Klaus Stöhr: Ist die Kritik an NoCovid wirklich so abwegig?

Schön, dass ihr die Seite der Kritiker:innen der Maßnahmen behandelt habt. Und ich gebe euch Recht, dass ein kürzerer und härterer Lockdown im September im Nachhinein wahrscheinlich intelligenter gewesen wäre. Aber wie ihr die Skeptiker:innen der NoCovid-Strategie so schnell als abwegig abstempelt, entzieht sich meinem Verständnis.

Ihr sprecht davon, dass die Gruppe um Melanie Brinkmann die „Mehrheitsmeinung der Wissenschaft“ sei. Aber was ist zum Beispiel mit Klaus Stöhr, lange Zeit als SARS-Forschungskoordinator für die WHO und einen Pharmakonzern tätig, weltweit anerkannter Epidemiologe und Virologe. Klaus Stöhr behauptet, dass wir mit einer Inzidenz von ca. 130-160 über einen gewissen Zeitraum leben können. (Virologe fordert Umdenken der Corona-Strategie: „Wir können mit Inzidenzen von 130 bis 160 umgehen“ - Politik - Tagesspiegel) In Frankreich akzeptiert man momentan auch recht hohe Werte, um Schulen und Geschäfte offen zu halten und man kommt nicht in exponentielles Wachstum, sondern bleibt auf einem hohen Plateau. (Der Öffnungsplan von Schleswig-Holstein ist also nicht so komplett abwegig wie von euch dargestellt.) Außerdem gibt es nicht die eine Mehrheitsmeinung der Wissenschaft, denn dazu gehören auch Expert:innen, die die Schäden des Lockdowns in anderen Bereichen berechnen und daraus Konsequenzen ziehen müssen. (Stichwort Schulen, denn zum Beispiel Kinder sind weiteren Gesundheitsrisiken ausgesetzt, wenn der Lockdown zu lange andauert. Auch Kinder-Psychiatrien droht eine „Triage“, wenn zu viele Kinder mit Verhaltensstörungen Hilfe brauchen und diese nicht mehr bekommen können…)
Klaus Stöhr findet, dass sich die Bundesregierung nicht ausgewogen genug beraten lässt:

„In den Expertenrunden sollten möglichst viele Disziplinen vertreten sein. Jeder Einzelne hat nur seine Position im Blick. Wenn ich einen Intensivmediziner frage, wird er aus seiner Sicht so viele Schließungen als möglich verlangen. Ein Kinderarzt wird so viele Öffnungen als möglich verlangen.“ (Virologe: „Corona ist auf dem Rückzug“)

Dass eine Mehrheit der Bevölkerung für strikte(re) Maßnahmen ist, ist nicht verwunderlich, denn 1. sind sie seit einem Jahr von einer Medien-Berichterstattung beeinflusst, die die Pandemie als DIE eine große Bedrohung unserer Zeit darstellt (was natürlich auch irgendwo der Job von Journalist:innen ist, aber über die Ausgewogenheit könnte man an anderer Stelle streiten…). Und 2. spüren die allermeisten Menschen ja nicht die schlimmsten Folgen des Lockdowns am eigenen Leib. Selbständige, Kneipen- oder Café-Besitzer, Unternehmer:innen, die schmerzhaft ihre Existenz verlieren, usw. gehören eben nur zu einer Minderheit. Und Kinder, die Opfer häuslicher Gewalt sind, Geflüchtete und viele andere Gruppen haben sowieso keine große Lobby…

Zuletzt frage ich: Wo ist der Beleg dafür, dass ein ganz harter Lockdown funktioniert, dass dann wirklich die Inzidenz auf 35 oder sogar unter 5-10 gehen kann? (die Pandemiemüdigkeit sieht man doch, wenn man in Berlin mal mit der fast immer vollen S-Bahn fährt…) Und falls man das dann wirklich schafft im April oder so, wieso sollte die Inzidenz nicht jedes Mal nach Lockerungen wieder durch die Decke gehen? Im Sommer waren wir ja schon in manchen Regionen nahe der 0 und trotz weiter bestehender Maßnahmen wie Maskenpflicht gingen die Zahlen nicht erst im Winter, sondern bereits im Herbst durch die Decke.

