Hallo liebes Lage-Team,
ich habe schon länger gewartet ob ihr über „Timmy“ reden werdet und eure Ausführungen zur Wal-Situation in der Ostsee fand ich sehr interessant. Aber ich bin mir nicht sicher ob ich euch da zustimmen kann. Ich habe die Entwicklung in den letzten Wochen ebenfalls verfolgt, meine Einschätzung:
Der größte Fiebertraum der letzten Jahre.
Mich überrascht wirklich, wie stark sich die Debatte um den gestrandeten Buckelwal emotional aufgeladen hat. Die Gedanken und die Motivation der „Wal-Supporter“ kann ich grundsätzlich nachvollziehen. Auch ich finde es traurig, dass sich ein so majestätisches Tier verirrt hat und nun in dieser Lage ist. Ich hoffe ebenfalls, dass es gerettet werden kann. Auch wenn ich selbst nicht daran glaube, dass das noch gelingt.
Ich habe jedoch den Eindruck, dass im Fall „Timmy“ echte Trauer und Verzweiflung, Sensationslust, Esoterik/Verschwörungsdenken, Ablehnung von Autoritäten und eine gewisse Ignoranz aufeinanderprallen. Ihr habt das im Podcast schon sehr gut gesagt: „Wo sind diese Menschen mental auf Grund gelaufen?“. Es ist schockierend, mit welcher Energie und teilweise auch mit Wut, sich Menschen dazu hinreißen lassen, zu demonstrieren, Politiker anzugreifen oder sogar Morddrohungen zu verschicken. Das wirkt absurd: Wenn Deutschland spielt, gibt es plötzlich 80 Millionen Fußballtrainer. Und im Internet sowie entlang der Wismarbucht wimmelt es nun nur so vor WalexpertInnen und NaturschützerInnen.
Aber die Fakten sind nun einmal folgende: Wale verirren sich, Wale stranden, Wale verhungern, Wale sterben. Das ist zunächst ein natürlicher Prozess, auch in einer weitgehend unberührten Natur. Gleichzeitig steht außer Frage, dass der Mensch diesen Tieren das Leben erschwert: durch Meeresverschmutzung, Ölbohrungen, den Bau von Offshore-Windparks (Zu viel Lärm im Meer - Offshore-Windparks - NABU), zunehmenden Schiffsverkehr (Does Shipping Threaten Whale Conservation? — Mammal Society) und Überfischung. Weltweit verenden jährlich etwa 300.000 Wale und Delfine allein durch Geisternetze und andere Fischereiausrüstung (Buckelwal in der Ostsee: Meeresbiologin beantwortet Fragen | WDC Deutschland). Wenn einem der Schutz der Meeressäuger wirklich am Herzen liegt, gibt es also zahlreiche Möglichkeiten, aktiv zu werden. Sea Shepherd (https://sea-shepherd.de/) und andere Verbände würden sich freuen, wenn auch nur ein kleiner Teil dieser neuen „Wal-Retter“ sich langfristig engagiert.
Warum also dieser enorme Aufschrei bei einem tragischen, aber keineswegs einzigartigen Ereignis?
Werden diese Menschen sich auch nach der Rettung oder dem Tod von „Timmy“ für den Schutz von Meeressäugern und ihren Ökosystemen einsetzen?
Und werden sie auch in anderen Kontexten darauf achten, Tierleid zu vermeiden?
Diese Fragen stelle ich mir seit Wochen. Und meine Antwort zu den meisten dieser Fragen ist am Schluss leider: „Nein, ich denke nicht“.
Dabei wäre es so einfach, echte Selbstwirksamkeit zu erfahren. Demonstriert für Natur- und Klimaschutz. Tretet Naturschutzverbänden bei (NABU, BUND, Greenpeace, Sea Shepherd). Werdet Vegetarier oder legt einen Naturgarten an.
Am Ende bleibt für mich vor allem der Eindruck, dass die Leute hier kurzfristige Empörung mit echtem Engagement verwechseln. Laut, emotional bis hass-erfüllt aber selten nachhaltig.