Geplante Senkung der Honorare für Psychotherapeut:innen

Vielleicht wäre es im Rahmen einer Aufbereitung dieses Themas allgemein auch spannend was eigentlich den GKV Spitzenverband dazu politisch motiviert hat genau bei der Psychotherapie das Messer anzusetzen.

9 „Gefällt mir“

Hier kann ich mich nur anschließen! Ich studiere ebenfalls im Master Klinische Psychologie und Psychotherapie. Abgesehen von der sehr düsteren Zukunftsaussicht bezüglich fehlender Weiterbildungsplätze scheint die Kürzung der Honorare dem Ganzen jetzt noch die Krone aufzusetzen. Die generell schon prekäre psychotherapeutische Versorgungslandschaft, die durch zunehmende Berentung und fehlenden Nachwuchs aufgrund der fehlenden Finanzierung der Weiterbildung gekennzeichnet ist, wird durch diese Kürzung nun auch noch symbolbildlich mit Füßen getreten. Im Vergleich zu unseren ärztlichen Kolleg:innen verdienen Psychotherapeut:innen auch vor der Kürzung pro Stunde deutlich weniger Geld. All dies scheint mir ein gesellschaftlicher Rückschritt, hin zur Invalidierung psychischer Gesundheit zu sein.

3 „Gefällt mir“

Ich hoffe wir sind uns alle einig, dass Psychotherapie einen wertvollen Beitrag für jeden einzelnen psychisch erkrankten Menschen und für die Gesellschaft allgemein leistet.

Studien zeigen eindeutig die Wirksamkeit von Psychotherapie für die Beseitigung und/oder Linderung einer psychischen Erkrankung, es hat also einen ganz individuellen Wert und Nutzen.

Aber auch volkswirtschaftlich hat PT einen Wert und einen Nutzen: Produktivitätsausfall: Psychische Erkrankungen sind bereits jetzt die Hauptursache für Fehltage. Eine verzögerte oder mangelhafte Behandlung führt zu längeren Ausfallzeiten und einer Zunahme von Frühverrentungen.

Es entstehen Folgekosten durch Chronifizierung. Eine „billige“ Therapie, die nicht stattfindet, wird zur teuren stationären Behandlung. Die Kosten für einen Tag im psychiatrischen Krankenhaus übersteigen die Kosten einer ambulanten Therapiestunde massiv. Auch die Belastung der Sozialkassen steigt. Unbehandelte psychische Störungen führen oft zu sozialen Krisen, Arbeitslosigkeit und einem erhöhten Bedarf an Transferleistungen.

Die psychotherapeutische Arbeit ist kein „Reden“, es ist emotionales ansprechbar sein, ist Menschen in ihren schlimmsten Lebensphasen zu begleiten, auszuhalten, was teilweise nicht auszuhalten ist (Traumata, Kindeswohlgefährdungen, Suizidalität, etc.), natürlich lernen wir auch „Techniken“, aber ohne diese menschliche Begegnung auf Augenhöhe, mit Wertschätzung und Transparenz, kann keine Technik wirken. Es ist also eine “harte” Arbeit, die ihren Wert auch darin meines Erachtens zeigt.

Dieses Anwenden lernt jeder Psychotherapeut, jede Psychotherapeutin in der Ausbildung:

Die alte Ausbildung kostet Geld, angehende Therapeut*innen bezahl(t)en bis zu 70.000 Euro und verdienen währenddessen 1000 Euro brutto, zu meiner Zeit (Ausbildung zwischen 2006-2009) sogar teilweise nur 100 Euro im Monat (O-Ton: „Aber das Mittagessen in der Klinik ist für Sie kostenlos“).

Das bedeutet, die meisten Psychotherapeut*innen gehen mit einem Batzen Schulden in Ihr Berufsleben.

Wenn man dann auch an der vertragspsychotherapeutischen Versorgung teilnehmen möchte, muss man je nach Niederlassungsort auch noch mehrere 10.000 Euros (z.B. 50.000 für einen halben Kassensitz in Münster) bezahlen. Das ist natürlich an sich auch ein kritisches Vorgehen, aber so ist es in der Medizin auch.

