Ein weiterer Aspekt, der in der Debatte oft ausgeblendet wird, ist die reale Ausgestaltung von Unfreiheit. Auch sie ist kein abstraktes Konzept, sondern wird ganz konkret durch Menschen durchgesetzt. In der DDR ging die alltägliche Repression für die Bevölkerung nicht primär von sowjetischen Soldaten aus, sondern von deutschen Institutionen und deutschen Akteuren: von der SED, der Volkspolizei, der Stasi, von Nachbarn, Kollegen und Vorgesetzten. Unfreiheit funktioniert nicht, weil „die Russen“ allgegenwärtig wären, sondern weil Einheimische sie exekutieren. Das gilt historisch und würde auch in jedem denkbaren Besatzungsszenario gelten. Wer also argumentiert, unter fremder Herrschaft sei das Leben per se schlechter, muss ehrlicherweise berücksichtigen, dass Unterdrückung in erster Linie durch die eigene Gesellschaft organisiert wird – nicht durch eine permanente äußere Präsenz. Das macht sie nicht harmlos, aber es relativiert das einfache Bild vom allgegenwärtigen äußeren Feind und zeigt, dass die entscheidende Frage nicht nur lautet, wer herrscht, sondern wie Macht konkret ausgeübt wird.
Ein weiterer Punkt, der selten ehrlich benannt wird: In Umfragen sprechen sich regelmäßig mehr Menschen für Wehrpflicht oder Kriegsdienst aus, als im Ernstfall selbst bereit wären zu kämpfen. Besonders laut sind dabei häufig ältere Menschen oft mutmaßlich ohne eigene Kinder, die selbst nie in vergleichbaren Situationen standen. Dass ausgerechnet diese Generation nun erwartet, die Jüngeren – inklusive der „faulen Gen Z“ – sollten ihr Leben riskieren, damit politisch und gesellschaftlich möglichst wenig Veränderung stattfindet, empfinde ich als zutiefst unmenschlich. Das gilt im Übrigen genauso für Russland: Auch dort will die Bevölkerung nicht kämpfen und sterben, sie wird gezwungen.
Wenn man die moralische Logik vieler Kriegsbefürworter zu Ende denkt, wird ihre Absurdität besonders deutlich. Wenn es wirklich um persönliche Verantwortung, Ehre und Durchsetzungsfähigkeit geht, dann wäre es konsequent, Konflikte dort auszutragen, wo sie politisch verursacht werden. Man könnte zynisch vorschlagen, dass die entscheidenden Akteure – etwa Putin, Trump und Merz stellvertretend für ihre politischen Systeme – den Konflikt unter sich austragen, notfalls bis zum Tod, und der Gewinner gilt als Kriegsgewinner. Dieses Gedankenexperiment zeigt die Schieflage der Debatte: Diejenigen, die Entscheidungen treffen und rhetorisch zur Opferbereitschaft aufrufen, tragen selbst kein persönliches Risiko, während Millionen Unbeteiligter sterben sollen. Solange politische Konflikte nicht von denen ausgefochten werden, die sie verursachen, sondern von jungen Menschen, Familienvätern und -müttern, bleibt jede Rede von Pflicht, Ehre oder Verteidigung moralisch hohl.
Am Ende läuft vieles auf einen moralischen Appell hinaus: Man solle bereit sein, für Demokratie und Freiheit zu sterben. Für mich persönlich ist diese Entscheidung eindeutig. Ich bin nicht bereit, mein Leben und das meiner Familie für staatliche Symbole, Machtfragen oder die Fortsetzung bestimmter politischer Karrieren zu opfern. Das hat nichts mit mangelnder Wertschätzung für demokratische Prinzipien zu tun, sondern mit einer nüchternen Prioritätensetzung.
Ja, mir ist bewusst, dass es sich dabei spieltheoretisch um ein klassisches Gefangenendilemma handelt. Aber dieses abstrakte Modell rechtfertigt aus meiner Sicht nicht, reale Menschenleben aufs Spiel zu setzen. Insbesondere nicht, wenn man selbst als junger Vater darüber nachdenkt, im schlimmsten Fall neben dem eigenen Sohn im Schützengraben zu liegen und zu sterben.
Der Krieg muss um jeden Preis verhindert werden. Wenn ein Staat daran scheitert, dann hat er sein Sicherheitsversprechen gegenüber seinen Bürgern gebrochen – und damit auch jedes moralische Recht, sie zur Verteidigung dieses Staates zu zwingen.