Homeoffice im öffentlichen Dienst?

Ein Freund von mir arbeitet in Bayern im öffentlichen Dienst. Er hat in seiner Tätigkeit keinen Publikumsverkehr, trotzdem musste er mühsam dafür kämpfen, in Heimarbeit gehen zu dürfen. Auch die IT hat da nicht recht mitgemacht, letztlich wurde zwar Equipment angeschafft, aber auch nicht richtig zum Einsatz gebracht. Letztlich war sein Eindruck, das seine Heimarbeit nur geduldet wurde, weil er die Stelle ohnehin grade wechselt. Die Gespräche mit potentiellen Nachfolgern wurden bspw. übrigens ebenfalls als Gruppen-Präsenzveranstaltung abgehalten.

In der Lage #223 wurde u.a. über Heimarbeit, eine „Pflicht“ zur Heimarbeit etc. gesprochen, im Lichte der Erfahrungen meines Freundes würde mich nun interessieren, ob das ein grundsätzliches Problem ist im öffentlichen Dienst, oder er da einfach „Pech“ gehabt hat? Man sollte ja meinen, das im öffentlichen Dienst sozusagen mit gutem Beispiel vorangegangen wird.

Diesen Eindruck kann ich bestätigen.

In dem mir bekannten Fall werden Privatcomputer per Remote-Desktop für die Homeoffice-Lösung verwendet; Telefongespräche auf Privathandys umgeleitet und trotzdem müssen die Leute alle zwei Tage (abwechselnd) rein kommen, weil ja „irgendwer die Post abholen muss“ und das Amt besetzt sein muss. Für manche bedeutet das eben Bahn fahren.

Da beißt es einen dann, dass die meisten Abläufe die Papierform erfordern (insb. mit den Bürgern), um für beide Seiten rechtssicher zu sein. Nein, Fax ist keine Option.
Und während in „jedem“ (i.S.v. vielen) Unternehmen alle Büro-Angestellten einen Arbeitslaptop haben (Stichwort Flex Desk), lebt der öffentliche Dienst weiterhin von festen Büros und Desktop PCs.

Insofern ist das Drama um die Schulen natürlich ebenfalls nicht verwunderlich.

Ich habe da sehr verschiedene Erfahrungen gemacht.
Aus meinem nahen Bekanntenkreis ist 1 Mensch im öffentlinchen Dienst wo technisch alles klappt und der über weite strecken der Pandemie im HomeOffice ist (2 Wochen Büro seit Februar 2020)
Eine Person die realtiv viel im Homeoffice ist, wo aber technisch scheiße ist (für Zugang zu Mails gibt es einen Lapotop, der sich mit einem Kollegen geteilt werden muss)
Eine Person wo die Technik eigentlich ganz okay ist, wo aber Vortgesetzte/Dienststelle Homeoffice bis vor letzte Woche eher kritisch beäugt haben und Anwesenheit die Regel - aber nicht nötig -war

Ich arbeite ebenfalls im öffentlichen Dienst; ich kann diese Eindrücke nicht bestätigen. Auf meiner Etage sind geschätzt 90%-95% der Büros verwaist, es arbeiten nahezu alle Kollegen im Homeoffice. Monitor, Arbeitsgerät (Wahl zwischen Laptop oder stationärem PC), Tastatur, Maus und Headset wurde uns zur Verfügung gestellt. Die E-Akte funktioniert auch. :slight_smile:

Jo, das scheint zumindest in Berliner Ministerien auch noch Standard zu sein, da gibt es teilweise sogar Präsenzpflicht (eine Freundin ist Sekretärin in einem Bundesministerium), die haben viel zu wenig Geräte, VPN Verbindungen und teilweise wollen bestimmte Leute auch einfach das man vor Ort ist.

Ohne Zahlen zu haben würde ich darauf wetten, dass momentan in Berlin viel mehr Leute für den Staat ins Büro fahren als für die private Wirtschaft.

Das Post gemacht werden muss, ok kann sein. Hier is bei 1000 Leuten auch hier und da mal eine Anwesenheit von 5 Leuten notwendig um Buchhaltung und Kunden Post zu erledigen.
Aber alle anderen sind mehr oder weniger daheim und das is nich schlimm.

Ich arbeite selbst im öffentlichen Dienst (Sozialamt einer Großstadt in NRW) und kann die Schilderungen von @Martino aus erster Hand bestätigen.

In unserem Arbeitsalltag funktionieren sämtliche Vorgänge nur mithilfe der guten alten Papierakte, weswegen es zwingend erforderlich ist, dass alle Kolleg*innen (ca. 150 allein in unserer Abteilung) täglich aus dem gesamten Ruhrgebiet anreisen, um ihrer Arbeit nachgehen zu können. Die Lösung hierfür könnte in der sogenannten „eAkte“ liegen, die in einigen anderen Behörden bereits erfolgreich angewandt wird - hier wird die Einführung einer solchen Plattform derzeit allerdings nicht geplant und ist bis mindestens 2023 vollkommen ausgeschlossen.

