Das eine ist eine Art Selbsthypnose, die die Union unter Merz ja schon vor der Regierungsübernahme geprägt hat. Die denken wirklich, wenn man nur fest genug nach unten tritt, kommt das Land nach oben. Die reden sich so lange ein, dass man beim Bürgergeld 50 Mrd. sparen könnte und deswegen keine Änderungen an der Schuldenbremse bräuchte, dass sie „CDU pur“ und „Politikwende“ für deutlich unter 30% der Stimmen bekommen würden etc bis sie das wirklich glauben. Und während ein bisschen Framen, manchmal, selten auch Lügen politisch opportun oder notwendig sein können, dürfen zumindest, die, die das vertreten nicht vergessen, dass das nicht stimmt und entsprechend hinreichend Spielraum und Hintertüren einbauen. Erwartungsmanagement betreiben. Das hat bei der Union unter Merz bei sehr vielen Themen nie funktioniert. Im Gegenteil wurde oft auch ohne Not immer höher auf den Baum geklettert. Wenn der Kurs dann auf die Realität aufprallt, schief geht, sind die Umstände, die Ausländer oder die Linken schuld.
Das andere ist Verzweifelung. Der Ansatz der Union ist ja eine Art Restvertrauen, dass die Wähler der Rechtsextremisten es eigentlich nicht so meinen, wie sie wählen. Dass die demokratisch umsetzbare, legitime Anliegen hätten und nur anti-demokratisch und illegitm wählen, weil ihnen das niemand anbieten würde. Das es also eigentlich eine Mehrheit für die eigene Politik geben würde, und die relative Mehrheit der AfD auf Bundesebene nur ein großes Missverständnis wäre (eine Illusion, die ja auch unter Linken oder hier im Forum anzutreffen ist). Wenn man das Gegenteil nicht wahrhaben will, obwohl jeder Indikator in Umfragen, Untersuchungen und Wahlen das nahelegen, muss man ja glauben, dass es immer nur diesen einen, kleinen oder großen Reformschritt mehr auf die zu, die zur AfD gewechselt sind, bräuchte, um den Trend zu brechen. Dahinter könnte man nur zurück, um den Preis eines großen Eingeständnisses vor sich und anderen, seit Jahren die komplett falsche Sachanalyse in eine komplett falsche Strategie übersetzt zu haben. Kann ich menschlich schon verstehen, dass der Weg dahin ein weiter ist. Ich persönlich bin trotzdem entsetzt, wie weit der Extremismus und die Wahlerfolge der AfD Richtung Machtübernahme läuft, wie viele angebliche Grenzen und Wendepunkte schon überschritten sind, ohne dass es zu einer klaren Kurskorrektur aus Parteienverbot gegen die AfD und einer ausgewogeneren Ausrichtung der Union gekommen wäre. Aber das ist natürlich von meinem Standpunkt aus auch leichter zu sagen, das ist halt, was ich eh schon länger für notwendig halte. Nicht wirklich schön, zu sehen, wie das rechte Bürgertum auch in Deutschland Schritt für Schritt zu der Karrikatur verfällt, die radikale Linke schon früher, damals noch zu Unrecht, zeichneten.
Par ganz interessante Einblicke in die Union gibts im ZDF in der Doku-Serie Inside CDU. Da ist grade ne neue Staffel erschienen. Nichts daran ist gut für die Laune, aber interessant ist es schon: