LDN 463 Freiwillig Teilzeit + GKV: unsolidarisch / ungerecht?

Das nehme ich nicht so wahr. Gezielte Anwerbung von Fachkräften aus dem Ausland wird eigentlich von allen Parteien begrüßt.

Worüber es Unstimmigkeiten gibt ist der Umgang mit ungezielter Migration (im Sinne berechtigter und unberechtiger Asylmigration). Und leider sind wir hier unheimlich schlecht darin, Potenziale zu erkennen, Möglichkeiten zu bieten und durch Spurwechsel zu befördern.

Darum ging es aber in dem Post, auf den ich reagiert habe überhaupt nicht, sondern darum dass mehr Gehalt nicht allein die Probleme lösen wird. Daher geht dein Widerspruch ein wenig an meiner Aussage vorbei.

4 „Gefällt mir“

Sagen vielleicht alle Parteien. Nur manche machen dann auch die Politik dazu.

Das wäre der Weg, wie der Arbeitskräftemangel (der längst nicht nur in hochqualifizierte Tätigkeiten herrscht) sich schnell über den Preis beheben ließe, wenn man den Firmen die Möglichkeit lassen würde, ihren Bedarf auf dem Weg zu decken. Deswegen stimmt deine These, dass der Arbeitskräftemangel sich nicht über bessere Bezahlung lösen lassen würde, nur unter der Bedingung, dass weiterhin Altenpfleger lieber abgeschoben als aufgenommen werden.

Wieviel BIP uns in den letzten 10 Jahren durch zu wenig Arbeitskräfte entgangen ist, wird leider selten diskutiert. Weil es darauf nur eine sinnvolle Antwort gibt und die will man nicht hören. Stattdessen werden ständig neue Phantomdebatten um Nichtigkeiten geführt.

4 „Gefällt mir“

Nein. Die AfD will gar keine Ausländer und sagt das auch täglich auf viele Weisen, unabhängig davon, was in irgendeinem Wahlprogramm steht.

Weite Teile der CDSU und kleinere Teile der SPD hätten gerne perfekt ausgebildete Ausländer, die aber schon bei Ankunft zu 100% integriert (oder eher: angepasst) und deutschsprachig sind. Die gibt es in der Realität aber nicht.

Was es gibt sind Tausende motivierter und intelligenter junger Menschen, die aber anders aussehen als wir, andere Sachen essen als wir, kein Deutsch sprechen und ausgebildet werden müssen. In die könnte man investieren. Und dann würden die nach ein paar Jahren auch die GKV mitfinanzieren. Funktioniert mit in Deutschland geborenen Menschen ja auch, wenn man den nötigen Aufwand betreibt.

7 „Gefällt mir“

Fair point, das stimmt. Nur müssten dann Löhne für Pflege und ähnliches weit, weit überdurchschnittlich sein.

Ich erinnere mich an ein Interview mit dem Geschäftsführer einer Headhunting-Bude, die sich unter anderem auf die Vermittlung von Pflegekräften spezialisiert hat. Seine Aussage war, dass für wirklich attraktive Bedingungen die Abgabenlast zu hoch wäre. Junge Arbeitssuchende in einer Branche mit enormem Fachkräftemangel interessieren sich nicht, ob sie umfangreich krankenversichert sind, denn sie werden selten krank. Und auch Arbeitslosigkeit verliert ihren Schrecken, wenn man sofort woanders anfangen kann.

Letztlich müssten wir für Fachkräftewerbung Löhne auszahlen wie in den USA, GB, Schweiz oder ähnlichen üblich - trotz Sozialabgaben - meinte er. Ist das realistisch?

Besser sind aus meiner Sicht Projekte wie

geeignet, wo gezielt junge Menschen in ihren Herkunftsländern für deutsche Einrichtungen in Mangelberufen ausgebildet werden oder solche bei denen junge Menschen für eine Ausbildung in Deutschland geworben werden.

Für beides ist das Entgelt aber eher zweitrangig.

1 „Gefällt mir“

Da möchte ich deinen eigenen Anspruch aufgreifen:

Wie viel % der ausländischen Altenpfleger werden denn abgeschoben, wie hier konstruiert?

Der einzige mir bekannte größere Fall sind die zehn Kolumbianer in Wilstedt, deren Asylanträge abgelehnt wurden, aber letztlich doch eine Duldung ermöglicht wurde. Ich habe von keiner Partei hier die Forderung zur Abschiebung vernommen. Es ist aber absurd, dass es dafür Intervention bis auf Ministerebene benötigt, weil niemand im Prozess anscheinend Entscheidungen treffen möchte oder darf.

Letztlich ist aber die Anwerbung von Mangelberufen aus ärmeren Ländern höchstgradig unsolidarisch, weil man ärmere Länder beraubt.

Die WHO äußert sich wie folgt:

3.6 Member States should strive, to the extent possible, to create a sustainable health workforce and work towards establishing effective health workforce planning, education and training, and retention strategies that will reduce their need to recruit migrant health personnel. Policies and measures to strengthen the health workforce should be appropriate for the specific conditions of each country and should be integrated within national development programmes.

Abwerben von ausländischem medizinischen Fachpersonal ist ausdrücklich keine Lösung für Probleme unserer GKV-Finanzierung.

3 „Gefällt mir“

Sorry, aber wer konstruiert denn das?

Die CDU hält (in Teilen) Lifestyle Teilzeit offensichtlich für so problematisch, das man die Diskussion aufgemacht hat.

3 „Gefällt mir“

Bei Problem gebe ich dem Verfasser vollkommen recht, der Grund ist für mich ein anderer.

Die Finanzierungslücke der gesetzlichen Krankenversicherung ist kein Zufall, sondern eine direkte Folge falscher Arbeitsanreize. Die GKV finanziert sich aus beitragspflichtigen Einkommen, ihre Ausgaben richten sich jedoch nach Köpfen, Alter und Krankheitsrisiken, nicht nach Arbeitszeit. Wer in Teilzeit arbeitet, zahlt deutlich weniger ein, verursacht aber nahezu die gleichen Gesundheitskosten wie eine Vollzeitkraft. In einer solidarischen Kopfversicherung ist Vollzeit deshalb keine private Lebensstilfrage, sondern eine systemische Voraussetzung.

Dass viele Menschen ihre Arbeitszeit reduzieren, ist ökonomisch rational. Auf die letzten Wochenstunden greifen Einkommensteuerprogression, Sozialabgaben und der Wegfall von Transfers gleichzeitig. Der effektive Abzug auf zusätzliche Arbeit liegt oft bei über 60 %, grade bei Alleinerziehenden. Wenn der Nettostundenlohn für Mehrarbeit massiv einbricht, wird Teilzeit zum logischen Ergebnis staatlicher Fehlanreize. Nicht zu einem Mangel an Solidarität.
Für die GKV zählt nicht die Zahl der Beschäftigten, sondern die beitragspflichtige Lohnsumme. Zehn Personen mit je 20 Stunden finanzieren das System schlechter als fünf Personen mit Vollzeit, da beide Gruppen fast gleich viele Leistungen beanspruchen. In einer alternden Gesellschaft verschärft sich dieses Problem weiter. Die Kosten pro Kopf steigen, während die Zahl der Erwerbstätigen sinkt. Jede politisch geförderte Teilzeit vergrößert damit direkt das GKV-Defizit.
Migration löst dieses Problem nur dann, wenn sie Netto Steuer und Beitragszahler bringt. Zuwanderung in gering entlohnte oder teilzeitnahe Beschäftigung stabilisiert die GKV nicht, sondern belastet sie in den ersten Jahren zusätzlich. Deshalb sollten Unternehmen entscheiden, welche Fachkräfte sie benötigen. Die Aufgabe des Staates ist nicht Arbeitskräftepolitik, sondern schnelle, unbürokratische Visa für diejenigen, die tatsächlich produktiv arbeiten und Beiträge zahlen.

