Geplante Senkung der Honorare für Psychotherapeut:innen

Bei der Rechnung oben waren Investitionskosten (die beim Psychotherapeuten auch sehr niedrig sind!) nicht relevant, beim Radiologen hingegen, der Investitionskosten im (teilweise hohen) siebenstelligen Bereich hat, ist das natürlich eine andere Größe. Bei dem dort genannten Netto sind die Investitionen noch nicht drin.

Grundsätzlich herrscht übrigens Einigkeit darin, dass Radiologen wegen der Investitionskosten zu viel verdienen im Vergleich zu anderen Ärzten bzw. das hohe Gehalt der Radiologen nur wegen dieser Investitionskosten gerechtfertigt werden kann. Diese Investitionskosten haben Psychotherapeuten nicht.

Ja, und das ist das schon sehr häufig diskutierte Problem, dass die Berufsgruppen, die nah an der Wertschöpfung sind, zu viel verdienen. Das ist wirklich das zentrale Problem unserer Gesellschaft: Sowohl der Sozialpädagoge als auch der Psychotherapeut, der Arzt, der Kindergärtner und der Pflege sind fern der Wertschöpfung. Deshalb kämpfen alle diese Berufe darum, mehr zu verdienen, jeder würde gerne so viel für einen so laxen Job verdienen, wie der Ingenieur beim DAX-Konzern oder der Banker bei der Großbank.

Das ist daher kein Problem, das explizit beim Psychotherapeuten vorliegt. Wenn der Psychotherapeut fast doppelt so viel Netto verdient wie der Sozialarbeiter ist das schon üppig, da habe ich wenig Verständnis dafür, wenn das als „nicht adäquat“ geframed wird. Mein Mitleid ist da ähnlich beschränkt wie mein Mitleid mit Ärzten und Piloten, wenn sie mal wieder für mehr Lohn streiken.

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Wäre toll, wenn ihr folgendes Thema kurzfristig aufgreifen und einordnen könntet: Honorarkürzung für Psychotherapeuten. 10 % Kürzung standen im Raum, jetzt sind es zwar “nur” knapp 5 % geworden- aber dennoch wird gekürzt. Für eine Berufsgruppe, die im Gesundheitswesen nicht zu den Kostentreibern gehört. Außerdem ist die Versorgung von gesetzlich versicherten Patienten bereits jetzt mit langen Wartezeiten verbunden - Tendenz steigend! Patientenversorgung geht anders. Absenkung der psychotherapeutischen Honorare inakzeptabel – BPtK

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Niemand sagt, dass das wenig Geld ist. Es ist ein gutes Geld. Aber Geld als Gehalt wird in der Regel über die Jahre angepasst und zwar nach oben. Sei es durch Arbeitskampf, aus Inflationsausgleich, durch Tarifverträge (Erfahrungsstufen) oder durch ein besseres Produkt in der freien Wirtschaft als Selbstständiger.

Aber ja, 60k netto sind ein gut auskömmliches Gehalt, aber es geht ja hier darum, dass dieses gekürzt wird. Das ist ein durchaus unüblicher Vorgang, in der Wirtschaft würden nahezu alle Arbeitnehmer sich dann auf die Socken machen. Und das wird auch als völlig normal angesehen. Diese Möglichkeit steht den TherapeutInnen nun nicht offen. Beziehungsweise steht sie schon offen, indem man auf private Versorgung ausweicht. Dort sind deutlich höhere Einkommen möglich – dies wiederum schwächt aber unmittelbar die ohnehin schon eher schlechte Versorgungslage. Das ist ja das Kern des Problems.

(Ich möchte übrigens beifügen: Eine voll ausgelastete Praxis ist ein extrem herausfordernder Job. Ich kann da fachfremden Menschen natürlich nur um Vertrauen bitten, unser Wort dazu anzuerkennen. In Deutschland kann man mit einem Master Abschluss in BWL (beispielweise) mit 10 Jahren Berufserfahrung im übrigen auch solche Summen erreichen. Oder im juristischen Bereich)

Lohngerechtigkeit ist allgemeines Thema, welches sich schnell im Kreis dreht. Es wäre aber durchaus eine spannende Perspektive, wenn man selektiv eine Berufsgruppe heraussucht (die im Vergleichsmaßstab eher wenig verdient) und bei diesen eine Kürzung gutheißt, weil das Geld halt zu reichen hat. Das kann schnell den Eindruck von Willkür machen.

