LdN 459 - Verweigerung und die Folgen

Liebes Lage-Team,

erstmal vielen Dank, dass ihr meinen Post in der aktuellen Lage-Folge so ausführlich zitiert habt. Ist mir als langjähriger Hörer eine Ehre.

Ich möchte den von euch in der Lage andiskutierten Punkt einmal aufnehmen, auch wenn ich nach wie vor nicht davon überzeugt bin, dass es so sein würde, wenn der Ernstfall (Deutschland wird auf eigenem Territorium angegriffen) eintreten würde. Trotzdem finde ich das Gedankenexperiment spannend, auch wenn natürlich niemand weiß, wie er/sie und das Land/die Gesellschaft an sich reagieren würde.

Angenommen also, Deutschland wird angegriffen, muss sich verteidigen und ihr habt recht: Das Grundgesetz hält und die Verweigerung des Kriegsdienstes bleibt bestehen. Was glaubt ihr, würde dann passieren, wenn es nicht genügend Freiwillige gibt, die kämpfen wollen, bzw. alle Freiwilligen an der Front gestorben sind oder so verwundet sind, dass sie nicht weiterkämpfen können? Glaubt ihr wirklich, Deutschland würde dann kapitulieren und das Land unter fremde Besatzung fallen lassen? Wäre das für die Bundesregierung überhaupt möglich, die ja geschworen hat, „Schaden vom deutschen Volke abzuwenden“? Müsste man dann nicht doch Notstandsgesetze erlassen, die zum Kämpfen in irgendeiner Weise verpflichten?

Mich würde das wirklich interessieren, was in einem solchen Fall rechtlich möglich oder auch nicht möglich wäre. Vielleicht könnt ihr das hier oder in einer weiteren Lage-Folge mal erörtern/aufdröseln, was ihr denkt, wie das von euch angedachte Szenario weitergehen würde. Denn auch ihr geht ja, laut Aussage in der aktuellen Folge, davon aus, dass es nicht genügend Freiwillige geben wir und eine Wehrpflicht Zitat “schon in den nächsten ein zwei Jahren kommen wird”. Ich freue mich auf eure Antwort.

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Ich habe ja in dem anderen Thread geschrieben, dass bei einer entsprechenden politischen Stimmung eine Grundgesetzänderung durchaus für möglich halte. Allerdings halte ich es für sehr viel wahrscheinlicher, dass im Ernstfall eine sehr umfassende Dienstpflicht eingeführt wird, die allen möglichen Bereichen der sogenannten zivilen Verteidigung, wie kritische Infrastruktur, Logistik, Versorgung, Katastrophenhilfe etc. umfassen könnte. Inwieweit das auch Bereiche der Bundeswehr betreffen könnte, die nicht explizit militärisch sind, fände ich (verfassungs-)rechtlich durchaus interessant. So standen Zivildienstleistende auch in einem Dienstverhältnis mit dem Bund und das Bundesamt für Zivildienst hätte im sogenannten Ernstfall mehr oder weniger frei verfügen können, wo es diese einsetzt (ähnlich wie bei Beamten).
Vermutlich würde also auch im Kriegsfall niemand gezwungen werden, an einer Waffe oder in einem Kampfverband tätig zu werden. Aber der Übergang zwischen ziviler Verteidigung und nicht kämpfenden Teilen der Armee dürfte weniger festgeklopft sein. Und eins ist klar: ein Grundrecht, sich der zwangsweisen Einbindung in nicht-militärische Verteidigungsmaßnahmen zu entziehen, gibt es nicht. Das kann man richtig finden oder nicht, aber ich denke für die „warum soll ich was für diesen Staat tun“-Fraktion dürfte das durchaus relevant sein, auch wenn es qualitativ natürlich etwas ganz anderes ist als „für den Staat sterben“.
[Edit: Tippfehler]

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Bevor die Verweigerer eingezogen werden, werden alle bis 65 aktiviert, die bereits gedient haben. Die Verweigerer können aber auch für Sozialdienst eingezogen werden.
Ich sehe das nicht als hausgemacht, dass Verweigerern eine Waffe in die Hand gedrückt wird.

In den Folgen 458 und 459 wurde die Frage diskutiert, ob man sich im Kriegsfall „verziehen“ oder Kriegsdienst leisten sollte und dass es ja grundsätzlich die Möglichkeit der Kriegsdienstverweigerung gebe. Ich halte diese Argumentation für deutlich zu optimistisch und historisch wie realpolitisch für unvollständig.

