LDN 463 Freiwillig Teilzeit + GKV: unsolidarisch / ungerecht?

Ich fand Philips und Ulfs Kommentar zu dem Thema zu kurz, denn ich finde es gibt hier durchaus ein Problem auf das es wichtig ist hinzuweisen.
Meine These: Freiwilliges Teilzeitarbeiten ist aufgrund der momentanen GKV Regelungen unsolidarisch und auch ungerecht.

Vorab:
Für meine Argumentation beziehe ich mich hierbei ausschließlich auf Menschen, die freiwillig in Teilzeit sind, weil sie mehr Freizeit haben wollen. Ich beziehe mich explizit nicht auf Menschen, welche dies machen da sie gesundheitlich nicht mehr arbeiten können oder Kinder erziehen, ein Ehrenamt ausführen oder einen sonstigen gesellschaftlich nützlichen Zweck erfüllen.
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Mein Punkt:**
Wer mehr arbeiten könnte, aber dies nicht tut, bekommt die gleichen GKV Leistungen UND leistet einen geringeren finanziellen Beitrag für das Solidarsystem der GKV als er leisten könnte wenn er Vollzeit arbeitet. Dies ist per Definition unsolidarisch. Denn die Person reduziert ihren Beitrag für die Solidargemeinschaft aus rein egoistischen Motiven (mehr Freizeit für sich haben).

Ebenfalls ist es ungerecht für die Menschen, welche Vollzeit arbeiten. Denn diese Teilzeitnehmer verringern ja den Beitrag welchen sie einzahlen, ergo muss dieser Fehlbetrag kompensiert werden. Das führt zu steigenden Beiträgen (sowohl für Vollzeit- als auch für Teilzeitarbeitende). Die Vollzeitarbeitenden zahlen also mehr, haben aber keinen Vorteil, wohingegen der Teilzeitnehmende eben den Vorteil der hinzugewonnenen Freizeit hat. Das ist ungerecht.

Dieser Fall ist übrigens nicht gleichzusetzen mit steigenden Beiträgen durch z.B. die alternde Bevölkerung, da hier das Solidarsystem greift und keiner von beiden (Vollzeit. sowie Teilzeitarbeitender) einen Vorteil erlangt.

Lösung:
Wenn man ein faires System schaffen wollte, so müssten die freiwillig Teilzeitarbeitenden den vollen Fehlbetrag zahlen (inkl. Arbeitgeberanteil) welcher dadurch verloren geht, dass sie nicht mehr Vollzeit arbeiten.

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Die gesetzliche Krankenversicherung baut auf dem Solidarprinzip auf, dass also jeder nach seiner Leistungsfähigkeit einzahlt. Wer wenig verdient, zahlt wenig ein, wer viel verdient, zahlt etwas mehr ein, allerdings nicht völlig proportional, denn wegen der sogenannten Beitragsbemessungsgrenze bleibt das Einkommen sehr gut verdienender Menschen teilweise aus der solidarischen Finanzierung ausgeklammert.

Von diesem Hintergrund finde ich deine Ausführungen ehrlich gesagt kaum verständlich. Was genau ist denn der normative Unterschied zwischen einem freiwillig weniger verdienenden Menschen, der Teilzeit arbeitet, und - Achtung, jetzt kommt Polemik - einem Menschen, der sich freiwillig für ein Soziologie-Studium entscheidet und deswegen später Taxi fahren muss, statt zum Beispiel Medizin zu studieren und als Radiologin Six Figures zu machen?

Ich glaube, meine Polemik macht deutlich, dass deine Argumentation zutiefst autoritär ist, weil sie sich nämlich anmaßt, die Lebensentscheidungen von Menschen mit einem moralischen Urteil zu versehen, und genau das wollen wir bei der GKV eigentlich nicht. Sonst könnte man beispielsweise auch andere Lebensentscheidungen mit einem Bonus oder eine Malus belegen, beispielsweise Rauchen, zu fettes Essen oder generell Übergewicht … da gibt es schlicht kein Ende.

