Ich glaube, dass es sich lohnt, dort weiterzudenken.
Denn die Frage zeigt, warum die prinzipiell richtige grüne Politik viele Existenzen auf dem Land gefährdet und vielleicht auch deswegen den Erfolg der AfD befeuert.
Ich kenne den Begriff der Gentrifizierung maßgeblich für die Verdrängung von (finanziell schwächeren) Schichten innerhalb einer Stadt. Diese findet aber zwischen Stadt und Land auch auf einer anderen Ebene statt.
Ihr hattet ja bereits schon 2 Erkenntnisse:
- Polizisten können es sich nicht leisten in Städten wie Berlin zu leben.
- Sie arbeiten aber in Berlin
Hier schließt sich eigentlich die nächste logische Frage an: warum arbeitet jemand in Städten (wie Berlin), obwohl er auf dem Land wohnt. Das tut er nicht, weil er Bock aufs Pendeln hat, sondern weil es auf dem Land keine Arbeitsplätze gibt. Das Pendeln hättet ihr ja wieder angesprochen, aus der Perspektive der Pendler. Aber es gilt auch andersherum.
Städte BRAUCHEN aktuell die Arbeitskraft von Menschen, die sich das Leben dort nicht leisten können. Sie würden sonst nicht funktionieren. Ob jetzt Friseur, Polizist, Verwaltungsangestellte, Reinigungskraft.
Die “Frage” eures Unternehmers, man müsse überdenken, ob wirklich jeder einen Anspruch darauf habe, günstig in einer Großstadt leben zu können, ist da in meinen Augen eine Ablenkung von den richtigen Problemen.
Es ist nicht so, dass viele Menschen aus Lifestyle-Gründen in Großstädten leben wollen, sondern weil sie - wenn sie nicht ihr halbes Leben im Stau verbringen wollen - es müssen, da sie dort arbeiten.
Und viele Menschen entscheiden obwohl sie in Städten arbeiten dazu, trotzdem absurd lang zu pendeln, weil sie zumindest genügend Wohnraum für eine Familie nicht mehr in Städten finden.
Und diese Personen, die auf dem Land wohnen und in die Stadt pendeln sind durch jeden Cent, der durch höhere Spritpreise, höhere Lebensmittelkosten, höhere Gaspreise, umgelegte Modernisierungskosten für energetisch sanierte Wohnungen extrem belastet und in ihrer Existenz bedroht. Diesen Leuten, die in den Städten arbeiten, aber es sich nicht leisten können dort zu wohnen, würde es nun auch noch zunehmend unmöglich gemacht auf dem Land zu wohnen (und in die Stadt zu pendeln). Die Politik schafft es durch ihr (Nicht-) Handeln hier eine Katastrophe herbeizuführen. Was soll passieren, wenn die Leute, die in den Städten als Arbeitskräfte gebraucht werden es sich nicht Mal mehr leisten können zum arbeiten in die Stadt zu pendeln?
Das Lifestyle-Problem sehe ich eher in der anderen Richtung. Viele Akademiker, die es sich leisten können in einer Großstadt zu wohnen, sind sich selbst zu gut dazu, um auf dem Land zu arbeiten (geschweigedenn zu leben). Dafür gibt es natürlich gute Gründe. Eine vielfältigeres kulturelles Angebot, eine buntere Gesellschaft und vielleicht auch eine andere Haltung und Lebenseinstellung sorgen dafür, dass sich viele Menschen in Großstädten wohlfühlen. Doch auch auf dem Land braucht es Ärzte, Richter, etc. Und da ist es aus meiner Erfahrung so, dass es großes Problem gibt, offene Stellen zu besetzen, bei den Mitarbeitern allgemein eine viel höhere Fluktuation als bei der Belegschaft in Städten gibt und man in vielen Bereichen (z. B. bei Ärzten in Krankenhäusern) ohne Zuwanderer, die dort als Ärzte tätig sind, aufgeschmissen wäre. Eine deutsche Ärztin aus einer Großstadt wandert tendenziell eher zum Arbeiten in die USA, die Schweiz oder nach Dubai aus, als auf dem Dorf zu arbeiten.
Und diese Schieflage bzw. Vernachlässigung bei der Versorgung des ländlichen Raums spürt man nach meinem subjektiven Eindruck.
Ich finde es schon fast als anmaßend es zu einer Lifestyle-Entscheidung zu erklären, in einer Großstadt wohnen zu wollen, obwohl tatsächlich viele Menschen das weder können noch wollen, sondern Menschen, die es sich nicht leisten können in Großstädten zu wohnen, tendenziell auch noch die Möglichkeit genommen wird, auf dem Land zu wohnen. Wo sollen die denn dann noch hin? Und während es andererseits von den wohl eher städtischen Akademikern eine (wenn auch nachvollziehbare) Lifestyle-Entscheidung ist nicht oder höchstens um den Lebenslauf bis zur Bewerbung in eine Stadt oder im Ausland aufzuhübschen auf dem Land zu arbeiten.
Es wäre irgendwie toll, wenn die Politik hier einen Plan hätte, wo Menschen leben sollen, die es sich nicht leisten können in der Stadt zu leben, und sich es in der Zukunft auch nicht mehr werden leisten können, auf dem Land zu leben. Und wie die (Grund-) Versorgung beim Thema Gesundheit, Justiz und ähnliches außerhalb von Städten erfolgen soll, wenn Städter keinen Bock mehr haben zum Arbeiten aufs Land zu pendeln. Und wo die Arbeitskräfte, die in den Städten gebraucht werden, wohnen sollen, wenn sie nicht mehr nur in der Stadt, sondern auch auf dem Land das Leben nicht mehr leisten können.