Es gibt zwar einige Alibi-Schutzmaßnahmen, wie etwa die Aussetzung der allgemeinen Sprechzeiten (Publikumverkehr) sowie die Pflicht zum Tragen eines MNS auf den Gängen und Fluren, aber gerade letztere wird nicht immer streng eingehalten. Außerdem ist es in Fällen von Erstvorsprachen nach wie vor notwendig, dass Antragsteller*innen persönlich erscheinen, um Anträge zu stellen - Möglichkeiten zur elektronischen Antragsstellung gibt es aktuell nicht.

Es ist jedoch ein Fortschritt zu erkennen: Da auch herkömmliche Dienstbesprechungen bis auf Weiteres ins Wasser fallen, wird in unserem Amt unlängst auf neue Wege gesetzt. So fand unsere letzte Dienstbesprechung über einen verwaltungsinternen Messenger-Dienst statt, der stark die alten ICQ- und MSN-Zeiten zu Beginn der 2000er Jahren erinnerte. Equipment zur Durchführung von Videokonferenzen? Ebenfalls Fehlanzeige.

Gerade das letzte Beispiel dürfte deutlich aufzeigen, an welchem Punkt der Digitalisierung sich viele Behörden in Deutschland im Jahr 2021 noch befinden. Ich bin gespannt, wie der Verwaltungsapparat in Deutschland auch unabhängig von Corona die Herausforderungen der Neuzeit meistern möchte, wenn er schon in so banalen Punkten weit hinterher hinkt.

Gehört, gefühlt, aber nicht bestätigt durch eine gründliche Studie.
Ich könnte eher positive Beispiele bringen, aber das hilft ja auch nicht, der Diskussion eine vernünftige Basis zu geben.

Ich hätte noch eine andere Perspektive im Angebot: ich bin Vorgesetzte von einem kleinen Team von 11 Personen; quasi öffentlicher Dienst, nämlich kirchliche Einrichtung. Ich habe alle schon im November ins Homeoffice geschickt. Technisch sind wir sehr gut ausgestattet. Arbeiten von zu Hause, Teamkommunikation problemlos möglich. Und: ich bin völlig verzweifelt! Die Mitarbeitenden waren mindestens zwei Mal pro Woche im Büro - am besten, wenn noch jemand anderes da war, um sich endlich mal wieder in echt zu sehen. Ich habe gegen Wände angeredet. Nix zu machen. Ich habe von oben (der Kirchenleitung) nicht die Unterstützung erhalten, die ich gebraucht hätte für eine annäherungsweise Homeoffice-Pflicht. Ich konnte nur gut zureden - was aber tatsächlich nichts gebracht hat.
Klar ist man im sozialen Bereich anderes gewohnt, aber es erschließt sich mir einfach nicht, warum sich meine Mitarbeitenden meiner Anweisung zum Homeoffice derart vehement widersetzen…

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Die Arbeit bei uns im Fachbereich würde sich prinzipiell auch von zu Hause erledigen lassen, aber wegen quasi nicht vorhandener Ausstattung für mobiles Arbeiten/ Telearbeit und Probleme wegen des Datenschutzes (daher darf keine private IT verwendet werden), ist für die meisten kein sinnvolles Home-Office möglich.
Dennoch wurden die Leute massiv nach Hause geschickt, sonst müsste sich ja im Fall der Fälle irgendwer aus der Dienststellenleitung dafür verantworten, wenn jemand im Dienst krank werden würde…

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Einen Erklärungsansatz kann ich dir bieten:
Homeoffice und Homeschooling vertragen sich nicht. Ich könnte jedes mal kotzen, wenn ich ein Bild sehe, Eltern und Kinder gemeinsam am Küchentisch beim Home- Schooling und -Office, lachend und entspannt. Nach einer Woche ist es vorbei damit. Man kann sich nicht auf seine Arbeit konzentrieren, schafft nicht alles gerät über Druck und wird den eigenen Kindern gegenüber ungerecht und gemein.
Parallel geht es einfach nicht. Entweder zu 100% die Kinder (die die ungeteilte Aufmerksamkeit unbedingt verdient haben) oder die Arbeit. Der Tag ist zu kurz, um beides zu schaffen. Und dann auch noch stundenlange Telefonate und Videokonferenzen, währenddessen die Kleinen die Bude abreißen.
Da bekommen Arbeitstage in Büro einen besonderen Charme.

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Dass das HO oft an so etwas scheitert, macht mich richtig wütend und traurig. Habe im engen Freundeskreis auch gerade wieder so einen Fall gehört:

Großes modernes Unternehmen (Luft- und Raumfahrt), mein Freund ist Ingenieur auf Managerebene, fährt regelmäßig ins Büro, weil er sonst zu Hause nur mit Laptop am Küchentisch sitzen würde. Seine Kolleg*Innen machen es teils auch so, weil die Firma nicht erlaubt, dass Monitore, gesunde Bürostühle etc. leihweise mit nach Hause genommen werden. Völlig konträr dazu sagt die Firma aber schon, dass die Leute doch bitte im HO arbeiten sollen.

Das kann doch einfach nicht wahr sein!!!