Zum Thema der Wertschöpfung: Das Gesundheitssystem hat per Definition den Erhalt der Wertschöpfung der Patienten zum Ziel. Die Investition in gut bezahlte Therapeuten sichert die Wertschöpfung anderer. Auch wenn sie selbst natürlich durch Versicherungsbeiträge finanziert wird.

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Es tut mir Leid, natürlich kann man für sich selber einstehen und keine Kürzungen beim Gehalt fordern, keine Berufsgruppe würde das nicht tun.

Aber wenn man von außen heraufguckt sieht man Psychotherapeutherapeutinnen darüber klagend, dass es zu wenig Kassensitze gibt, ergo eine zu große Anfrage für ein attraktives Angebot. Wenn das Angebot jetzt etwas weniger attraktiv wird ist es plausibel, dass die Nachfrage immernoch zu groß ist. Mir scheint das unproblematisch, so sollte Marktwirtschaft funktionieren, gegeben, dass alle Arbeitskräfte anständig entlohnt werden, was hier bei 5000 € netto auf jeden Fall zutrifft.

Man kann sich immer darüber beschweren, dass ein Ingenieur mehr bekommt. Dann studiert halt was anderes! Es steht einem immer frei einen anderen Beruf zu wählen, sich weiterzubilden, Angebot und Nachfrage. Und die Nachfrage für den Beruf des Psychotherapeuten scheint ja trotz (wegen?) der Entlohnung sehr groß zu sein. Für andere, vor allem Ausbildungsberufe, gilt das Argument so nicht, wenn Arbeitsbedingungen ausbeuterisch sind. Aber hier wird jeder gut leben können.

Die fehlenden Weiterbildungsplätze hingegen sehe ich auch als großes Problem.

Das kann man sehr gut sehen bei den Zahlen des ZI Panel, bei dem die Einnahmenn und Ausgaben aller Fachgruppen (Ärzte/Psychotherapeuten) verglichen werden und die unterschiedliche Kostenstruktur und Arbeitszeiten ersichtlich sind:

Psychotherapie auf Seite 86

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Ich zahle als freiwillig gesetzlich Kranken- und Pflegeversicherte aktuell 14500€ jährlich (statt der oben angegebenen Schätzung 7000€). Die Steigerung der Krankenkassenbeiträge in den letzten Jahren trifft uns freiwillig Versicherte wie alle anderen. Und dennoch bin ich bewusst gesetzlich versichert, da ich (noch) hinter dem System stehe, welches mir nun die Einnahmen kürzt.

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Das ist leider ein Fehler, als Selbstständiger muss man aus wirtschaftlichen Gründen möglichst frühzeitig in die PKV wechseln, um nicht völlig ausgenommen zu werden.

Ich bin ebenfalls zum Höchstbeitrag in der GKV, leider ist ein Wechsel inzwischen auch keine gute Option mehr aufgrund Alter. Persönlicher Fehler. Warum möchtest du das kaputte System stützen? Du brauchst nicht 4,5% mehr Einnahmen, sondern 10% weniger Abgaben.

Der Punkt ist, dass es hier nicht um ein Gehalt geht. Psychotherapeuten, die angestellt sind und ein Gehalt bekommen, erhalten dieses Gehalt auch weiterhin von ihrem freiberuflich tätigen Arbeitgeber.

Die meisten Therapeuten sind freiberuflich tätig, sprich: als freie Unternehmer. Damit gehen verschiedene Privilegien einher, insbesondere die sehr freie Gestaltung der eigenen Arbeitspraxis. Therapeuten können sich ihre Patienten frei aussuchen und tun das auch. Vergabe der Therapieplätze nach systematischen Kriterien wie Krankheitsschwere, Dringlichkeit etc.? Fehlanzeige.

Therapeuten können auch ihre Arbeitszeit frei gestaltet. Sie können - auch wenn sie einen Versorgungsauftrag der GKV haben - einen erheblichen Teil ihrer Arbeitszeit etwa für andere Tätigkeiten einsetzen wie Beratung (z.B. Paarberatung), Coaching oder Lebenshilfe. Manche tun das, andere nicht.

Ein Privileg, das damit nicht einhergeht, ist ein fixes Gehalt. Dabei sind die Therapeuten trotzdem noch in einer sehr bequemen Position. Durch die begrenzten Kassensitze ist ihnen ein steter Zufluss an Patienten mit fester (wenn auch gelegentlich wie jetzt angepasster) Vergütung sicher. Wegbrechende Aufträge? Fehlanzeige! Welche andere Gruppe an Freiberuflern - Rechtsanwälte, Architekten, Grafikdesigner, Fotografen etc. - genießt einen ähnlichen Luxus?

