Meine Begründung: weil die Welt sich geändert hat. Du bringst hier Beispiele aus einer komplett anderen Zeit. Ich sehe nicht daß man das mit der heutigen Situation vergleichen kann. Und das die Nato-Staaten abhängig von den USA sind, sieht man doch allenthalben. Beispiele:
5% vom BIP für die NATO
Schutz der EU durch die USA
Zolldeal der EU mit den USA zum Nachteil der EU
Einbeziehung der USA im Ukraine- Krieg ( Sicherheit der Ukraine nur mit der USA)
Energieabhängigkeit von den USA (btw: wusstest Du das es in den USA ein Gesetz zur Energiesicherheit in Europa gibt? Ist schon einige Jahre alt)
Usw.
Du hast geschrieben „in der Regel war es einen Entscheidung…“, sieht so aus als ob Du Dir da nicht ganz sicher bist. Nun: in der Regel der Nato Statuten dürfen keine instabilen oder nicht demokratische Länder in die NATO aufgenommen werden. Da hat man damals bei Spanien und in der Türkei geflissentlich darüber hinweggesehen und heute will man dieses bei der Ukraine und Georgien auch.
Aber das ist jett nicht das Thema.
Das kann keiner garantieren. Das Grundproblem ist der Respekt voreinander und dieser scheint zu fehlen.
Ich bezweifle das auch,daß die Menschheit schon viel weiter ist, daß hatte ich ja so geschrieben.
Natürlich ist das eine schöne Vorstellung und ich weiß das es in der Realität nicht so ist. Aber das ist ja kein russisches Problem. Das machen die USA und die EU eben so. Nun, die EU beginnt keine Kriege,daß ist der einzige Unterschied.
Ich maße mir nicht an zu sagen"sogenannte russische Sicherheitsinteressen". Sicherheitsinteressen der USA wurden mit kriegen und regime-Changes durchgesetzt. Ist das etwas besser oder legitimer? Wenn jemand Sicherheitsinteressen angibt, dann sollte man seine Ohren spitzen und Zuhörern und eine Lösung finden und nicht mit Arroganz glänzen . Das ist meine Meinung dazu und nun zurück zum eigentlichen Thema.
Hat er so nicht gesagt.
Da wir jetzt in teils unbelegten Behauptungen herumschwirren, wer was gesagt hat oder was nicht oder was wir nicht hören wollen, scheint das Thema abzudriften.
Kurzes Zwischenfazit:
Russland ist völkerrechtswidrig in die Ukraine einmarschiert.
Dieser Fakt ist hier wohl unbestritten.
Alle bisherigen diplomatischen Bemühungen haben nicht zu einer Beendigung des Krieges geführt.
Auch ein Fakt.
Das Vorgehen Russlands sowie entsprechende Äußerungen Putins werden von den Nachbarn als bedrohlich empfunden.
Auch unbestritten.
Was jetzt der richtige Weg ist damit umzugehen?
Strittig.
Eine falsche Entscheidung in diesem Punkt kann dazu führen, das man keine Chance auf einen zweiten Versuch hat. Damit meine ich jetzt keinen Atomkrieg.
Also, wenn es noch Substanzielles zum Ausgangsthema gibt, bitte jetzt, sonst sollten wir das Thema ruhen lassen, bis es Konkretes dazu gibt.
Ich greife mir mal ein Beispiel raus, das Argument besteht aber auch für die anderen. Auch wenn ich diese ganze Idee mit %/BIP für eine Schnappsidee halte: Das Geld fließt nicht an die NATO. Die Mitglieder des Bündnisses sagen zu, ihr Militär mit entsprechenden Summen auszustatten, um ihren Bündnisverpflichtungen nachkommen zu können. Wenn eines der Länder sagt, „Dann lieber nicht.“ wird es nicht von US-Truppen besetzt, die das Land dann zu irgendwas zwingen. Zwischen selbstgewählter Abhängigkeit und russischer Besatzung bestand im Kalten Krieg ein qualitativer Unterschied und heute genauso. In der Zukunft kann sich das mit dem Kollaps der US-Demokratie ändern, aber bisher gibt es diesen Unterschied noch.
