Die letzte Folge zum Wehrdienst-Modernisierungsgesetz hat bei mir einen Gedanken ausgelöst, der hier im Forum schon mehrfach aufkam:
Warum behandeln wir Gesetzesänderungen eigentlich nicht wie Codeänderungen?
In der Folge wurde diskutiert, dass freiheitseinschränkende Aspekte des Gesetzes selbst Fraktionen, die für solche Fragen sonst sehr sensibel sind (Grüne, Linke), und auch euch in der Lage erst spät richtig aufgefallen sind. Ein zentraler Punkt dabei war: Es fehlte eine wirklich verständliche, öffentlich nachvollziehbare Synopse zwischen geltendem Recht und Entwurf.
Ich saß beim Hören da und dachte: Das kann doch in Zeiten von Git und leistungsfähiger KI nicht ernsthaft immer noch so laufen.
Die Idee
Ich würde gerne ein offenes Projekt starten — als Arbeitstitel Lage der Gesetze (oder vielleicht Gesetzes-Lage, bin da nicht festgelegt): ein Tool, das öffentliche Gesetzesvorlagen automatisch als Git-Diffs und Pull Requests sichtbar macht.
Aktuelle Gesetze liegen in einem Git-Repository. Wenn ein neuer Referentenentwurf, Gesetzentwurf, Änderungsantrag oder eine Beschlussempfehlung öffentlich wird, holt ein Service das Dokument ab und versucht, die darin enthaltenen Änderungsbefehle auf den aktuellen Gesetzestext anzuwenden. Das Ergebnis ist ein Pull Request, der wie eine Synopse zeigt, welche Normen, Paragraphen oder Sätze geändert werden, wie der Gesetzestext nach Anwendung des Entwurfs aussehen würde, und wo die Vorlage unklar oder mehrdeutig ist.
Aus diesem Repository können dann recht einfach etliche andere Darstellungen abgeleitet werden, etwa eine Webseite, eine App, oder auch eine PDF zum Download.
Warum Git und warum KI?
Git ist genau für solche Probleme gebaut. Bei Software ist das selbstverständlich — bei Gesetzen, die unser aller Leben betreffen, leider nicht. Ein Git-Diff ersetzt natürlich keine juristische Prüfung, aber er kann sehr schnell sichtbar machen, was tatsächlich geändert werden soll.
Die Idee bei der KI ist: Ein moderner Coding-Agent (etwa Claude Code, Codex oder ein vergleichbarer Harness) bekommt den aktuellen Gesetzesbestand, die Vorlage, spezialisierte Skills, Tests und ein strukturiertes Datenmodell. Dann wendet er die Änderungsbefehle an und erzeugt einen überprüfbaren PR. Wenn ein State-of-the-Art-Modell mit Skills daran scheitert, ist die Vorlage selbst unverständlich oder missverständlich — und genau das wäre dann auch eine Story wert.
Volle Transparenz statt Black Box. Für jeden Agentenlauf wird dokumentiert: Modell, Prompt, Quelle, Zwischenschritte, was menschlich geprüft wurde. Gerade weil KI beteiligt ist, darf das keine Black Box sein.
Diff zum Diff. Erscheint eine neue Fassung, ein Änderungsantrag oder eine Beschlussempfehlung, erzeugt das System zusätzlich einen PR gegen den bisherigen Entwurfsbranch und einen aktualisierten Gesamt-PR gegen den aktuellen Gesetzesstand. So sieht man nicht nur, was ein Entwurf am geltenden Recht ändern würde, sondern auch, wie er sich im Verfahren selbst verändert.
Für wen, und Klon-Einladung
Ein journalistisches und zivilgesellschaftliches Transparenzwerkzeug — keine amtliche Rechtsfassung — ausdrücklich auch zum Klonen für Parteien, Fraktionen, Ausschüsse oder Verwaltungen, mit Anleitung für lokale KI bei internen Entwürfen.
Wie ich starten würde
Ich bin App-Entwickler, sehr versiert mit aktuellen KI-Coding-Agenten und agentenbasierten Workflows, und hätte Lust, einen ersten Entwurf vorzulegen und nebenher daran weiterzuarbeiten. Als ersten Testfall würde ich genau das Wehrdienst-Modernisierungsgesetz nehmen: Ab wann hätte ein automatisches System die Änderung erkennen können, hätte ein Diff die problematische Stelle sichtbar gemacht — und wo wäre der Agent gescheitert?
Aus Erfahrung weiß ich: Solche Projekte werden viel besser, wenn man sie nicht alleine baut. Deshalb würde ich mich über zwei Arten von Unterstützung freuen.
1. Interessierte Laien. Menschen, die Lust haben, sich Zwischenergebnisse anzuschauen und Feedback zu geben: Ist der Diff verständlich? Welche Information fehlt? Wo verliert man den Überblick? Kein juristisches oder technisches Fachwissen nötig — im Gegenteil, gerade Feedback von Menschen, die nicht täglich mit Git oder Gesetzen arbeiten, wäre sehr wertvoll.
2. Fachkundige Mitdenker und Reviewer. Menschen mit Erfahrung in Recht, Verwaltung, Journalismus, Open Data, Legal Tech, Parlamentsdokumentation oder KI. Ihr müsst nicht selbst Code schreiben — wichtiger wäre, meine Prompts, Skills und Datenmodelle kritisch zu prüfen: Werden Änderungsbefehle korrekt interpretiert? Sind Unsicherheiten sinnvoll markiert? Wo besteht die Gefahr, dass das System falsche Sicherheit vermittelt?
Ich glaube, alles, was fehlt, ist, dass jemand einfach mal anfängt. Das würde ich gerne tun — und ihr seid herzlich eingeladen, mitzumachen.
Was haltet ihr davon? Hat jemand Lust mitzudenken oder zu reviewen und welche Aspekte habe ich vielleicht übersehen?