Therapeuten haben im Rahmen ihrer Kassenzulassung auch eine sehr einfache Möglichkeit, ihr Honorar bei gleicher Arbeitszeit deutlich zu steigern: durch Gruppentherapie. Die ist pro Therapiestunde erheblich besser vergütet. Und klar, sie ist auch fordernder, organisatorisch wie psychisch. Anteil der Gruppentherapie in der Versorgung? Im mittleren einstelligen Prozentbereich.

Therapeuten haben sich in ihrer Praxis eingerichtet, die meisten mit der Einzeltherapie als einzigem oder weit überwiegendem Behandlungselement. Gruppentherapie? Kaum vorhanden. Hybride Behandlung mit digitalen Angebotenu und Therapeutenunterstützung? Kaum vorhanden.

Wenn es um den unbestritten schwierigen Zugang der Patienten in die Versorgung geht, beschränkt sich der Beitrag der organisierten Therapeutenschaft auf die Forderung nach immer mehr Kassensitzen. Obwohl sich in den letzten 10 Jahren die Zahl der Therapeuten mit Kassenzulassung verdoppelt hat und das am Zugang der Patienten so gar nichts verbessert hat.

Die häufigste Diagnose in der ambulanten PT? Anpassungsstörung. Eine relativ leichte Erkrankung mit einer relativ unscharfen Indikationsstellung.

Also, liebe Therapeuten-Bubble: Euer Unmut über Vergütungskürzungen ist nachvollziehbar. Euer genereller Opfer-Mythos ist aber mehr als unangebracht.

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Die Frage lässt sich recht einfach beantworten. Der GKV-SV hat hier nicht einfach mal willkürlich den Spar-Hammer losgelassen. Anders als alle anderen Arztgruppen gibt es für Psychotherapeuten aus der Rechtssprechung die Vorgabe, dass die Honorare regelmäßig auf ihre Angemessenheit zu prüfen sind. Früher geschah das alle 4 Jahre, jetzt jedes Jahr - immer dann, wenn das Statistische Bundesamt seine Kostenstrukturerhebung für Arztpraxen vorlegt, die die Basis der Überprüfung ist.

In den vergangenen Jahren sind daraus meist spürbare Honorarzuwächse für Psychotherapeuten resultiert. Alleine 2019 etwa mit fast 10% Steigerung zusätzlich zu dem was sie wie alle Arztgruppen ohnehin an Steigerung bekommen haben. Über die letzten 10 Jahre sind die Honorare für Psychotherapeuten um etwa 50% gewachsen, bezogen auf die einzelne Therapiestunde. So stark hat keine Arztgruppe von Steigerungen profitiert.

Bereits in den letzten beiden Jahren hat diese Überprüfung rein rechnerisch eine mögliche Absenkung der Honorare ergeben. Auf diese wurde zugunsten der Therapeuten verzichtet. Jetzt hat die Überprüfung bei unveränderter Berechnungsweise, die früher zu Steigerungen geführt hat, zur Möglichkeit einer Absenkung um knapp 10% geführt. Im zuständigen Ausschuss wurde die langjährige Methodik bereits zugunsten der Psychotherapeuten so geändert, dass sich „nur“ eine Absenkung um 4,5% statt knapp 10% ergibt.

Die Krankenkassen fordern übrigens seit Jahren, diese Sonderregelung für Psychotherapeuten abzuschaffen. Sie stammt aus einer Zeit, als PT-Leistungen noch budgetiert waren und als Psychotherapeuten in den innerärztlichen Gremien kaum Durchsetzungsmacht hatten. Anders gesagt: in der Anfangszeit ihrer KV-Zugehörigkeit (ab 1999) wurden die Therapeuten von Kassen und Kassenärztlicher Bundesvereinigung etwas über den Tisch gezogen. Das hat sich lange geändert. Die Honorare sind in den letzten 10 Jahren erheblich gewachsen, für PT gibt es kein Budget mehr und die Therapeuten sind nach den Hausärzten die zweitgrößte Fachgruppe in der KBV mit entsprechendem Stimmrecht.

Dennoch haben die Therapeuten die Abschaffung dieser Sonderregelung immer abgelehnt. Nachvollziehbar, weil sie immer für schöne Extra-Zuwächse gesorgt hat. Jetzt geht die gleiche Rechnung zu ungunsten der Therapeuten aus. Das man das nicht schön findet, finde ich nachvollziehbar. Der Skandal, der hier postuliert wird, ist es nicht.