Nenne ein Land, das von den USA militärisch bedroht oder besetzt wurde, weil es seinen NATO-Verpflichtungen nicht nachkommen, das Bündnis verlassen oder ähnliches wollte. Mag sein, dass nicht jedes Mitglied eine demokratisch gewählte Regierung hatte, aber es war immerhin trotzdem die eigene Regierung, die sich für oder gegen die Mitgliedschaft entschieden hat.
Wann haben die USA das letzte Mal einen Krieg geführt, wie Russland in der Ukraine? Also mit dem Ziel, ihr eigenes Teritorium zu erweitern, dort ethnische und politische Säuberungen durchzuführen, weil eine demokratische Regierung sich nicht dem US-Einfluss beugen wollte? Ja, es gibt Verstöße der USA gegen entsprechende Normen, aber auch in den Verstößen zeigen sich am Ende deutliche Unterschiede. Dass die EU und ihre Mitglieder keine Kriege beginnen, finde ich übrigens einen ziemlich entscheidenden Unterschied zu Russland, selbst wenn das wirklich der einzige wäre.
Ja. Man kann - um mal in diesem Jahrhundert zu bleiben - den Irak- und Afghanistan-Krieg der USA aus vielen Gründen kritisieren und ablehnen (hat die Bundesregierung beim Irak übrigens getan, ohne, dass anschließend US-Truppen das Kanzleramt stürmen wollten). Aber es ist weniger schlimm, einen Mann wie Hussein oder Islamisten wie die Taliban aus dem Amt zu jagen und zumindest zu versuchen, eine demokratische Struktur zu installieren, als einen Mann wie Selenski aus dem Amt entfernen zu wollen und stattdessen Terroristen wie die Führung der ostukrainischen Separatisten an die Macht zu bringen. Es mag zumindest der Irak-Krieg genauso gegen das Völkerrecht verstoßen, aber das ist eine Frage der Legalität. Bei Legitimität und moralischer Qualität finde ich es spannend, dass man die krassen Unterschiede zwischen den großen US-Interventionen und denen der Russen in Syrien, Ukraine etc. nicht erkennen kann oder will. Man kann sich auch die Feldzüge im gleichen Land mal hinsichtlich der Verluste an Zivilisten anschauen, wenn man nach Afghanistan schaut. Da kann man die Unterschiede überdeutlich erkennen.
Genau das war ja 1994 gemacht worden. Es wurde ein fairer Ausgleich getroffen, zwischen den Sicherheitsinteressen aller Seiten. Das Abkommen garantierte der Ukraine freie Bündniswahl (völkerrechtlich eh selbstverständlich, hier aber nochmal mit russischer Unterschrift). Eine Seite hat das Abkommen gebrochen, obwohl die Ukraine sich daran gehalten hat. Weil es nie um Sicherheitsinteressen ging, sondern um russischen Imperialismus und Angst davor, dass eine funktionierende, vor russischer Erpressung geschützte Ukraine in Russland demokratische Ideen wecken könnte. Dafür gabs eine Lösung, nämlich, die Sicherheitszusagen, die die Ukraine nicht nur von Russland, sondern auch von den westlichen Unterzeichnern des Memorandums bekommen hatte. Ständig daran festzuhalten, es brauche eine diplomatische Lösung ist insofern falsch, als es eine gibt, die wir einfach nicht umsetzen wollen. Wie man dann das Opfer dieser Entscheidungen dazu zwingen will, eine weitere „Lösung“ zu akzeptieren, überlassen die Freunde der „Diplomatie“ dann gern den „Experten“, die da schon irgendwas zaubern werden, wenn sie nur nicht ständig von den sehr dosierten westlichen Waffenlieferungen gestört würden. Zusammengefasst: Wir kämen am besten zu einer diplomatischen Lösung, wenn wir darauf verzichten würden, die letzte diplomatische Lösung umzusetzen.