Wieso kann sich Dein Freund denn keinen ordentlichen Heimarbeitsplatz anschaffen? Ist ja nicht so als würde das die Welt kosten, es lässt sich auch, wenn man das entsprechend aufbaut, steuerlich
absetzen. Ich würde ja verstehen wenn der Mitarbeiter der 1500 Brutto im Monat bekommt hier Probleme hat sich einen ordentlichen HO Arbeitsplatz anzuschaffen. Es ist ja nun auch nicht so, als würde nur die Firma davon profitieren, wenn er gemütlich und entspannt, rückenfreundlich und bequem zu Hause arbeitet.

Aber das ist halt wie mit der FFFP2 Maske: Leute, die sich problemlos für jeden Tag eine neue Maske leisten könnten, tun es nicht, weil, hmm, ja weil das könnte ja der Staat bezahlen.

Das wäre ein Erklärungsansatz - wenn meine Mitarbeitenden Kinder im Kita- oder Schulalter hätten. Haben sie aber nicht…

Homeoffice heisst doch nicht nur dass man seinen Laptop mit heim darf, da gehört dann doch auch Zugriff auf das Netzwerk usw. Ich habe einige Bekannte im ÖD, die meisten haben noch Desktopcomputer, und haben von Dingen wie VPN usw. noch nie gehört. Da müsste man erst mal die komplette Behörden IT umstellen um das zu ermöglichen. Zur Zeit müsste man sich dann noch entscheiden pb jedes Amt dann wieder sein eigenes Süppchen kochen darf bzw. muss, oder ob man auf eine bundes- oder landesweite Lösung (also gefühtl nie :wink: ) warten muss.

Jaja, das ist schon schwierig, so plötzlich wie die zweite Welle uns jetzt ereilt hat.
Und auch sonst punktet der öffentliche Dienst ja gerne mit Vorteilen wie „Work-Life-Balance“, aber das steht natürlich in keinem Zusammenhang zu Homeoffice, sodass man so etwas vielleicht vor 5 Jahren hätte starten müssen.

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Keine private IT? Reicht da nicht ein Citrix virtueller PC den man als Virtuelle Maschine nutzen kann aus der Entfernung?

Meine anekdotische Evidenz (War bis Anfang letzten Jahres in der Finanzverwaltung und mache jetzt ein juristisches Referendariat):

  • Meine ehemaligen Kolleg:innen aus der Finanzverwaltung berichteten, dass im ersten Lockdown fast alle nach Hause geschickt wurden, obwohl die zu Hause mangels technischer Begebenheiten gar nicht arbeiten konnten. Es durfte sich nur noch maximal eine Person im Büro aufhalten. Später wurden dann die Computer in den Büros abgebaut und bei den Beamt:innen zu Hause aufgestellt. Da dann nur noch ein Computer in den Zweier-Büros war, war es technisch unmöglich zu zweit in einem Büro zu arbeiten.

  • In meiner Verwaltungsstation in einer obersten Landesbehörde im Herbst schienen die allermeisten im Büro zu sein. Büros waren auch doppelt besetzt. Dienstliche Besprechungen wurden per Telefonkonferenz durchgeführt, die man aber vom Handy aus machen musste, weil das mit dem Diensttelefon nicht ging (Die Leute da hatten aber Diensthandys). Videokonferenzen nur für die Hausleitung möglich.

  • In der Anwaltsstation in der Großkanzlei war ich noch keinen einzigen Tag im Büro. Noch nicht mal zum Vorstellungsgespräch oder am ersten Arbeitstag. Alle arbeiten von zu Hause aus und das funktioniert wunderbar.

In meinem Beispiel würde ein vergleichbarer Arbeitsplatz bedeuten:
2 Monitore
Dockingstation
Maus und Tastatur
Ordentlicher Bürostuhl

Auf einen der Monitore & die Dockingstation kann man wohl verzichten, aber das sind trotzdem schnell über 200€ (nach oben eher offen). Erstens ist das für viele Menschen sehr viel Geld und absolut nicht mal eben zu stemmen. Und ob einzelne Personen mit hohen Gehältern sich das leisten könnten, ist aus meiner Sicht auch überhaupt nicht der Punkt! Es ist ja wohl Aufgabe des Arbeitgebers, einen ordentlichen Arbeitsplatz zu stellen/ zu ermöglichen. Sprich:

  • sicher (ergo nicht ins Büro mit Ansteckungsrisiko)
  • gesund (zB ordentlicher Stuhl gegen Rückenprobleme)
  • und so ausgestattet, dass man seinen Job effizient machen kann (Maus, Monitor…)

Nach deiner Argumentation könnten die Unternehmen ja auch im Büro einfach Utensilien nicht anschaffen und jeder muss selbst kaufen, was ihm/ihr fehlt, oder etwa nicht?

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Also für den Eigenbedarf allein hab ich scho Maus, Tastatur, ordentlichen Stuhl und 1 Monitor.

Da fehlte zum HO nur der zweite Monitor für bequemeres Arbeiten.

Einige Leute haben sogar einen eigenen Rechner zu Hause. Da könnte man sicher eine VM nutzen die technisch getrennt vom eigenen Zeug ist oder einen Terminal Client oder sonst etwas.