Gehen wir also mal davon aus, dass viele Kolleg*innen mit vielen Schulden in die eigene selbstständige Arbeit gehen. Es muss also neben den Praxiskosten (Miete, Telematikinfrasturktur, Putzfirma, BU, Krankenkassenbeiträge, Berufsverbände, Therapeutenkammern, Versorgungswerk, private Rentenvorsorge, Praxismaterialien, Fortbildungen und vieles mehr), noch diese Schulden abgetragen werden.

Dazu kommt, dass auch der Reallohnverlust durch Inflation in der psychotherapeutischen Praxis durchschlägt. Seit 2022 sind die Kosten für Praxismieten, Personal und Energie kumuliert um etwa 16 % gestiegen. Eine Kürzung der Honorare um ca. 4,5 % (während der GKV-Spitzenverband sogar 10 % forderte) bedeutet in Kombination mit der Inflation einen massiven Kaufkraftverlust für die Praxen. Eine wirtschaftliche Praxisführung ist unter diesen Bedingungen kaum noch möglich oder nur noch, wenn Psychotherapeut*innen über die eigenen Grenzen gehen, was nicht einfach möglich ist, weil es eine “harte” Arbeit ist, wie oben geschildert.

Und allgemein möchte ich auch noch darauf hinweisen, dass die Ausgaben für ambulante PT in der Verteilung der Kosten der GKV der kleinste Posten sind. Im Vergleich zu den haus- und fachärztlichen Kolleg*innen erwirtschaften Psychotherapeut*innen schon jetzt nur den halben Ertrag pro Stunde bzw. pro Praxis – und das bei gleichem Arbeitseinsatz und nach Abzug der jeweiligen Praxiskosten.

Natürlich ist es schwierig für dieser ganzen Arbeit einen monetären Wert zuzuordnen, aber m.E. waren wir auch monetär noch lange nicht da, wo der gesellschaftliche und individuelle Wert schon angekommen ist.

Ich würde mich freuen, wenn die Situation der Psychotherapeut*innen in diesem Land in der Lage aufgenommen wird.

13 „Gefällt mir“

Ich weiß nur, dass psychotherapeutische Praxen insgesamt ca halb soviel Umsatz machen wie zb Hausarztpraxen bei ähnlichem Arbeitsaufwand und Kosten

3 „Gefällt mir“

Ich finde dieses Thema sehr wichtig - die Senkung ist nicht mehr geplant, sondern seit heute beschlossen und es ist zu befürchten, dass dies nur einer von noch folgenden und zu befürchtenden Schritten ist, die psychotherapeutische Versorgung zunehmend aus dem Leistungskatalog der KK herauszulösen. Und das möglichst leise und nebenbei. So oder so - die Versorgung wird dadurch jetzt schon noch schlechter

Nur Beispiele dazu:

  • Kollegen aus Berufsverbänden (ich bin selbst niedergelassene KJ Psychotherapeutin) diskutieren und planen, wie sie ihre Arbeit umstellen um der geringeren Entlohnung zu entsprechen (Schreiben für Patienten nur noch für Selbstzahler, keine Kulanz bei Terminversäumnissen, Umstieg auf Privatpatienten). D.h. die Versorgung wird schlechter. Ein Großteil meiner Patienten lebt in vollstationärer Jugendhilfe oder verfügt über keine finanziellen Mittel - wie soll das gehen?
  • Ich bin gespannt welche Protestformen überhaupt möglich sind und genutzt werden - jeden Tag den ich streike, jedem Versorgungsauftrag dem ich trotz Auftrag der KK nicht nachkomme schadet in erster Linie den Patienten (keine Termine, nicht erreichbar etc) und mir (kein Einkommen). Der Krankenkasse ist das egal bzw recht
  • das Erstzugangsrecht wird erneut diskutiert - wenn Patienten erst wieder zum Hausarzt/Facharzt müssen um einen Termin beim PT wahrnehmen zu können ist die Hürde noch viel höher (jeder der in den letzten 24 Monaten versucht hat einen Arzttermin zu bekommen weiß was ich meine)
  • ich glaube die Motivation der KK genau hier zu kürzen liegt in dem erwartbar kleinen Gegenwind und der kleinen Lobby

Umso schöner wäre es, wenn das Thema durch Lage der Nation mehr Aufmerksamkeit bekommt

10 „Gefällt mir“

Wirklich bei vergleichbaren Rahmenbedingungen? Wenn ich mir ansehe, dass in einer Arztpraxis mit einem Arzt in der Regel bereits mindestens zwei Sprechstundenhilfen aktiv sind, mehrere Behandlungsräume, diverse Gerätschaften, etc., dann sind Vergleiche die suggerieren eine vergleichbare Psychotherapiepraxis hätte gleich hohe Kosten erstmal für mich wenig plausibel.

kannst du erklären wie es zu den vergleichbaren Kosten bei halbem Umsatz kommt?

2 „Gefällt mir“

Das große Problem sind aus meiner Sicht die exorbitanten Abgaben in Deutschland, nicht die Einnahmen.

Für mich ist das ein klares Indiz, dass erwartet wird, dass ein Kassensitz durch zwei Therapeuten betrieben wird.

Transparenzhinweis: mit KI habe ich meinen losen Input strukturiert sowie mir unbekannte Summen wie Beiträge schätzen lassen.

Der Case sieht dann so aus:

  • 2 Therapeuten (je 30 Abrechnungsstunden/Woche)
  • ​Arbeitszeit: 42 Wochen pro Jahr (10 Wochen Puffer für Urlaub/Krankheit/Fortbildung)
  • ​Abrechnungseinheiten: 2.520 Sitzungen p.a. (60h × 42 Wochen)
  • ​Honorar-Satz: 115,00 € (Ø pro Sitzung inkl. Zuschlägen)
  • ​Jahresumsatz (Gesamt): 289.800 €
  • ​Umsatz pro Therapeut: 144.900 €

​2. Jährliche Betriebsausgaben

  • ​Raumkosten: 20.400 € (Miete, Heizung, Strom, Wasser – ca. 1.700 € mtl.)
  • ​Personal: 30.000 € (Teilzeitkraft 20h/Woche, inkl. Arbeitgeberanteilen & Umlagen)
  • ​IT-Hardware (AfA): 1.200 € (3 Laptops à 1.400 €, abgeschrieben auf 4 Jahre und Kleinkram)
  • Software & Telematik: 4.800 € (PVS-Gebühren, TI-Anbindung, Cloud, Kartenterminal, Website)
  • ​Pflichtbeiträge: 2.500 € (Psychotherapeutenkammer & Berufsgenossenschaft VBG)
  • ​Versicherungen: 2.000 € (Berufshaftpflicht, Praxisinventar, Rechtsschutz)
  • ​Fortbildung & Supervision: 4.000 € (Kontingent für beide Therapeuten)
  • ​Laufender Betrieb: 5.500 € (Reinigung, Bürobedarf, Telefon/Internet, Praxisbedarf)
  • ​Instandhaltung/Marketing: 2.000 € (Reparaturen, Kleinanzeigen, Visitenkarten)
  • ​Gesamtausgaben p.a.: 72.250 €

​3. GuV

  • ​Gesamtumsatz: 289.800 €
  • ​Gesamtausgaben: -72.250 €
  • ​Praxisgewinn (EBIT): 217.550 €
  • Gewinn pro Therapeut (vor Steuern/Vorsorge): 108.775 €

​4. Netto-Kalkulation (Schätzung pro Therapeut)

  • ​Gewinn (Brutto): 108.775 €
  • ​Altersvorsorge: -16.500 € (Versorgungswerk, ca. Höchstsatz)
  • Kranken-/Pflegeversicherung: -7.000 € (PKV)
  • ​Einkommensteuer: -24.500 € (Angenommener Durchschnittssatz 2026)
  • Netto-Verfügbar p.a.: ca. 60.000 €

Gerne ergänzen, falls ich irgendwo sehr falsch liege oder etwas komplett übersehen haben sollte.

​Die Einnahmenseite sieht für mich ehrlich gesagt okay aus. Das Problem sind die Ausgaben sowie Abgaben.

3 „Gefällt mir“

mich würde insbesondere interessieren, welche schlüsselfiguren aus welchen beweggründen (parteibüchern/-zugehörigkeit, lobbyismus) da eingewirkt haben im und neben dem „erweiterten bewertungsausschuss“. es scheint kalkül zu sein, dass psychotherapie als kostengünstigstes und nachhaltigste antwort auf einige der volkswirtschaftlich belastendsten faktoren nun weiter abgewertet wird.

und wie hier schon oft genannt, aber auch von mir noch zu betonen: wir psychotherapeut*innen studieren nach sehr gutem schulabschluss bachelor und master,schreiben umfassende phd‘s, zahlen 30.000€ und mehr für unsere Ausbildung, um am Ende die Approbation zu erhalten, müssen teilweise über 100.000€ in die Hand nehmen, um einen Kassenplatz zu kaufen, um dann quasi eine „Gehaltskürzung“ zu erfahren .

