Kein Anrecht auf Wohnen in der Stadt - bitte weiterdenken!

Ein Jobwechsel ist meiner Meinung nach ein triftiger Grund für einen Umzug. Eventuell könnte man vom Arbeitgeber ein Schreiben verlangen, das bestätigt, dass die Arbeit nicht im Homeoffice vom bisherigen Wohnort außerhalb der Großstadt erledigt werden kann. Ein Studium oder Ähnliches zählt für mich ebenfalls als Job und ist damit absolut gerechtfertigt. Auch ein Zusammenzug ist sicherlich ein nachvollziehbarer Grund. Kritischer finde ich hingegen Fälle, in denen Menschen aus dem Umland (<=100 km) nur wegen der attraktiven Kultur oder Ähnlichem in die Stadt ziehen wollen oder Minderheiten wegen einer größeren Community.

Mir geht es nicht um eine strikte Reglementierung, sondern um einen priorisierten Zuzug in bestimmten Fällen. Das ist etwas anderes als Abschottung. Momentan kann jeder unbegrenzt zuziehen, was dazu führt, dass entweder der Markt über den Preis entscheidet, wer in der Stadt leben darf, oder der Staat die Preise niedrig hält, wodurch am Ende 150 Leute zu einer Besichtigung erscheinen und der Vermieter (/die kommunale Genossenschaft) letztlich das Doppelverdiener Arzt-Juristen-Paar ohne Kinder auswählt. Das finde ich auch nicht wesentlich fairer. Dann habe ich lieber ein System mit Sozialauswahl, deren Kriterien die Gesellschaft festlegt.

Läuft irgendwie auf ein „Wir“ (in der Stadt) gegen „Die“ (außerhalb der Stadt) hinaus.

Interessantes Sozialexperiment….

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Aber wie viele ziehen denn wirklich just for fun in die Städte. Ich denke wenn, dann ist das Problem eher, dass Leute die erst wegen einem Job in die Stadt ziehen auch dann weiter dort wohnen wenn sie einen Job außerhalb annehmen. Und wie viele Präsenztage geben einem das Recht zuzuziehen? Hätten Arbeitgeber die Pflicht lokale Bewerber zu bevorzugen, da diese ja sozial verwurzelt sein könnten?

Ich glaube Entspannung brächte vor allem die weniger gefragten Orte wie Kleinstädte oder Mittelstädte und kleinere Großstädte in strukturschwachen Gebieten zu stärken.

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Ich denke die Menschen arbeiten in den Städten, weil es auf dem Land immer weniger Jobs gibt, nicht weil das Pendeln so günstig ist. Pendeln, ob subventioniert oder nicht, ist immer ein Negativum auf das wohl jeder gern verzichten würde. Einerseits kostet es auch subventioniert noch substantielles Geld, andererseits auch Zeit. 60-120 Minuten am Tag im Auto oder der Bahn sitzen? Das will doch absolut niemand wenn er die Wahl hätte.

Die Landwirtschaft macht 0,8% des BIP aus. Attraktive Arbeitsplätze in Dienstleistung und Industrie sind in oder in der Nähe von Ballungsräumen. Diejenigen die das Glück haben in einer ländlichen aber strukturstarken Region aufzuwachsen, nehmen das wohl dankend an und arbeiten eben dort wo sie leben. Das man zur Not immerhin noch pendeln kann ist wohl der einzige Grund weshalb das Land noch nicht völlig ausgestorben ist.

Könnte die Landbevölkerung nicht mehr pendeln, wäre ein möglicherweise positives Szenario noch, dass die Unternehmen im Ringen um Arbeitnehmer die Remote-Regelungen massiv ausweiten. Physische Dezentralisierung dagegen wäre ja nahezu unmöglich.

