Die Debatte leidet m.E. vor allem darunter, dass es - wenn man so will - beiden Seiten nicht gelingt, Sach- und Sozialdimension des Problems angemessen zusammenzudenken.
Über die politsche Größenordnung eines Skandals entscheidet normalerweise nicht das Vergehen selbst, sondern der politische Anreiz der jeweiligen Partei, (personelle) Konsequenzen zu ziehen oder die Sache lieber auszusitzen. Dieser Anreiz aber wird maßgeblich durch die Art und Intenstität der (medialen) Öffentlichkeit bestimmt, die ein Skandal bekommt und auf welche Weise er öffentlich eingespeist und in Umlauf gehalten wird.
Es stimmt ja z.B. schlicht nicht, dass Unionspolitiker:innen keine Konsequenzen für Korruption fürchten müssten: Die Protagonisten der Maskenaffäre (Nüßlein, Sauter, Löbel, Hauptmann) etwa wurden sofort aus ihren Ämtern entfernt und politisch kalt gestellt; Philipp Amthor wurde nicht als Spitzenkandidat in MV aufgestellt; Guttenberg wurde dereinst usw. … Die Aserbaidschan-Affäre hingegen, die man mit guten Gründen für politisch weit folgenreicher halten könnte, ist für die involvierten Bundestagsmitglieder nahezu folgenlos. Ein Folterbefürworter, NSU-Aufklärungsverhinderer, Polizeigewaltverherrlicher und Steuerhinterzieherbeschützer aus der SPD kann sogar Bundeskanzler werden. Der Grund liegt nicht in der jeweiligen Schwere der Vergehen, sondern in den unterschiedlichen Skandalisierungsintensitäten und den jeweiligen Annahmen der Parteien, welche Konsequenzen für Wahlergebnisse, Machtoptionen, etc. bestehen.
Die Causa Scheuer liegt noch einmal anders: Hätte es das Corona-Virus nie gegeben, hätte Scheuer zwingend gehen müssen. Anfang 2020 war der Fall dann aus der Öffentlichkeit nahezu verschwunden, und nachdem etwas Zeit vergangen war, hat Scheuer für Union und SPD die stablisierende Funktion erfüllt, dass man immer noch auf ein Ministerium zeigen konnte, in dem es schlechter läuft als im eigenen.
Es mag sein, dass Grünen-Wähler:innen im Hinblick auf die eigene Wählerschaft nochmal angehalten sind, härtere ethische Maßstäbe an sich selbst zu legen. Aber sowohl der Hinweis darauf, dass Fehlverhalten nunmal sanktioniert werden sollte, als auch der Hinweis darauf, dass man in der Union mit jedem noch so korrupten Verhalten durchkommt, gehen m.E. am Kern des Phänomens vorbei: Dass politische Personal-Entscheidungen von medialen Skandalisierungslogiken abhängig sind - und dass die Kompetenzen und Ressourcen für die Generierung von Skandalöffentlichkeit in der aktuellen Medienlandschaft (und auch die Bereitschaft zur Skandalisierung) ungleich verteilt sind.