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„beschränkt sich der Beitrag der organisierten Therapeutenschaft auf die Forderung nach immer mehr Kassensitzen“

Das ist nicht korrekt. Es wird ein Bürokratieabbau gefordert. Die Initiative vermehrt Videotherapien anzubieten, kam aus der Therapeutinnenschaft. Vorsorge und Präventionsangebote werden ebenso gefordert wie bessere Übergänge zwischen stationärer und ambulanter Behandlung. Ich stimme jedoch zu, dass wir als Therapeutinnen nicht gut darin sind, unsere Themen und Anliegen in der Öffentlichkeit darzulegen.

„Hybride Behandlung mit digitalen Angebotenu und Therapeutenunterstützung?“

Wenn hier Bezug genommen wird auf digitale Gesundheitsanwendungen: diejenigen, die ich kenne, überzeugen mich in vielen Fällen nicht. Die Entwicklung und Verschreibung einer DiGA ist auch für die Krankenkasse teuer. Ich halte eine Behandlung in Einzel- und/oder Gruppentherapie eben für überlegen.

„Obwohl sich in den letzten 10 Jahren die Zahl der Therapeuten mit Kassenzulassung verdoppelt hat und das am Zugang der Patienten so gar nichts verbessert hat.“

Kein überzeugendes Argument. Dass es mehr Therapeutinnen mit Kassenzulassung gibt, besagt nicht, dass diese auch Kassenversorgung leisten können. Dazu braucht es halt einen Kassensitz. Dass sich die Versorgungslage aber auch bei steigenden Kassensitzen nicht verbessert hat, liegt unter anderem daran, dass wir besser darin werden aufzuklären, Stigmata aufzuklären. Wir haben zudem nun eine Menge junger Leute, die während der Corona Pandemie Schüler waren und davon Lasten zu tragen haben. Diese können sich natürlich auch in psychischen Störungen manifestieren. Dies mag ein temporärer Effekt sein, widerlegt aber nicht einen langfristig steigenden Bedarf durch die Aufklärung der Dunkelziffer.

„Die häufigste Diagnose in der ambulanten PT? Anpassungsstörung. Eine relativ leichte Erkrankung mit einer relativ unscharfen Indikationsstellung.“

Dies ist irreführend formuliert. Nach einem psychotherapeutischen Kontakt muss eine Diagnose erfolgen. Eine sachkundige Diagnostik ist mindestens ein Prozess über mehrere Sitzungen. Er umfasst psychometrische Tests, klinisches Urteil und strukturierte Interviews sowie eine ökonomische Abwägung welche dieser diagnostischen Maßnahmen angemessen sind. Nach einer Sitzung ist selten präzise zu diagnostizieren. Dennoch muss eine Diagnose gestellt werden. Es gilt, „sparsam und konservativ“ zu diagnostizieren. Häufig ist also die Anpassungsstörung die Diagnose der Wahl, weil man einen Patienten im Zweifelsfall nicht kränker schreiben will. Diese Unschärfe ist leider Teil des Zuweisungssystem. Ebenso resultiert darin, dass eine hohe Zahl an Einzelkontakten in die Statistik mit Anpassungsstörung eingeht. Somit ist diese Diagnose überrepräsentiert.

„Also, liebe Therapeuten-Bubble: Euer Unmut über Vergütungskürzungen ist nachvollziehbar. Euer genereller Opfer-Mythos ist aber mehr als unangebracht.“

Also, lieber Geronimo: Deine Kritik ist in Teilen berechtigt, in Teilen zeugt Sie aber von einer oberflächlicher Beschäftigung mit dem Sachverhalt.

Einen Opfer-Mythos zu unterstellen ist dagegen unsportlich. Es ist nicht so, dass Therapeutinnen einfach mehr Geld wollen – dieses ist im Privatbereich zu holen und dieser Weg steht den Therapeutinnen frei. Die Kritik auf die Abwertung bezieht sich darauf, dass die kassenärztliche Versorgung geschwächt wird.

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Lieber Geronimo,

Danke für deinen Beitrag. Ich habe mir ein paar Zitate kopiert und in meinen Text eingepflegt, weil ich aus der Zitierfunktion des Forumtools noch nicht ganz schlau wurde. Ich muss meine Antwort aufgrund der Zeichenbegrenzung in zwei Teile teilen.