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Wir haben Klaus Stöhr nicht namentlich erwähnt, aber wir haben uns mit seinen Argumenten ja ausführlich beschäftigt. Wenn man sich das Interview genau anschaut, dann hat er eigentlich nur zwei Punkte: Er meint nämlich, man könne die Risikogruppen schützen und Schulen und Kindergärten mit einem guten Hygienekonzept öffnen. Beides ist offen gestanden einfach nicht mehr Stand der Forschung. Die Gründe dafür haben wir in der Lage ja ausführlich besprochen, Risikogruppen sind einfach zu groß, und Abstand & lüften funktioniert in Schulen und Kindergärten einfach nicht gut genug.

Mir ist daher etwas unklar, wie ein Experte sowas in einem Interview behaupten kann. Vermutlich möchte er einfach auch mal wieder gefragt werden, der Artikel beginnt ja mit seiner narzisstischen Kränkung, dass die Kanzlerin ihn nicht in ihrer Expertenrunde haben wollte. Leider kann man in der Pandemie-Situation häufiger beobachten, dass Experten abseitige Meinungen vertreten, weil sie das Gefühl haben, damit mehr oder überhaupt Aufmerksamkeit zu bekommen. Und leider machen immer noch viele Medien dieses Spiel mit, anstatt sich zu fragen, was denn der de facto Konsens in der Wissenschaftsgemeinschaft ist.

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Danke für die Antwort! Gerade bei dem Beispiel Schulen bin ich aber ganz anderer Meinung. Wieso sollte die Forderung nach einer sofortigen Öffnung „nicht mehr Stand der Wissenschaft“ sein? Das ist doch in dem Fall klar eine politische Entscheidung (Frankreich und die USA beispielsweise gehen da sehr verschiedene Wege)! Man kann sagen, die epidemiologischen Aspekte wie die Inzidenzzahl überwiegen alles und man öffnet erst, wenn die Zahlen sehr niedrig sind. Oder man wählt den umgekehrten Weg: Wie lange lässt sich die Schließung verantworten bevor die „Kollateralschäden“ (ein sehr euphemistischer Begriff!) zu groß werden. In dem Fall müsste man eine höhere Zirkulation in Kauf nehmen. Der Beitrag von Schulen für das gesamte Pandemiegeschehen ist ja zudem weiter umstritten und am Beispiel Frankreich kann man annehmen, dass eine Öffnung der Schulen nicht die gefürchtete Zeitbombe ist. Im Übrigen gibt es viel mehr Abstufungen als nur „Schulen auf oder zu“. Ich selbst arbeite an einer Grundschule und sehe da noch viel Potential für strengere Hygiene-Maßnahmen (selbst viele kleine Kinder können sich übrigens viel besser an Masken gewöhnen als man das anfangs gedacht hätte…) sowie kreative Lösungen mit Hybrid-Unterricht, Schnelltests usw. Solche Konzepte werden ja mittlerweile zum Glück auch besprochen und geplant…

Zum Punkt „Risikogruppen schützen“: Ja, das ist nicht so einfach. Aber die Tatsache, dass über 80-Jährige jetzt zuerst geimpft werden, ist ja schon mal ein wichtiger Schritt zum Schutz der Gruppe mit den größten Risiken. Im Betreuten Wohnen meiner Oma hat zum Beispiel die gesamte Einrichtung bereits die zweite Impfung bekommen, da hat das super geklappt! Zudem gibt es eine FFP 2-Maskenpflicht (man bekommt sie kostenlos, wenn man sie vergisst) und man muss vor jedem Besuch einen Schnelltest machen. Natürlich kann man nicht einen Großteil der Bevölkerung auf diese Weise schützen, aber solche Maßnahmen könnte man überall in Pflegeeinrichtungen usw. umsetzen, damit könnte man einen großen Unterschied machen was die Sterblichkeit dort angeht. Da ist also durchaus auch noch Luft nach oben.