3 „Gefällt mir“

Vor allem wer einen niedrigen Stundenlohn hat, zahlt weniger ein.
Also wäre viel effektiver die Löhne zu erhöhen, dann fließt auch mehr in die Krankenkassen.
Nebenbei sind Vermögende (und Männer) weniger krank, weil sie weniger Stress ausgesetzt sind - sie zahlen also mehr ein und kosten weniger.

Zeit lässt sich kaufen – mit Geld. Wer es sich leisten kann, bucht Haushaltshilfen, bestellt Essen oder delegiert Steuererklärungen. Wer wenig verdient, muss alles selbst erledigen. Das kostet Lebenszeit – und Lebensjahre.
[Arbeit frisst Leben: Zeitarmut macht uns krank – und trifft Frauen, Geringverdiener und Ostdeutsche härter]

Damit zeigt sich wieder mal ein weiteres Phänomen: die Politiker und Unternehmer, die die Diskussion vor allem vorantreiben, wissen gar nicht, wovon sie reden, da ihnen die Welt von der sie da reden völlig fremd ist und aus ihrer Warte das Problem auch gar keins ist, da Haushalt und Kinderbetreuung jederzeit an Dienstleister ausgelagert werden kann oder der Haushalt gegen einen Kurzurlaub eingetauscht werden und damit die Doppelbelastung gar nicht derart durchschlägt.

3 „Gefällt mir“

Naja, erstmal haben auch Krankenpfleger und Ärztinnen aus “ärmeren Ländern” ein individuelles Recht darauf, das beste aus ihrem Leben zu machen. Und für viele bedeutet das eben ein gutes Gehalt in einer zahlungskräftigeren Gesellschaft. Das als “Beraubung” zu bezeichnen finde ich unterkomplex.

Das Problem lässt sich aber ohnehin sehr einfach zum allseitigen Vorteil lösen. Die Ausbildung zur Krankenpfleger:in dauert 3 Jahre. Das Studium zur Allgemeinmediziner:in dauert im Schnitt knapp 6,5 Jahre. Wenn wir also genug junge, interessierte Menschen ohne Ausbildung nach Deutschland holen, dann haben wir bei guter Planung und Organisation in unter 10 Jahren alle Probleme mit Mangelberufen gelöst und dabei für die “ärmeren” Herkunftsländer auch noch einen großen Pool an gut ausgebildeten Staatsbürgern geschaffen, die viel Geld und Expertise ins Heimatland schicken werden (was ihnen sonst nicht möglich gewesen wäre).

2 „Gefällt mir“

Unterkomplex ist doch wohl eher dieser Vorschlag. Was sollen das für Menschen ohne Ausbildung sein, die aus solchen armen Ländern hierher kommen, um Geld in die Heimat zu schicken, und dabei die Grundanforderungen an Bildung und deutsche Sprache erfüllen, damit sie überhaupt entsprechend qualifiziert werden können? Zielgerichteter wäre es für die Qualifizierung derjenigen zu sorgen, die bereits hier sind und von denen knapp 60.000 jedes Jahr ohne Schulabschluss ins Leben starten.

Unser Gesundheitssystem dient meines Wissens auch nicht der Entwicklungshilfe.

Aber egal, wir gehen weg vom Thema.

6 „Gefällt mir“

Das Problem hier sind nicht zu wenig Studenten, die sich zu Medizinern ausbilden lassen wollen, sondern zu wenig Studienplätze. Die knapp 12000 Studienplätze (bei meist 3-4 fachen an Bewerbern) werden zentral vergeben zum Großteil nach Abiturnote. Die schlechteste Note lag in 2025 bei 1,1. Daneben können noch 10% Studenten einen Studienplatz erhalten, die schlechtere Noten haben.
Es ist also nur für Menschen mit einer Abitur-Durchschnittsnote von besser als 1,1 sicher möglich, einen Studienplatz zu erhalten. Ob das dann wirklich gute und sozial kompetente Mediziner werden, steht auf einem anderen Blatt.
Meiner Ansicht nach gibt es erheblich zu wenige Studienplätze im Medizinbereich.
Da hilft es wenig, Menschen ohne Ausbildung nach Deutschland zu holen, um sie zum Mediziner auszubilden. Und als Politiker gesprochen ist es doch erheblich günstiger, im Ausland ausgebildete Mediziner nach Deutschland zu holen als sie selbst auszubilden.