Das Recht auf Kriegsdienstverweigerung ist in Deutschland noch nie unter realen Kriegsbedingungen erprobt worden. In den sogenannten Friedenszeiten der 1950er bis 1970er Jahre war eine Verweigerung trotz formaler Rechtslage nur unter extrem strenger Gewissensprüfung möglich. Wer diese Zeit kennt oder sich mit ihr beschäftigt hat, weiß: „Einfach verweigern“ war faktisch kaum machbar, es wurde äußerst hat geprüft und kaum Anerkannt. Es ist aus meiner Sicht naiv anzunehmen, dass dieses Recht im Ernstfall großzügiger ausgelegt würde als damals. Eher ist das Gegenteil zu erwarten: Je größer der militärische Bedarf, desto restriktiver die Auslegung. Das zeigt nicht zuletzt auch der Blick in die Ukraine, wo das Recht auf Ausreise und faktisch auch auf Verweigerung eines der ersten Opfer des Kriegsrechts war. Selbst unserer Gericht sehen es inzwischen so siehe Kommentar von Mpl1988 und Matder.

Hinzu kommt ein grundlegender Punkt, der mir in der Debatte oft fehlt: die saubere Trennung zwischen Staat und Bevölkerung. Wie Ole Nymoen regelmäßig betont: Staaten führen keine Kriege, Menschen tun es, gezwungen durch den Staat. Ein Staat kann sich nicht selbst verteidigen, er kann nur seine Bevölkerung dazu verpflichten. Damit stellt sich zwangsläufig die Frage nach dem sogenannten Sicherheitsversprechen des Staates. Dieses Versprechen lautet implizit: Der Staat schützt das Leben seiner Bürger. In dem Moment, in dem er dieses Leben massenhaft einfordert, bricht er dieses Versprechen. Ein Staat, der seine Bürger zwingt, für ihn zu sterben, verliert aus meiner Sicht das moralische Recht, genau dies zu verlangen.

Ich finde in diesem Zusammenhang die Aussage „Lieber unfrei als tot“ keineswegs zynisch, sondern rational. Wenn Freiheit per se wichtiger wäre als Leben, würden sich konsequenterweise alle Menschen in Diktaturen umzubringen – denn tot zu sein wäre dann besser als unfrei zu leben. Diese Logik ist offensichtlich absurd. Leben ist die Voraussetzung für jede Form von Freiheit, nicht umgekehrt.

Zudem wird häufig ein stark vereinfachtes Entweder-oder konstruiert: Entweder kämpfen wir und bewahren Demokratie und Freiheit, oder wir leben unter fremder Herrschaft in Unfreiheit. Dieses Framing blendet die Realität des Krieges vollständig aus. Im Kriegsfall gibt es kein gutes, freies Leben mehr – für niemanden. Diejenigen, die kämpfen müssen, sind tot, schwer verletzt oder dauerhaft traumatisiert. Diejenigen, die nicht kämpfen, sind unfrei, weil sie für die Kriegswirtschaft arbeiten müssen. Das Land selbst wird verwüstet, Infrastruktur zerstört, Lebensgrundlagen vernichtet. Wir schaffen es schon heute kaum, Brücken, Straßen und Netze instand zu halten. Wie soll das erst aussehen wenn hier erstmal alles Zerstört ist. Die Vorstellung, ein moderner Krieg auf deutschem Boden ließe sich irgendwie „durchstehen“, halte ich für blauäugig.

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Mir fällt es schwer, mir ein auch nur ansatzweise realistisches Szenario auszudenken, in dem diese Erwägung eine Rolle spielt.

Im russischen Angriffskrieg sind beispielsweise seit Kriegsausbruch gut 87.000 Soldaten ums Leben gekommen. Selbst wenn man Schwerverletzte, Gefangene und Vermisste hinzurechnet, reden wir immer noch über deutlich weniger als 200.000 Soldaten Verluste.

Im 2. Weltkrieg verzeichnete Deutschland etwa 4,3 Millionen tote und vermisste Soldaten. Eine gigantische Zahl. Aber der deutsche militärische Widerstand gegen die Alliierten ist nicht durch einen Mangel an Personen zusammengebrochen, sondern weil man diese Personen nicht mehr ausrüsten und ausbilden konnte. Am Tag der Kapitulation standen wohl immer noch ca. 8 Millionen deutsche Soldaten unter Waffen.

