[LdN 455] Kommunikation des Kanzlers - Merz kann es einfach nicht

Ein weiteres Beispiel einer sehr raffinierten Kommunikationsstrategie: schon vor einem Koalitionstreffen verkünden, was da entschieden werden wird. Da haben sicher alle Teilnehmer des Treffens das Gefühl, an einer sinnvollen Veranstaltung teilzunehmen, auf der auch Kritik ausgetauscht und ernstgenommen wird…

Dank Internet ist so etwas halt gleich in der Welt und wir haben keine Ahnung, was es dort bewirkt.
Journalisten, die von der Klimakonferenz berichten, erzählten, dass sie abends ein Bier trinken gegangen sind, die Leute am Tisch fragten, wo sie herkommen - Deutschland - und die Blicke sich gleich verfinsterten. Und sie erst mal erklären mussten, dass sie die Meinung des Kanzlers nicht teilen.
Hätte er die deutsche Breze gelobt, wäre das vermutlich ganz anders rübergekommen, denn die ist auch weltweit respektiert. Hätte er es dann noch mit einem Kompliment für den Gastgeber verbunden, wäre das eines Kanzlers würdig gewesen.
„Ich war gerade in Angola, das Buffet war wirklich reichhaltig und ich wusste gar nicht was ich zuerst essen soll. Aber zu Hause am Frühstückstisch wurde mir wieder bewusst, was für ein tolles Frühstück eine richtig gute Breze ausmacht.“ oder so ähnlich.

Der Schuldige ist dann auch schon gefunden, wenn es anders kommt: „die SPD“, die wieder mal querschießt.

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Merz ist ein riesiger Alman. Aber das wussten wir. Ich frage mich, ob es nicht noch almanhaftiger ist, darüber jetzt Artikel zu schreiben…Das nervigste an unserer Kultur ist doch nicht das überschwängliche und unzutreffende Lob aufs eigene Brot, sondern dass sich über alles aufgeregt wird.

Das Problem mit deiner Argumentation ist, dass auf die Beleidigung eines Staatschefs von seinem Volk als Beleidigung und Herabwürdigung eines Staates verstanden wird.

Erinnere dich an Trump vs Selensky im Februar. Das war nicht nur erschreckend weil es die Ukraine unter den Bus warf. Sondern auch weil die Beleidigung des Staatschefs eine Beleidigung des Staates ist.

Und Melnyk hat nun wirklich nicht nur höflich auf Waffenlieferungen und die Einhaltung von Völkerrecht gepocht. Melnyk ist regelmäßig in Social Media beleidigend geworden und hat letztlich auch den Bundeskanzler als beleidigte Leberwurst bezeichnet. Der Ex-Diplomat Freiherr von Fritsch selbst hat Melnyk zum Ende deutlich für seine undiplomatische Rhetorik kritisiert. Soetwas mache man als guter Diplomat nicht. So höre garantiert niemand zu. Melnyks Glück war, dass die deutschen Medien auf seinen Stil so abfuhren, wie auch auf Lauterbach während Corona. Ohne die Rolle der Presse wäre der auch sicher nie Minister geworden (aka niemand in Verantwortung hätte ihm zugehört).

Du kannst also schwerlich behaupten, dass Klartext wie von Melnyk die Aufgabe von Botschaftern wäre. Insgesamt wirkt es, als würdest du hier doppelte Standards aufbauen.

Apropos,

Also, ich habe die Grünen gewählt, aber nicht für diese Form der Politik, sondern aus anderen Gründen (vor allem Habeck, Klimapolitik und die Hoffnung auf mehr Generationengerechtigkeit sowie die Hoffnung auf soziale und professionelle Korrektur durch die SPD als Koalitionspartner). Und ich bin mir nicht sicher, ob sie da Mehrheiten im Rücken hatten. Es war auch, logischerweise, nicht klar, dass sie Außenministerin wird und die Koalition Außenpolitik in ihrem Sinne umsetzen werden.