Ich bin bei beiden Punkten, Schulen und Risikogruppen, gegen ein „alles oder nichts“. Es muss praktikable Lösungen geben, die längerfristig durchhaltbar und human sind. Anfangs drehte sich die Diskussion noch um das Konzept „the hammer and the dance“. Okay, wir wissen mittlerweile, dass das auf Dauer auch nicht immer die Lösung ist. Aber mittlerweile habe ich den Eindruck, man will nur noch den Hammer und damit so lange draufhauen, bis manche gar nicht mehr tanzen können…

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Die Einschätzung, dass es in der Lage eine ausführliche Auseinandersetzung mit Kritiker:innen von Zero/No/Low-Covid gab kann ich leider nicht teilen. Zumindest nicht in der Art und Weise, wie ich es von anderen Themen in der Lage gewohnt bin.
Aber zumindest ist nun Eure Haltung zu dem Thema klar: Bestimmte Positionen werden trotz andauernder wissenschaftlicher Kontroversen zum Konsens erklärt und an diesen Kontroversen beteiligten Wissenschaftler:innen wird unterstellt, dies nur aus Geltungssucht zu tun. Das ist in sich so hermetisch geschlossen, dass sich weitere Diskussionen in der Tat erübrigen.
Ein Beispiel: Wenn z. B. Streeck behauptet, für „die Wissenschaft“ zu sprechen, wird ihm das zu Recht um die Ohren gehauen (u. a. in dem von Euch angepriesenen Artikel auf übermedien). Behauptet aber Drosten, die politische Forderung nach einem Lockdown sei, so wörtlich „die Wissenschaft“ (er bezog sich dabei auf das alles andere als wissenschaftliche Irland-Papier der Leopoldina), dann wird das zum Konsens erklärt.

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Ich denke, dass es gerade in einem Bereich der diverse Disziplinen betrifft nahezu unmöglich ist sich ein Bild von einem Konsens zu machen ohne zu wissen was die Zielvariable ist. Der Konsens der Wirtschaft wird sich vielleicht auf den niedrigsten Verlust an GDP orientieren, der Konsens der Epidemiologie an Fallzahlen oder Todesopfern von Covid, der Konsens der Pädiatrie und Psychiatrie an der seelischen Gesundheit usw. usf. Ich wiederhole damit ein wenig, was ich in meinem eigenen Thread geschrieben hatte, aber wenn man sich nur an „direkten“ Pandemie Opfern orientiert und sich von Fallzahlen leiten lässt, dann zählen nur noch die Epidemiologen/Virologen und andere Stimmen sind egal.

Finde, es lohnt, im Hinblick auf Pandemie/Coronavirus/Zukunft, sich ausführlich mit dem Positionspapier der Arbeitsgruppe Stöhr/coordinator ( Prof. Antes ehemals Leiter Cochrane ist dabei; ja, Streek ist auch Unterstützer) unter www.covid-strategie.de zu beschäftigen. Sehr gut zu lesen. Unspektakulär. Optimistisch. Beschäftige mich seit 30 Jahren als praktizierende Ärztin mit allen möglichen medizinischen Themen außerhalb meiner Fachrichtung Psychiatrie. Robuste Daten sammeln, Auswerten, keine schnellen Schlüsse ziehen. Was sicher zu sein scheint: aus der Pandemie wird zum Ende des Jahres eine Endemie. Nicht mehr und nicht weniger.

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Klaus Stöhr hat auch allen Ernstes behauptet, es sei nachgewiesen, dass die Mutanten nicht ansteckender seien - und widerspricht damit allen anderen Experten (die aber im Gegensatz zu ihm Studien als Beleg anführen). Und er meint wirklich, Corona sei auf dem Rückzug, weil die Zahlen sinken. Als ob sie das einfach so täten, ohne massive Einschränkungen. Der Mann lebt in einer Phantasiewelt.

Könntest Du die Quelle mal verlinken? Ich habe von ihm nämlich bisher nur die gegenteilige Aussage gehört. Allerdings kritisiert er den Umgang mit den Varianten u. a. von Leuten wie Karl Lauterbach und auch die Hochrechnungen, die einfach den R-Wert mit einem bestimmten Faktor multiplizieren und ignorieren, dass die Zahlen in UK, Irland (und auch Dänemark) trotz zunehmendem Anteil von B117 stark zurückgehen. Beispiel: https://www.zdf.de/nachrichten/panorama/corona-infektionszahlen-mutante-gefahr-100.html
Empirie vs. Modellierung könnte man sagen.