Da Deutschland wohl eher nicht sein eigenes Territorium, sondern das seiner Bündnispartner verteidigen muss, wird ein einigermaßen kompetent handelnder Staat wohl immer die dafür nötige Truppenstärke organisieren können – solange er das auch will.

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Die Ukraine kämpft einen territorialen Verteidigungskrieg und muss sich zusätzlich zu der aktiven Front noch gegen den Einmarsch von vier anderen Richtungen (Belarus, nicht umkämpfte Grenze zu Russland, Transnistrien, Schwarzes Meer) absichern.

Der Soldatenmangel ist in der Ukraine auch kein demographisches Problem. Insgesamt haben die ukrainischen Streitkräfte weniger als 1 Mio Soldaten im Dienst. Die Regierung könnte durch eine weitere Einberufung wohl ein vielfaches davon mobilisieren.

Problematisch ist dagegen eher, dass diese zusätzlichen Soldaten in dieser Zahl nur unzureichend ausgerüstet, ausgebildet und bezahlt werden könnten. Dem könnte Deutschland durch entsprechende Vorsorge (kompetent gestaltete Wehrpflicht, industrielle Kapazität) vorbeugen.

Bei einer Bevölkerung von gut 80 Mio Menschen sollte es auch bei einer hohen Rate von Kriegsdienstverweigerern relativ einfach möglich sein, ein paar Millionen davon zum Kriegsdienst einzuziehen. Allein die in den nächsten Jahren volljährig werdenden Jahrgänge haben Personenstärken von je knapp 800.000. Etwa 50 Millionen Menschen sind im grundsätzlich wehrfähigem Alter.

Ich finde bei den Leuten die sich verpissen ist es doch fraglich wie es dann weitergeht. In dem Land wo man sich hinverpisst wird aller voraussichtlich derzeitig Frieden herrschen. Wenn dieser Frieden in Gefahr ist, verpisst sich der Verpisser dann einfach weiter ins nächste Land?

Welches Land der Welt möchte solche Leute aufnehmen?

Ich finde das Verhalten des Verpissens zutiefst unsolidarisch, besonders denen gegenüber, die nicht einfach fliehen können oder wollen.

Wenn man diese Thematik mal etwas herunter-skaliert wird alles etwas klarer: Wie würde man sich verhalten wenn die eigenen Nachbarn z.B von einem Raub betroffen wären? Schnell durchs Treppenhaus verpissen? Oder abwägen wie schützenswert die Nachbarn sind?

Vielleicht ist meine Meinung naiv und dumm, aber wenn ich Unrecht sehe, dann ist mein Reflex zu helfen - egal ob ich da jemand kenne, mag oder nicht mag. Einen Angriffskrieg sehe ich als Unrecht an. Hier ist Moral und Solidarität gefragt. Wenn wir das nicht haben was für Werte vertreten wir eigentlich.

Hier wird von Vielen auch Verteidigung mit sterben oder töten gleichgesetzt, dies erscheint mir am Thema vorbei. Wenn man diesen Ansatz auf Autofahren überträgt, wäre Autofahren mit in einem Auto-Wrack verbrennen gleichzusetzen…..oder alternativ mit dem Überfahren von Unschuldigen gleichzusetzen.

Ich denke nicht, daß aus solchen Betrachtungen irgendwer sein Auto abgibt.

Dass 83,6 Mio Menschen in einem anderen Land eine Heimat finden werden stelle ich in Frage.

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Liebes Lage Team,

ich höre euch seit Jahren und habe noch nie etwas kommentiert, daher möchte ich bei dieser Gelegenheit erstmal Danke für eure Arbeit sagen!