5 „Gefällt mir“

Ein Beitrag wurde in ein existierendes Thema verschoben: LdN 463: Erfahrungsbericht Bahn

Das ist ja eher eine Nebenfrage. Meine Kernthese ist, dass die Probleme in der GKV durch drei Blöcke entstehen:

  1. Demographische Entwicklung. Der begegnen wir schon seit Dekaden erfolgreich via Migration, die in Summe die deutschen Sozialversicherungssysteme durch den stetigen Zustrom einzahlender, relativ junger, gesunder Menschen entlasten. Da gibts Potential, aber das wird so gut wie nicht entwickelt, weil man so sehr davon begeistert ist, Migration zur “Mutter aller Probleme” etc. hochzujazzen und dann von diesen Bäumen nicht mehr unfallfrei runter kommt. Das führt zu einer Politik der Abschottung, die die demographische Krise weiter eskalieren wird. Nicht nur in den Krankenversicherungssystemen. Abschiebungen von dringend benötigten Fachkräften direkt aus den Arbeits- und Ausbildungsverhältnissen sind da sicher nicht das einzige Symptom dieses grundlegenden Problems, aber nur ein Symptom, nicht die Hauptursache oder die “Mutter aller Probleme”. Das Problem sind die 30-50% in der Bevölkerung, die gleichzeitig was gegen arbeitende und nicht-arbeitende Ausländer haben, gleichzeitig keine Migration wollen, aber auch nicht die Bedingungen schaffen wollen, damit Menschen freiwillig mehr Kinder bekommen, damit von den Kindern, die da sind, mehr Kinder ihre Möglichkeiten in einem weniger unfairen Bildungssystem besser ausreizen können etc. und die Politiker, die sie in dieser Haltung ständig bestätigen.
  2. Die weiter zunehmende Ungleichheit und die fehlende Reaktion darauf u. a. in den Sozialversicherungen. Also keine grundsätzlichen Änderungen an der Einbeziehung aller Einkommensarten, keine Abschaffung (oder meinetwegen eine drastische Erhöhung) der Bemessungsgrenzen, kein Einstieg in einen “echten” Markt der Krankenversicherungen, sodass die PKV gegenüber GKV massiv bevorzugt werden, zum Vorteil der Unternehmen und deren Kunden.
  3. Fehlanreize und Fehlallokationen auf der Ausgabenseite, sowohl weil an manchen Stellen viel zu viel ausgegeben wird (das einfachste Beispiel ist mutmaßlich die Finanzierung von Globuli), als auch weil an anderen Stellen (insbesondere Prävention und frühzeitige Diagnostik und Behandlungen) viel zu wenig ausgegeben wird. Bestes Beispiel für letzteres in meinen Augen: Wenn ich jemanden mit einer leichten Depression erstmal bei 30 Therapeuten anrufen, einen Papierkrieg führen und dabei 6-12 Monate auf eine echte Therapie warten lasse, dann spare ich in der Zeit natürlich jede Menge Geld. Nicht so unwahrscheinlich, dass aus der gut und oft rückfallfrei behandelbaren leichten Depression in der Zwischenzeit eine schwere und/oder wiederkehrende Depression wird, mit allen sehr teuren Langzeitfolgen, die das hat. Nicht nur, aber auch für die Versicherer.

Keiner der drei Blöcke ist leicht und schmerzfrei lösbar. Da bräuchte es harte politische Arbeit. Kommissionen gab es genug, Erkenntnismangel besteht nicht, es ist bekannt, welche Optionen es gäbe, die jeweiligen Probleme sinnvoll lösen zu können, denke ich. Aber es müsste sich jemand politisch aus der Deckung trauen (unabhängig von inhaltlichen Diskussionen würde ich Lauterbach anrechnen, dass er das bei der Krankenhausreform gemacht hat). Das will in der amtierenden Regierung niemand und auch bei der Wählerschaft endet die Einigkeit zuverlässig direkt hinter dem Punkt von “da müsste man wirklich mal was tun.”