… Die Grünen wurden sicher nicht überwiegend gewählt um unsere bedeutendsten Handelspartner zu beleidigen. Und ich finde es anmaßend aus einem Wahlergebnis abzuleiten, dass jmd. für eine bestimmte Einzelmaßnahme gewählt wurde. Das hat mich seinerzeit bei der FDP aufgeregt als sie so den Wiedereinstieg in die Atomkraft begründeten und ich finde es auch jetzt wieder völlig abwegig.

Aber lass uns bitte nun wieder langsam zum Thema zurückkehren.

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Wer waren diese Journalisten und wo haben sie das berichtet?

Sowohl Baerbock als auch insbesondere Melnyk wurden doch aber medial stark kritisiert. Wo ist da jetzt das Argument?

Außerdem ist Kritik an Politikern doch fast immer auch gefärbt von politischen Überzeugungen. Überrascht es dich wirklich, dass diejenigen, die Baerbocks Politikstil vllt eher nahestehen, Merz tendenziell etwas kritischer sehen und umgekehrt?

Dieses hinweisen auf vermeintliche Inkonsistenzen oder Doppelmoral in Bezug auf die Kritik ist eine Diskussionsebene die zu nichts führt. Da geht es gar nicht mehr um das Argument und den eigentlichen Inhalt.

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Auf den Punkt: Was die Weltklimakonferenz gebracht hat
Starten bei: 00:08:47

Webseite der Episode: SZ-Podcast: Was die Weltklimakonferenz gebracht hat - Politik - SZ.de

Mediendatei: https://audio.podigee-cdn.net/2205110-m-1e08d6cb9d9a1b3029f774b7caeada57.mp3?source=feed#t=527

Das ist natürlich der Maßstab für Diskussion, dass irgendwer in einer Kneipe irgendeine Reaktion (verfinsterter Blick) bekommt.

Ich war zufällig schon mal beruflich in Barcarena und auf dem Weg dorthin in Belem und die Stadt ist nicht besonders attraktiv (lesen als: heruntergekommen). Man muss ähnlich verkraften, wenn jemand Duisburg als hässlich bezeichnet (auch wenn ich dort viele schöne Orte kenne). In Duisburg wird man in der Kneipe für die Äußerung ebenfalls den verfinsterten Blick treffen, aber jeder weiß, dass es schlicht so ist.

Daraus zu schließen, dass das Ansehen im Ausland nachhaltig beschädigt wird, ist ehrlich absurd.

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Zitat:
„das kann man gar nicht zu klein schätzen, was der Kanzler da an Schaden angerichtet hat“

Du magst das anders bewerten, das ist allerdings die Aussage des Journalisten.

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Es gibt allerdings wohl auch dutzende Zeitungen in Brasilien, die die Äußerungendes Kanzlers in Kommentaren und Karikaturen aufgreifen. In aller Regel nicht sehr freundlich. Ich würde aber zustimmen, dass der Schaden für sich genommen regelbar wäre. Von daher müaste man sich über diesen einen Fehltritt nicht so ärgern.

Wenn man nicht wüsste, dass nächste Woche bis nächstes Quartal fest mit einen neuen unnötigen, leicht vermeidbaren Nebensatz mit Nebenwirkungen vom Kanzler zu rechnen ist. Nicht weil das Publikum wenig wohlwollend ist (ist es zu großen Teilen wegen früherer, allseits bekannter Aussagen), sondern weil Merz sich einfach nicht in Griff hat.

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Ja, das sehe ich auch so, er stolpert sehr häufig in absolut unnötige Tölpeleien, das kann ich auch mit zwei zugedrückten Augen nicht leugnen.

Mir geht es nur darum, dass quer durch die politische Landschaft solche Banalitäten über Inhalte gestellt werden. Jeder geifert auf den nächsten kleinen Fehler von irgendwem, um dann zu versuchen mit der Brechstange daraus politisches Kapital zu schlagen. So macht man keine Politik, so stärkt man nur Lagerbildung und jegliche inhaltliche Diskussion relevanter Themen ist egal. COP ist ein sehr gutes Beispiel. Anstatt über Ergebnisse und unterschiedliche Erwartungen der Teilnehmer, wird ein Großteil der Diskussion und Berichterstattung für diesen Unsinn blockiert.

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Das ist aber dann wieder eine Mitschuld der Regierung, womit wir wieder bei der Kommunikation von Friedrich Merz sind. Warum lenkt er die öffentliche Diskussion nicht in diese Richtung?
Im allgemeinen hat man das Gefühl, er ist froh, wenn er nichts erklären, begründen oder beschreiben muss. Und wenn dann mal Kritik kommt, reicht es auch nur für ein „das kann doch nicht euer Ernst sein“. Er ist nicht CEO einer GmbH, sondern Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland. Natürlich muss man sich in diese Rolle finden. Bei Merz wird aber immer offensichtlicher, dass er das gar nicht will

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Ein Stück weit ist das so. Die Kleinigkeit versteht jeder (oder glaubt es wenigstens) und sie passt in die 30 Sekunden Aufmerksamkeitsspanne. Aber zunindest im DLF, SZ und FAZ hab ich die Berichterstattung über Inhalt und Verlauf der COP als deutlich ausführlicher und breiter wahrgenommen. Sind leider nicht die Orte, an denen öffentlicher Diskurs für die meisten stattfindet, fürchte ich. Von Discord bis Instagram stimmt deine Beobachtung vermutlich.

Meine persönliche Erfahrung ist aber, dass sehr viele Menschen echte Einsicht und Entschuldigung ziemlich bereitwillig akzeptieren und zum Alltag übergehen. Weil Merz weder das eine noch das andere aufrichtig hinbekommt (man kann unterstellen, dass hier von MAGA ubd AfD abgeschaut wurde), kochen Debatten immer weiter und überlagern anderes. Es sind halt nicht nur die Ausrutscher, sondern auch der Umgang damit (Mustergültig in der Stadtbild-Debatte). Einsicht und die Bitte um Entschuldigung sind meist auch für einen selbst unangenehm, das kann helfen, nicht immer die gleichen Fehler zu machen.

A

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Mein Punkt in dieser Diskussion war, dass ich die Empörung über Merz hier für scheinheilig halte. Klar, Baerbock wurde kritisiert. Die Kritik an Melnyk habe ich dagegen wohl verpasst – sie kam erst sehr spät und gegen Ende seiner Amtszeit in Deutschland. …

Nein, natürlich überrascht mich das nicht wirklich. Aber mich nervt dieser Drang, Gleiches ungleich zu behandeln, nur weil mir eine Haltung oder Person sympathisch ist und eine andere nicht. Mir ist natürlich bewusst, dass das ein Überbleibsel aus unserer Urgeschichte ist – Gruppenzugehörigkeit war überlebenswichtig, und deshalb ist man den eigenen Leuten gegenüber verzeihender, denn wenn man verstoßen wird, steht man allein da. Aber ich finde man sollte das durchaus auch benennen und Inkonsistenzen in Positionen aufzeigen.

Denn nur dann können diese Personen sich darüber bewusst werden und möglicherweise persönlichen Bias beim nächsten Mal hinterfragen. Bei der Schaffung eines fairen Umgangs miteinander kann das nur helfen.

Laut

hat es Merz mit einer Belem-Aussage bis in die brasilianischen Abendnachrichten geschafft. Und der Bürgermeister von Rio hat es öffentlich mit wüsten Beschimpfungen von Merz als

„Sohn von Hitler! Mistkerl! Nazi!“

quittiert. Er löschte seinen Post später und rief zu Freundschaft zwischen Deutschland und Brasilien auf.

Die Aussage von Merz hat also bereits für Empörung gesorgt. Andererseits könnte man sich auch über die heftige Beschimpfung von Merz aufregen…

Melnyk hat aber in diesem Fall nicht die reguläre Aufgabe eines Botschafters ausgeführt, sondern war eher so eine Art Marktschreier der sicher einen großen Anteil daran hatte, dass das Thema Ukraine besonders präsent in den Medien blieb. Kritik gab es genug, aber vieles von seinem gepolter führte eben auch zu inhaltlichen Diskussionen. Er war also in diesem Fall sehr wohl erfolgreich und da galt wohl der Zweck heiligt die Mittel. Und trotzdem ist das ein falsches Beispiel weil wir hier als Deutsche ja nicht entscheiden können wer ukrainischer Botschafter wird, nichtmal indirekt.