Mein Kommentar bezieht sich auf das Gespräch mit Herrn Prof. Mau, bei dem er sagt, es gebe einen “großflächigen Trend” in der Abnahme der Opferbereitschaft, der nur durch einzelne politische Entscheidungen ein wenig verstärkt worden sei. Mir persönlich scheint das nicht richtig zu sein.
Ich selbst habe ein FSJ (früher Ziwi) gemacht und grade mein Medizinstudium beendet, alles mit dem Hintergedanken der Gesellschaft etwas zurückzugeben. Mich für Deutschland im Kriegsfall an der Front opfern, würde ich trotzdem nicht. Das lässt sich für mich auch leicht begründen: Dieser Trend, von dem Herr Prof. Mau sprach, besteht für mich nämlich aus unzähligen politischen Entscheidungen, die mich ernshaft an der Sinnhaftigkeit der Aufrechterhaltung dieses Systems zweifeln lassen (z.B.: wachsende Vermögensungleichheit → Interviews mit Frau Brorhilker verschaffen mir nächtliche Albträume, immer geringere vertikale gesellschaftliche Durchlässigkeit und natürlich vor allem Klima, Rente und Infrastruktur).
Dass es so einen Trend gibt sehe ich auch. Für mich schien es einfach so, als würde Herr Prof. Mau diesen Trend von politischen Entscheidungen entkoppeln, die meiner Meinung nach überhaupt erst zu dem Trend geführt haben. Meine Opferbereitschaft sinkt aufgrund dieser ungerechten politischen Entscheidungen. Nichtsdestotrotz ist mir natürlich bewusst dass die Demokratie in der wir leben immer noch besser ist als eine potentielle Diktatur unter einer besetzenden Macht.
Wollte ich nur mal loswerden,
LG Matti

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Insgesamt wurde schon deutlich ignoriert wie viele der Leute die nicht kämpfen würden auch in den diversen Threads beschrieben haben an welchen anderen Stellen sie sich engagieren in ihrem Umfeld.

Die Bereitschaft “etwas zu tun” wurde fast ausschließlich an der Bereitschaft gemessen ob man bereit ist wenn nötig an die Front zu gehen oder Ersatzdienst zu leisten.

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Aus meiner Sicht trägt der Vergleich mit dem Autofahren nicht vollständig, wenn er auch nicht ganz von der Hand zu weisen ist. In Deutschland sterben jährlich rund 3–4 Menschen pro 100.000 Einwohner im Straßenverkehr. In einem realen Krieg liegen die Todesinzidenzen um Größenordnungen höher: In der Ukraine sprechen selbst vorsichtige Schätzungen von mehreren Tausend Toten pro 100.000 Soldaten. Das ist kein abstraktes Risiko, sondern statistisch hochwahrscheinlicher Tod oder schwere Verstümmelung und selbst wenn man mit dem Leben davon kommt ist schwerste Traumatisierung noch wahrscheinlicher.

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Interessante Punkte. Dem Gedanken “lieber unfrei als tot” o.ä. kann ich im groben auch gut nachvollziehen. Unfrei ist nur leider ein “dehnbarer” Begriff. Unfrei wie die Bürger der DDR (was vielleicht viele bei einer Russland Besetzung denken) –> Super, das würde ich auch eher in Kauf nehmen als in den Krieg zu müssen.

Ich lese aktuell Bloodlands und dort wird die Hungersnot der Ukraine in den 30ern beschrieben. Es geht natürlich um unvorstellbaren Hunger, Kanibalismus und weitere schlimme Dinge die zu der Zeit passiert sind… Bei solchen Zuständen würde ich dem Satz nicht mehr zustimmen. Und die Möglichkeit schwieriger Zustände - willkürliche- Tötungen, Deportation, Misshandlungen, Gefängnis, -Vergewaltigungen, Erniedrigungen - werden mMn durch eine Besetzung eines unfreien / authoritären Staates erhöht. Nicht unbedingt unmittelbar, aber in den Jahren/Jahrzehnten danach. Aktuell ist die besetzte Ukraine das beste Beispiel und die o.g. Beispiele sind dort Realität (ich habe den Kindesraub vergessen).

Was ich damit sagen will; lieber unfrei statt tot impliziert für die meisten, dass alles so weiter geht und ich halt nicht mehr sagen darf, dass ich Politiker X,Y blöde finde. Oder dass ich keinen Alkohol mehr trinken darf, oder auch, dass ich bei kleinen Vergehen hart bestraft werde. Aber die Geschichte (auch die neuere) zeigt, dass es realistische Potenziale gibt, welche viele nicht auf dem Schirm haben, sich nicht vorstellen können was es bedeuten kann ODER die dazu führen, dass einzelne denken sie würden schon verschont (was übrigens exakt etwas ist, was Russland bewusst ausnutzt und befeuert).