Die Humanität der solidarischen Finanzierung liegt eben gerade darin, dass wir allen Menschen die gleichen (wenn auch nicht übermäßig üppigen) Leistungen zukommen lassen und uns nicht fragen, warum sie krank werden oder warum sie wie viel verdienen.

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Ich stimme zu, bin aber überrascht, dass du die, die Kinder erziehen, ausschließt, auch die, die ein Ehrenamt ausführen.

Gerade Kinder sind doch eine systemische Schieflage. Warum steht dieses Privileg kostenloser Mitversicherung nur der GKV offen? Die PKV zeigt uns, was dieses Privileg wert ist und uns jedes Jahr kostet. Dazu kommen Mindereinnahmen in den SV-Systemen durch Minderarbeit und fehlende Wirtschaftskraft. Welcher Nutzen für die SV-Systeme rechtfertigt das? Oder handelt es sich hier nur um ein überholtes traditionelles Modell, das eigentlich abgeschafft gehört?

Ehrenamtliche sind eigentlich der Supergau. Sie erbringen eine Leistung, aber die SV-Systeme profitieren nicht davon. Ich arbeite z. B. mindestens 20 Stunden im Monat ehrenamtlich. Um wieviel darf ich jetzt deiner Ansicht nach meine Vollzeitstelle reduzieren? Und wer kontrolliert das? Soll ich jetzt im Ehrenamt Stunden erfassen und der Träger das kontrollieren?

Was ist mit denen, die arbeiten können, aber nicht wollen? Wer neun Schuljahre abgeschlossen hat, kann arbeiten. Wenn er sich dagegen entscheidet, ist das seine persönliche Entscheidung, die nicht die Allgemeinheit finanzieren sollte. Das Argument, dass er später mehr verdienen könnte, ist auch kein Argument. Durch die Beitragsgrenze haben die SV-Systeme Kosten aber keinen Gegenwert. Mancher wird auch von den Sozialsystemen befreit. Erneuter Supergau.

Ich würde also noch weiter gehen. Wenn man ein faires System wollte, müsste jeder den vollen Betrag zahlen. Ein faires Sozialsystem würde dann dessen Beitrag staatlich bezuschussen, der den vollen Beitrag nicht leisten kann. Das würde das Ende der PKV bedeuten, aber wäre wohl für alle fairer.

Edit: wäre auch ein interessantes Rentenmodell: der Betrag wird ermittelt, den jeder zu leisten hat, um sich die Grundsicherung zu verdienen. Den hat dann jeder Bürger zu leisten, kann aber durch Offenlegung von Vermögen, das eine Grenze unterschreitet oder niedrigen Stundenlohn oder Sonderfall den Betrag stunden. Wer sich als Erwachsener in Deutschland niederlassen will, muss dann den Betrag, der sich aus seinem Alter ergibt, ableisten oder im Sonderfall stunden. Es gibt Fälle, die dann bis zur Rente ihren Betrag nicht leisten konnten. Da wird der Staat dann einspringen müssen, wie jetzt auch.

Grundsätzliche volle Zustimmung. Würde man aber deinen Punkt mit der Argumentation von @julez verbinden, dann könnte man auf vermeidbare(!) Teilzeitarbeit eine Zusatzsteuer erheben, analog wie wir Zigaretten besteuern oder ungesundes Essen besteuern sollten.

Für den Arbeitgeber (oder Arbeitnehmer) würde Teilzeit so teurer und damit unattraktiver, während die Einnahmeausfälle für die GKV in gegenfinanziert werden könnten.

Das ist ausdrücklich nicht meine Meinung. Es geht mir nur darum eure beiden Argumentationen zusammen zu führen. Denn jeder von euch hat einen Punkt.

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Mal abgesehen von der Betrachtung der “Nützlichkeit” von Menschen, die in mir ein Unwohlsein auslöst, finde ich die Argumentation schon ganz unmittelbar nicht schlüssig. Wer Teilzeit arbeitet, verdient weniger, und zahlt deshalb weniger Sozialversicherung (und weniger Steuer), und nicht wegen der Stunden die er/sie weniger arbeitet.