„Die meisten Therapeuten sind freiberuflich tätig, sprich: als freie Unternehmer“

Exakte Zahlen liegen hierzu nicht vor. Es ist allerdings so, dass der Anteil angestellter PsychotherapeutInnen von 16% (2012) auf 29% (2024) gestiegen ist. Ebenso arbeiten nach einer Erhebung von 2022 18-22% im stationären Bereich. Wir können davon ausgehen, dass etwas weniger als die Hälfte der PsychotherapeutInnen auf einem eigenen Kassensitz arbeitet. Letztlich eine aber eine Schätzung

„Therapeuten können sich ihre Patienten frei aussuchen und tun das auch. Vergabe der Therapieplätze nach systematischen Kriterien wie Krankheitsschwere, Dringlichkeit etc.? Fehlanzeige.“

Korrekt ist natürlich, dass eine „externe Prüfung“ und damit auch Transparenz fehlt, ja. Die freie Auswahl der Patienten ist strukturell gewollt und sie erfüllt einen Zweck. Es ist der Psychotherapie inhärent, dass die Passung zwischen Patient und Therapeut überprüft werden sollte, ebenso sollte man prüfen, ob eine tragfähige therapeutische Bindung etabliert werden kann. Du blendest dabei eine Grundbedingung therapeutischer Arbeit aus und stellst dem eine fehlende Systematik gegenüber. Ich halte diese beiden Aspekte im Praxisalltag tatsächlich für schwer vereinbar.

Psychotherapeutinnen erwerben die Kompetenz und Eigenverantwortung, ihre Patienten auszuwählen. Das ist Teil der Ausbildung und der verpflichtenden Selbsterfahrung.

Mir fehlt hier ein Beleg, dass Therapeuten die von dir geschilderten Kriterien nicht fachlich korrekt in die Patientenauswahl einfließen lassen?

„Therapeuten können auch ihre Arbeitszeit frei gestaltet. Sie können - auch wenn sie einen Versorgungsauftrag der GKV haben - einen erheblichen Teil ihrer Arbeitszeit etwa für andere Tätigkeiten einsetzen wie Beratung (z.B. Paarberatung), Coaching oder Lebenshilfe“

Ich verstehe das Argument nicht. Jeder Arbeitnehmer und jeder Arzt kann neben seinem Arbeitsplatz einer Tätigkeit nachgehen. Es ist ja nicht so, dass ein Therapeut von der Kasse für seine „anderen Tätigkeiten“ bezahlt wird. Ein Kassensitzinhaber hat einen Versorgungsauftrag, keinen Arbeitsvertrag mit der GKV. Sagst du ja selbst?

„Durch die begrenzten Kassensitze ist ihnen ein steter Zufluss an Patienten mit fester (wenn auch gelegentlich wie jetzt angepasster) Vergütung sicher“

Das ist korrekt und wurde auch nicht in Abrede gestellt. Ich denke, dass ein großer Teil der Therapeutinnen lieber etwas weniger stetigen Zufluss an Patientinnen hätte und dafür die Versorgungslage eine bessere wäre.

„Wegbrechende Aufträge? Fehlanzeige! Welche andere Gruppe an Freiberuflern – Rechtsanwälte“

Vielleicht können die Rechtsanwälte sich hier im Forum dazu äußern? Ich weiß nicht, was der Vergleich zwischen Fotografen und Psychotherapie hier bringt, außer dass beide „freiberuflich“ sein können.

„Therapeuten haben sich in ihrer Praxis eingerichtet“

Du sprichst hier etwas sehr wichtiges an. Vielen Therapeutinnen sind Inhaber eines ganzen Kassensitzes und bieten diesen nicht als Jobsharing an. Möglicherweise aus Unwissenheit, möglicherweise aus fehlendem Interesse oder weil sie „kurz vor der Rente sind“. Das ist in der Tat ein Problem, dass man angehen sollte. Es gibt keinen Grund, dass z.B. ein halber Sitz in einer Großstadt ungenutzt „verschimmeln“ sollte :wink:

„Therapeuten haben im Rahmen ihrer Kassenzulassung auch eine sehr einfache Möglichkeit, ihr Honorar bei gleicher Arbeitszeit deutlich zu steigern: durch Gruppentherapie.“

Das ist korrekt. Ich tue dies auch und ich empfehle das meinen Kolleginnen. Die Angebote an Gruppentherapie steigen, nur nicht schnell genug. In einer Großstadt hält sich der organisatorische Aufwand auch in Grenzen. Hier sollten die Praxen und Berufsverbände auch mehr Aufklärung in der Öffentlichkeit leisten. Viele Patientinnen haben große Berührungsängste mit Gruppentherapie oder befürchten eine Behandlung „zweiter Klasse. Für ländlichere Gebiete kann ich nicht sprechen, mir aber vorstellen, dass es dort schwerer durchführbar ist. Die Gruppentherapiezulassung ist überdies nicht in jedem Ausbildungsinstitut Teil der erworbenen Zulassung. Das sollte verändert werden, ist aber ein Thema, dass sich nicht ad-hoc lösen lässt.