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Ich muss da an Norditalien (Südtirol) und den Alpenteil Österreichs denken. Immer wenn ich dort bin, wundere ich mich sehr. Die Orte dort sind überwiegend klein, maximal 3.000–5.000 Einwohner. Nach deutschen Maßstäben ist das alles ländlich. Trotzdem hat fast jedes Dorf teils mehrere große Unternehmen in der Holzverarbeitung, Metallbearbeitung, im Maschinenbau oder in der Pharma, die der dortigen Bevölkerung Arbeitsplätze geben.

Natürlich fängt auch der Tourismus dort einiges auf. Aber mir zeigt das immer wieder, dass es ein Alternativmodell zu den deutschen Job-Ballungszentren gibt. Unsere Probleme sind politisch verursacht, weil wir Industrie nicht bei den Menschen ansiedeln, sondern in riesigen Gewerbegebieten bei Städten.

Wir müssen uns entscheiden, wie Deutschland in 50 Jahren aussehen soll. So wie der Alpenraum mit seinen kleinen lebenswerten Dörfern oder wie Spanien, wo die Dörfer aussterben und die Menschen überwiegend in Metropolregionen leben.

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Ich kenne einige, die nach dem Studium aus Spaß auf gut Glück nach Berlin gezogen sind. Wenn man noch mit leichtem Gepäck reist, also ohne Partner oder Kinder, aus einer spärlich eingerichteten Studi-Bude kommt und der Umzug damit kaum Aufwand ist, dann ist es egal, wo man keinen Job hat, solange man danach sucht.

Darüber hinaus kenne ich aus dem Hochschulsport noch eine deutlich größere Gruppe aus Syrien, Pakistan u. a., die im Rahmen von Flucht oder Auslandsstudium in die deutsche Mittelstadt kamen, und mit dem Duldungsbescheid oder Abschluss des Studiums in die Großstadt weiterzogen, weil sie dort mehr kulturellen Anschluss finden konnten.

Die Regeln und Kriterien für eine solche Regelung müssen die Gesellschaft aushandeln. Weder sehe ich mich in der Lage, noch in der Pflicht, ein vollumfängliches ausgearbeitetes Sozialmodell zu präsentieren, wenn ich einen Denkanstoß gebe. Aber mir ist natürlich klar, dass es Schwierigkeiten, Unschärfen und individuelle Schicksale geben wird.

Die gibt es aktuell aber auch heute. Ich denke da an meine letzten Nachmieter, ein Doppelverdiener-Paar aus Berlin mit angeblich 50 m2 Wohnung, er Angestellter bei einem Wissenschaftsverlag, sie Zahnarzthelferin. 2 Kinder im Alter von 8 und 11. Jahrelang suchten sie nach einer größeren Wohnung, damit die Kinder eigene Kinderzimmer bekommen können. Nach 3 Jahren hat sie ihren Job gekündigt und die Familie ist in die Mittelstadt gezogen. Er pendelt jetzt täglich 1h, sie wollte sich nach einer neuen Zahnarztpraxis umschauen. Und die Kinder mussten Schule und Bundesland wechseln. Aus meiner Sicht ist das kein Zustand.

Da stimme ich aus ganzem Herzen zu. Aber das passiert doch bereits. Ich kann über die Räume Berlin, Leipzig und Hamburg sprechen. Die Städte im Umfeld sind absolut lebenswert. Die Anbindung an die Großstadt ist völlig in Ordnung (der Zug Brandenburg an der Havel - Berlin fährt zum Beispiel alle 20 Minuten). Arbeitsplätze gibt es auch.

Trotzdem begegnen mir sehr regelmäßig Leute (meist entweder der Generation „Berufseinstieg“ oder „Kinder-aus-dem-Haus“), die sich darüber auslassen, dass man nur in der Großstadt richtig leben kann und die sich nicht vorstellen können, in den Mittelstädten im Umland zu leben. Da sei einfach zu wenig los und die Städte sicher total hässlich. Und die AfD sei sicher auch super stark und man werde quasi ständig angefeindet. Fast immer sind das vor allem Vorurteile. Das konterkariert die Stärkung dieser Orte.

Natürlich entscheidet der Marktpreis darüber, wer sich die Stadt leisten kann und nicht irgendeine Zuzugs-Kommission.