6 „Gefällt mir“

Ja, das ist durchaus zu erwarten. Derzeit sind 77.1% der Kassensitze an ü60 jährige vergeben und die Zahl der potentiellen Nachfolger*innen geht zurück bedingt durch den bekannten demografischen Wandel und wird verschärft durch die bis dato noch vielen ungeklärten Fragen in Bezug auf die Finanzierung der Weiterbildung nach der neuen Reform. Im Gebiet Stadt Osnabrück gehen bereits heute aufgrund mangelnder Nachfrage Kassensitze nicht im ersten Anlauf weg bzw. deckt sich Angebot und Nachfrage gerade so (eigene Erfahrung in 2025).

3 „Gefällt mir“

Die erforderliche Änderung hier muss sein, dass Kassensitze nicht mehr verkauft werden können, sondern ausschließlich zugeteilt werden. Wenn Honorare steigen, steigen sonst auch die Übernahmekosten für einen Kassensitz und der bisherige Halter sackt das Geld der Patienten und seines Nachfolgers ein.

1 „Gefällt mir“

Hallo,

ich bin als ärztliche Psychotherapeutin (Fachäztin psychosomatische Medizin und Psychotherapie) ebenfalls betroffen von der Abwertung.

Grundsätzlich rechnen wir bei der GKV EBM Ziffern ab , die denen der Psychologischen Psychotherapeuten entsprechen. Wenn hier von ungleicher Bezahlung im Vergleich zu Ärzten gesprochen wird, sind andere Fachärzte in Niederlassung gemeint.

Die Therapieausbildung ist kostenintensiver und zeitaufwändiger als bei anderen Facharztgruppen (Selbsterfahrung Einzel und Gruppe, Seminar , Fortbildungskosten…). Dass für eine Niederlassung (mehr oder weniger) Geld in die Hand und ein Kredit aufgenommen werden muss, ist bei allen Facharztgruppen und Psychotherapeutinnen so.

Was mich beschäftigt- gab es eine Abwertung bereits einmal, oder wird das nun Schule machen? Ist das juristisch einwandfrei? Auf welcher Grundlage steht dieses Vorgehen? Wir steht es um den realen und gefühlten Bedarf an Psychotherapie? Wie alt ist die Bemessungsgrundlage für den Versorgungsbedarf,welcher die Anzahl der regionalen Kassensitze ergibt? Die Versorgung wird sich wohl durch den Renteneintritt älterer KollegInnen und den Ausbildungsstau in der neuen Psychotherapieausbildung in Zukunft verschärfen, wie soll das gehen?

Ein Teil des Problems, für die bis dato schon geringere Vergütung im Vergleich zu anderen niedergelassenen Fachärzten, ist die Verteilung der Gelder innerhalb der Facharztgruppen. Soweit ich weiß ist die Richtschnur - eine voll (!) ausgelastete Psychotherapie Praxis (36 Std am Patienten plus Arbeiten ohne Patientenkontakt an 42 Wochen im Jahr) soll im Einkommen mithalten mit einer durchschnittlichen Facharztpraxis.

Nun können wir nicht so einfach medizinische Aufgaben delegieren (wie zB Nähen in der Chirurgie oä), müssen diese wirklich selbst erbringen, das Einkommen ist zeitgebunden (idR 25-50min pro Termin) und nicht einfach zu verdichten.wenn Patienten nicht kommen oder kurzfristig absagen, haben wir für die Stunde einen Einkommensverlust. Das kommt gar nicht so selten vor (bei psychisch kranken Menschen). Hinzu kommt, dass 36 Std pro Woche am Pat unfassbar anstrengend sind. Sicher schaffen das KollegInnen, ich wäre dazu nicht in der Lage. Psychotherapie heißt volle Aufmerksamkeit und Präsenz, in Kontakt mit dem Mensch, allen Gefühlen und Impulsen. Kein kurz aufs WC gehen oder nebenher Einkaufsliste schreiben, ich will sagen- keine kleine Auszeiten oder Freiheit,wie sie anderen Berufe vielleicht zulassen. Ich halte und reguliere den Menschen und mich selbst mit den schrecklichsten Geschichten, auch Trauma, viel Ohnmacht….

