LdN 407: Kalte Progression - Mythos?

Hallo,

Zitat Philip aus der aktuellen Folge bei 00:40:15

"… es gibt 2 % Inflation und dann entscheidet sich ein Unternehmen zu sagen ‚gut dann erhöhen wir die Löhne um 2 %‘ und damit rutschen die Leute, die die Löhne bekommen, aber in eine höhere Steuererklasse, die wiederum dazu führt, dass sie mehr Steuern zahlen und dann eben mehr als 2 % mehr abgeben müssen also de facto weniger nach einer Lohnerhöhung Kaufkraft haben, als sie das vor der Lohnerhöhung es hatten… "

Das ist in meiner Einschätzung (und ich bin erstens Mathematiker und habe zweitens schon brutto-netto-Rechner programmiert) an verschiedenen Stellen falsch:

  1. Man rutscht nicht durch die Steuerklassen. Die bleibt fix. Das zvE steigt und damit ggf der Grenzsteuersatz, der auf jeden zusätzlichen Euro angewendet wird.
  1. Man hat niemals durch eine Lohnerhöhung weniger in der Tasche. Jeder zusätzlichen Euro wird mit dem jeweiligen Grenzsteuersatz besteuert. Dieser ist aber immer unter 50 %, so dass mehr als die Hälfte davon bei der erwerbstätigen Person verbleibt.

  2. Am Ende sagt Philip zwar „Kaufkraft“ aber er sagt auch „vor der Lohnerhöhung“. Richtig wäre „weniger Kaufkraft als vor Inflation, aber mehr als vor der Lohnerhöhung“

Beste Grüße

Hans

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Ich glaube hier meinte eher schon als das Jahr zuvor und so habe ich es aus dem Kontext heraus aufgefasst.

Ich verstehe die Diskussion hier deshalb auch gar nicht.

Mathematisch ist es nunmal so, dass ohne das angleichen der Stufen die Kaufkraft sinken würde und der durchschnittliche Steuersatz steigen.

Deshalb ja die Forderung nach Anpassungen die, ob ausreichend oder nicht, ja auch stattfinden.

Wäre die kalte Progression kein Problem, wie manche hier suggerieren, dann müsste es diese Anpassung ja nicht geben und in hundert Jahren zahlt dann jeder auf den Großteil seines Gehalts Spitzensteuersatz.
Oder man sieht die Problematik dahinter als real, dann muss man doch zustimmen, dass die kalte Progression quasi eine Steuererhöhung ist, WENN die Anpassung von Freibetrag und Steuersätzen ausbleibt.

Natürlich kann man jetzt dafür sein auch kleine Einkommen von Jahr zu Jahr bei gleichbleibender Kaifkraft des Bruttolohns höher zu besteuern, aber dann sollte man das auch genau so sagen.

Ich weiß nicht ob du den Post von mir gemeint hast. Auf alle Fälle passt es zum Thema, dass durch die kalte Progression über die Jahre der Spitzensteuersatz inzwischen kein Spitzensteuersatz mehr ist.

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Diese Grafik wäre mMn wesentlich objektiver für die Diskussion der kalten Progression, wenn die orange Kurve das tatsächlich maßgebliche „zu versteuernde Einkommen“ (zvE) zeigen würde.

Den in der Bruttolohn-Entwicklung, die dort in orange dargestellt ist, sind ja u.a. auch noch die steigenden Kosten der Sozialversicherungen und z.B. der Soli enthalten.

Demgegenüber ist die (schwarze) „Kurve“ ja bezogen auf das zvE und damit fehlt u.a. der Einfluss von steigenden Renten- und Krankenversicherungsbeiträgen natürlich.

Daher halte ich diese Grafik auch für ungeeignet, wenn nicht sogar bewusst irreführend, denn auch wenn die dargestellen Kurven für sich genommen stimmen, werden hier Äpfel mit Birnen verglichen.
Aber zumindest bestätigt dieses Bild damit meinen Ansatz bei diesem Thema genau auf Formulierungen und Darstellungen zu achten. :wink:

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Leider konnte ich nicht herausfinden, wie groß die üblichen Abstände zwischen Bruttolohn und zvE sind. Es scheint kein Interesse zu geben, das in eine öffentliche Diskussion einzubringen obwohl das sehr wichtig wäre um die tatsächlichen Belastungen der Abgaben in Deutschland zu ermitteln.

Dass die Sozialversicherungsbeiträge aber nicht so gestiegen sind, dass diese Kurve plötzlich ganz anders wäre ist aber in Anbetracht der Summen dennoch ziemlich eindeutig.

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Das dürfte allein bei der Menge an gesetzlichen Krankenkassen mit unterschiedlichen Zusatzbeiträgen auch nicht trivial sein.

Dazu kommen bei vielen Menschen auch noch die verschiedenen Freibeträge, die ja das zu versteuernde Einkommen gegenüber dem Bruttolohn verringern. Hier mal eine Grafik, wie sich allein der Kinderfreibetrag nur seit 1992 entwickelt hat:


Sowas müsste, streng genommen, aus der Grafik oben rausgerechnet werden, bin ich der Meinung.

Hier ist die Anzahl der Leute, die ein bestimmtes Einkommen haben.

Statista

Und hier das ggf gesuchte sog „verfügbare Einkommen“. Wobei ich die Grafik nicht sehen kann
statista verfügbares Einkommen

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Kinderfreibetrag bekommt man aber ja nur mit Kindern und die Ausgaben für Kinder sind seit 92 auch massiv gestiegen.

Ich verstehe deinen Punkt, dass es Faktoren gibt die in vielen Diskussionen über Steuern unberücksichtigt bleiben, sodass z.B. gerne suggeriert wird, dass bestimmte Vorschläge schon Facharbeiter höher belasten würden, weil der Spitzensteuersatz steigt, dabei aber nicht berücksichtigt wird, dass diese Mehrbelastung durch höhere Freibeträge und niedrige untere Sätze überkompensiert wird und erst sechsstellige Einkommen wirklich Mehrbelastung hätten, aber in diesem Punkt geht es im Kern ja um die Frage ob ein Aussetzen der Anpassung dafür sorgt, dass die Steuer kaufkraftbereinigt steigt, und das ist nunmal so.

Kalte Progression: „sofern der Einkommensteuertarif nicht analog zur Teuerungsrate angepasst wird, erleiden die Steuerzahler einen Kaufkraftverlust“ Quelle

Unsere gesamte Steuerkurve ist auf „Rollen“ und wird jedes Jahr angepasst. Dadurch wird die kalte Progression adressiert. Aber wohl nicht immer ausreichend.

Dennoch: Hatte mir die Zahlen bis 2017 notiert. Verglichen zu 2017 wurden bis 2024 die Eckwerte um rd 24% angehoben, der Eckwert, der den steuerfreien Betrag des zvE beschreibt, um 34%.
Die Inflation von 2017 bis 2024 beträgt rund 25% . Quelle 1
(Meine bevorzugte Quelle, DeStatis/Genesis ist leider grade nicht zu erreichen.)

Also hat über die letzten Jahre die Anpassung ganz gut geklappt.

Ich würde ja wirklich gerne wissen, WAS denn genau der Gesetzesvorschlag zur Änderung da ist.

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Das will ich auch gar nicht bestreiten. Aber es ging oben, in der Grafik von @Neffets, ja um die Frage, wie effektiv die kalte Progression kompensiert wurde.

Dazu taugt eine Grafik die nur den Spitzensteuersatz beinhaltet eh nicht. Es müssten ja Freibetrag und alle Grenzen mit berücksichtigt werden.

Dass ein Auslassen einer Anpassung aber erstmal höhere Steuer bei gleicher Kaufkraft zur Folge hätte dürfte ja trotzdem unstrittig sein.

Ja, da würde ich mitgehen.

Ich denke, dass allein das Bruttoeinkommen die Grundlage zur Berechnung sein kann, wenn ein Steuertarif an die Inflation angepasst werden soll. Das zu versteuerende Einkommen hängt zu stark von den individuellen Lebensumständen des Einzelnen ab, verheiratet oder ledig, Kinder, Arbeitsweg den ich steuerlich geltend machen kann, Riestervertrag ja oder nein, …. (Es gibt ja noch unzählige Dinge, die man in Deutschland von der Steuer absetzen kann)
Ich denke gerade in der eher „linken Ecke“ glaubt man zu sehr, dass ein Staat jeden Einzelfall „gerecht“ klären und regeln kann - ich denke eher man sollte einen gerechten Rahmen für die große Mehrheit der Menschen schaffen. Und da wäre ein Steuertarif, der automatisch in seinen Eckpunkten der jährlichen Inflationsrate angepasst wird ein richtiger Schritt gewesen.