Fände es Klasse, wenn ihr euch noch einmal kurz in der Lage mit dem Positionspapier der Arbeitsgruppe um Stöhr unter www.covid-strategie.de auseinandersetzt und nicht nur aus Interviews zitiert. Narzissmus, auch wenn ihr das nicht im klinischen Sinne meint, halte ich übrigens nicht für das Motiv der Arbeitsgruppe. Beispiel, der in 228 LdN zitierte Begriff Longcovid. Es lohnt sich, bei Cochrane Covid-19 nachzuschauen, wie die Studienlage dazu ist. Nicht besonders robust. Wie ist die Wahrnehmung? Longcovid ist ein wissenschaftlich bewiesenes Phänomen. In der AG sitzt auch G. Antes, langjährig Leiter Cochrane collaboration. Was die AG ausmacht, ist, dass sie robuste Daten für Entscheidungsfindungen anmahnt und international recht gut vernetzt ist.

Hier: Virologe: „Corona ist auf dem Rückzug“

Ich wollte es eigentlich nicht verbreiten, weil es so hanebüchen ist…

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An einem gewissen Punkt muss ich - auch als relativ gut ausgebildeter und im Thema stehender - „Konsument“ von Medien und Wissenschaft anfangen, Leuten zu „glauben“, da ich nicht alle Primärquellen selbst lesen und verstehen kann. Je besser und transparenter Erkenntnissprozesse und v. a. Schlussfolgerungen kommuniziert werden, desto einfacher ist das.

Für mich persönlich hat sich Prof. Drosten mit seinem Podcast, seiner vorher bestehenden Expertise (man merkt halt, dass er nicht nur Virologe, sondern Coronaloge ist ;)), der Art der Erklärung und auch der klaren Bennenung von Unsicherheiten am stärksten positiv hervorgetan.

Und nachdem was Drosten (sehr vorsichtig) formuliert hat, ist Stöhr jemand, der mal ein Lehrbuch der Epidemiologie gelesen hat und versucht die Covid-Pandemie 1:1 auf dieses Lehrbuch und Grippe zu beziehen.

Erschwerend hinzu kommt meines Erachtens, dass er und seine Gruppe in Streek’scher Manier Dinge fordern, die sich gut anhören (oder siehe oben: leicht lesen lassen), das ganze aber sehr schnell sehr dünn wird, wenn es um konkrete Maßnahmen geht.

Ich will - wie vermutlich die allermeisten Menschen, die den Luxus der Zeit haben sich damit zu beschäftigen - auch einen langfristigen Plan, Schutz der Risikogruppen und bla bla bla, habe aber noch keinen einzigen Vorschlag gehört oder gelesen, der diese Dinge mit Lockerungen in einer nicht extrem niedrigen Inzidenz zu verbinden mag.

Da wir politisch schön durch die Mitte schwimmen haben wir jetzt eben ewig lange Einschränkungen (die Stand jetzt auch nötig sind, aber nur, weil man es bis November und Dezember soweit hat kommen lassen) und zusätzlich viele Tote.

Wieso gibt es denn kein Land, dass ohne komplette Kontrolle sehr niedriger Fallzahlen weder viele Schäden des Virus, noch eines Lockdowns zu beklagen hat? Weil die Welt kollektiv nicht auf Stöhr, Streek und Co. hört, obwohl die Recht haben?

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Zumindest in dem von Dir verlinkten Interview tut er das nicht. Er sagt nur, dass es bisher keinen empirischen Nachweis für die Behauptung gab, dass die Varianten deutlich ansteckender sind. Bevor jetzt der Vorwurf der Haarspalterei kommt: Das ist ein gewaltiger Unterschied: The absence of evidence is not the same as the evidence of absence! Konkret sagt er:

Die generelle Angst vor Varianten, den sogenannten Mutationen, ist unbegründet. Zum einen ist festzuhalten, dass es bereits 7000 verschiedene Varianten gibt. Ganz speziell sieht die Realität bei der sogenannten UK-Variante anders aus als die Modelle vorhergesagt hatten. Die Befürchtung, dass die britische Mutante infektiöser sein könnte, hat sich aus den Beobachtungen in vielen europäischen Ländern bis dato nicht bestätigt: In Irland und Großbritannien gab es einen dramatischen Rückgang der Zahlen der Infizierten, obwohl dort etwa 90 Prozent die britische Mutation haben dürften. In Frankreich, Schweiz und Dänemark sehen wir anhand der empirischen Zahlen einen ähnlichen Trend. Trotz eines deutlichen Anstiegs des Anteils der britischen Mutation gehen die Fallzahlen weiter ungebrochen zurück. Wenn die Wirklichkeit nicht mit den Modellen übereinstimmt, bin ich dafür, dass wir die Modelle der Realität anpassen.
Stöhr geht es also um das Verhältnis zwischen (Vor-)Annahmen, Ängsten und empirischen Beobachtungen. Ich wüsste gerne etwas konkreter, was daran „so hanebüchen“ ist. Selbst wenn er falsch liegen sollte - was allerdings heißen würde, dass er die Daten aus den genannten Ländern komplett falsch interpretiert - sollte man über dieses Verhältnis nicht trotzdem zumindest mal diskutieren?

Er behauptet doch ganz konkret, dass die Varianten nicht absteckender seien. Dabei bezieht er sich auf Zahlen. Das würde ich für die Behauptung eines Nachweises halten.

Dass die Zahlen das nicht hergeben (weil die unter massiven Maßnahmen gesunken sind) und dass es Studien gibt, die die höhere Ansteckungsrate zumindest nahelegen, ignoriert er. Das nenne ich hanebüchen.

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Das sind ja zumindest sehr schlecht gealterte Aussagen. Ich denke schon, dass man von einer Fehlinterpretation sprechen kann. Wie aktuell auch in Deutschland sinken die Fallzahlen des weit verbreiteten Wildtyps (klar, das ist natürlich streng genommen auch eine Mutante, aber das ist hier Haarspalterei, die britische hat halt viele Mutationen angesammelt und dadurch signifikante Unterschiede und Vorteile erworben), gleichzeitig steigt der Anteil und die absolute Zahl der Mutante.

Wenn die nicht infektiöser wäre, wäre das wohl kaum so konstant über die Länder zu beobachten. Am Anfang gab es ja noch die Theorie, dass der Anteil in GB so stark gewachsen ist, weil die Variante in Schulen erstmals hochkam, dort relativ freien Lauf hatte und der Rest des Landes mehr oder weniger im Lockdown war. Das hätte die Fraktion „Schulen auf um jeden Preis, Kinder sind irrelevant“ noch weniger gerne gehabt, es hat sich aber auch nicht bestätigt.

Jedenfalls legt das Zitat schon etwas nahe, das er da irgendwas nicht verstanden oder zumindest nicht in Betracht gezogen hat.

Ergänzung/Korrektur: Dass es sich in GB in den Schulen verbreitet hat stimmt natürlich schon, nur ein evtl. zu vermutender Flaschenhalseffekt, der eine starke Verbreitung bei gleicher Ansteckbarkeit erklären könnte, hat sich nicht bestätigt. War oben etwas missverständlich formuliert.

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Aber der Hauptunterschied in Stöhrs Ansicht ist doch schon, dass er eine ganz andere Risikobewertung vornimmt! Er sagt, man müsse nur nach Frankreich schauen und sehen, dass dort höhere Inzidenzzahlen in Kauf genommen werden, um Schulen und Geschäfte offenzuhalten, und dass das nicht zwangsläufig in exponentielles Wachstum führt, sondern auf einem hohen Plateau bleibt. Dafür gibt es andere Maßnahmen wie die Ausgangssperre, aber eben keinen flächendeckenden Lockdown. Natürlich sind höhere Inzidenzzahlen mit gewissen Risiken verbunden, aber das sind die Folgeschäden geschlossener Schulen usw. auch und die sind viel unberechenbarer!