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Ein weiterer Aspekt, der in der Debatte oft ausgeblendet wird, ist die reale Ausgestaltung von Unfreiheit. Auch sie ist kein abstraktes Konzept, sondern wird ganz konkret durch Menschen durchgesetzt. In der DDR ging die alltägliche Repression für die Bevölkerung nicht primär von sowjetischen Soldaten aus, sondern von deutschen Institutionen und deutschen Akteuren: von der SED, der Volkspolizei, der Stasi, von Nachbarn, Kollegen und Vorgesetzten. Unfreiheit funktioniert nicht, weil „die Russen“ allgegenwärtig wären, sondern weil Einheimische sie exekutieren. Das gilt historisch und würde auch in jedem denkbaren Besatzungsszenario gelten. Wer also argumentiert, unter fremder Herrschaft sei das Leben per se schlechter, muss ehrlicherweise berücksichtigen, dass Unterdrückung in erster Linie durch die eigene Gesellschaft organisiert wird – nicht durch eine permanente äußere Präsenz. Das macht sie nicht harmlos, aber es relativiert das einfache Bild vom allgegenwärtigen äußeren Feind und zeigt, dass die entscheidende Frage nicht nur lautet, wer herrscht, sondern wie Macht konkret ausgeübt wird.

Ein weiterer Punkt, der selten ehrlich benannt wird: In Umfragen sprechen sich regelmäßig mehr Menschen für Wehrpflicht oder Kriegsdienst aus, als im Ernstfall selbst bereit wären zu kämpfen. Besonders laut sind dabei häufig ältere Menschen oft mutmaßlich ohne eigene Kinder, die selbst nie in vergleichbaren Situationen standen. Dass ausgerechnet diese Generation nun erwartet, die Jüngeren – inklusive der „faulen Gen Z“ – sollten ihr Leben riskieren, damit politisch und gesellschaftlich möglichst wenig Veränderung stattfindet, empfinde ich als zutiefst unmenschlich. Das gilt im Übrigen genauso für Russland: Auch dort will die Bevölkerung nicht kämpfen und sterben, sie wird gezwungen.

Wenn man die moralische Logik vieler Kriegsbefürworter zu Ende denkt, wird ihre Absurdität besonders deutlich. Wenn es wirklich um persönliche Verantwortung, Ehre und Durchsetzungsfähigkeit geht, dann wäre es konsequent, Konflikte dort auszutragen, wo sie politisch verursacht werden. Man könnte zynisch vorschlagen, dass die entscheidenden Akteure – etwa Putin, Trump und Merz stellvertretend für ihre politischen Systeme – den Konflikt unter sich austragen, notfalls bis zum Tod, und der Gewinner gilt als Kriegsgewinner. Dieses Gedankenexperiment zeigt die Schieflage der Debatte: Diejenigen, die Entscheidungen treffen und rhetorisch zur Opferbereitschaft aufrufen, tragen selbst kein persönliches Risiko, während Millionen Unbeteiligter sterben sollen. Solange politische Konflikte nicht von denen ausgefochten werden, die sie verursachen, sondern von jungen Menschen, Familienvätern und -müttern, bleibt jede Rede von Pflicht, Ehre oder Verteidigung moralisch hohl.

Am Ende läuft vieles auf einen moralischen Appell hinaus: Man solle bereit sein, für Demokratie und Freiheit zu sterben. Für mich persönlich ist diese Entscheidung eindeutig. Ich bin nicht bereit, mein Leben und das meiner Familie für staatliche Symbole, Machtfragen oder die Fortsetzung bestimmter politischer Karrieren zu opfern. Das hat nichts mit mangelnder Wertschätzung für demokratische Prinzipien zu tun, sondern mit einer nüchternen Prioritätensetzung.

Ja, mir ist bewusst, dass es sich dabei spieltheoretisch um ein klassisches Gefangenendilemma handelt. Aber dieses abstrakte Modell rechtfertigt aus meiner Sicht nicht, reale Menschenleben aufs Spiel zu setzen. Insbesondere nicht, wenn man selbst als junger Vater darüber nachdenkt, im schlimmsten Fall neben dem eigenen Sohn im Schützengraben zu liegen und zu sterben.

Der Krieg muss um jeden Preis verhindert werden. Wenn ein Staat daran scheitert, dann hat er sein Sicherheitsversprechen gegenüber seinen Bürgern gebrochen – und damit auch jedes moralische Recht, sie zur Verteidigung dieses Staates zu zwingen.

