Ich denke irgendwie an die 3,5-Prozent-Regel, deren Theorie besagt, dass eine (autoritäre) Regierung wahrscheinlich stürzt, wenn 3,5 % der Bevölkerung eines Landes gegen sie protestieren oder sich am Widerstand beteiligten.
Das lässt sich jetzt nicht einfach so auf demokratische Staaten übertragen. Es zeigt aber, dass man nicht für jede einschneidende Änderung zwangsweise eine Mehrheit im Land braucht, die sich aktiv für diese Änderung einsetzt. Es reicht, wenn eine Mehrheit diesen Wandel zumindest still duldet. Wir wissen, dass eine Mehrheit der Deutschen grundsätzlich für mehr Klimaschutz ist..
Ich denke, dass die Klimapolitik durchaus das Potential dazu hat, eine revolutionsartige Bewegung auszulösen.
Spaßeshalber hier ein kleines Gedankenexperiment, wie so was konkret aussehen könnte (ich pack es in einen Ausklappblock, weil es mit dem Thread nicht soo viel zu tun hat).
Zusammenfassung
- Mai 2025: Der Expertenrat für Klimafragen erklärt, dass die Maßnahmen der Regierung nicht ausreichen, um die Klimaziele für 2030 und 2040 zu erreichen. Die Regierung kündigt ein „Prüfverfahren" an, statt ein Sofortprogramm vorzulegen.
- Juni 2026: Wirtschaftsministerin Reiche kippt EU-ETS-2-Zeitplan. Deutschland stimmt im EU-Rat für eine Verschiebung des erweiterten Emissionshandels auf 2029. Greenpeace, BUND, Deutsche Umwelthilfe und Scientists for Future rufen gemeinsam zum „Sommer der Verantwortung" auf.
- August 2026: Hitzesommer mit Rekordtemperaturen. Deutschland erlebt den heißesten August seit Beginn der Aufzeichnungen. Waldbrände in Brandenburg und Sachsen, Ernteausfälle in Niedersachsen. Die Klimakrise wird in den Medien zur dominierenden Erzählung. Luisa Neubauer und ein breites Bündnis aus NGOs gründen die Plattform „Klimawende Jetzt" als Dachorganisation.
- Oktober 2026: BVerwG-Urteil: Auf Klage der Deutschen Umwelthilfe stellt das Bundesverwaltungsgericht fest, dass das neue Klimaschutzprogramm 2026 gegen das Gesetz verstößt. Die Regierung erhält eine Frist von 6 Monaten zur Nachbesserung.
- Januar 2027: ver.di-Chef Frank Werneke erklärt: „Klimaschutz ist Arbeitnehmerschutz." Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) folgt. Gemeinsam mit IG Metall-Jugend, DGB-Jugend und „Klimawende Jetzt" entsteht die bislang breiteste Koalition aus Gewerkschaften, NGOs, Kirchen (EKD, Caritas-Jugend) und Wissenschaft.
- April 2027: Regierung legt verwässertes Sofortprogramm vor. Das nachgebesserte Klimaprogramm setzt weiter auf CCS-Technologie, Kernfusionsforschung und eine freiwillige „Klimapartnerschaft" mit der Industrie. Verbindliche Sektorziele für Gebäude und Verkehr werden gelockert.
- Mai 2027: Erster Generalstreik seit 1948. ver.di, GEW und Teile der IG Metall rufen zum einwöchigen „Klimastreik" auf: formal als politischer Streik rechtlich umstritten, aber von vielen Arbeitsrechtlern als durch Art. 20a GG gedeckt argumentiert. Schwerpunkte: ÖPNV, Bildung, öffentlicher Dienst, Teile der Pflege. Vor allem unter 45-Jährige beteiligen sich massiv. Der Streik wird über mehrere Wochen fortgeführt und weitet sich auf weitere Branchen aus.
- Ende Mai 2027: Der DAX bricht um 6% ein, das ifo-Institut schätz die Wertschöpfungsverluste auf 8-12 Mrd. Euro. Die Arbeitgeber sind gespalten. Die Bild-Zeitung titel „Klima-Chaoten ruinieren Deuschland“.
- Juni 2027: Koalitionskrise. SPD-Vorsitzende stellen ein 10-Punkte-Klimaultimatum: verbindliche Sektorziele, Rücknahme der ETS-2-Verschiebung, 15 Mrd. Euro Sofortinvestitionsprogramm. Merz steht vor der Wahl zwischen Koalitionsbruch und klimapolitischer Kehrtwende.
- September 2027: Bundestag beschließt novelliertes Klimaschutzgesetz. Mit den Stimmen von CDU/CSU, SPD und Grünen wird das verschärfte Klimaschutzgesetz verabschiedet. Merz nennt es in einer Regierungserklärung „den pragmatischen Weg, Klimaschutz mit Wirtschaftskraft zu verbinden".