Wir müssten zumindest mal über so einen alternativen Ansatz diskutieren, aber wenn ich mir die aktuellen Talkshows anschaue, scheint das gar nicht auf dem Tisch zu liegen (weil sich aus moralischen Gründen niemand traut, höhere Inzidenzzahlen in Kauf zu nehmen). Aber wie lange soll der Lockdown insgesamt gehen?! 6, 7, 8 Monate? Bis alle kleinen Geschäfte aus den Innenstädten verschwunden sind, Amazon alles aufgekauft hat? Eine ganze Generation junger Menschen traumatisiert ist? Denn die Inzidenzzahlen werden nicht so weit sinken können, wie die Politik das gerne hätte (Berlin will Fitnessstudios bei einer Inzidenz von unter 10 öffnen - wie soll es bitte vor diesem Sommer dazu kommen können? Das ist doch Augenwischerei…). Die Bevölkerung ist zu pandemiemüde für NoCovid und die Zahlen steigen anscheinend jetzt ja schon wieder leicht, bevor es überhaupt zu Lockerungen kommt: ZEIT ONLINE | Lesen Sie zeit.de mit Werbung oder im PUR-Abo. Sie haben die Wahl.

Ich habe mich tatsächlich mal auf der Seite umgesehen und finde wenig Konkretes.
Unter

habe ich doch mal eine konkrete Behauptung gefunden, die ich für ein „überspezifischen Dementi“ halte:

Die Aussage ist diese:

Die Effektivität von Kita- und Schulschließungen zur Senkung von mit SARS-CoV-2 assoziierten Todesfällen in den Risikogruppen der Alten und Pflegebedürftigen ist in der Literatur nicht belegbar.

Das stimmt wohl, wahrscheinlich hat niemand direkt diese Korrelation ausgerechnet.
Was es gibt, sind aber Studien, die eine Korrelation zwischen Schulschließungen und geringer Inzidenz finden, etwa:

Keine Ahnung, ob das ein gutes Journal ist und eine Literatur-Recherche habe ich auch nicht gemacht, aber wenn man behauptet, dass irgendwas wissenschaftlich nicht belegbar ist, wäre eine Auseinandersetzung mit extrem eng verwandten Aussagen und wieso man sie nicht zählt das Mindeste, was mich davon abbringen würde, diese ganze Strategie für Effekt-Heischerei zu halten.

Aber ich lasse mich gern auf konkretere Aussagen der Website stoßen, immer her damit!

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In der Schweiz sinkt die absolute Zahl an nachgewiesenen Infektionen mit den Varianten.

Ich glaube es geht hier um die Frage, was Stöhr mit „infektiöser“ meint - also um Textinterpretation. Ich versuche mal meine Interpretation nachvollziehbar zu machen:
Für Stöhr ist gar nicht die Frage, ob sich B117 gegen eine andere Variante durchsetzt (weil es infektiöser ist) - davon geht er aus und das sagt er auch ganz deutlich (" obwohl dort etwa 90 Prozent die britische Mutation haben dürften"). Insofern ist der Vorwurf hanebüchen, er würde das negieren.
Der Punkt ist, dass es Stöhr in dem zitierten Absatz um die Frage geht, was diese Durchsetzung von B117 epidemiologisch bedeutet und wie damit politisch umzugehen ist. Natürlich kann man das Wort „infektiöser“ in dem Satz so auslegen, als würde er diese infrage stellen. Aber das klappt auch nur bis zu der Stelle, wo er von der Durchsetzung der Mutation redet. Außerdem spricht er im selben Satz von „Befürchtung“ und macht damit den Kontext seiner Aussage deutlich: Er bezieht sich auf die zahllosen Aussagen von einer „ganz neuen Pandemie“, auf diverse Grafiken, die exponenziell steigende Infektionszahlen allein aufgrund der Ausbreitung der B117-Variante unterstellen etc. In diesem Kontext ist seine Aussage: die Befürchtungen, die dahinter steckten (und ich würde ergänzen: die dadurch geschürt wurden) haben sich nicht bestätigt und das zeigen die Zahlen aus UK, Irland etc.