Und weil das so schwierig ist und weil sich immer jemand findet, der noch den dümmsten Spalter-Aktionismus irgendwie rechtfertigen will (einen Punkt haben…), werden stattdessen abseits der nötigen Diskussionen solche Nebelkerzen-Debatten gezündet und irgendwelche “Hexen” präsentiert, die man nur mal ordentlich verbrennen müsste, damit die komplexeren Probleme sich irgendwie auflösen… “Wenn die Leute weniger Teilzeit arbeiten, wenn die Ausländer nicht wären, wenn nicht beim Bürgergeld betrogen würde, wenn wir pflegenden Angehörigen noch mehr Gelder streichen, wenn wir Behinderten weniger Teilhabe ermöglichen und wenn sich jeder wieder zur Virenbörse im Wartezimmer des Hausarzt treffen würde…”

1 „Gefällt mir“

Sobald das in der Presse landet, lässt sich das auch nicht mehr durchsetzen. Darum immer zur lokalen Zeitung rennen.

Wir haben unsere PKM-Community nach ihren eigenen Erfahrungen gefragt. Nur 13 % der Befragten gaben an, dass Kolleg*innen schon einmal abgeschoben wurden – eine erfreulich niedrige Zahl.
https://pflegekraft-mehralseinberuf.de/abschiebung-von-pflegepersonal/

Du begründest die Rationalität der der Entscheidung aus Arbeitnehmersicht monetär. Das ist auch nicht falsch. Sie wird sogar durch die Steuerfreiheit von Minijobs begünstigt.
Bei mir ist es z.B. so: ich habe eine 65% Stelle an einer Universität, begründet durch die Drittmittel aus denen ich finanziert werde, aber auch, weil ich nebenbei eine Promotion mache. Dazu habe ich noch einen Minijob mit fast gleichem Stundenlohn (11%). Würde ich beide Stellen beim selben Arbeitgeber haben hätte ich 7% weniger Nettolohn. Das mag jetzt in meinem Fall ein Edge-Case sein, der nicht unbedingt repräsentativ ist, aber er ist eben da.
Mit einer 100% Stelle würde ich die Promotion nicht zeitnah fertig bekommen. Die Fortbildung in meiner Freizeit ist aber sowohl für mich selbst sinnvoll (da ich meinen Wert auf dem Arbeitsmarkt erhöhe) als auch aus staats-strategischer Sicht, da die hohe Bildung in immer wieder betonter Standortvorteil für Deutschland ist.

Punkt 1, wo die Diskussion hinkt: Sie geht davon aus, dass Freizeit = Jux und Tollerei bedeutet. Das stimmt aber nicht. Die meisten Menschen gehen aus meiner Sicht mit ihrer Zeit durchaus verantwortungsvoll und sinnstiftend um. Ehrenamt, Kindererziehung, Fortbildung, die Gründung von Unternehmen, politisches Engagement, Beziehungspflege, Erhaltung der Gesundheit usw. passiert alles in der „Freizeit“.

Die Rationalität kann man aber auch aus Arbeitgebersicht begründen: Ein Arbeitnehmer ist nicht 20% produktiver, nur weil er/sie 20% mehr Zeit mit der Arbeit verbringt. Arbeit hat einen abnehmenden Grenzertrag: Bei vielen ist der Peak der Produktivität nach einigen Stunden am Tag erreicht. Ab der ~7. Stunde gibt es dann immer weniger Ergebnis, bis sich die Arbeitsleistung irgendwann sogar ins Negative wandelt (mehr Ermüdung => mehr Fehler. These: In vielen Branchen ist das Ausbügeln von Fehlern eine Größenordnung teurer als die Vermeidung). Es kann also auch aus Arbeitgebersicht rational sein, weniger als 40 Stunden pro Woche Arbeit anzuordnen. Manche Jobs können sogar in der Realität kaum mehr in Vollzeit würdig und verantwortungsvoll durchgeführt werden (Lehrerinnen können ein Lied von singen).