Ich will darauf hinaus, dass in der Regel weniger Stunden pro Woche am Patienten realistisch sind, als 36. Und mich ärgert, warum wir (unrealistisch) voll ausgelastet mit durchschnittlichen Facharztpraxis im Einkommen verglichen werden.

Bei der KV Baden Württemberg existieren durchschnittliche Praxisdaten, mit denen die eigene Praxis verglichen werden kann, oder ein Überblick zu den Einnahmen und Kosten möglich ist.

Die gestrige Erhöhung des Strukturzuschlags soll die Kosten einer halbtags MFA für gut ausgelastete Praxen und deren Organisation abbilden. Meine persönliche Arbeit wird weniger vergütet. Und es stimmt, die Inflation, die Heizkosten , Miete, die Erhöhung der Krankenkassenbeiträge waren ordentlich. Das Einkommen hielt dbzgl zuletzt nicht mit.

Schon vor der Abwertung drehten sich Gespräche mit Kolleginnen darum, ob sich die hohe Verantwortung, der persönliche Einsatz und die engen Vorgaben der KV an uns Freiberufler überhaupt lohnen. Die gestrige Entscheidung der Abwertung empfinde ich als genau das- eine (persönliche) Abwertung und macht mich sehr wütend.

Ich wäre dankbar,wenn das Thema in der Lage einen Platz bekäme.Herzlichen Gruß an Alle

18 „Gefällt mir“

Hallo,

Das Thema ist mir so wichtig, dass ich mich als sonst stiller Hörer, heute hier registriert habe :blush:

Ich bin angestellt in einer Gemeinschaftspraxis – logischerweise beschäftigt uns als „Belegschaft“ die beginnende Debatte ziemlich. Die Situation ist ja aktuell für alle Seiten angespannt. Die Krankenkassen sollen sparen, die Patienten wollen versorgt werden und wir müssen Rechnungen bezahlen und uns mit sehr vielen Forderungen seitens der GKV beschäftigen. Oft und viel gefordert werden kürzere Therapien, schnellere Aufnahmen, und mehr Digitalisierung. Vieles davon beißt sich dann aber recht stark mit den tatsächlich vorliegenden Gegebenheiten in der Praxis. Außerhalb kontrollierter Laborbedingungen haben z.B. Menschen prekären Lebenslagen, wirtschaftlicher Not oder Sprachbarrieren. Gute Therapie und eine gute therapeutische Beziehung kostet Mühe und Zeit.

In meiner „Therapiebubble“ stellt sich allerdings mehr und mehr ein Gefühl von fehlender Wertschätzung seitens der Kostenträger heraus, während die Anforderungen an die Arbeit steigen. Und wir kommen dabei schlicht nicht umhin, auch über Geld zu reden. Das ist schließlich ein zentraler Aspekt von Wertschätzung in einer kapitalistischen Gesellschaft:

@Mitte hat hier mit KI geschätzt, wieviel ein Therapeut verdient, der in der Woche 30h am Patienten arbeitet. Ich möchte an dieser Stelle bemerken, dass 30 Therapiestunden a 50 Minuten in der Woche sehr, sehr anspruchsvoll sind. Dies entspricht nicht natürlich der tatsächlichen Arbeitszeit. Bei 30h würde ich diese bei etwa 40-45 Stunden in der Woche schätzen.

Aber das tut ja für die Finanzen erstmal nichts zur Sache. Es freut mich, dass @Mitte das geschätzte Nettogehalt für angemessen befindet. Man möge vielleicht eine KI Kalkulation für andere Facharztgruppen und deren Praxen bei vergleichbarer Arbeitszeit befragen? Oder man fragt ChatGPT einfach, welche Facharztgruppen bei vergleichbarer Arbeitszeit weniger verdienen als Therapeuten. Die Antwort:

„Kurz gesagt: Fast keine Facharztgruppe verdient bei gleicher Arbeitszeit weniger als Psychotherapeuten (vor allem nichtärztliche Psychotherapeuten). Psychotherapeuten gehören eher zu den unteren Einkommensgruppen im akademischen Gesundheitsbereich.“

