Vielen Dank für den sehr informativen und wichtigen Beitrag!
Als Besitzer eines chronisch kranken Hundes haben wir bereits mehrere Tausend Euro an Tierarztkosten bezahlt. Wie schlecht die GOT jedoch geregelt ist und welche Auswirkungen das insgesamt auf die Tiere, die Besitzer und den „Markt“ der tierärztlichen Versorgung hat, hat mich wirklich schockiert. Offenbar werden nun auch Haustiere zunehmend zu einem Privileg für Gutverdiener und zur Profitquelle von Konzernen.
Ich finde es ehrlich gesagt sehr schade, dass bei dir nach der Folge der Eindruck entstanden ist, in der Tiermedizin gehe es vor allem um Profitmaximierung. Die Realität ist aus meiner Sicht deutlich komplexer und oft wesentlich menschlicher, als es in solchen Debatten erscheint.
Ich arbeite selbst als Tierärztin und erlebe meinen Berufsalltag ganz anders. Die meisten Kolleginnen und Kollegen sind nicht in diesen Beruf gegangen, um möglichst hohe Rechnungen zu schreiben, sondern weil sie Tieren helfen möchten. Gerade deshalb sind Situationen, in denen wir wissen, welche Diagnostik oder Behandlung medizinisch sinnvoll wäre, diese aber aus finanziellen Gründen nicht umgesetzt werden kann, auch für uns emotional belastend. Viele Tierärztinnen erleben dabei Sorge, Schuldgefühle oder Hilflosigkeit. Die Arbeitsmittel kosten leider alle auch viel geld für uns, und wenn ich jedem Tierhalter der sich finanziell die optimale Behandlung nicht leisten kann trotzdem alle notwendigen Untersuchungen durchführen und Therapien würde säße ich privat auf einem unglaublich hohen Schuldenberg.
Aus meiner Sicht wird außerdem häufig unterschätzt, wie aufwendig Tiermedizin tatsächlich ist. Der Vergleich mit einem Besuch beim Hausarzt greift deshalb oft zu kurz. Ein Tier kann uns nicht sagen, wo es Schmerzen hat, seit wann Beschwerden bestehen oder wie sich Symptome anfühlen. Deshalb müssen wir viele Informationen indirekt erfassen. Bereits eine allgemeine Untersuchung umfasst in der Regel das Abhören von Herz und Lunge, die Beurteilung der Schleimhäute und der kapillaren Füllungszeit, das Abtasten des Bauchraums, die Kontrolle der Lymphknoten, die Einschätzung des Hydratationszustandes, die Temperaturmessung und eine ausführliche Anamnese mit den Besitzern. Trotzdem führt das oft noch nicht zur Diagnose.
Um die Ursache eines Problems zu finden, sind häufig weitere Untersuchungen notwendig: Blutbilder, Organprofile, Urin- und Kotuntersuchungen, Ultraschall, Röntgen, manchmal auch CT oder MRT. Die dafür benötigten Geräte, Verbrauchsmaterialien, Wartungen, Laborkosten, Medikamente, Anästhesien und die Auswertung der Befunde kosten Zeit und Geld. Gleichzeitig wird von Tierärzten erwartet, ein enormes Spektrum an Fachwissen abzudecken. In einer durchschnittlichen Praxis müssen wir internistische, chirurgische, neurologische, dermatologische, onkologische und viele weitere Fragestellungen beurteilen und das oft bei verschiedenen Tierarten. Die Tätigkeit ähnelt deshalb häufig eher der Arbeit mehrerer Fachärzte als der eines einzelnen Allgemeinmediziners.
Ein weiterer Punkt, der in solchen Diskussionen oft fehlt, ist die gesellschaftliche Wahrnehmung unserer Arbeit. Wenn die Heizung kaputtgeht, der Elektriker kommen muss oder nachts um drei Uhr der Schlüsseldienst gerufen wird, akzeptieren die meisten Menschen, dass diese Leistungen leider viel Geld kosten. Tierärzte erleben dagegen regelmäßig, dass sie für ihre Rechnungen nicht nur kritisiert, sondern teilweise persönlich angegriffen werden. Dabei leisten wir ebenfalls hochqualifizierte Arbeit, tragen große Verantwortung und arbeiten nicht selten zu Zeiten, in denen andere längst Feierabend haben.
Auch beim Thema Gebührenordnung habe ich eine etwas andere Perspektive. Die neue Gebührenordnung wird oft so dargestellt, als hätten Tierärzte damit die Möglichkeit erhalten, ihre Preise beliebig zu erhöhen. In meinem Berufsalltag erlebe ich eher das Gegenteil. Viele Kolleginnen und Kollegen bemühen sich, Rechnungen für Tierhalter möglichst bezahlbar zu halten. Leistungen werden häufig nur zum einfachen oder zweifachen Satz abgerechnet, obwohl ein höherer Satz gerechtfertigt wäre. Zusätzliche Beratungszeit, Telefonate oder das aufwendige Einarbeiten in Fremdbefunde werden oft nicht vollständig berechnet. Nicht weil diese Arbeit keinen Wert hätte, sondern weil viele versuchen, einen Weg zwischen guter Medizin und den finanziellen Möglichkeiten der Tierhalter zu finden.