Außerdem: Wenn da eine Vollzeitstelle war, dann gab es ja auch entsprechend viel Arbeit zu tun. Wenn jetzt ein*e Arbeitnehmer*in die Arbeitszeit reduziert, dann wird der Betrieb diese Arbeitskraft irgendwie kompensieren, naheliegend, falls möglich, indem jemand anders im entsprechenden Umfang eingestellt und damit auch bezahlt wird. Damit verlagert sich der Sozialversicherungsbetrag nur auf jemand anders.

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Naja, dann bekommt in der Konsequenz ein Hilfsarbeiter zukünftig auch weniger Leistungen aus der Krankenversicherung. Schließlich könnte er ja auch Ingenieur werden und mehr verdienen. Warum versichert man eine nicht arbeitende Ehefrau über die Familienversicherung mit? Kinder müssen da nicht vorhanden sein, Ehe reicht. Das ist auch unsolidarisch.

Eine falsche Debatte ist das. Die Union ist Meister im beschäftigen der Presse und Absteiger im regieren.

Interessant ist seitens der Union auch, dass es in diesem Bereich nie um weniger Bürokratie oder weniger Kontrolle über die Lebensentwürfe der Bürger geht. Dort ist jedes Nachschauen in den “Schlafzimmern” recht.

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Teilzeit+ GKV als ungerecht/unsolidarisch empfinden, statt das System aus GKV und freiwillig PKV, bei genügend Einnahmen und Gesundheit, anzuprangern hat schon sein Geschmäckle. Ich glaube der Ersteller ist hier eher in einem Gedankenexperiment, denn als ehrliche Meinung ist es kaum ernst zu nehmen. Wobei ich mir das auch häufig bei den Vorschlägen der CDU denke :roll_eyes:

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@JuleZ Argumente sind erstmal schlüssig. Ich frage mich, ob das Vorboten eines Kopfpauschalen-Systems ist, durch das dann vor allen Besserverdienende entlasten werden.

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Wer Teilzeit arbeitet ist auch weniger krank und entlastet somit auch die GKV. Ich habe vor 2 Jahren aus familiären Gründen meine Stunden reduziert und habe seither weniger als die Hälfte an Krankheitstagen. Wer die GKV entlasten will, arbeitet nicht bis zu Anschlag, sondern tritt vielleicht auch mal einen Schritt zurück.

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Über was reden wir hier eigentlich genau wenn wir von Teilzeit reden? Leute die Ihre Stunden von 39 Stunden auf 34 reduzieren, weil das z.B. bei uns in der Stadt bei Erziehern im Hort bedeutet, dass man nur an einer Einsatzstelle bleibt, während man ansonsten die bis zu 5 Stunden in Kindergärten oder Krippen verliehen wird oder Leute die statt 35 nur 30 Stunden arbeiten, weil man so mehr Zeit für Familie, Hobby oder was auch immer hat?

Oder geht es um Leute die statt 35-40 Stunden dann nur 10-20 Stunden Arbeiten, weil der Partner ja eh gut verdient und man sich dann in Ruhe um den Haushalt kümmern kann. Da stelle ich mir dann aber vor, dass einige dann eher nicht von 10 Stunden auf 40 Aufstocken, sondern eher gar nicht mehr arbeiten und die Familienversicherung nutzen.

Wenn es unsolidarisch ist weniger zu verdienen, ist es dann auch unsolidarisch, wenn der Arbeitnehmer der aktuell täglich 50 km einfach pendelt einen schlechter bezahlten Job am Wohnort annimmt? Weil für die GKV ist es ja egal ob er jetzt 1000 € weniger verdient weil er Teilzeit arbeitet oder weil er die 1000 Euro weniger vom Arbeitgeber für die gleiche Stundenzahl bekommt.

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Ich möchte an dieser Stelle gerne auch meine Gedanken teilen.
Ich komme aus einem Land, in dem es zwar eine allgemeine Versicherungspflicht gibt und eine Art medizinische Grundversorgung, aber de facto muss man fast immer draufzahlen, wenn man eine Behandlung auf einem angemessenen Standard möchte. Und selbst Leistungen, die eigentlich von der Versicherung gedeckt sein sollten, muss man sich oft mühsam erstreiten.