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Ich bin enttäuscht.

In der Folge bleiben im Wesentlichen zwei Punkte hängen: der Hinweis auf die verfassungsrechtlich gesicherte Kriegsdienstverweigerung und die Deutung, starke Ablehnung von Wehrdienst sei vor allem Ausdruck nachlassender Identifikation mit dem Gemeinwesen, insbsondere Linker. Aus meiner Sicht greift das deutlich zu kurz.

Im Thread ging es um weit mehr: um rechtliche Fragen jenseits der bloßen Verweigerung (z.B. geschlechtsneutrale Modelle, Alternativen zur Wehrpflicht, wie leicht kann man denn Verweigern), um die moralische und philosophische Konsistenz Eurer Kant-Bezüge, um sicherheitspolitische Alternativen jenseits des Framing „kämpfen oder untergehen“ – und besonders auch um Euren Tonfall und Euer eigenes Framing in der Debatte.

Was mich enttäuscht, ist nicht, dass Ihr eine klare Position vertretet – das erwarte ich sogar –, sondern dass all die inhaltlich fundierte Kritik aus der Community im Nachgang vor allem in eine Diagnose „abnehmende Solidarität“ bzw. „Entsolidarisierung der Linken“ übersetzt wurde. Damit verschwinden zentrale Argumente fast vollständig, es fehlt Selbstreflexion.

Ich hätte mir mehr Demut gewünscht: die Bereitschaft, das eigene Framing zu hinterfragen, Alternativen zur Wehrpflicht ernsthaft zu diskutieren (gern auch mit externen Stimmen aus Friedens- und Konfliktforschung) und offen zu benennen, wo Argumente aus der Community zumindest nachvollziehbar waren – auch wenn man am Ende bei einer anderen Position bleibt.

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Hallo ihr Lieben,

also ich versteh die Aufregung nicht. Zu einem gibt es einfachere Mittel das Kämpfen zu vereinfachen. In der Schweiz wird versucht die Verweigerung zu erschweren und das läuft unterhalb der Verfassungsänderung. Hier geb ich den Host recht; abgeschaft wird die Verweigerung nicht, aber faktische ausgehöhlt.

Allerdings verhökern wir unsere Demokratie gerade an rechte Autokraten und die jetzige Regierung, vorallem Dobrindt, hübschen den Sicherheitsapperat auf und kann dann schlüsselfertig an Thiel undVance übergeben werden. Aber Angst haben wir vor einer russischen Invasion….auf Deutschland……wo Atomwaffen lagern…..echt?

Zuletzt höhre ich seit Jahrzehnten, das die Reichen sich verpissen, wenn Vermögensteuer kommt oder Erbschaft, oder, oder, oder. Gegangen sind die wenigsten und hier wird nie von der Moral geredet. Naja, ich bin bald eh zu alt für alles und dadurch wäre ich vielleicht der bessere Soldat.

Gruss

H.

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Liebes LdN-Team, da ihr das Thema in der Tiefe beleuchtet, wäre ich für folgenden Aspekt dankbar gewesen: Früher gab es ja mal die sog. “Gewissensprüfung” (ich weiß aus eigener Erfahrung wovon ich hier spreche). Dieses entwürdigende Verfahren über notfalls mehrere Instanzen ging ja oft auch nicht gut aus, und man musste trotz Verweigerung zum Bund (ich hatte Glück in der 2. Instanz). Jedenfalls könnte nach meinem Kenntnisstand dieses vor vielen Jahren abgeschaffte Verfahren auch ohne Grundgesetzänderung wieder eingeführt werden. Angesichts der sich ständig zum schlechteren verändernden politischen Mehrheitsverhältnissen dürfte so etwas nicht unwahrscheinlich sein, und man braucht wenig Fantasie um sich auszumalen, wie eine solche Gewissensprüfung im Krisenfall ausfallen würde.
Wenigstens eine kurze Erwähnung dieser Problematik hätte ich erwartet anstelle der etwas pauschalen Aussage “ist doch kein Problem, man kann ja verweigern statt sich zu verpissen”.