Ohren spitzen scheint mir wirklich angezeigt, dann hört man laut und deutlich, dass der Kreml selbstverständlich mehr, als nur die Ukraine will, dass es selbstverständlich die Absicht und Pläne für Angriffe auf NATO-Staaten in Moskau gibt. Das scheint dir zwar nicht plausibel, aber du entscheidest halt am Ende nicht darüber, ob die russische Armee eingesetzt wird. Die, die das entscheiden sprechen seit über einem Jahrzehnt ganz offen davon, die „größte geopolitische Katastrophe“ den Zusammenbruch ihrer Gewaltherrschaft über weite Teile Europas zu revisionieren. Und zwar obwohl es von westlichen Akteuren reichlich Kooperation gab und bis heute gibt, NS2 noch nach 2014 betrieben wurde etc.
Wenn man also die Ohren spitzt, fühlt sich die russische Führung nicht nur durch eine NATO-Mitgliedschaft der Ukraine in ihrer Sicherheit bedroht, sondern durch Frieden, Freiheit und Wohlstand in Europa. Sie hat wiederholt gesagt und gezeigt, dass sie bereit ist, diese „Bedrohung“ mit Gewalt auszuschalten. Wie sieht eine alternative Lösung dafür aus, wenn man Frieden, Freiheit und Wohlstand in Europa nicht mit Waffen gegen die feindliche Diktatur verteidigen will?
vgl. zu Putins Intentionen bspw. hier: Putin verstehen mit Sabine Fischer (S01E27)
Doch genau das hat er. Wir haben es naiv wie wir sind nur nicht Ernst genommen. Und wie man leider sieht gibt es immer noch zahllose Menschen in Deutschland …, die Russland die Stange halten und ehrlich meinen, Russland hätte hier irgendwo auch nur etwas Recht. Bitte nimm dir mal die Zeit und recherchier mal nach den russischen Aktivitäten und Aussagen Putins seit dem Jahr 2000. Diese bestehen aus Gewalt, Mord, Desinformation und Drohungen. Russland versteht derzeit nur Stärke und einseitige Diplomatie ist eine Einladung für diese Mörder und Vergewaltiger anzugreifen.
… (edit Mod.) Natürlich waren das Beispiele aus einer anderen Zeit, genauer gesagt aus der Zeit des Kalten Krieges. Es ging darum, dass Putin sich für Russland wieder eine machtpolitische Stellung wünscht, die derjenigen der Sowjetunion vor 1989 entspricht, sprich: Direkte oder indirekte Kontrolle über die Staaten der Ex-UdSSR und des Warschauer Paktes. Deshalb seine hybriden Angriffe zur Destabilisierung von Nachbarstaaten, deshalb seine Forderung nach einer kompletten Rückabwicklung der NATO-Osterweiterung. Das hast du als „Propaganda“ abgetan und diese Abhängigkeiten auf eine Stufe gestellt mit dem „Vasallen“-Status westeuropäischer Länder gegenüber der USA. Darauf bin ich eingegangen und auch das war ganz klar auf die Zeit vor 1989 bezogen - also ein Vergleich in derselben Zeit.
Und ja, sicherheitspolitisch sind die meistene europäischen NATO-Staaten abhängig von den USA, aber bis 2022 war Deutschland zum Beispiel auch energiepolitisch abhängig von Russland oder bis heute ökonomisch abhängig von China. Das ist aber etwas komplett anderes als ein Staat wie z. B. Polen vor 1989, der sicherheitspolitisch, außenpolitisch und ökonomisch komplett von einem Staat abhängig ist und sich trotz des entgegengesetzten Willens eines Großteils der Bevölkerung nicht aus dieser Abhängigkeit lösen kann. Solche Unterschiede zu nivellieren, kann man nur als mutwillig, sprich politisch/ideologisch motiviert ansehen.
Das ist unvollständig zitiert und falsch interpretiert. Der vollständige Satz lautet: „In der Regel war es eine Entscheidung demokratischer Staaten, einem Bündnis beizutreten.“ Bei einigen Staaten kann man durchaus bezweifeln, ob sie zum Zeitpunkt ihres NATO-Beitritts wirklich demokratisch waren, deshalb meine einschränkende Formulierung „in der Regel“.
Eben. Daher ist es interessant, um es mal so zu formulieren, dass du in einem Thread, in dem es um die Möglichkeiten eines russischen Angriffs geht, kaum mal differenzierter auf die diversen hier vorgebrachten Ausführungen zu Russland eingehst, aber dafür in aller Ausführlichkeit auf die Abhängigkeiten von den USA und vermeintliche Vertragsbrüche der NATO eingehst. Da könnte man glatt eine gewisse Voreingenommenheit vermuten.
