Ich habe den Eindruck, dass hier die Möglichkeiten der Politik etwas unterschätzt werden
Natürlich kann die Politik beeinflussen, wo Menschen wohnen. Allein die Pendlerpauschale. Ohne diese wäre es vielen Menschen nicht möglich so zu leben, wie sie es aktuell tun. Mit dieser wird es staatlich schlicht subventioniert zu Pendeln und an einem anderen Ort zu arbeiten als zu leben. Das ist politisch also offenbar seit Jahrzehnten gewünscht. Zum Thema Wohnungsmarkt mag das sogar prinzipiell eine sinnvolle Idee sein, da - wenn es Arbeitsplätze bloß in der Stadt gibt - da der knappe Wohnraum in der Stadt weniger problematisch ist, wenn man auch ins Umland ausweichen kann. Wenn ich mich in meinem Bekanntenkreis umschauen, funktioniert das heutzutage aber auch nicht mehr so wirklich. Wer innerhalb eines Radius mit einer Fahrtzeit von einer Stunde um eine Stadt nach einer Wohnung sucht, hat da auch Probleme etwas zu finden. Eine weitere Idee, um das weiter zu entschärfen wäre etwas wie das Recht auf Home-Office. Da, wo es geht, könnte das dazu führen, dass man nicht mehr gezwungen ist sich wegen der Anfahrt zum Job in der Stadt oder im Speckgürtel um Wohnungen zu prügeln. Und dann wären da auch noch andere Alternativen, wie dass die Städte einfach selbst wieder bezahlbaren Wohnraum in der Stadt schaffen oder Wohnungsbaugenossenschaften oder Baugenossenschaften bei der Vergabe von Wohnflächen bevorzugen.
Der Verweis darauf, dass die Bevölkerung zurück geht und es langfristig nicht mehr Wohnungen braucht, ist nach meinem Empfinden ein Trugschluss. Nur weil es z. B. im Saarland weniger Menschen geben würde, heißt das nicht, dass das auch für Berlin gilt. Leere Wohnungen im Saarland helfen nur bedingt einem Polizisten, der seinen Job in Berlin hat. Und es hilft auch nicht, wenn jetzt einfach stumpf welche in sterbende Dörfer ins Saarland ziehen und dort Sozialleistungen beziehen. Dadurch ist auch niemanden geholfen. Dadurch werden vor Ort nicht plötzlich aus dem Nichts Arbeitsplätze entstehen. Es braucht schon irgendwie Arbeitsplätze, damit das vernünftig laufen soll. Da mögen dezentrale Arbeitsplätze wie Home Office aber tatsächlich eine Möglichkeit sein, Dörfer zu retten.
Bei der Industrie ist es ja gebauso. Mit dem Hebesatz können Gemeinden sehr gut regeln, wie attraktiv Sie für Unternehmen bei der Ansiedelung sind. Das funktioniert, ist aber etwas, was ich eher für kritisch halte (dass sich Gemeinden gegenseitig unterbieten dabei ein Steuerparadies zu sein). Auch gibt es durch Subventionen auch genügend Beispiele, bei denen die Politik die Ansiedlung von Industrie ermöglicht.
Wenn man den Politiker und eine Gesellschaft hätte, die die aktuelle Situation als Chance begreifen würden uns wissen, wo sie hin möchte, wäre das auch nicht so negativ. Für die einen ist die Vision, dass Immobilien immer teurer, der Markt umkämpfter und die Renditen bei dem Neubau von hochpreisigen Luxuswohnungen teurer werden. So können die Aktionäre von den betreffenden Unternehmen auf gute Zahlen hoffen. Eine andere Version wäre es, Wohnraum nicht mehr als Spekulations- und Luxusgut zu betrachten, mit dem Investoren spielen können, sondern dafür zu sorgen, dass es bezahlbaren Wohnraum - ggf. auch durch den Staat gebaut und angeboten - gibt. Hierbei könnte der Staat vielleicht sogar schon dadurch langfristig sparen, dass er Sozialleistungsempfängern nicht die überteuerte Miete für deren aktuelle Wohnungen bezahlen muss und damit die Rendite der Aktionäre des Vermieters bezahlt, sondern den Leistungsempfängern dann, wenn diese in städtischen Sozialwohnungen leben, nicht nur bloß die Hälfte der Miete bezahlen muss, sondern diese sogar quasi an sich selbst zahlt. Und ich meine, dass man auch die Frage umdrehen sollte. Die Frage, ob jeder das Anrecht auf Wohnen in der Großstadt haben sollte, ist - wie dargestellt - eigentlich eine Nebelkerze (Städte brauchen Wohnraum für die Leute, die dort arbeiten und viele möchten auch nicht in den Städten leben, können sich aber auch das Leben auf dem Land zunehmend nicht mehr leisten. Richtiger wäre die Frage, “Haben Großstädte ein Anrecht auf die Arbeitskraft von Menschen, denen nicht genug gezahlt wird, um in Großstädten auch zu leben). Ist es nicht aber darüber hinaus auch ökologische zu begrüßen, Wohnraum in Städten zu schaffen, als weiter die Fläche zu zersiedeln?