Ich sehe aber auch hier nicht, was das mit den Konsequenzen einer Abwertung der Honorare zu tun hat. Ich denke, die meisten Psychotherapeuten wissen, wie sie Geld verdienen können. Es dreht sich jedoch in vieler Hinsicht darum, dass dies die Versorgungslage nicht verbessern wird.

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Deutlich höhere Einkommen? Wie kommst du auf die Idee? Die GKV zahlt seit Jahren höhere Honorare als die PKV.
Nach der Absenkung liegt die Vergütung in der GKV bei 114,54 Euro. Bei einer Kurzzeittherapie mit Zuschlag für die ersten 10 Stunden dann bei 131,72 Euro.

Der Regelsatz im privaten Abrechnungskatalog (GOÄ/GOP) liegt je nach Verfahren bei 92,50 Euro bzw. 110,55 Euro. Bei Abrechnung zum Höchstsatz, der nur im Ausnahmefall abgerechnet werden darf, sind es 140,76 Euro bzw. 153,00 Euro.

Lediglich für Kurzzeittherapie zahlt die PKV seit 2024 abweichend von der gesetzlichen Gebührenordnung auf wackeliger Rechtsgrundlage einen deutlich höheren Satz von 134,06 Euro. Das sind dann in der Tat bahnbrechende 1,8% mehr als die GKV mit Zuschlag zahlt.

(Ich habe die Preise der Einfachheit halber in Euro umgerechnet. In der amtlichen GOÄ stehen die Preise noch in D-Mark. DAS ist der Stand der Vergütung in der PKV. Und nein, das ist kein Scherz.)

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Der Vorwurf, dass in der ambulanten Psychotherapie am häufigsten Anpassungsstörungen und andere “leichte” psychische Störungen behandelt werden wurde mehrfach widerlegt.

Leider immer wieder herausgekramt, auch von der Politik. Aber einfach falsch

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Es ist für mich als Patientin unfassbar, dass nun tatsächlich die Senkung beschlossen wurde. Psychotherapeutinnen leisten schon jetzt so so viel unbezahlte Arbeit, ohne die eine Therapie nicht mal ansatzweise so wirkungsvoll wäre (z.B. Beantwortung von Patientinnen Nachrichten, zusätzliche Telefonanagebote, Kontakt zu anderen Behandlern…). Zudem steigen Ihre Ausgaben stetig, die Arbeit ist mental unglaublich anspruchsvoll etc… Ich will mir gar nicht ausmalen, was das für unsere Versorgungsqualität bedeutet, wenn die Arbeit für viele Therapeutinnen nun noch herausfordernder und wirtschaftlich schwieriger wird! Ich denke es muss einen Aufschrei in der Bevölkerung geben, dass Psychotherapeut*innen, von denen die Gesellschaft so abhängig ist und die unfassbar viel für uns leisten, dafür sehr steinige Wege gehen, nun Honorare gekürzt werden! Wir sollten uns ALLE (egal ob Therapeutin, Patientin, Angehöriger, nicht direkt Betroffene*r) dafür einsetzten, dass diese Entscheidung rückgängig gemacht wird!

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Ich bin selbst ehemaliger Patient und kann deine Einschätzung absolut nicht teilen. Mein Erleben waren unorganisierte Therapeuten, die gerne alleine arbeiten, um alles nach Gutdünken zu gestalten. Natürlich ist es ineffizient, eine Praxis alleine zu betreiben. Bevor die Psychotherapeuten sich über die Höhe der GKV-Sätze beklagen, sollten sie an ihrer eigenen Kostenstruktur und Effizienz arbeiten. Irgendwer muss die Ineffizienz im System ja letztendlich zahlen.

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Ich meine nicht die einfachen DIGAs. Die sind in der Tat völlig überteuert und z.T. mit fragwürdigem Nutzen. Zum Teil sind es auch äußerst wirkungsvolle Therapie-Apps, die mit wenigen ergänzenden Therapeutenkontakten ähnlich wirksam wie eine klassische Einzeltherapie sein können.