Ich empfehle Artikel 11 Abs. 1 Grundgesetz.

Alle Deutschen genießen Freizügigkeit im ganzen Bundesgebiet.

Entsprechend Abs. 2 darf mit schwerwiegendem Grund davon abgewichen werden, aber zuvorderst wären alle milderen Mittel auszuschöpfen. Der Staat kann daher z.B. den Wohnungsmarkt indirekt steuern (Mietpreisbremse, sozialer Wohnungsbau, Zweckentfremdungsverbote (gegen Airbnb), Vergabe von Sozialwohnungen nach Kriterien, …) und müsste hier erstmal alles ausschöpfen.

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… klingt aber durchaus so.

Da gefällt mir (!) sogar das System heute mit allen Problemen, aber eben auch Freiheiten & Freizügigkeit besser.

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Kannst du vielleicht auch erklären wieso?

Mir scheint, dass der eine oder andere den Vorschlag zu strikt auffasst. Niemand will Zuzug verbieten. Aber man könnte ja bspw. die Wohungsfindung kommunal unterstützen. Dazu baut man eine Datenbank auf mit „zu priorisierenden“ Wohnungssuchenden und ihrem Bedarf. Wohnungsgeber können dort zugreifen. Vermieten sie an einen davon, bekommen sie zum bspw. eine Prämie oder Staat übernimmt ein Jahr die Versicherung gegen Mietnomadentum oder whatever.

Vermutlich werden Vermieter dann solche Mietinteressenten bevorzugen, denn sie benötigen weniger eigene Inserate und bekommen sogar Vorteile. Das schließt die anderen Wohnungsinteressenten aber nicht aus. Es priorisiert nur Wohnungsbedarf zwischen notwendigem und wünschenswertem Wohnungsbedarf.

Findest du es wirklich besser, wenn Menschen in die Großstadt ziehen, weil es dort die tolleren Theater und Opern gibt (die sie vielleicht 1-2 Mal im Jahr nutzen) oder weil es dort mehr queere Clubs, eine größere Religionsgemeinschaft, was auch immer sonst gibt, dafür aber die 4-köpfige Familie in einer 2-3-Zimmerwohnung festsitzt?

Denn eins ist klar: Alle anderen Vorschläge werden frühestens in einigen Jahren ansatzweise wirken. Das Image kleinerer Städte wandelt sich selbst bei massiven Werbekampagnen und Verbesserungsmaßnahmen nur langsam (zum Beispiel Brandenburg an der Havel) oder sogar gar nicht. Sozialer Wohnungsbau braucht ebenfalls viele Jahre. Rekommunalisierung schafft gar keinen Wohnraum und verändert nichts.

Priorisierung von Wohnbedarf und Zuzug, dagegen kann auch kurzfristig einen Effekt haben und ist mit allen anderen Mitteln kombinierbar.

Disclaimer: Ich wohne selbst außerhalb der Großstadt. Damals habe auch ich, in der Großstadt, in der ich arbeite, nach einer Wohnung gesucht. Trotz Doppelverdiener-MINT-Gehalt gab es nicht einmal eine Antwort von Vermietern. Ich bin dann in die Peripherie gezogen und habe das nie bereut. Trotzdem habe ich großes Mitleid mit der oben erwähnten 4-köpfigen Familie, wo die Kinder zwischen Schul- bzw. Bundeslandwechsel wählen mussten oder dem ewig geteilten Kinderzimmer.

So ist das halt mit knappen Gütern.

Was man machen könnte, ist strenge Wohnortvorgaben erlassen für diejenigen, deren Miete durch Sozialleistungen bezahlt werden sowie Nicht-Deutschen Vorgaben machen, denn GG Art. 11 nennt ausdrücklich Deutsche, für die Freizügigkeit gilt. Aber hier wird der Mangel an Wohnraum für Arbeitnehmer offensichtlich als weniger wichtig priorisiert; mit dem bekannten Ergebnis. Aus freiheitlichen Gesichtspunkten finde ich das aber auch durchaus okay so. Wie priorisierst du?

