Woher kommt eigentlich die auch hier unterstellte These, die Pharmaunternehmen habe zu wenig in Produktionsanlagen investiert, weil weitere Produktionsanlagen eben unwirtschaftlich wären.
An anderer Stelle hier im Forum beschreibt jemand, der sich damit offensichtlich auskennt, wie aufwendig und zeitraubend der Aufbau einer Produktionsanlage ist.
Und man kann ja nicht mit dem Aufbau beginnen, wenn noch nicht im Wesentlichen weiß, was eigentlich alles im Impfstoff drin sein muss und wie man den produzieren muss. Das dauert einfach! Jetzt haben „wir“ in atemberaubender Zeit einen Impfstoff hergestellt und alle glauben, jetzt können alle sofort geimpft werden. Obwohl Jens Spahn, seit dem es erste Meldungen über Erfolge bei der Entwicklung von Impfstoffen gibt, angekündigt hat, dass der Impfstart „holprig“ werden wird (soviel zur in den letzten 2 Tagen immer wieder wiederholten Behauptung eines falschen „Erwartungsmanagements“ seitens der Politik).
Im Zusammenhang mit der Impfstoffentwicklung und -produktion: Wo genau siehst Du Raubtierkapitalismus und Rücksichtslosigkeit?
Ich gehe dem Vorwurf, die EU hätte schlechte Verträge abgeschlossen, schon seit Tagen nach. Der Vertrag mit AstraZeneca wurde ja veröffentlicht. Ja, geschwärzt, aber zuerst so, dass man die Schätzung umgehen konnte. Es gibt seit dem mehrerer Juristen, die den Vertrag analysiert haben. Leider kommen die zu völlig unterschiedlichen Ergebnissen. Mich interessiert, woher Sie diese Gewissheit, die EU hätte keine „sinnvollen“ Verträge abgeschlossen, nehmen?
@vieuxrenard Eine Analyse des Vertrags - Best Effort oder harte Lieferverpflichtung - wäre doch mal ein Thema für Ulf in der LdN?
Ja, Geheimverträge stehen im Konflikt mit der Kontrolle durch das Parlament.
Aber ganz ohne Geheimhaltung wird es nicht gehen. Sonst kommen eine ganze Reihe von für die Gesellschaft sehr wichtigen Verträgen zwischen Privaten und Staat einfach gar nicht mehr zustande, weil die privatwirtschaftlichen Vertragspartner bestimmte Daten zum Schutz ihrer wettbewerblichen Position nicht veröffentlich sehen möchten. Das ist ein berechtigtes Interesse.
Vielleicht wird man das organisatorisch lösen können. So könnte man Wettbewerbs-sensible Daten in Anhänge oder Zusatzverträge auslagern unter der Voraussetzung, dass im Hauptvertrag auf diese ausdrücklich verwiesen wird und erläutert wird, was grundsätzlich in den ausgelagerten Teilen geregelt wird (also z.B. Preise, Lieferfristen, Rezepturen, Lieferanten, etc.), ohne diese im Einzelnen zu nennen.
Allerdings müssten die geheimen Vertragsbestandteile trotzdem für Mitglieder des zuständigen Parlaments einsehbar sein, die wiederum einer straf- oder haftungsbewährten Verschwiegenheitsverpflichtung unterliegen müssen. So könnten im aktuellen Fall juristisch versierte Parlamentarier die geheimen Vertragsbestandteile einsehen und dann öffentlich erklären: „Ja, AstraZenica ist nach dem Vertrag verpflichtet, bestimmte Mengen bis zu bestimmten Termine zu liefern.“ oder „Nein, es ist tatsächlich nur eine Best Effort Verpflichtung!“
Sorry, verstehe ich nicht. Geht es hier um darum, dass die Eigentümer der Produktionsanlage dies nicht auf 100% laufen lassen, um Verschließ zu vermeiden? Ich sehe keine Grundlage für eine solche These.
Auch diese These verstehe ich nicht. Geht es darum, dass man auf der gleichen Anlage etwas anderes mit einer höheren Marge hätte produzieren lassen können? Meines Wissens wird eine Anlage für einen einzigen Impfstoff gebaut und kann nicht für andere Produkte verwendet werden.
Das stimmt insofern, dass es für eine Herdenimmunität reicht, 70-80% von 8 Mrd. Menschen zu impfen. Immer noch ein gigantischer Markt.
Woher kommt die These, dass sich 1-2 Hersteller bestimmte Weltregionen teilen? Impfstoffe aus Russland werden inzwischen in Ungarn eingesetzt und die EU wie auch die Bundesregierung schauen sich den auch an. Impfstoffe aus China werden in Asien und Afrika eingesetzt. Die Impfstoffe von BioNTech und Modern (sicher dann auch von Johnsen&Johnson & Co) werden weltweit eingesetzt. Und das ist ja nur der Beginn …
Wenn jemand eine gute Idee hat, wie der Staat durch Geld oder Handeln den Aufbau von Produktionskapazitäten effektiv beschleunigen kann, bin ich der erste, der dem zustimmen würde. Aber alle die Ideen von Zwangslizensierung, „Kriegswirtschaft“ etc. helfen da einfach nicht weiter.
Nein, vor dem Hintergrund der Wettbewerbsdynamik - First Mover Advantage - ist das für die Hersteller alles andere als egal, sondern extrem wichtig.
In Anbetracht der Tatsache, dass wir uns immer wieder gegen Covac19 impfen lassen müssen (vermutlich ähnlich wie bei der Grippe-Impfung mit dem Unterschied, dass das zur Vermeidung einer neuen Pandemie immer 70-80% der Weltbevölkerung machen muss) ist auch das m.E. nicht richtig.
Genau das ist doch passiert! Die EU hat (nach eigenem Bekunden) im Spätsommer verbindliche Bestellungen in beträchtlicher Höhe für 6 Impfstoffe abgegeben lange bevor klar war, dass die wirksam sind und zugelassen würden unter der Auflage, dass die Pharmafirmen schon jetzt Produktionskapazitäten aufbauen und auf Lager produzieren.
Ich habe leider für diese Behauptung der EU-Kommission und Bundesregierung noch keine unabhängigen Belege gefunden, glaube aber nicht, dass man uns so dreist belügen würde.
Wenn man weiß, wie aufwendig die Konstruktion und der Bau solcher Produktionsanlagen ist (s.o.), dann weiß man: Mehr Geld hätte das nicht beschleunigt.
Im übrigen: Manche Teilnehmer in dieser Diskussion würden die von Ihnen vorgeschlagene (und ja auch praktizierte) Vorgehensweise vermutlich nicht gutheißen, denn dann würden ja Pharmafirmen auf Kosten von Steuerzahler Gewinne erzielen …