Zulassung und Kassensitz ist das gleiche. Letzteres ist lediglich die umgangsprachliche Bezeichnung.

Ich rede auch nicht von Diagnosen aus dem Erstkontakt. Sondern von Diagnosen ausschließlich aus dem eigentlichen Therapieprozess.

Wie sollte es da Belege geben können? Es ist ja letztlich eine Blackbox, wie Therapeuten das handhaben.

Aber wie funktioniert denn heute für Patienten die Suche nach einem Therapieplatz? Es ist ein Marathon aus Anrufen auf dem Anrufbeantworter und von Mailanfragen. Es ist schon Luxus, wenn Therapeuten sich die Mühe einer Absage machen. Eine Warteliste wird kaum noch geführt. Stattdessen wird halt, wenn ein Platz frei wird, jemand gegriffen, der sich gerade gemeldet hat. Wie sollte das auch systematisch und strukturiert erfolgen? Dafür müssten ja erstmal Daten erhoben werden wie Indikationsstellung und Dringlichkeit.

Dabei gibt es eigentlich eine gute Möglichkeit für einen strukturierten Prozess über die Terminservicestellen der KVen. Vorgefiltert durch die Sprechstunde haben dort nur die Versicherten einen Vermittlungsanspruch für eine Therapie, die besonders zeitnah behandelt werden müssen. Die meisten Therapeuten bieten nur sehr wenige ihrer Plätze über die Servicestellen an und die KVen verlangen ihnen auch nicht mehr ab. Im Zweifel findet sogar nur eine einzige Stunde statt, danach werden die Patienten wieder weggeschickt. Es findet also nicht nur in der eigenen Praxis kein systematischer Zugang statt. Sondern selbst da, wo er gesetzlich vorgeschrieben ist, wird er z.T. aktiv blockiert.

Aber hier haben sich ja etliche Therapeuten zu Wort gemeldet. Wie handhabt ihr das ganz konkret? Wie stellt ihr sicher, dass vor allem die Patienten mit dem dringlichsten Behandlungsbedarf eure freiwerdenden Therapieplätze bekommen?

Ganz einfach: Verbände und viele Therapeuten argumentieren, dass durch die Absenkung die Versorgung von GKV-Versicherten in Gefahr ist, weil sie jetzt aus rein finanziellen Gründen mehr Privatpatienten behandeln müssen. Abgesehen davon, dass die Vergütung für die z.T. sogar niedriger ist, gibt es aber auch innerhalb des GKV-Systems gute Möglichkeiten, die Absenkung auszugleichen. Sogar ohne Ausweitung der Arbeitszeit.

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Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten verdienen im Vergleich zu vielen Fachärztinnen und Fachärzten deutlich zu wenig – und das trotz einer sehr langen, intensiven und oft selbst zu finanzierenden Ausbildung. Viele Jahre Studium, Weiterbildung, Supervision und Selbsterfahrung sind notwendig, bevor man überhaupt eigenständig arbeiten kann. Diese Ausbildung ist nicht nur zeitaufwendig, sondern auch mit erheblichen persönlichen Kosten verbunden.
Gleichzeitig sind unsere Verdienstmöglichkeiten strukturell begrenzt. Eine Therapiesitzung dauert 50 Minuten – mehr lässt sich nicht „verdichten“ oder beliebig steigern, ohne die Qualität der Arbeit zu gefährden. Anders als in manchen anderen medizinischen Bereichen kann man also nicht einfach mehr Fälle in kürzerer Zeit behandeln. Psychotherapeutische Arbeit erfordert volle Aufmerksamkeit, emotionale Präsenz und hohe geistige Konzentration. Gerade wenn man nicht nur die leichteren Fälle behandelt, ist diese Arbeit äußerst fordernd.
Dazu kommt, dass gute therapeutische Arbeit Pausen sowie regelmäßige Supervision und Selbsterfahrung braucht. Diese sind essenziell für Qualitätssicherung und professionelle Reflexion – kosten uns Therapeutinnen und Therapeuten aber oft genauso viel wie eine Therapiestunde, die wir selbst anbieten würden. Auch diese Zeit ist also notwendig, wird jedoch nicht entsprechend vergütet.
Besonders schwierig ist die Situation für Therapeutinnen mit kleinen Kindern. In einem Betreuungssystem mit häufigen Ausfällen müssen Termine manchmal kurzfristig abgesagt werden. Das bedeutet unmittelbar Verdienstausfall. Dieses Problem betrifft natürlich viele Berufe – aber wenn der Stundensatz ohnehin knapp kalkuliert ist, wird es schnell existenziell spürbar.
Hinzu kommt ein weiterer wichtiger Punkt: Wenn politisch gefordert wird, verstärkt besonders dringende oder schwer erkrankte Patientinnen und Patienten zu behandeln, dann müsste diese Arbeit erst recht besser vergütet werden. Gerade bei komplexen Fällen ist der Aufwand deutlich höher. Die Vor- und Nachbereitung dauert länger, häufig entstehen zusätzliche kurze Kontakte per E-Mail oder Telefon, und therapeutische Entscheidungen müssen sorgfältiger reflektiert werden. Zudem erfordern solche Behandlungen oft mehr Supervision – also zusätzliche Zeit und zusätzliche Kosten.
Eine Kürzung oder unzureichende Vergütung setzt daher ein völlig falsches Signal: Sie führt eher dazu, dass Therapeutinnen und Therapeuten aus wirtschaftlichen Gründen weniger schwer belastete Patientinnen und Patienten aufnehmen können. Genau diejenigen, die die intensivste Unterstützung benötigen, könnten dadurch noch schwerer einen Behandlungsplatz finden.
Hinzu kommt ein weiterer, oft übersehener Punkt: Psychotherapie ist nicht nur menschlich wichtig, sondern auch wirtschaftlich sinnvoll. Verschiedene Studien zeigen, dass jeder Euro, der in Psychotherapie investiert wird, ein Vielfaches an Folgekosten einspart – etwa durch weniger Krankheitstage, weniger Frühverrentungen und weniger kostspielige Klinikaufenthalte. Vor diesem Hintergrund ist eine unzureichende Vergütung nicht nur unfair gegenüber den Behandelnden, sondern auch volkswirtschaftlich kurzsichtig.
Eine angemessene Bezahlung psychotherapeutischer Arbeit wäre daher nicht nur eine Frage der Wertschätzung, sondern auch eine rationale gesundheitspolitische Entscheidung.

