechtsextremen. Für uns ein absoluter No Brainer.
Aber jetzt kommt der Punkt, wo wir hier im Forum zwei Strömungen haben. Mir ist es wichtig, die anderen Wähler nicht einfach pauschal abzuurteilen. Jede Stimme für eine zugelassenen Partei ist ein legitimer Akt (Und für ein Verbot fehlt einfach noch Substanz). Jeder hat seine Gründe. Wenn wir die Menschen nur noch verdammen, statt zu fragen, warum sie das Vertrauen verloren haben und worauf es Ihnen ankommt (ohne je dagewesen zu sein, fallen mir fürs ländliche SA, viele potentielle Gründe ein), treiben wir sie nur noch tiefer in den Kaninchenbau.
Viele wählen sie nicht wegen, sondern trotz der rechtsextremen Strömungen, aus Protest oder dem Gefühl heraus, von den etablierten Parteien überhaupt nicht mehr gehört zu werden. Wenn wir den Dialog komplett verweigern, gewinnen wir niemanden zurück. Wir können einen großen Teil des Gesellschaft nicht einfach links (bzw rechts) liegen lassen. Und wenn hier manche schreiben, dass Mobs oder Terrorzellen, die sich mit Polizei Schießereien liefern, schon okay sind, dann hinterlässt dies bei mir eine großes Störgefühl. Denn für unser aller Freiheit bedeutet dies nichts Gutes.
Klar haben die einen Bias. Aber vllt will man den!? Geb der Studie doch eine Chance.
A) Sag doch mal etwas zum ersten Teil. Die arbeiten mit dem besten Daten die Deutschland zu bieten hat. Aus der Studie: Zur Beantwortung der ersten Fragestellung werden basierend auf einer Sekundärdatenanalyse statistische Analyseverfahren verwendet. Die quantitative Datenanalyse erfolgt anhand verschiedener Datenquellen, wie dem Soziooekonomischen Panel (SOEP), der Statistik zu politisch motivierter Kriminalität (PMK), den regionalstatistischen Informationen aus der IN-KAR-Datenbank und der Statistik der Träger der Kinder- und Jugendhilfe.
Dieser Teil ist erstmal super informativ (obgleich ich ihn noch nicht gänzlich lesen konnte).
Das ist doch bodenständiger als jede random Telefonabfrage mit überintelektuellen Fragestellungen (Hallo Mitte Studie)!?
B) Was hast du gegen diese breite Front an Akteuren, wenn es darum geht Lösungen zu erarbeiten (was andere Studien gar nicht erst tun). Wer versteht die Welt und die Bürger in SA besser als Mitglieder der Zivilgesellschaft, die sich die Hände schmutzig machen. Natürlich werden Sie Lösungen aus Ihren Bereichen finden. Aber sie sind ja eben auch ein wichtiger Teil der Lösung. Wir brauchen an dieser Stelle sicher kein Berliner NGO oder sonstige Theoretiker.
Das bestreite ich doch gar nicht, solange man nicht behauptet, bei der Datenzusammenstellung handle es sich um mehr als hierum:
Die Ergebnisse sind folglich deskriptiv zu verstehen und dienen primär der Einordnung struktureller Rahmenbedingungen.
Es geht eben nicht um „Ursache-Wirkungs-Beziehungen“, das macht die Studie selbst ganz deutlich.
Sie sagt gerade nicht: ‚Weil diese und jene Faktoren in bestimmten Orten so und so sind, deswegen gibt es dort mehr Rechtsradikale.‘
Die Analyse kann […] keine belastbaren Schlussfolgerungen darüber ziehen, welche Faktoren bestimmte Entwicklungen oder Problemlagen bedingen oder verstärken.
Gegen diese Akteur:innen der Zivilgesellschaft habe ich überhaupt nichts - im Gegenteil. Ich schrieb ja:
Die Studie behauptet auch gar nicht erst, „Lösungen zu erarbeiten“ in dem Sinne, dass dort behauptet würde, die Handlungsempfehlungen würden den Rechtsradikalismus in der Gesamtbevölkerung reduzieren.
Bestenfalls kann als Ziel angenommen werden, „demokratische Resilienz zu sichern“, wie es in der Zusammenfassung heißt.
Das ist aber etwas anderes, ein sehr viel bescheideneres Ziel sozusagen, als den verbreiteten Rechtsradikalismus zu reduzieren.
Nehmen wir als Beispielindikator mal das Sorgenempfinden:
Das Sorgenempfinden wird auf einer Skala von 1 (=keine Sorgen) bis 5 (=starke Sorgen) gemessen und stellt ein Indikator für die Sorgen und Ängste der Bevölkerung dar. Dieser liegt im Landesschnitt (2,2) über dem Bundeswert (2,1). Am stärksten ausgeprägt sind Sorgen in der Altmark (2,3) und Magdeburg (2,3), während Halle/Saale (2,2) und Anhalt-Bitterfeld-Wittenberg (2,2) den niedrigsten Wert verzeichnen.