Und dazu noch die erwartbare Portion Whataboutism. Wem in einer Diskussion über die Möglichkeit eines Angriffs Russland auf NATO-Länder nicht anderes einfällt, als mehrfach den offensichtlichen russischen Revanchismus zu relativieren und dann noch mit dem fast schon ikonischen „aber XY hat auch mal irgendwann ein Land angegriffen“ zu kommen, der hat aus meiner Sicht kein Interesse an einer ernsthaften Debatte.
Ich frage jetzt mal nicht, wie du denn den Umgang mit den ukrainischen Sicherheitsinteressen nach der Annexion der Krim und der De-facto-Besetzung von Teilen des Donbas durch Russland 2014 bewertest. Aus meinen Augen war das in weiten Teilen ein „Augen zu und weiter“, speziell in Deutschland war man ja sehr viel interessierter daran, weiter billiges Gas aus Russland zu kriegen. Das könnte man glatt als „Arroganz“ gegenüber der Ukraine auslegen.
…edit Mod.
Also eher eine Stilkritik? Mein subjektiver Eindruck ist eben, dass die Argumente FÜR Wehrpflicht von Experten gut bearbeitet wurden, u.a. von Gressel und das wollte ich nun hier nicht wieder alles ausbreiten, ABER die möglichen Alternativen und das WARUM eben nicht. WARUM eben nicht im Sinne von Russland wäre keine Gefahr/Grund für den Krieg usw. (wohin auch dieser Thread schon wieder abgleitet), sondern WARUM mehr Soldaten, WARUM nur Wehrpflicht das löst. Aus der Diskussion hier entnehme ich nun, dass das dich und andere auch interessieren würde.
Würde mich freuen, wenn das in einen Podcast seinen Weg findet.
Kann sein - was heißt denn Einsatzbereit? Für die Bundeswehr hieß es nur 50% der 181k Soldaten in „materielle Einsatzbereitschaft“, was hoffentlich allein durch die Investitionen besser wird. In UK sind 99k von 145k „medizinisch“ einsatzbereit. Wenn jetzt Infrastruktur zur Ausbildung von Wehrpflichtigen aufgebaut wird (mehr Ausbilder, mehr „Management“ der Aushebung und Kasernen), haben wir dann mehr Soldaten für einsatzbereite Bataillone? Fragen über Fragen - die auch im Podcast spannend wären…
Nicht nur. Beispielsweise ist Gressel ja durchaus auf was Warum einer Wehrpflicht eingegangen. Nur setzt du dich nicht mit seinen Argumenten auseinander, sondern verwirfst seine Position pauschal als einseitig.
Dass ich das interessant fände, habe ich ja schon mehrfach gesagt. Aber dazu auch die Frage gestellt, wer denn eine solche Position vertritt - also konkret bezogen auf Deutschland und die sich stellenden Herausforderungen. Ohne einen Verweis auf konkrete Personen, die die Lage einladen oder mit denen sie sich beschäftigen könnte bleibt es doch ein sehr allgemeiner Wunsch danach, Argumente für eine bestimmte Position zu hören, die es so vielleicht gar nicht gibt.
@Jan74: Ich denke die fehlende Information die du suchst sind die NATO Verteidigungspläne für die Ostflanke, das NATO Force Model:
https://www.nato.int/cps/en/natohq/topics_234075.htm
Das ist der tatsächliche plan, wie die NATO sich im Ernstfall verteidigt. Im Kern sieht er vor, dass in drei Phasen 800.000 Soldaten an die Ostflanke verlegt werden, natürlich mit Quoten für Waffensysteme. Das entspricht in etwa der jetzigen russischen Stärke (1.3 Mil, 700.000 aktiv in der Ukraine).
Das sind die relevanten Zahlen mit denen wir arbeiten müssen, denn das ist was Länder in der Praxis an Kampfkraft aufbringen können.
Deine Gesamtzahlen sind hier nicht relevant, denn Soldaten die in türkischen oder portugiesischen Kasernen sitzen helfen den baltischen Staaten nicht.