Die Grünen haben schon vor der Wahl sehr deutlich gemacht, dass sie das was in China, Russland, Saudi Arabien oder auch den USA passiert nicht unkritisch sehen und waren bei vielen Themen ja auch vor der Regierungsbeteiligung diejenigen die am kritischsten waren. Ich würde also schon sagen, dass es ganz klar zu ihrem Programm gehörte wenn möglich auch solche Themen in ihre Politik einzubeziehen.

Bei Merz dagegen geht es doch nicht darum, dass er hier irgendeine sinnvolle Agenda verfolgt. Er muss nicht in Angola für deutsches Brot werben, es bringt ihn nicht weiter brasilianische Städte zu verunglimpfen und es hätte sehr einfache Möglichkeiten gegeben das was er sagen wollte auch diplomatischer zu formulieren. Dann hätte sich niemand gestört fühlen können und die Bäckerinnung wäre dennoch happy über das Lob für das deutsche Brot.

Und dafür, dass er in der Union immer wieder als herausragender Rhetoriker bezeichnet wird macht er auf diesem Gebiet einfach viel zu viel falsch. Das war vorher ja auch bei der Stadtbilddiskussion deutlich zu sehen wo er auch eine Formulierung hätte wählen können die nicht der AfD in die Karten spielt, mit der er aber genau das hätte rechtfertigen können was er rechtfertigen wollte.

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Und doch hatten Sie nur China angesprochen.

USA und Saudi Arabien wüsste ich jetzt nichts.

Und Russland ist ja wirklich einfach zu kritisieren.

Nur kurz, weil Off-Topic, aber es wurden in Trumps erster Amtszeit genug Aussagen getroffen die dafür waren hier auch kritisch zu bleiben und sich was (Handels)Partner angeht breiter aufzustellen. Und auch bei Russland hat man schon vor 2022 als einer der wenigen immer wieder die Abhängigkeit kritisiert. Und auch zu Saudi Arabien gab es etliche Aussagen.

Wer also Grün gewählt hat und sich mit deren Aussagen im Vorfeld befasst hat konnte sehr wohl erwarten, dass man gegenüber diesen Ländern kritischer Auftreten wird als andere Parteien.

Ob man als Merzwähler, der ja immer wieder von der Union als brillianter Rhetoriker geframed wird erwarten konnte, dass er rhetorisch in jedes mögliche Fettnäppfchen springt, würde ich jetzt eher bezweifeln. Allerdings muss man fairerweise sagen, dass jeder der Merz noch aus seiner Zeit vor dem vorübergehenden Rückzug kannte sehr gut wissen musste was einen hier erwartet.

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Man muss halt auch mal aushalten können. Empörung ist meist performativ, weil man damit kurz und einfach Sendezeit bekommt. Im Job sitze ich das Theater aus und zwei Stunden später ist es vergessen. Genau so funktioniert das auch hier.

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Ich finde, dass man natürlich nicht über jedes Stöckchen zwecks Aufmerksamkeitsökonomie usw. springen sollte, man aber durchaus darüber reden sollte, wie man über relevante Stöckchen springt.

Bin absolut kein Fan von Precht, aber bei der Stadtbild Debatte hat er angemerkt, dass man, anstatt sich maßlos zu empören, die Aufmerksamkeit und Anstrengungen viel mehr auf die Anschlussfrage lenken sollte, wie Merz denn in seinen 4 Jahren als Bundeskanzler gedenkt, dieses von ihm angesprochene Problem effektiv zu lösen.

Man stelle sich vor, dass die Empörung nahezu ausgeblieben wäre und es nur um diese Anschlussfrage gegangen wäre. Das wäre eine sehr viel konstruktivere Debatte gewesen und hätte vor allem Merz ernsthaft in Erklärungsnot gebracht. Ich weiß nicht, wie ihr das seht, aber ich habe diese konstruktive Debatte leider nicht wahrgenommen.

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In meinen Augen war die nicht möglich. Merz hat sich ja interpretationsoffen vage gehalten und auch auf Nachfrage nicht präzisiert. Wie soll man da also Merz stellen, wenn er danach abstreiten wird, es so gemeint zu haben, wie es ihm zum Nachteil ausgelegt wird.

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