Ich habe das leider sehr direkt erlebt, als meine Mutter eine Krebsdiagnose bekommen hat. Die Realität in meinem Herkunftsland ist auch die, die man aus dem Fernsehen kennt: jahrelang laufen Spendenkampagnen, in denen Geld für Operationen oder Krebsbehandlungen von Kindern gesammelt wird – zum Beispiel per SMS für ein konkretes Kind. Gleichzeitig gibt es dort eine hochspezialisierte private Medizin auf sehr hohem Niveau, die sogar deutlich günstiger ist als in Deutschland. Aber eben nur für diejenigen, die sie sich leisten können.

Ich kenne viele Menschen aus meinem Heimatland, die inzwischen in Deutschland leben und für Check-ups oder Facharztbesuche lieber privat zurück in die Heimat fahren als hier zum Arzt zu gehen. Ich gehöre nicht dazu. Im Gegenteil: Ich bin extrem dankbar, in einem Land zu leben, in dem man in Würde krank sein darf.

Ich bin freiwillig gesetzlich versichert und zahle den Höchstbeitrag – und ja, natürlich ärgere ich mich auch manchmal über Beitragserhöhungen, da bin ich ganz Mensch. Aber ich rufe mir immer wieder ins Gedächtnis, was für ein enormes Gut das ist: In diesem Land wird man nicht arm, nur weil man krank wird. Man verliert nicht alles, nur weil man krank wird. Krank zu sein ist schon schlimm genug.

Ich bin auch sehr froh darüber, dass in Deutschland niemand einfach allein in seiner Wohnung sterben muss, sondern dass es Hospize gibt. Und ich finde es ehrlich gesagt unfassbar schade, dass viele Menschen das als selbstverständlich ansehen und den Wert einer solidarischen Krankenversicherung für den gesellschaftlichen Zusammenhalt oft nicht erkennen.

Ob jemand Vollzeit arbeitet oder nicht, ist eine private Entscheidung. Diese Entscheidung hat natürlich finanzielle Konsequenzen für die einzelne Person. Aber sich darüber aufzuregen, dass andere – aus welchen Gründen auch immer – nicht Vollzeit arbeiten, halte ich für eine enorme Energieverschwendung. Selbst wenn man das theoretisch durchdenken möchte, könnte man auch argumentieren, dass gerade dadurch, dass viele Menschen nicht Vollzeit arbeiten, andere Vollzeitstellen sicherer werden. In meinem Bereich zum Beispiel macht genau das meine Stelle stabiler – und ich bin froh, dass ich meinen Job gerne in Vollzeit ausübe.

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Liebe Lage, liebe Diskutanten,

mich erstaunt immer wieder, wie leicht eine Diskussion durch eine Rage Bait wie “Lifestyle-Teilzeit” oder mit vorgeschobenen Argumenten wie Gerechtigkeit bei den GKV-Beiträgen vom eigentlichen Kern ablenken lassen.

Ausgangspunkt der Diskussion ist ja der Fachkräfte”mangel”. Was meint das? Arbeitskräfte (Arbeitsangeobt) sind im Vergleich zu Nachfrage der Unternehmen knapp. Wie löst man eine Diskrepanz zwischen Nachfrage und Angebot in einer Marktwirtschaft? Über den Preis! Wenn die Nachfrage höher ist als das Angebot, dann muss halt der Preis steigen. Bei Fachkräfteknappheit muss es Löhne rauf, Arbeitsbedingungen verbessern heißen, und nicht Zwangvollzeitarbeit.

Steigende Löhne geht auf Kosten der Gewinne. Daher überrascht es dann nicht, dass die Spendenpartei CDU mit Zwangsvollzeitarbeit das Arbeitsangebot ausweiten und somit Löhne drücken will. Sonst fabuliert die CDU viel von Freiheit, Eigenverantwortung und Anreizen, aber sobald es um die Freiheitsrechte der Durchschnittsmenschen geht, will sie mit Zwangsvollzeitarbeit das Recht eigenverantwortlicher Individuen selbst zu entscheiden wie viel sie arbeiten wollen, abschaffen.