Wie groß dieser Unterschied zwischen Papierstärken und verfügbaren Truppen ist, sieht man sehr gut an der Bundeswehr: formal sind es 180.000 Man, aber in der Praxis schaffen wir es nicht, auch nur eine einzige Brigade (5000) nach Litauen zu verlegen. Vergleiche das mit den 700.000 Leuten die Russland aktiv im Einsatz hat.
Wenn ein Militärexperte also davon spricht, dass Deutschland mehr Truppen braucht, dann meint er implizit “um den Deutschen Beitrag im NATO force model zu erfüllen”.
Und wenn er sagt, Russland kann die NATO im Jahr X bedrohen, dann meint er implizit “kann die von der NATO für dieses Jahr geplanten Truppen an der Ostflanke bedrohen”.
Noch ein letztes: Dass andere Länder ohne Wehrpflicht auskommen, ist kein Argument. Das liegt oft an einem anderen Verhältnis zu Nationalstolz und Militär, das für mehr Freiwillige sorgt. Solange du keinen praktischen Vorschlag hast, wie wir in unserem Land in den nächsten paar Jahren 60.000 neue Truppen rekrutieren und auch noch eine Reserve aufbauen, sehe ich keine alternative zur Verpflichtung. Denn “Bundeswehr attraktiver machen” wird ja schon seit Jahren versucht und hat die Truppenstärke gerade so konstant gehalten
Was immer etwas außen vor bleibt ist die gesellschaftliche Bereitschaft, eben diese Gesellschaft gegen Bedohungen von außen aktiv und passiv zu verteidigen.
Wenn es tatsächlich mal zu einem konkreten Angriff auf Deutschland (oder auch nur NATO-Gebiet) kommt, ist die interessante Frage, wie groß ist der Anteil derjenigen die bleiben und verteidigen, gegenüber dem Anteil welcher die Koffer packt und ins Ausland flüchtet?
Wirkt sich ja auch auf die Verteidigungsfähigkeit aus…
Edit: Aber zur Ausgangsfrage im Titel:
Wenn die Experten die Aufrüstung Russlands linear hochskalieren, würde Russland wohl 2029 rein von der Menge an Mensch und Material in der Lage sein, eine Angriffsoperation („Militärische Spezialoperstion“) in einen gewissen Umfang durchzuführen.
Ob die Verteidigungsfähigkeit der NATO bis dahin abschreckend genug ist entscheidet wohl auch darüber ob Russland tatsächlich etwas versucht.
Es gibt sicher viele, die sich einreden, sie könnten dann einfach abhauen. Aber schaut man sich an, wie hoch die Aufnahmebereitschaft bei Kriegsflüchtlingen im nahen und fernen Ausland ist, dürfte auf viele eine hässliche Überraschung warten. In großen Zahlen wird man im Ernstfall nirgends hingehen.
Warum mehr Soldaten lässt sich ja aus den zugesagten Beistandsverpflichtungen der NATO und sonstiger Aufgaben im Rahmen der NATO ableiten. Das kann man jetzt glauben oder nicht.
Wenn man das nicht glaubt und meint man käme mit der aktuellen Truppenanzahl aus, dann braucht man auch keine Wehrpflicht.
Wenn man aber glaubt, dass die Truppenanzahl zum Jahr x erreicht werden soll, dann braucht man ein Konzept dafür. Aus meiner Sicht gibt es 2 Ansätze. 1. Anreize und Freiwilligkeit ausschöpfen und schauen wie weit man damit kommt. 2. Wehrpflicht einführen.
Genau das wird ja aktuell auch gemacht, so wie ich das sehe. Man könnte jetzt diskutieren, ob 1 Jahr Freiwilligkeit testen ausreichend genug ist. Auf der anderen Seite muss man Fragen, ob die Zeit dann noch ausreicht, um die Zielwerte im Jahr x zu erreichen.
Also sind das für mich 3 getrennte Diskussionen.
- Hält man eine Bedrohung aus Moskau für realistisch und wenn ja, müssen wir uns darauf anders vorbereiten als wir aktuell ausgestattet sind?
- Wie viele Soldaten brauchen wir, um uns auf 1. vorzubereiten. Brauchen wir dafür mehr Soldaten?