Und da sollte man recht sachlich feststellen, dass die Mieten (in vielen Städten) steigen, die Inflation steigt, die Kassenbeiträge für Mitarbeiterinnen steigen, Kosten für bürokratische Anforderungen und für die Telematik-Infrastruktur steigen (dies gilt natürlich auch für andere Facharztgruppen)

Wenn man alle diese Informationen zusammen nimmt, würde mich umso mehr interessieren, warum wir Psychotherapeuten jetzt eine Abwertung der finanziellen Vergütung akzeptieren sollten? Die Wirksamkeit von Psychotherapie ist doch belegt. Der Bedarf an Therapie ist auch belegt und relativ leicht herauszufinden, sobald man sich selbst auf Therapieplatzsuche begibt.

Es gibt dazu ein Positionspapier des Spitzenverbandes, in welchem inhaltlich begründet wird, welche Kritik an der psychotherapeutischen Versorgung geübt wird:

Manche dieser Forderungen sind Verbesserungen, die die meisten TherapeutInnen vermutlich sogar für sinnvoll und richtig und halten würden und die einen sinnvollen Beitrag zu einer besseren Versorgung leisten können. Andere Analysen, die in diesem Positionspapier angesprochen werden, sind ziemlich abenteuerlich. Zu dem inhaltlichen Fragen der Gestaltung einer „guten und angemessenen“ Psychotherapie kann man gerne an die Berufsverbände und Kammern verweisen, deren öffentliche Vertretung eine detaillierte Einschätzung zu den Forderungen des GKV Spitzenverbandes geben kann. So ganz ist das ja auch nicht das Thema hier.

Über die Vorbelastung aus Krediten aus der Ausbildung, Krediten für den Kassensitz, lange Wartezeiten, bis man überhaupt arbeiten „darf“ wurde ja schon hier gesprochen. Für junge Psychotherapeutinnen scheint es doch schlicht plausibler zu sein, eine Privatpraxis zu gründen. Und dies setzt genau die falschen Anreize, um in Deutschland weiterhin flächendeckend eine gute Versorgung zu gewährleisten. Sollte man dagegen versuchen, die Psychotherapie als Kassenleistung langsam zu schwächen und das private System zu stärken, ergibt der Vorstoß der GKV sicherlich Sinn. Vielleicht wird es dann ja bald üblich, neben einer Zahnzusatzversicherung auch eine Psychotherapiezusatzversicherung abzuschließen.

Psychotherapie kann für jeden Menschen in der Nation eine Rolle spielen. Würde mich freuen, wenn es aufgenommen wird :wink:

12 „Gefällt mir“

Psychische Krankheiten sind leider oft nicht offen sichtbar, erscheinen nicht auf dem R öntgenbild oder Ultraschall.

Oft rührt daher die mangelnde Wertschätzung und geringere Bewertung im medizinischen Bereich her.

Vermute ich. Aus beruflicher Erfahrung.

3 „Gefällt mir“

Es wird interessant sein, wie und mit welchen Chancen die Berufsverbände (wie z.B. DPtV) rechtlich die Entscheidung anzugreifen versuchen. Hier ist ein Aspekt des rechtlich-historischen Hintergrundes auf welchem die Entscheidung des Erweiterten Bewertungsausschuss basiert, denn es gibt ja bereits jahrzehntelange Rechtsstreitigkeiten. Seit dem ersten Urteil des Bundessozialgerichts zur Vergütung der Psychotherapie im Jahre 1999 (BSG-Urteil vom 20.1.1999, B 6 KA 46/97 R) galt der Grundsatz, dass eine psychotherapeutische Praxis mit vollem persönlichem Einsatz und optimaler wirtschaftlicher Praxisausrichtung ein Einkommen erzielen können muss, mit dem eine existenzfähige Praxis betrieben werden kann. Dies sollte mit einem damaligen Mindestpunktwert von 10 Pfennig für die genehmigungspflichtigen Leistungen erreicht werden, weshalb das Urteil auch als „10-Pfennig-Urteil“ bezeichnet wurde. In einem späteren Urteil (BSG-Urteil vom 28.1.2004, B 6 KA 52/03 R) wurde dieser Grundsatz modifiziert. Es müsse „den Psychotherapeuten … jedenfalls im typischen Fall möglich sein, bei größtmöglichem persönlichen Einsatz des Praxisinhabers und optimaler Praxisauslastung zumindest den Durchschnittsüberschuss vergleichbarer Arztgruppen zu erreichen.“ Eine so definierte psychotherapeutische Praxis bezeichnete das BSG als „voll ausgelastet“. Dies ist eine Praxis, die im Durchschnitt von 43 Arbeitswochen im Jahr wöchentlich 36 antragspflichtige Einzelsitzungen zu je mindestens 50 Minuten zu leisten in der Lage ist. Dass dies tatsächlich ein kaum erreichbares Limit ist, hatte auch das BSG anerkannt, denn an anderer Stelle spricht es von einer „Belastungsgrenze“. Im Jahr 2023 wird diese Vollauslastung operationalisiert durch eine Punktzahlmenge von 424.862 Punkten im Quartal aus Leistungen der Richtlinientherapie, der Psychotherapeutischen Sprechstunde, der Akutbehandlung und der Gruppentherapeutischen Grundversorgung.