Hinzu kommt, dass wir im Notdienst gesetzlich verpflichtet sind, mindestens den zweifachen Gebührensatz sowie die vorgeschriebene Notdienstgebühr abzurechnen. Auch diese Kosten werden häufig den behandelnden Tierärzten persönlich angelastet, obwohl sie nicht frei gewählt werden können.
Mir geht es überhaupt nicht darum, die Sorgen von Tierhaltern kleinzureden. Die steigenden Kosten belasten viele Menschen, und darüber muss man sprechen. Ich hätte mir nur gewünscht, dass in der Diskussion auch die Perspektive der praktizierenden Tierärztinnen und Tierärzte stärker berücksichtigt wird. Das Bild, das ich aus meinem Alltag kenne, ist nicht das von Menschen, die systematisch versuchen, den maximalen Gewinn aus ihren Patienten herauszuholen. Ich sehe vielmehr Kolleginnen und Kollegen, die täglich versuchen, medizinisch das Beste für ihre Patienten zu erreichen, dabei häufig Kompromisse eingehen und nicht selten ihre eigenen wirtschaftlichen Interessen hinten anstellen. Gute Medizin ist teuer - auch für uns!
Zum Thema GOT gibt es leider sehr viele einzelne Threads - daher hier der Link zu einem weiteren spannenden Beitrag von einem Tierarzt: GOT, Ketten und Tiere
Danke. Sehr guter Beitrag, so sehe ich es in meinem tierärztlichen Umfeld auch.
Liebe Grüße
Rolf
und dazu noch ein Nachtrag:
Die Erwartung, aus Idealismus und Tierliebe regelmäßig auf Vergütung zu verzichten oder wirtschaftliche Probleme von Tierhaltern aufzufangen, trägt aus meiner Sicht dazu bei, dass viele Tierärzte ihre eigenen Grenzen überschreiten. Wir alle kämpfen mit der wirtschaftlichen Lage, alles ist teurer, aber vor allem Tierärzte stehen hier häufig der Kritik. Viele Kolleginnen und Kollegen investieren bereits heute erhebliche unbezahlte Zeit in Beratung, Dokumentation, Telefonate oder die Betreuung komplexer Fälle und betreuen Tiere sogar in ihrer Freizeit und bleiben für Tierhalter erreichbar. Langfristig trägt diese Kultur der Selbstaufopferung zu den erheblichen Belastungen unseres Berufsstandes bei.
Hallo n.i.cole,
vielen Dank für deine interessante und ausführliche Antwort. Das, was du schreibst, glaube ich dir absolut und es zeigt deine Überzeugung und dein Engagement für das, was du tust. Auch in unserer Tierarztpraxis erlebe ich, wie engagiert, kompetent und mitfühlend mit den Tieren umgegangen wird. Darüber bin ich sehr froh und dankbar, und genau das wollte ich mit meiner Meinung auch nicht infrage stellen. In meinem Beitrag wollte ich lediglich meine Sorge über die zunehmende Ökonomisierung zum Ausdruck bringen.
Auch im Podcast habe ich keine pauschale Kritik an Tierärztinnen und Tierärzten herausgehört, sondern an dem System, das durch die aktuelle GOT geschaffen wurde. Es wurde thematisiert, dass von den höheren Rechnungen bei den Ärztinnen, Ärzten und Mitarbeitenden teilweise nicht viel ankommt und dass die aktuelle Regelung dazu führt, dass Futtermittelkonzerne wie Mars und Nestlé stärker in den Markt drängen. Ich glaube nicht, dass für diese Konzerne die Werte im Vordergrund stehen, die dich als Tierärztin antreiben, sondern der Profit.
Viele Grüße
Das stimmt, absolut, du meintest hauptsächlich die Profitmaximierung der Konzerne. Da habe ich etwas schnell drübergelesen und getippt! ![]()
Da hatte ich schon oft im Podcast das Gefühl, bis auf in den letzten paar Minuten.
Ein paar Zitate aus dem Podcast:
„Da gibt es also nicht wenige Tierärztinnen und Tierärzte die sich einfach mal routinemäßig den maximalen Faktor 3 gönnen und dann kostet das Hornhauttransplantat eben mal schnell knappe 1000€ und nicht 323€ wie der Basispreis.“
-> hier klingt es definitiv so, als würden wir das persönlich zur Profitmaximierung machen (das umfasst übrigens eine komplette Keratoplastik am Katzenauge, diese Operation führen oft Ophtalmologen mit mehreren Jahren Weiterbildung und unzähligen Fortbildungsstunden durch.. )
" [seit GOT Anpassung] geht es bergab; mit dem Tierwohl, der Tiergesundheit, der Laune der Tierbesitzenden NUR die Honorare der meisten TierärztInnen würde ich mal sagen, die steigen."