Und auch wenn’s thematisch nicht hierher passt (aber zum Thema “Pauschalaussagen”): Wenn man sich z.B. mit der Machbarkeit einer Heizungsumstellung (Wärmepumpe) mal im Detail beschäftigt, tauchen doch eine Vielzahl von Problemen (finanzieller und technischer Natur) auf, über die im Podcast für meinen Geschmack etwas zu “nonchalant” hinweggegangen wird. Fakt ist: Wenn die Gasheizung im Herbst kaputt geht, friert man im Winter und hat im Frühjahr vlt. ne Wärmepumpe
Viele Grüße

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Ich hatte das am Ende des Interviews so wahrgenommen, dass eine Abwägung verhandelt wurde, ob die mangelnde Enthusiasmus für Solidarität auf Bundesebene nun auf die vielen unfairen politischen Weichenstellungen der letzten Dekade(n), oder auf eine übergeordneten kulturellen Veränderung zurückzuführen sei. Ich finde das eine seltsame Betrachtung, weil diese beiden Ebenen sich doch gegenseitig prägen und bedingen.

Die praktischen politischen Entscheidungen prägen die Kultur. Und die (neoliberal geprägte) Kultur führt zu politischen Entscheidungen die imho häufig eher einer quartalsorientierte BWL Ratio folgen. Ich meine, wir haben einen Blackrock Aufsichtsratvorsitzenden zum Bundeskanzler gemacht.

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Wie eigentlich fast immer habt ihr alle Seiten zu Wort kommen lassen und dann doch auch eure Einstellung ziemlich lange beschrieben.

Was aber echt fehlt, ist, dass ihr versäumt habt, die riesige Chance, die sich jetzt für die jüngere Bevölkerung bietet, hervorzuheben und zwar: So, liebe Gesellschaft, die seit Jahren/allmählich Jahrzehnten eine Solidaritätseinbahnstraße von jung zu alt lebt, jetzt wollen wir auch etwas zurück bekommen.

Und zwar: Wenn ihr, Gesellschaftsmehrheit und das Parlament sich schon für die Wehrpflicht entscheidet, dann nur, wenn ZUGLEICH die Ausgaben für Bildung und Forschung (und Zukunft) bei Bund, Ländern und Kommunen VERDOPPELT WERDEN in den nächsten 4 Jahren. Woher das Geld kommen soll? Na klar: VON ALT ZU JUNG: Also von Vermögen und Erbschaften zu Schulen, Schulpersonal, Universitäten und Fortbildungseinrichtungen usw.

Kurzer Hinweis: Florence Gaub, die Forschungsdirektorin der NATO Militärakademie in Rom und Expertin auf dem Gebiet der Sicherheit und Konflikte beschreibt, dass junge Erwachsene auf die Frage “Würdest du den Militärdienst machen, um dein Land zu verteidigen?” DEUTLICH SELTENER mit Ja antworteten, als bei der Frage “Würdest du den Militärdienst machen, damit wir alle eine gute Zukunft haben?”

So, und genau darum geht es: Es muss sich nicht unbedingt für den Einzelnen aber eben für UNS ALLE lohnen, für diese Gesellschaft einzutreten. Und deswegen brauchen wir klare Handlungen und Entscheidungen, die junge Menschen endlich angemessen und gerecht berücksichtigen.

Und da sind die jungen Menschen aktuell in einer sehr guten Verhandlungsposition: Schafft endlich die unfaire Behandlung von Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen ab, dann setzen wir uns auch für die Gesellschaft ein. Das ist nicht egoistisch sondern FAIR!

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Ich habe die Diskussion letzte Woche schon verfolgt und fand viele Argumente schwer nachvollziehbar…Der Grund hierfür ist, dass man der CDU/CSU und der AfD die perfekten Argumente liefert, Kriegsgeflüchteten kategorisch die Einreise zu verweigern.

Nehmt alle Argumente, die ihr gegen das „Verpissen“ vorgebracht habt, und erklärt mir bitte, warum Deutschland dann noch Geflüchtete aus der Ukraine oder anderen Kriegsgebieten aufnehmen sollte. Nach eurer Argumentation sind das alles egoistische Menschen, die keine demokratischen Werte vertreten oder diese nicht wichtig finden, sich aus ihrem Land „verpissen“ und ihre Gemeinschaft im Stich lassen. Jede:r von denen könnte dem eigenen Land auch helfen, ohne zur Waffe zu greifen.

Mit dieser Argumentation habt ihr die Büchse der Pandora geöffnet.

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