- Wie erreichen wir die Zielwerte zum Jahr x
Eine Diskussion von 2 ohne 1. zuzustimmen ergibt keinen Sinn und eine Diskussion von 3. ohne 2. zuzustimmen führt wie zu sehen zu einer sehr unübersichtlichen Diskussion.
EDIT: 3. Frage ergänzt
Danke für die Hinweise — ich denke, wir liegen gar nicht so weit auseinander, aber es lohnt, die Diskussion klarer zu strukturieren. Der Ansatz von @longfellow finde ich gut:
Aus meiner Sicht ja, wie vermutlich die meisten hier. Und die Vorbereitung darauf läuft ja auch schon mit zig Milliarden.
Danke auf den Hinweis auf das NATO Force Model. Ich konnte unser diesem Stichwort wenig konkrete Zahlen finden. Nur das laut NATO insgesamt rund 300 000 Soldaten in hoher Einsatzbereitschaft stehen sollen, davon etwa ein Drittel in der „Very High Readiness“-Kategorie (0-10 Tage). Deutschland will 20-30.000 beitragen (nicht 60k).
Hier beginnen für mich die offenen Fragen: wie geschrieben sollen aktuell nur 50% der 181k Bundeswehr-Soldaten in „materielle Einsatzbereitschaft“ sein. Sollte man nicht erwarten können, dass mit den Investitionen vielleicht 10-20% mehr einsatzbereit sind? Da wären dann die 20-30k Mann Anforderung drin.
Wenn denn 2 trotzdem richtig wäre und mehr gebraucht wird:
- Was bringt Wehrpflicht für High Readiness? Müssten das nicht trotzdem Berufssoldaten stemmen?
- Warum ist „andere Länder ohne Wehrpflicht auskommen, ist kein Argument“? Man kann von anderen lernen und auch den Ruf der Bundeswehr mit besserem Material u.a. verbessern…
- Kostet uns die Wehrpflicht unter dem Strich nicht sogar Ressourcen: das Geld und die Menschen für diese Infrastruktur fehlt den Berufssoldaten oder der High Readiness Truppe
- kommt bis 2029 die Wehrpflicht nicht eh zu spät?
Disclaimer: Ich bin KEIN Militärexperte . Weder kann ich Experten für den Podcast finden, noch einen praktischen Vorschlag zu Alternativen machen. Alle Entgegnungen hier in dieser Art finde ich wiederum unredlich, da es ein logischer Fehlschluss ist (tu-quoque Argument) . Die Fähigkeit, ein Problem zu erkennen oder zu kritisieren, hängt nicht davon ab, ob man auch die Lösung dafür parat hat. ![]()
Die Frage hatten wir ja bei der Wehrpflichtdiskussion schon.
Denken wir doch mal Alternativen durch:
Annahme: wir stellen fest, eine klassische Wehrpflicht wird uns zu teuer, hat volkswirtschaftlich mehr Nachteile als Nutzen, und dauert zu lange.
Welche Optionen bleiben?
- wir setzen auf reine Freiwilligkeit. Dazu muss die Bundeswehr natürlich etwas bieten.
- hoher Sold, viele Zulagen, üppige Pension
- Übernahme Kosten für Ausbildung, Studium (die Bundeswehr hat ja schon zwei Universitäten), Führerscheine, attraktive Fortbildungen
Schritt 1. Kostet natürlich auch viel Geld.
Sollte das nicht reichen, müsste man andere Zielgruppen ansprechen.
- Langzeitarbeitslose
- Häftlinge (hat die UK in den 80ern probiert, Russland ja auch)
- mehr Geld, Prämien ausloben (wie Russland das macht)
Wenn es immer noch knapp wird:
- Anwerbung aus dem Ausland.
… durch hohen Sold, Zusage der deutschen Staatsbürgerschaft (wie bei der Fremdenlegion)
Dazu ggf. die Substitution von menschlichen Soldaten durch KI- gesteuerte Drohnen, Bots, Kampfroboter (passiert ja schon).
Wenn das nicht reicht, müsste man schon sehr kreativ werden.