Was genau geben die Zahlen denn Deiner Meinung nach „nicht her“. Um die Frage, ob sich B117 durchsetzt (also Menschen schneller oder stärker infiziert als andere Varianten) geht es ja nicht. Der Drops ist gelutscht, auch für Stöhr. Nochmal: es geht um die epidemiologische Frage, was das fürs Infektionsgeschehen heißt. Behauptet wurde, abgeleitet von Zahlen, die so unsicher sind, dass sie einen solchen Schluss eigentlich gar nich zulassen, was sogar Drosten betonte, dass B117 unter den gegebenen Bedingungen - also in Deinen Worten „unter massiven Maßnahmen“ - zwangsläufig einen um das 1,3 bis 1,5-fache höheren R-Wert hat, als die bisher dominante Variante. Auf dieser Rechnung basieren die oben angesprochenen Befürchtungen. Und diese Annahme vom Dezember sieht Stöhr durch die reale Entwicklung des Infektionsgeschehens - wiederum „unter massiven Maßnahmen“, den von etwas anderem war ja nie die Rede - falsifiziert. Eine kleine Gegenrechnung: Der R-Wert in UK lag vor 1-2 Wochen kurzzeitig bei 0,63 und da bei weitgehender Verbreitung von B117. Rechnet man den unterstellten Faktor von 1,3 bis 1,5 dazu, wäre man bei einem R-Wert von 0,48 bzw 0,42 - das ist in etwa das Niveau von Wuhan im Februar 2020. Wie dem auch sei, Fakt ist, dass die Maßnhamen (vielleicht mit einigen Verschärfungen) deutlich mehr epidemiologischen Effekt gehabt haben, als die Ausbreitung der Mutation - und das ist genau das Gegenteil von dem, was die erwähnten Kurven (u. a. im Spiegel-Interview mit Brinkmann) suggerieren.

Ich sagte ja eingangs, dass es um unterschiedliche Interpretationen geht. Zu meiner gehört vielleicht auch, dass ich einer Person wie Stöhr mit seiner Berufserfahrung etwas credit gebe, wenn er von Epidemiologie spricht und nicht gleich annehme, dass er einfach nur dumm ist und selbst Grundlegendes und Offensichtliches einfach nicht kapiert. Meiner Meinung nach ist diese Haltung auch sehr viel geeigneter für eine Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Positionen und Interpretationen als das derzeit leider immer weiter verbreitete Lager-Denken á la „wenn du nicht meine Position vertrittst, hast Du einfach keine Ahnung“.

Die Inzidenz steigt halt auch inzwischen wieder.

https://www.zeit.de/wissen/gesundheit/2021-02/coronavirus-neuinfektionen-rki-gesundheitsaemter-inzidenz-vorwochenvergleich-anstieg?utm_source=facebook_zonaudev_int&utm_campaign=ref&utm_referrer=facebook&wt_zmc=sm.int.zonaudev.facebook.ref.zeitde.redpost_zon.link.sf&utm_term=facebook_zonaudev_int&utm_content=zeitde_redpost_zon_link_sf&utm_medium=sm&fbclid=IwAR2eJu6gOxxO3Q0Rkjd8tjqoByAVGEnJ2yDlgsyiLDHqFngiVX69dbBOL74

Die Meinungen von Klaus Stöhr und Co. sind für mich vor allem deshalb problematisch, da sie in fast jedem Punkt Tatsachen und zusammengehörige Lösungen zeigen wo es diese Tatsachen gar nicht gibt und/oder Lösungen vollkommen absurd sind.

Die Gegenargumente, die weit komplizierter und realistischer sind werden dann meistens nicht mehr gehört. Es war ja ganz einfach. Das ist nicht zielführend und man kann darauf auch keinen echten Dialog aufbauen. Deshalb hat das nichts mit Wissenschaft zu tun und wenn wir denken dass wissenschaftliche Denkweisen irgendetwas zur Bekämpfung der Pandemie beitragen können sollten wir solchen Aussagen nur dann Beachtung schenken wenn sie einer wissenschaftlichen Arbeitsweise wie einer Begutachtung folgen.

Ansonsten werden immer Populisten gewinnen die dann einen unfairen Vorteil bekommen. Und damit keine Unklarheiten aufkommen wenn mich jemand für diese Meinung kritiseiren möchte: Ich halte Herrn Stöhr für einen Populisten, der es versäumt hat sein veraltetes Wissen aufzuarbeiten und sich wissenschaftlich mit einer Erkrankung auseinander zu setzen die den bekannten Regeln einer Influenza Epidemie oder Pandemie nicht folgt.

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