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Ich glaube die wichtigste Neuerung des geplanten Gesetzentwurfs zur Minderung der kalten Progression war, dass der Steuertarif in Zukunft automatisch jedes Jahr im Herbst an die Inflation angepasst werden sollte.
Leider scheint man sich nach dem Ampelaus aber nicht mehr zur Einführung dieses fertig verhandelten Vorschlags durchringen zu können.

Zitat:

Vermeidung heimlicher Steuererhöhungen durch automatische Anpassung der Einkommensteuer-Tarifeckwerte über eine normierte Tarifformel und aller Freigrenzen, Freibeträge, Pausch- und Höchstbeträge mit dem Ziel konstanter durchschnittlicher Steuerbelastung für das entsprechend der Inflation gestiegene steuerpflichtige Einkommen, jährliche Herbstprojektion der Verbraucherpreise als Ausgangspunkt des Indexierungsverfahrens;
Änderung § 32a und Einfügung § 127 Einkommensteuergesetz

Bezug: Wiedervorlage des Gesetzentwurfs auf BT-Drs 20/6144 (GESTA D036)

Quelle: DIP

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Gerade wenn man das Bruttoeinkommen zu Grunde legen will, dann gibt es die kalte Progression nicht wirklich. Denn die Werbungskosten steigen ja auch durch die Inflation. Die gesteigerten Kosten sorgen also alleine schon als Korrektiv dafür, dass ein Teil der höheren Steuer wieder abgeschmolzen wird. Das zeigt die wahre Komplexität des Themas und den wahren Schaden den populistische Vereinfachung hier anrichtet.

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Das Framing, dass der Staat den Bürgern Kaufkraft nimmt, ist und bleibt falsch.

  1. Die Kaufkraft nimmt durch die Inflation ab! (wenn man die Bundesbank als Teil des „Staats“ ansieht und Sie für die Inflation verantwortlich macht, dann stimmt die Aussage vielleicht doch. Beides finde ich aber zu weit hergeholt.
  2. Wenn die Arbeitgeber nicht eine Lohn- und Gehaltserhöhung in Höhe der Inflation geben (können?), sind auch diese oder der (globe) Wettbewerb mit-verantwortlich für den Verlust an Kaufkraft.
  3. Wenn das progressive Steuersystem durch den steigenden Steuersatz eine Lohn- und Gehaltserhöhung in Höhe der Inflationsrate zum Teil auffrisst, dann ist auch der Staat mit-verantwortlich an der sinkenden Kaufkraft.

Zusammengefasst: Ursachen für die sog-geframete „kalte Progression“ sind:

  1. Inflation
  2. Arbeitgeber (wenn Lohn- und Gehaltserhöhung < Inflation)
  3. Staat - an 3. Stelle! (wegen Steuerprogression: ansteigender Durchschnittssteuersatz).

Das Framing gegen die „kalte Progression“ dient nach meiner Überzeugung vor allem dem Bashing gegen ein progressives Steuersystem schlechthin. Das ist eine neoliberale oder libertäre Position.

Dabei wäre das alles ganz einfach zu lösen: Anstatt dass die Politik jährlich das Steuersystem nach ermüdender Diskussion manuell anpasst, um den 3. Effekt abzumildern und dabei „Wohltaten zu verteilen“, könnte man doch eigentlich einen Automatismus ins Steuersystem integrieren: Die Steuerkurve soll sich mit der Inflation immer weiter nach rechts schieben. Dann wäre diese politische Diskussion tot.

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Kann ich nicht nachvollziehen.

  1. Ist praktisch ein Naturgesetz
  2. Ist bei dem Problem der kalte Progression ja gerade nicht gegeben, da Lohn- und Gehaltserhöhung = Inflation

Bleibt 3. Der Staat.

Ich weiß jetzt nicht welche „populistische Vereinfachung HIER“ du meinst.

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Das nehme ich überhaupt nicht so wahr. Vor allem in den Diskussionen hier im Forum nicht. Nur darf ein Ausbleiben der Anpassungen eben nicht genutzt werden um leicht das Steueraufkommen über die Inflation hinaus zu erhöhen ohne eine Erhöhung beschließen zu müssen.

Das progressive System selbst wurde hier doch nirgends in Frage gestellt.

Aber das ist doch genau das was die Ampel vorhatte und was nicht ausgeführt wurde weshalb wir jetzt hier diskutieren.

Daraus jetzt eine pauschale Kritik am progressiven System zu konstruieren finde ich daher schon weit hergeholt.