Es gibt keine Lifestyle-Teilzeit, es gibt nur das Recht jeder Person selbst zu entscheiden, wie viel ihrer Lebenszeit sie auf dem Arbeitsmarkt anbietet. Alles andere ist Zwangsarbeit oder Sklaverei.

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Mir scheint das Krankenversicherungsargument doch reichlich vorgeschoben, wenn man die Geschichte der GKV und die Alternativen bedenkt.

Ursprünglich war bei der Einführung der GKV ein wesentlicher Aspekt die Lohnersatzleistung (Krankengeld), da die Lohnfortzahlung durch den Arbeitgeber wenig ausgeprägt war. Entsprechend war eben auch diese lohnbezogene Leistung ein wesentlicher Kostenblock, sodass in der Logik der bismarckschen Sozialgesetze auch über lohnbezogene Beiträge finanziert wurde. Durch die Ausweitung der Lohnfortzahlung und den medizinischen Fortschritt wuchs der Anteil der lohnunabhängigen Leistungen und schrumpfte der des Entgeltersatzes. 2024 schlug das Krankengeld mit 20,5 Mrd. zu buche ( GKV-Kennzahlen - GKV-Spitzenverband ), was aber mittlerweile nur noch ein kleiner Anteil ist. Wie dem auch sei, hier gibt auf jeden Fall keine Ungerechtigkeit.

Wenn aber das Hauptproblem der Teilzeit die fehlede Gerechtigekei bei Krankenkassenbeiträgen sind, dann ist Zwangsvollzeitarbeit sicherlich nicht die Lösung. Da sich die Kosten der Krankenversicherung im Laufe der Zeit vom Einkommen entkoppelt hat, müsste man auch die Finanzierung vom Einkommen entkoppeln. Also entweder wie den NHS über Steuern finanzieren (solidarisch) oder aber mit einer Kopfpauschale, die nach Merkels Erfahrung in der 2005er BTW wohl von niemanden so schnell angepackt werden wird.

Zudem ist ja die Gerechtigkeitsfrage bei der Finanzierung der GKV hochkomplex. Ist es gerecht, dass Leute mit ungesundem Lebenstil - Rauchen, Alkohol, no sports, Auto statt Rad, Fast Food statt Gemüse usw. - genauso viel zaheln wie alle anderen? Ist es gerecht, das Leute die Risikosportarten mit hohem Verletzungsrisiko betreiben, das gleich zahlen? Ist es gerecht das Masken- und Impfverweigerer das gleiche Zahlen? Ist es gerecht, dass Autofahrer:innen, die mit Unfällen, Abgasen und Feinstaub hohe Kosten verursachen, das Gleiche zahlen? Müsste es nicht eigentlich bei der Geburt einen Zwangsgentest geben, um Krankheitsrisiken und damit den Beitrag zu bestimmen? Wollen wir das?

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Guter Punkt! Das ganze könnte man sicherlich auch quantifizieren. Ich denke allerdings, dass ab einer bestimmten Arbeitszeit die geringeren Beiträge die geringere Krankheitswahrscheinlichkeit / Krankheitskosten nicht mehr kompensieren.

Übrigens ist mir durch diesen Hinweis bewusst geworden, dass es natürlich auch unsolidarisch ist zu viel zu arbeiten, sodass das Krankheitsrisiko erhöht wird (solange es die Beitragsbemessungsgrenze gibt und man auch darüber liegt).

Ich rede allgemein über jede Art von Arbeit die nicht Vollzeitarbeit ist. Deshalb sind auch alle deine Beispiele dort inkludiert.

Ja, laut meiner Argumentation wäre es das.

Ich wollte meine Argumentation erstmal sehr einfach halten, da man bei Teilzeit für mehr Freizeit kaum dagegen argumentieren kann. Grundsätzlich hast du mit deinen Ausführungen natürlich recht, aber das verkompliziert alles nur.