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Das ist meiner Erfahrung nach in Baden-Württemberg auch nicht viel anders, jedes Städtchen/Dorf hat ein Gewerbegebiet mit Fabriken. Ich war immer wieder erstaunt, wie anders es z.B. in Schleswig-Holstein war, wo eine Auto-/Landmaschinen-Werkstatt das einzige Gewerbe zu sein schien.

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Das mag gut sein, dass Teile Deutschlands ähnlich aufgestellt sind. Ich sehe aber auch große Teile Deutschlands, in denen Arbeitsplätze fast nur noch in den Städten zu finden sind. Ich denke da an die Nord-Bundesländer, die neuen Bundesländer, Teile Nordbayerns. Auch NRW hat gelitten. Und tendenziell wird es eher schlimmer als besser, scheint mir. Standort- und Industriepolitik wirkt in Deutschland teilweise sehr ungerecht. Da heißt es immer, man müsse sicherstellen, dass Produzent und Abnehmer nah beieinander angesiedelt werden.

Die Frage ist, ob wir das ändern wollen.

Lustig. Hier schwingt genau der Vorschlag mit, den ich oben gemacht habe: Job-Wachstum in Großstädten begrenzen, zugunsten umliegender Gegenden.
Du willst weniger Gewerbegebiete in Großstädten ausweisen, ich beziehe das direkt auf alle Jobs.

Dazu schriebst du:

Das ist nur ein scheinbarer Widerspruch. Ich nehme wahr, dass es im Umkreis der Dörfer, genauso wie in manchen Großstädten, zu wenig Jobs gibt, und dass es in anderen Ländern anders aussieht.

Die kleinen, wenig gefragten Mittelstädte mit vielleicht 50.000 Einwohnern stehen besser da. Sie haben nicht selten Arbeitskraftbedarf, leiden aber eher unter Netto-Abwanderung.

Ich habe also nichts gegen Industrieförderung auf dem Land, sondern ich bezweifle, dass eine Schlechterstellung bei Jobs in den Großstädten sinnvoll ist, da sie nur Verarmung unterstützen wird und die Menschen trotzdem wegen Kultur und Co. kommen werden.

Die Ausweisung großer Gewerbegebiete halte ich aber dann oft doch für einen Fehler. Logistisch ist das für Unternehmen zwar toll, aber wenn je 50 km Umkreis ein großes Gewerbegebiet entsteht, müssen die Leute ja doch wieder pendeln. Daher favorisiere ich Mischbebauung als Standard. Industriegebiete sollten nur genutzt werden wo es wegen der nötigen Synergien nicht anders möglich ist.

Ich denke die Zusammenhänge werden in der Diskussion ein wenig vereinfacht dargestellt. Es klingt so als sei Wohn- und Arbeitsraum “von oben designbar”, aber das ist doch mitnichten der Fall. Der Status Quo ist doch organisch aus den historischen strukturellen Gegebenheiten entstanden, angefangen mit Rohstoff-Vorkommen, Zugang zu Handelswegen (Wasser, Schiene, Straße) und Kompetenz (Schulen und Unis). So haben über die Zeit bestimmte Regionen bestimmte Nischen und Kompetenzen erschlossen und es gibt Gründe dafür weshalb manch eine Region ein weißer Fleck auf der Karte geblieben ist, wohingegen aus anderen Metropolen geworden sind. In den Alpen hat man jede Menge Holz, Wasserkraft, Gestein/Erze, gute Voraussetzungen für Vieh-Wirtschaft. Transportwege von Hochebenen runter ins Tal sind nicht ohne, Tourismus ist sehr signifikant. Entsprechend spiegelt sich dies dann an der wirtschaftlichen Struktur und den Dörfern wieder. Das lässt sich aber nicht einfach auf das “platte Land” in Mitteldeutschland übertragen. Man siedelt nicht irgendwo “Insdustrie” (was für eine?) an, indem man Gewerbegebiete ausweist…

