Du begründest die Rationalität der der Entscheidung aus Arbeitnehmersicht monetär. Das ist auch nicht falsch. Sie wird sogar durch die Steuerfreiheit von Minijobs begünstigt.
Bei mir ist es z.B. so: ich habe eine 65% Stelle an einer Universität, begründet durch die Drittmittel aus denen ich finanziert werde, aber auch, weil ich nebenbei eine Promotion mache. Dazu habe ich noch einen Minijob mit fast gleichem Stundenlohn (11%). Würde ich beide Stellen beim selben Arbeitgeber haben hätte ich 7% weniger Nettolohn. Das mag jetzt in meinem Fall ein Edge-Case sein, der nicht unbedingt repräsentativ ist, aber er ist eben da.
Mit einer 100% Stelle würde ich die Promotion nicht zeitnah fertig bekommen. Die Fortbildung in meiner Freizeit ist aber sowohl für mich selbst sinnvoll (da ich meinen Wert auf dem Arbeitsmarkt erhöhe) als auch aus staats-strategischer Sicht, da die hohe Bildung in immer wieder betonter Standortvorteil für Deutschland ist.
Punkt 1, wo die Diskussion hinkt: Sie geht davon aus, dass Freizeit = Jux und Tollerei bedeutet. Das stimmt aber nicht. Die meisten Menschen gehen aus meiner Sicht mit ihrer Zeit durchaus verantwortungsvoll und sinnstiftend um. Ehrenamt, Kindererziehung, Fortbildung, die Gründung von Unternehmen, politisches Engagement, Beziehungspflege, Erhaltung der Gesundheit usw. passiert alles in der „Freizeit“.
Die Rationalität kann man aber auch aus Arbeitgebersicht begründen: Ein Arbeitnehmer ist nicht 20% produktiver, nur weil er/sie 20% mehr Zeit mit der Arbeit verbringt. Arbeit hat einen abnehmenden Grenzertrag: Bei vielen ist der Peak der Produktivität nach einigen Stunden am Tag erreicht. Ab der ~7. Stunde gibt es dann immer weniger Ergebnis, bis sich die Arbeitsleistung irgendwann sogar ins Negative wandelt (mehr Ermüdung => mehr Fehler. These: In vielen Branchen ist das Ausbügeln von Fehlern eine Größenordnung teurer als die Vermeidung). Es kann also auch aus Arbeitgebersicht rational sein, weniger als 40 Stunden pro Woche Arbeit anzuordnen. Manche Jobs können sogar in der Realität kaum mehr in Vollzeit würdig und verantwortungsvoll durchgeführt werden (Lehrerinnen können ein Lied von singen).
Punkt 2, wo die Diskussion hinkt: Wir gehen hier davon aus, dass „Mehr Arbeitszeit“ = „Mehr Ergebnis“ gibt. Jeder Euro in unseren Sozialsystemen muss irgendwann erwirtschaftet werden, und Zeit mit Arbeit zu verbringen bringt keine Wirtschaftsleistung, sondern reale Arbeit bringt Leistung. Und die ist es, die am Ende alle unsere Sozialsysteme ermöglicht.
In Summe komme ich zu dem Schluss, dass hier wieder versucht wird, nach einem kurzfristigen Pflaster für systematische Probleme zu suchen. Es gibt in unserem Land vereinte Kräfte aus Hetzpresse, Superreichen und deren Unterstützern und entfremdeten Politikern (und solchen, die Ihre Wähler für dumm und unmündig halten), die lieber monatlich eine neue Sau durchs mediale Dorf treiben anstatt systematisch nach Lösungen zu suchen. Dabei wird die Verantwortung lustigerweise immer auf andere abgewälzt: Auf die „Totalverweigerer“, auf die „arbeitsunwilligen“ Bürgergeld-Empfangenden, die angebliche verweichlichte Generation Z und diese Woche sind es dann die angeblichen Lifestyle-Teilzeitler. Wenn wir nicht endlich die systematischen Ungleichheiten in unserem System angehen und aufhören, uns von einer wöchentlichen Bullshit"debatte" zur nächsten zu hangeln, kommen wir als Land nicht weiter.
PS: Das Verfassen dieses Beitrags hat mich rund 30 Minuten gekostet. Hätte ich bestimmt auch mit „Arbeit“ verbringen können haha.