-> das haben Sie ja ganz am Ende nochmal richtig gestellt, wie du auch sagtest, trotzdem finde ich es nicht gut so reißerische Sachen von sich zu geben.. Wir Tierärzte werden wirklich sehr regelmäßig deshalb verbal angegriffen, vor allem im Notdienst und so einen Beitrag kann man dann wirklich nicht gebrauchen.
Danach wurden dann noch viele Extrembeispiele genannt, ich bin zwar Kleintiermedizinerin aber kann mir kaum vorstellen dass eine Kolik OP von 80.000€ auch nur im Ansatz irgendwo die Regel ist.
Das Problem von Anicura, Evidensia und Co ist definitiv da, aber ich denke nicht dass es so eng im Zusammenhang mit der GOT steht wie im Podcast dargestellt.
Danke für die Ergänzung. Mit den Zitaten hast du schon Recht. ![]()
Auch ich möchte mich hier den Worten der Kollegin komplett und ausnahmslos anschliessen (und auch dem Kollegen im anderen Thread). Viel wurde hier schon gesagt, auch ich habe mich über die doch recht einseitige und tendenziöse Berichterstattung geärgert, vor allem nachdem vor kurzem ein ähnlich einseitiger Bericht im öffentlich rechtlichen Fernsehen ausgestrahlt wurde.
Unser Berufstand kämpft sowieso schon mit wenig Gehalt, hohen Ansprüchen von Seiten der PatientenhalterInnen aber auch den eigenen, langen Arbeitstagen, Notdiensten und hoher Verantwortung. Da braucht es nicht auch noch diese einseitige Berichterstattung, die Öl ins Feuer giesst. Vielleicht ist auch meine Perspektive besonders Interessant, da ich angestellte Tierärztin in einer Praxis bin, die von einer Kette aufgekauft wurde. Ja, der Konzern strebt Gewinne an, wie jeder wirtschaftlich arbeitende Konzern und ich heisse auch viele Dinge nicht gut. Aber: uns wird nie, zu keiner Zeit vorgeschrieben, bestimmte unnötige Bahndlungen durchzuführen oder spezielles Futter zu verkaufen. Das entspricht einfach nicht den Tatsachen und sind schlicht Falschbehauptungen bzw. Spekulationen. Auch das man bei versicherten Tieren automatisch alles abrechnet was die Versicherung bezahlt, kann ich aus unserer Praxis so definitiv nicht bestätigen. Dazu müsste man ja jeden Versicherungsvertrag lesen und die Ausschlüsse kennen. Dazu würden mich eure Quellen interessieren.
Ebenso wie meine Kollegin oben habe ich auch noch nie gehört, dass eine Kollegin standardmäßig den 3-fachen Satz abrechnet, hier würde mich auch mal interessieren, woher diese Information kommt.
Auch ich würde mir die Richtigstellung der hier zum Teil falsch aufgestellten Behauptungen wünschen und auch, dass wir als angestellte und selbstständige Tierärztinnen zu Wort kämen um unseren Standpunkt entsprechend darzulegen. Denn wenn wir eins sicher nicht tun, dann ist es das Bereichern weder auf Kosten der Menschen noch der Tiere, die ja letztendlich die Leidtragenden sind, wenn die Halter sich die Behandlungen nicht mehr leisten können.
Dem kann ich mich nur anschließen, ich liebe meinen Beruf als Tierärztin und würde alles für meine Patienten tun. Die Tiermedizin hat sich in den letzten 20 Jahren stark entwickelt, Tierbesitzer verlangen zu recht eine moderne Tiermedizin, da fallen einfach höhere Kosten an.
Genau, den Bericht im öffentlich rechtlichen hatte ich auch gesehen und war etwas niedergeschlagen. Habe mich deshalb sehr auf die Berichterstattung von Ulf und Philipp gefreut, als ich gelesen habe dass sie das Thema nochmal aufgreifen.
Ich war leider sehr enttäuscht!
Hallo zusammen,
auch ich wollte gerne mein Feedback zum „Nischenthema“ geben. Zugegeben, ich kann nicht ganz unbefangen sprechen, da ich selbst ein Haustier habe. Dennoch möchte ich versuchen, möglichst objektiv für solche „Nischenbeiträge“ zu argumentieren.
Ich persönlich habe dem Beitrag sehr gespannt zugehört – gerade auch deshalb, weil hier, wie ihr selbst gesagt habt, ein Marktversagen sehr deutlich erkennbar wird. Aus meiner Sicht ist das kein isoliertes Thema, sondern ein strukturelles Problem, das immer wieder bei Gruppen sichtbar wird, die nicht selbst für sich sprechen können oder deren Lobby nicht einflussreich genug ist – sei es beim Klima, bei indigenen Gruppen oder eben bei Tieren.
Am Ende stehen häufig große Konzerne und wirtschaftliche Interessen im Mittelpunkt. Gerade deshalb finde ich solche Beiträge wichtig und würde mich freuen, mehr davon zu hören. Am Ende wird man dadurch in keinem Fall dümmer.
Vielen Dank für die gute Recherche und den tollen Podcast.
Katharina