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Was ich noch ergänzen möchte:

Viele Erkrankungen und Themenfelder “lohnen” sich finanziell weniger für Therapeut:innen aufgrund hohen Kostenaufwands für die Therapeut:innen und viel unbezahlter Arbeit außerhalb der Arbeitszeit. Dazu zählt z.B. Traumatherapie, Borderlinetherapie (bei beidem teure Zusatzausbildung, ggf zusätzliche Telefonkontakte nötig), Autismus- und ADHS-Diagnostik (teure Diagnostikverfahren, teure Fortbildung, viel Zeitaufwand für die Auswertung). Kaum möglich in diesem Bereich auch nur ansatzweise zeitnahe Termine für gesetzlich Versicherte zu finden, Spezialambulanzen sind völlig überlaufen. Viele die es sich auch nur irgendwie leisten können zahlen inzwischen privat, teils sogar Studierende, die z.b. eine ADHS-Diagnostik benötigen. Die Therapeut:innen, die das bisher noch machen, machen das nur aus Herzblut, aber irgendwie muss sich die Praxis ja auch halten, wenn es noch weniger Angebote in den Bereichen gäbe wäre das fatal für betroffene, die sich das privat nicht leisten können. Besonders schwierig im KJP-Bereich, da viele Familien ohnehin schon armutsbedroht sind (und noch besonders, wenn Kinder psychisch belastet sind und die Eltern daher z.B. nicht voll arbeiten können).

Viele Therapeut:innen haben in ihrer Ausbildung nichts oder nur den Mindestlohn erhalten und müssen das erstmal reinarbeiten. Therapeut:innen sind hochqualifiziert, Studiengänge haben oft einen NC von 1,0-1,3, viele Therapeut:innen sind promoviert und haben etliche Zusatzausbildunge gemacht, für viele Therapeut:innen gäbe es finanziell attraktive Jobalternativen in der freien Wirtschaft, was sich einige auch überlegen.

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Mein Eindruck ist immer noch, das psychische und auch neurologische Erkrankungen mit einen enormen Verständnis- und damit Akzeptanzproblem zu kämpfen haben.

Bei vielen körperlichen Erkrankungen kann man operieren oder Medikamente verschreiben, das ist dann konkret (auch wenn es nicht immer hilft).

Aber psychische und neurologische Erkrankungen sind komplexer, bewegen sich oft in einem nicht eindeutigem Spektrum, und da gibt es in der Regel keine OP oder ein Standardmittel.

Mit Komplexität haben wir gesellschaftlich eher ein Problem, was wir dann gerne verdrängen oder abwiegeln.

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