Das ist niveaugleich mit dem Bundesdurchschnitt.
Die Krankenhausbettendichte ist sogar höher als im Bundesdurchschnitt. Erklärt wird das nachvollziehbar mit dem höheren Altersschnitt der Bevölkerung, aber auch hier gibt’s keinen substanziellen Unterschied.
Die Verfügbarkeit von Kulturangeboten ist jetzt auch nicht deutlich schlechter (0,5 vs. 0,6).
Die Nahversorgung mit ÖV-Haltestellen liegt im Land auch nicht wesentlich unter dem Bundesdurchschnitt (88,7 vs. 92,6).
Lediglich der Erreichbarkeitsindex für Jugendeinrichtungen fällt deutlich ab. Dieser Faktor kann bei einer deutlich überdurchschnittlich alten Bevölkerung aber auch keine große Rolle in Bezug auf die Verbreitung von Rechtsradikalismus spielen. Höchstens retrospektiv, aber der Drops ist ja gelutscht.
Der Ausländer:innenanteil ist deutlich unter dem Bundeswert, die positive Wahrnehmung geflüchteter Personen als Indikator für die Weltoffenheit und für die Akzeptanz von Menschen mit ausländischer Herkunft ist deutlich unterdurchschnittlich. Das kann man wiederum ein Stück weit mit weniger Alltagserfahrungen erklären.
Natürlich gibt es in eher ländlich geprägten Regionen weniger Akademiker:innen und die Einkommen sind, hier spielt die DDR-Vorgeschichte noch mit rein, tendenziell niedriger.
Unterschiede sind m.M.n. v.a. in den politikrelevanten Faktoren Verschwörungsglauben und Institutionenvertrauen zu finden.
Clusteranalysen zeigen natürlich, dass es zwischen den Raumordnungsregionen gewisse Unterschiede gibt. Aber die Spannbreite ist auch nicht sonderlich groß.
Dazu noch folgender Nachtrag:
Mehrere Dutzend Seiten voll mit antimuslimischen Schmähungen, neonazistischen Parolen und Mordfantasien. In Thüringen wurden im Mai mindestens 19 Briefe mit solchem Inhalt verschickt, wie die Polizei bestätigte. Teils enthalten sie demnach die Bezeichnung „NSU 2.0“. Der taz liegen Dokumente vor, die das belegen. Sie gingen unter anderem an Bildungseinrichtungen, Polizeistationen und an die Linksfraktion im Thüringer Landtag. Auf dem Briefumschlag steht als Absender der Name Christian Tischner – CDU-Landesminister für Bildung, Wissenschaft und Kultur.
Die Dokumente, die der taz vorliegen, wirken auch nicht, als seien sie von einem Ministerium verfasst worden. Über dutzende Seiten hinweg wird der Islam mit Schmähbegriffen überhäuft. Immer wieder werden da Muslim:innen entmenschlicht. Es gibt mehrere Aufforderungen, sie zu vertreiben und zu ermorden. An anderer Stelle geht es um Ex-Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) oder die Partei Bündnis 90/die Grünen, ebenfalls entmenschlichend und mit Tötungsfantasien.
Zwischen 2018 und 2021 gab es bereits eine Serie von Drohbriefen, die mit „NSU 2.0“ unterschrieben waren. Zunächst war die NSU-Opfer-Anwältin Seda Başay-Yıldız im Visier, danach Dutzende weitere Betroffene. Insgesamt sind mehr als 150 Briefe bekannt. 2022 wurde Alexander M. als Autor von mehr als 80 Briefen zu fast sechs Jahren Haft verurteilt. Unklar blieb, wie er an Adressen seiner Opfer kam. Auch nach dem Urteil gab es weitere Briefe mit dem Kürzel „NSU 2.0“, die Moscheen in Deutschland bedrohten.
Im aktuellen Fall gingen laut Landespolizeidirektion die 19 bekannten Briefe hauptsächlich an Bildungseinrichtungen, aber auch an Sportvereine, Polizeidienststellen, kommunale Verwaltungen, politische Einrichtungen sowie Privatpersonen. 18 Briefe seien im Raum Eisenach festgestellt worden, einer im Raum Erfurt.
Die Fraktion der Linken habe die Ermittlungsbehörden eingeschaltet, so Schaft. CDU und SPD im Thüringer Landtag meldeten auf taz-Anfrage am Freitag zurück, ihnen seien keine solchen Briefe bekannt. BSW und AfD ließen eine kurzfristige Anfrage der taz unbeantwortet.
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Noch zwei lesenswerte Beiträge zu Sachsen-Anhalt:
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Alte Sozialdemokraten, puh!
Was ist bloß mit diesen Leuten los?
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