Host-Zitat: “Es ist nicht so ganz klar, wie sie das meint.”
Der mit “Deutschland: AfD gewinnt bei Kommunalwahlen in NRW” betitelte Podcast-Beitrag enthielt einige Unschärfen und Widersprüchlichkeiten.
Richtig ist zunächst m. M. n., dass das Thema ‘Migrationsabwehr’ mit weitem Abstand ausschlaggebend fürs Wählen der rechtsextremen AgD war. Erhebungen haben schließlich immer wieder fremdenfeindliche Einstellungen für diese Wählerklientel (manifest und latent 94 %) belegt, was auch im Einklang mit der von Julia Reuschenbach angeführten Umfrage nach dem wichtigsten Thema steht.
Es geht also nicht um Protest, weil man mehr soziale Gerechtigkeit o. dgl. wünscht, wie auch Studien immer wieder gezeigt haben, z. B.:
Eine Studie des Teams um die Zürcher Politologin Silja Häusermann zeigt, dass die Wählerschaft der AfD sozioökonomische Ungleichheiten offenbar nicht als besonders problematisch empfindet. Unterschiede beim Einkommen oder beim Bildungsniveau werden also akzeptiert.
Wer wenig hat, ist selbst schuld. Ein universalistischer Wohlfahrtsstaat […] kann jedenfalls Studien zufolge zu einer Verfestigung der Unterstützung von […] rechtsextremen Parteien beitragen.
https://archive.is/mwVER
Auch eine aktuelle Infratest-Dimap-Umfrage für Sachsen-Anhalt, bei der 37 Prozent (bei 39 Prozent, die angaben, die AgD wählen zu wollen), wollen, dass die AgD die nächste Regierung führt, macht sehr deutlich, dass in der Klientel kaum Protestwähler sind.
Reuschenbach erwähnt dann noch den Forschungsstand, den auch schon Christian Stöcker in seiner Spiegel-Kolumne folgendermaßen beschrieben hat:
Es ist empirisch vielfach nachgewiesen, dass die Übernahme populistischer Positionen nur den Populisten nützt: Anpassungsstrategien verringern die Unterstützung für Rechtsradikale nicht.
Dass diese Übernahme nicht funktioniert, war - soweit richtig im Podcast analysiert - an den letzten Wahlergebnissen (u. a. der Bundestagswahl) klar zu erkennen.
Dann aber wird’s problematisch und die Podcast-Auseinandersetzung wird spekulativ und wenig nachvollziehbar, wenn die These vertreten wird, man könne ja das Thema Migration differenzierter vertreten, um der rechtsextremen AgD Stimmen abzujagen.
Offensichtlich sollte doch sein, dass die issue ownership bei der AgD bliebe. Und warum sollten AgD-Wähler sich von weniger krassen Angeboten überzeugen lassen, wenn sie es bisher nicht getan haben? Das ist in sich widersprüchlich und nicht durch Wahlergebnisse oder auch nur Umfragen gedeckt.
Daher steht diese These auf sehr tönernen Füßen.
Auch die Übernahme des von Rechten geprägten, verharmlosenden Begriffs “migrationskritisch” ist in diesem Zusammenhang zu hinterfragen.
Schließlich noch eine kritische Anmerkung zum ‘Hochjazzen’ des AgD-Problems im Hinblick auf die Kommunalwahl in NRW:
Fragwürdig sind m. E. ganz grundsätzlich Formulierungen wie “drittstärkste Kraft”, denn sie sind ungenau und sagen über die Größe des Problems nichts aus. Es kann sich nämlich z. B. um ein Viertel oder auch um ein Siebtel handeln.
Richtig ist, dass die rechtsextreme AgD bei der Kommunalwahl wohl nicht überall angetreten ist. Um das Ausmaß dessen zu ermessen, müsste man aber erst mal quantifizieren, wie oft das der Fall war.
Bei der Kommunalwahl kam die AgD in NRW auf 14,5 Prozent. Bei der Bundestagswahl vor einem halben Jahr kam die AgD in NRW auf 16,8 Prozent. Diese Diskrepanz könnte am nicht flächendeckenden Antreten bei der Kommunalwahl liegen.
Das AgD-Wählerpotenzial wäre dann aber in NRW nicht etwa gestiegen, sondern gleich geblieben.
Das Bundestagswahlergebnis der AgD in NRW war das zweitniedrigste der Flächenländer.
https://de.statista.com/statistik/daten/studie/1559268/umfrage/ergebnis-bundestagswahl-bundeslaendern/
Daher erscheint es mir überzogen, ausgerechnet NRW als (sonderlich) dramatisch darzustellen.