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Ich habe den Eindruck, dass hier die Möglichkeiten der Politik etwas unterschätzt werden

Natürlich kann die Politik beeinflussen, wo Menschen wohnen. Allein die Pendlerpauschale. Ohne diese wäre es vielen Menschen nicht möglich so zu leben, wie sie es aktuell tun. Mit dieser wird es staatlich schlicht subventioniert zu Pendeln und an einem anderen Ort zu arbeiten als zu leben. Das ist politisch also offenbar seit Jahrzehnten gewünscht. Zum Thema Wohnungsmarkt mag das sogar prinzipiell eine sinnvolle Idee sein, da - wenn es Arbeitsplätze bloß in der Stadt gibt - da der knappe Wohnraum in der Stadt weniger problematisch ist, wenn man auch ins Umland ausweichen kann. Wenn ich mich in meinem Bekanntenkreis umschauen, funktioniert das heutzutage aber auch nicht mehr so wirklich. Wer innerhalb eines Radius mit einer Fahrtzeit von einer Stunde um eine Stadt nach einer Wohnung sucht, hat da auch Probleme etwas zu finden. Eine weitere Idee, um das weiter zu entschärfen wäre etwas wie das Recht auf Home-Office. Da, wo es geht, könnte das dazu führen, dass man nicht mehr gezwungen ist sich wegen der Anfahrt zum Job in der Stadt oder im Speckgürtel um Wohnungen zu prügeln. Und dann wären da auch noch andere Alternativen, wie dass die Städte einfach selbst wieder bezahlbaren Wohnraum in der Stadt schaffen oder Wohnungsbaugenossenschaften oder Baugenossenschaften bei der Vergabe von Wohnflächen bevorzugen.

Der Verweis darauf, dass die Bevölkerung zurück geht und es langfristig nicht mehr Wohnungen braucht, ist nach meinem Empfinden ein Trugschluss. Nur weil es z. B. im Saarland weniger Menschen geben würde, heißt das nicht, dass das auch für Berlin gilt. Leere Wohnungen im Saarland helfen nur bedingt einem Polizisten, der seinen Job in Berlin hat. Und es hilft auch nicht, wenn jetzt einfach stumpf welche in sterbende Dörfer ins Saarland ziehen und dort Sozialleistungen beziehen. Dadurch ist auch niemanden geholfen. Dadurch werden vor Ort nicht plötzlich aus dem Nichts Arbeitsplätze entstehen. Es braucht schon irgendwie Arbeitsplätze, damit das vernünftig laufen soll. Da mögen dezentrale Arbeitsplätze wie Home Office aber tatsächlich eine Möglichkeit sein, Dörfer zu retten.

Bei der Industrie ist es ja gebauso. Mit dem Hebesatz können Gemeinden sehr gut regeln, wie attraktiv Sie für Unternehmen bei der Ansiedelung sind. Das funktioniert, ist aber etwas, was ich eher für kritisch halte (dass sich Gemeinden gegenseitig unterbieten dabei ein Steuerparadies zu sein). Auch gibt es durch Subventionen auch genügend Beispiele, bei denen die Politik die Ansiedlung von Industrie ermöglicht.