Punkt 2, wo die Diskussion hinkt: Wir gehen hier davon aus, dass „Mehr Arbeitszeit“ = „Mehr Ergebnis“ gibt. Jeder Euro in unseren Sozialsystemen muss irgendwann erwirtschaftet werden, und Zeit mit Arbeit zu verbringen bringt keine Wirtschaftsleistung, sondern reale Arbeit bringt Leistung. Und die ist es, die am Ende alle unsere Sozialsysteme ermöglicht.

In Summe komme ich zu dem Schluss, dass hier wieder versucht wird, nach einem kurzfristigen Pflaster für systematische Probleme zu suchen. Es gibt in unserem Land vereinte Kräfte aus Hetzpresse, Superreichen und deren Unterstützern und entfremdeten Politikern (und solchen, die Ihre Wähler für dumm und unmündig halten), die lieber monatlich eine neue Sau durchs mediale Dorf treiben anstatt systematisch nach Lösungen zu suchen. Dabei wird die Verantwortung lustigerweise immer auf andere abgewälzt: Auf die „Totalverweigerer“, auf die „arbeitsunwilligen“ Bürgergeld-Empfangenden, die angebliche verweichlichte Generation Z und diese Woche sind es dann die angeblichen Lifestyle-Teilzeitler. Wenn wir nicht endlich die systematischen Ungleichheiten in unserem System angehen und aufhören, uns von einer wöchentlichen Bullshit"debatte" zur nächsten zu hangeln, kommen wir als Land nicht weiter.

PS: Das Verfassen dieses Beitrags hat mich rund 30 Minuten gekostet. Hätte ich bestimmt auch mit „Arbeit“ verbringen können haha.

6 „Gefällt mir“

Natürlich ist die freiwillige Teilzeit in der jetzigen Form unsolidarisch und ungerecht. Man zahlt weniger KV Beitrag und nimmt die gleiche Leistung in Anspruch. Wir leben Gott sei Dank nicht im Kommunismus oder Sozialismus, sondern in einer Marktwirtschaft. Hier gibt es Freiheit und Eigenverantwortung.

Dieses Framing halte ich für fatal.

Nach dieser Sichtweise ist es auch „unsolidarisch“, dass der Geringverdiener weniger zahlt als der Vielverdiener und trotzdem nur die gleichen Leistungen empfängt. Und man könnte es auch als „unsolidarisch“ framen, dass eine Beitragsbemessungsgrenze überhaupt existiert.

Nach dieser Sichtweise müsste es einen festen Kostenbeitrag für die Krankenversicherung geben (wie in der privaten Krankenversicherung), aber genau das wollen wir nicht, weil genau das „unsolidarisch“ gegenüber den Geringverdienern wäre - es wäre rein zum Vorteil der Vielverdiener (je höher das Gehalt, desto geringer der relative Anteil, der für die KV gezahlt werden müsste). Wir wollen aber ein solidarisches Versicherungssystem.

Was du forderst, ist, jenen, die nicht der Ideologie folgen, mindestens 40 Stunden die Woche zu arbeiten, die Solidarität zu entziehen. Und das ist unsolidarisch.

Was wäre nun die Konsequenz deines Ansatzes? Man müsste den relativen KV-Beitrag bei Teilzeit-Beschäftigten reziprok zur Teilzeitquote erhöhen, daher: Wer auf einer 50% Stelle arbeitet, müsste 200% des normalen KV-Beitrags zahlen, wer auf einer 25% Stelle arbeitet sogar 400% usw… Das Resultat wäre, dass niemand mehr in Teilzeit arbeiten würde, weil es sich nicht lohnen würde, weil die ohnehin prozentual bereits bei Geringverdienern (wozu Teilzeitbeschäftigte fast immer gehören!) sehr hohe Sozialabgabenquote noch mal drastisch erhöht würde. Der neoliberale Optimist glaubt jetzt, dass die Menschen dann in Vollzeit flüchten würden, ich glaube aber eher, dass viele davon dann in der Arbeitslosigkeit landen würden (oder, weil sie nicht glücklich mit ihrer Arbeitslast sind, langfristig in der Depression, was noch teurer für das Sozialsystem ist…).