Viel mehr Geld in Sold und Kasernenausstattung zu stecken ist sicherlich notwendig. Aber solange das eine höhere „Rendite“ (mehr Verteidigungsfähigkeit pro investiertem Euro) abwirft als eine Wehrpflicht, ist das klar ein Pluspunkt pro Berufsarmee. U.a. @Daniel_K und ich haben in den letzten Jahren diverse Überlegungen und Quellen beigetragen, die diese Einschätzung nahelegen (und die auch nie von Mitdiskutanten in Frage gestellt wurden).
Geld wird aber nicht reichen. Auch die „Arbeitskultur“ muss respektvoller werden und die Personalbewirtschaftung reformiert werden. Der Streitkräfte und Strategien Podcast des NDR verweist seit Jahren unregelmäßig auf verschiedene inakzeptable Zustände bei der Bundeswehr (Soldaten werden in den Selbstmord getrieben; proaktive Bewerber für die Reserve geben irgendwann entmutigt auf, weil ihre Bewerbung nicht bearbeitet wird; etc.).
Im Fazit hat die Bundeswehr bisher anscheinend schlichtweg noch gar nicht versucht, ein attraktiver Arbeitgeber für Berufssoldaten zu werden. Daher ist es auch absurd, die Wehrpflicht als „alternativlos“ zu bezeichnen. Siehe beispielsweise auch den Podcast vom 29.08.2025, wo die etwas provokante Frage in den Raum gestellt wurde, ob eine Wehrpflicht sogar zu einem Rückgang der Berufssoldaten führen könnte.
Ein Schelm, wer Böses dabei denkt: Die ganze Wehrpflichtdebatte hat für mich das Geschmäckle, dass man hier auf Kosten der Volkswirtschaft und der Vermögensbildung der jungen Generation kurzfristig den Staatshaushalt klein halten möchte (viele Mrd. € mehr Sold etc. einsparen und stattdessen die Kosten der Wehrpflicht privatisieren).
Ja es ist tatsächlich etwas schwierig die genauen Zahlen zu finden, ich hab die Infos vor allem aus dem Podcast “Sicherheitshalber”. Aber die auf der Seite verlinkte Infographik gibt auch insgesamt 800.000 Soldaten an (und ich meine die Zielwerte wurden seit dem erhöht).
Wie sich daraus die 240.000 errechnen weiß ich auch nicht genau, aber ich nehme mal an man will nicht alle dem NATO Kommando unterstellen und braucht noch Leute zur Landesverteidigung, zum Auswechseln und um die ganze Bürokratie und Logistik zu schmeißen. Würde mal annehmen, dass das so ungefähr stimmt.
Vielleicht kann man diese kulturellen Faktoren ändern, aber sicherlich nicht in den Zeiträumen um die es hier geht. Wie gesagt, du brauchst 60.000 Leute in den Kasernen bis Ende des Jahrzehnts. Den jetzigen Plan die Wehrpflicht nur vielleicht 2029 einzuführen halte ich für komplett fahrlässig.
Ja, aber Posten im Land können dann mit Wehrdienstleistenden nachgefüllt werden. Zumal ich durchaus denke, das deutlich mehr im Bund bleiben wenn sie da schonmal waren.
Und die Wehrdienstleister sind auch die Reservisten von morgen, sonst seh ich nicht wie man da eine Reserve aufbauen kann.
Hinter das
Und das würde ich erstmal ein Fragezeichen setzen. Könnt ihr mir dazu nen Link oder so schicken?
Zum anderen sind das Effizienzargumente (€/ Kampfkraft), die nichts über die Effektivität aussagen (wie viel Kampfkraft insgesamt). Aber das ist das was zählt.
Das kann ich so nicht so stehen lassen, die haben doch ständig Medienkampagnen gemacht, und es gab alle möglichen Aktionen um den Beruf attraktiver zu machen z.B. Kinderbetreuung.
So ne Sachen hast du immer wenn du einen Haufen gewaltbereiter junger Männer zusammen bringst. Muss man natürlich angehen, und wenn du es schaffst du Kultur da zu ändern kannst du die Rate mit der sowas passiert sicherlich drastisch reduzieren, und irgendwann wird das neue Bild dann auch an die Öffentlichkeit durchkommen, und dann werden vielleicht 10% mehr sich bewerben. Aber für die Zeiträume um die es hier geht ist das doch alles viel zu langsam.