Ja, das wäre fairer, aber eine gewisse Unfairness ist ja bewusst im Solidarsystem eingebaut. Die Frage ist nur, wo wird es zu unfair, sodass es evtl. einer Änderung bedarf? Ich wollte hier auch keine Diskussion über die GKV allgemein starten, sondern nur den Punkt Teilzeit + GKV (der auch schon komplex genug ist) beleuchten.

Du hast meine Position anscheinend nicht verstanden. Denn natürlich wird der Betrag reduziert weil man weniger verdient. Das ist aber unerheblich für eine Einschätzung als unsolidarisch und ungerecht wie ich sie treffe.

Interessanter Punkt, den hatte ich so nicht bedacht. Das ganze geht aber natürlich nur auf, wenn dies öfter genau so passiert, und auch immer jemand aus der Arbeitslosigkeit nachrückt und nicht von einer anderen Firma abgeworben wird. Das hätte dann durchaus positive Seiten. Sollte die Mehrarbeit hingegen bei den Kollegen hängen bleiben (z.B. auch aufgrund von Produktivtätssteigerungen wie durch KI), dann hält das nicht mehr. Da letzteres durchaus passiert, sind die negativen Auswirkungen auch weiterhin vorhanden (wenn auch zu einem geringeren Teil). Für eine genaue Einschätzung müsste man nun also eine Aufteilung treffen welcher Fall wie häufig Eintritt und wie positiv / negativ dieser wäre. Das sprengt den Rahmen einer Diskussion wie ich sie führen wollte. Meiner persönlichen Erfahrung nach Tritt der Fall der Mehrarbeit durch Kollegen, oder das Einstellen einer Person von einer anderen Firma leider häufiger auf.

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Arbeitskräfte sind leider eine Ressource, die nur sehr langsam „nachwächst“. Wenn es an Arbeitsspeicher mangelt, lässt sich innerhalb von ein bis zwei Jahren ein neues Werk bauen. Wenn Kaffee knapp wird, können Bauern in anderen Regionen neue Plantagen anlegen. Bei Menschen funktioniert das schlicht nicht so zuverlässig.

Ein Beispiel ist die Pflege. Die Löhne sind in den vergangenen Jahren spürbar gestiegen. Inzwischen handelt es sich nicht mehr um einen Niedriglohnsektor, sondern mit rund 48.000 € im Median um ein solides mittleres Einkommensniveau. Lehrkräfte wiederum gehören international zu den besser bezahlten Berufsgruppen und liegen auch in Deutschland klar über dem Durchschnitt.

Das eigentliche Problem liegt weniger beim Geld als bei den persönlichen Präferenzen – und hier zeigt sich aus meiner Sicht ein deutlicher Wandel zwischen der Generation X und den nachfolgenden. In früheren Generationen, zumindest in meinem Umfeld, galt ein Job oft einfach als etwas, das erledigt werden muss. Heute soll Arbeit nicht nur den Lebensunterhalt sichern, sondern auch Freude machen und Sinn stiften. Und genau damit tun sich manche Berufe schwer. MINT-Fächer wirken für viele finanziell attraktiv, aber zugleich anspruchsvoll und langweilig. Lehrkräfte müssen sich ständig mit Eltern, schlecht erzogenen Kindern und der Schulleitung auseinandersetzen. Pflegeberufe empfinden manche als unangenehm oder „eklig“. Und auf dem Bau ist die Arbeit körperlich hart, oft begleitet von einem rauen Umgangston.

Mehr Gehalt wird dieses Problem aus meiner Sicht nicht lösen. Denn die Löhne sind nicht der Kern des Konflikts. Entscheidend sind die Arbeitsbedingungen – und vor allem die Bereitschaft, diese zu akzeptieren. Und genau das wird sich nicht in allen Bereichen grundlegend verändern lassen.

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Natürlich kann man dagegen argumentieren. die GKV ist ein Solidarsystem. Jede zivilisierte Gesellschaft sollte eine qualitativ gute Krankenversorgung für alle Bürger garantieren, völlig unabhängig davon, ob eine irgendwie subjektiv definierte “Leistung” erbracht wird. Wir sind immer noch eine der reichsten Gesellschaften der Menschheitsgeschichte, da sollte das drin sein.

Von der offensichtlichen moralischen Problematik, bestimmte Lebensentwürfe als “Freiwillig” oder “Lifestyle” zu entwerten mal abgesehen, würde man zur Kategorisierung zudem ein neues Bürokratiemonster schaffen. Die Sozialgerichte und alle Anwälte freuen sich schon auf die mehreren Leitz-Ordner Gesetze, Definitionen und Durchführungsverordnungen, mit denen dann “freiwillige” von “unfreiwilliger” Teilzeit unterschieden wird. Das entlastet Beitragszahler und die Steuerkasse bestimmt gewaltig.

Der höhere Lohn zählt nicht als “Vorteil”?

Das ist eine Milchmädchenrechnung. Die Summe aller Beitragszahlungen zur GKV wird durch die Summe aller Kosten des GKV-Gesundheitssystems bestimmt. Diese Kosten sinken nicht, nur weil ein paar Leute mehr in Vollzeit arbeiten. Die Kosten bleiben gleich, also bleibt auch die Summe der Beiträge gleich.

Wenn du “Lifestyle-Teilzeitlern” die Beiträge erhöhst (Kopfpauschale oder annähernd), dann mag das bei ein paar dazu führen, dass diese in Vollzeit wechseln. Bei vielen anderen wird die Folge sein, dass sie lieber gar nicht mehr arbeiten (weil es sich nicht mehr lohnt). Mit dem Ergebnis, dass die immer noch gleich hohen Kosten des Gesundheitssystems dann von weniger Menschen getragen werden müssen. Die Beitragssätze steigen dann entsprechend auch für die verbleibenden Vollzeitarbeitenden.

Wenn man die GKV “solidarischer” machen und gleichzeitig die Beitragssätze senken will, dann eher in die entgegengesetzte Richtung: Berücksichtigung aller Einkommensarten und deutlich höhere/abgeschaffte Beitragsbemessungsgrenze. Hatte ich hier mal vorgeschlagen und grob durchgerechnet: Drastische Senkung der Lohnnebenkosten durch Reform der Beitragsfplicht

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Klar funktioniert das. Nennt sich “Wirtschaftsmigration”. Aber da sind die rechten der Gesellschaft wieder bei “wasch mich, aber mach mich nicht nass”, denn das will man auch nicht. Wie sagt man den Leuten, dass wir uns schon entscheiden müssen, ob wir a) mehr Migration, b) sehr viele längere Wochen- und Lebensarbeitszeiten oder c) einer massiven Rezession lieber haben, ohne die ganze, schön-hässliches “Ausländer raus!”-PR der letzten Jahre wieder einzukassieren? Indem man Diskussionen um qualitative und quantitative Pseudoprobleme wie Bürgergeldbetrug, Teilzeitarbeit, Krankschreibungen anleiert und als Lösung jeweils möglichst wehrlose Kleinstgruppen zu Zielen von Springer-orchestrierten Hexenjagden macht.

Diese Diskussion hier ist ein Musterbeispiel: wie viel % der Teilzeit ist überhaupt so begründet, wie hier konstruiert? Ist das unter allen (Gerechtigkeits)problemen unserer Gesundheitsversorgung wirklich das entscheidende, oder auch nur der Rede wert? Wenn es hier erstens nur um eine vernachlässigbare Anzahl an Fällen geht (falls die Anti-Teilzeitler gelegentlich noch eine empirische Basis nachliefern würden), zweitens das pseudo-moralische Gerechtigkeitsargument ziemlich fragwürdig an den Haaren herbeigezogen ist, kann man drittens von gemeinwohlschädigenden und feigen Nebelkerzendebatten sprechen, die von der Lösung realer Probleme abhalten und ablenken sollen, weil die davon betroffenen sich leider wehren könnten.

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