Wenn man den Politiker und eine Gesellschaft hätte, die die aktuelle Situation als Chance begreifen würden uns wissen, wo sie hin möchte, wäre das auch nicht so negativ. Für die einen ist die Vision, dass Immobilien immer teurer, der Markt umkämpfter und die Renditen bei dem Neubau von hochpreisigen Luxuswohnungen teurer werden. So können die Aktionäre von den betreffenden Unternehmen auf gute Zahlen hoffen. Eine andere Version wäre es, Wohnraum nicht mehr als Spekulations- und Luxusgut zu betrachten, mit dem Investoren spielen können, sondern dafür zu sorgen, dass es bezahlbaren Wohnraum - ggf. auch durch den Staat gebaut und angeboten - gibt. Hierbei könnte der Staat vielleicht sogar schon dadurch langfristig sparen, dass er Sozialleistungsempfängern nicht die überteuerte Miete für deren aktuelle Wohnungen bezahlen muss und damit die Rendite der Aktionäre des Vermieters bezahlt, sondern den Leistungsempfängern dann, wenn diese in städtischen Sozialwohnungen leben, nicht nur bloß die Hälfte der Miete bezahlen muss, sondern diese sogar quasi an sich selbst zahlt. Und ich meine, dass man auch die Frage umdrehen sollte. Die Frage, ob jeder das Anrecht auf Wohnen in der Großstadt haben sollte, ist - wie dargestellt - eigentlich eine Nebelkerze (Städte brauchen Wohnraum für die Leute, die dort arbeiten und viele möchten auch nicht in den Städten leben, können sich aber auch das Leben auf dem Land zunehmend nicht mehr leisten. Richtiger wäre die Frage, “Haben Großstädte ein Anrecht auf die Arbeitskraft von Menschen, denen nicht genug gezahlt wird, um in Großstädten auch zu leben). Ist es nicht aber darüber hinaus auch ökologische zu begrüßen, Wohnraum in Städten zu schaffen, als weiter die Fläche zu zersiedeln?

Ist das so?:wink:

Wobei ich aus der hiesigen Kommunalpolitik berichten kann, dass auch die meisten Gewerbetreibenden sich eine klare Trennung zwischen Gewerbe- und Wohngebieten wünschen. Niemand hat Lust darauf, sich wegen Lieferbetrieb oder Lärmemissionen ständig mit den Nachbarn auseinandersetzen zu müssen, die ihren Mittagsschlaf halten wollen.

Da bist du wiederum ein wenig naiv. Genau das passiert ständig. Bei uns wird gerade ein großes Pharma-Werk gebaut. Das ist Ergebnis einer sehr gezielten Industriepolitik, die seit Jahren die Ansiedelung von Forschungs- und Produktionsstätten aus dem Bio-, Chemie- und Pharmabereich fördert. In Ostdeutschland sind mehrere Standorte von Chipherstellern entstanden. Ebenfalls Ergebnis von Industriepolitik. Das Volkswagen-Stammwerk ist genauso wie die Stadt Wolfsburg unter Hitler am Reisbrett aufgrund einer politischen Entscheidung am heutigen Standort gebaut worden. Zu den damaligen Abwägungen gehörten auch militärische Prioritäten (große Entfernung zu den damaligen deutschen Grenzen).

Da gibt es natürlich auch immer Schnittmengen zu historisch gewachsenen Strukturen. Aber insbesondere “große” Industrieansiedelungen werden längst in erster Linie politisch entschieden, weil es da eigentlich immer mehr um Subventionen und “weiche” Standortfaktoren geht, während Transportnetzwerke und Rohstoffe in einer fast vollständig globalisierten just-in-time Wertschöpfungskette relativ an Bedeutung verloren haben.

Jedes Wohngebiet ist heutzutage Ergebnis eines komplexen Raum- und Bauplanungsprozesses. Das Neubaugebiet um die Ecke ist buchstäblich “von oben designt”, einschließlich der Bebauungsform (Ein- vs Mehrfamilienhaus), Dachform und Fassadengestaltung. Das entscheidet auch nicht die lokale Gemeinde im Alleingang. Flächen für Wohn- und Gewerbegebiete müssen durch die Landesverwaltung abgesegnet werden, die dabei natürlich politische Leitlinien und Schwerpunkte berücksichtigt.

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Hängt vielleicht davon ab, in welcher Bubble man sich bewegt, aber ich und mein Bekanntenkreis haben keine Qualifikationen, die im ländlichen Raum gefragt ist.

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Geht mir ja auch so. Heißt aber nicht das es außerhalb großer Städte keine gutbezahlten Arbeitsplätze gibt. Als Ingenieur oder BWLer gibt es bei den Hidden Champions hier gute Perspektiven, dazu wohnt es sich noch relativ günstig.
Ist offenbar auch nicht völlig unattraktiv.