Ich sehe absolut nicht, wie „mehr Druck auf Menschen, nicht in Teilzeit zu arbeiten“ unter’m Strich positive Effekte haben könnte. Anders sehen das natürlich die üblichen Schreibtischtäter, die selbst nie betroffen waren und meinen, über andere Menschen und ihre Lebensentwürfe und Belastbarkeitsgrenzen urteilen zu können…

8 „Gefällt mir“

Dieser Kommentar enthält zwei Denkfehler:

  1. Nützlichkeit: Nur wer überhaupt etwas macht, der für andere Menschen einen Nutzen hat, tut am Ende etwas sinnvolles. Ansonsten bekommt er/sie Almosen. Das wäre auf Dauer für eine solidarische Gesellschaft nicht hinnehmbar.

2.Teilzeit: wenn zwei Menschen sich eine Vollzeitstelle teilen, steigen für diese Stelle die Kosten, da zwei Menschen öfters krank sind als einer. Diese Mehrkosten trägt die Allgemeinheit. Falls die Teilzeit freiwillig ist, ist nicht einzusehen, warum die Solidargemeinschaft diese Mehrkosten tragen soll.

Nein, ein Hilfsarbeiter kann in der Regel kein Ingenieur werden.

@thunfischtoast

Dass Promovierende faktisch mehr als eine Stelle benötigen, um ihre Promotion in der vorgesehenen Zeit zu schaffen, sondern ein Systemdesign Fehler. Zweitstellen oder Nebentätigkeiten sind deshalb keine Ausnahme, sondern ein strukturelles Ausweichverhalten, das das System selbst erzeugt.
Dass dieses Modell weit verbreitet ist, sowohl während der Promotion als auch später in der Industrie mit Nebentätigkeiten an Hochschulen (kenne ich viele, da man grade Während der Promotion gute Kontakte in dem Umfeld bekommt).Das die offizielle Arbeitszeit und Vergütungslogik nicht zur realen Wertschöpfung passt. Es wird Arbeitszeit abgerechnet, obwohl der tatsächliche Output stark von Lernkurven, Projektzyklen und institutionellen Zwängen abhängt.
Hier kommt der Produktivitätsbegriff an seine Grenzen. In der volkswirtschaftlichen Statistik ist Produktivität eine monetäre Größe, die stark durch Outsourcing, Prozessverdichtung und Verlagerung verzerrt wird. In manchen Tätigkeiten, etwa in der industriellen Fertigung oder in klar messbaren Dienstleistungen, ist sie sinnvoll. In wissensintensiven, forschungsnahen oder kreativen Berufen sagt sie dagegen wenig darüber aus, welche reale Wertschöpfung entsteht.
Eine Politik, die alles auf gemessene Produktivität fixiert, verfehlt deshalb den Kern. Entscheidend ist nicht, wie viel Output pro Stunde statistisch ausgewiesen wird, sondern welche Art von Wertschöpfung eine Gesellschaft selbst erbringen will und welche Effizienzgewinne sie tatsächlich nutzt, statt sie nur bilanziell durch Auslagerung oder Arbeitsverdichtung zu simulieren. Wegen der hohen Verdichtung an Arbeit und Outsourcing steht Deutschland hier auch besonders gut da.

Höhere Löhne stabilisieren die GKV nur begrenzt, weil oberhalb der Beitragsbemessungsgrenze kein zusätzlicher Euro mehr fließt und entscheidend nicht die Höhe einzelner Einkommen, sondern die beitragspflichtige Lohnsumme aus Vollzeit in der Breite ist.
(Die These, Vermögen mache gesünder, ist empirisch nicht haltbar. Das ist eine Korrelation, aber es gibt keine Belege. Edit Mod. : Falsch)