2 „Gefällt mir“

Der Spitzenverband der Krankenkassen hat beschlossen die Vergütung für psychotherapeutische Leistungen um 4,5 Prozent zu kürzen. Das bringt vor allem die sowieso schon angespannte Versorgungslage von PatientInnen weiterhin in Gefahr. Hier der Beitrag von der Deutschen Psychotherapeuten Vereinigung dazu: Aktuelle Meldungen und Pressemitteilungen | DPtV

Ich würde mich als angehende Psychotherapeutin sehr freuen, wenn darüber mehr berichtet wird und deutlich gemacht wird, was das für unser Gesundheitssystem und die PatientInnen bedeuten würde.

8 „Gefällt mir“

Ich bin Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin in Ausbildung und habe schon vor der Ankündigung der Leistungskürzung mehrfach gehört, dass Kolleg/innen in Ausbildung sehr skeptisch bzgl. einer Niederlassung oder Anstellung als Psychotherapeut/in sind. Ich höre “vielleicht biete ich Paarberatung an”, “vielleicht doch besser in der Forschung bleiben”. Die klassische Praxis scheint mittlerweile ziemlich abschreckend zu sein bzgl. Verdienst bei Inflation und steigendem Organisationsaufwand (z.B. aufwendige Kommunikation mit ebenfalls überlasteten Jugendämtern, EPA etc).

Gerade für Kinder und Jugendliche gibt es jedoch so viel Behandlungsbedarf. Viele niedergelassene Kolleg/innen führen nicht mal mehr Wartelisten. Realistisch scheinen aktuell 1-2 Jahre Wartezeit oder keine Behandlung. Die Versorgungslücke wird sich sicherlich massiv vergrößern, wenn die Kürzungen nicht zurückgenommen werden.

5 „Gefällt mir“

Einen Kassensitz kann man nicht so einfach mit zwei Therapeuten bewirtschaften, beim Jobsharing, bei dem beide Kolleg*innen selbstständig sind, erhält man eine Honorarobergrenze von der KV besetzt, die sich nicht lohnt.

Außerdem muss ich sagen, dass ich bei der Ausbildung, dem Studium, der gesellschaftlichen und individuellen Wertigkeit, den Investitionskosten ein die 60.000 Euro netto, die Sie hier prognostizieren, nicht adäquat finde.

2 „Gefällt mir“

Sorry, aber 5.000 Euro Monatsnetto sind für nahezu jeden Job absolut adäquat, zumal Investitionen in der Rechnung bereits inbegriffen sind. Mal als Vergleich: Ein Richter verdient im Einstieg zwischen 4.000 und 5.000 Netto (je nach Bundesland) und zum Ende der Karriere vielleicht 6.000 (außer die sehr wenigen, die das Glück haben, Vorsitzende an den OLGs zu werden, aber das sind kaum welche). Klar, manche Ärzte (vor alle Radiologen, wegen der hohen Investitionskosten) verdienen auch teilweise das Doppelte Netto, aber das kann nicht der Vergleichsmaßstab sein.

Wir müssen echt mal runterkommen von der Einstellung, dass 5.000 Euro Netto wenig sei. Mit 5.000 Euro Netto gehört man zu den obersten 3%. Der Median liegt bei 1.950 Euro Netto für Alleinverdienende. (Und ja, die Zahlen sind natürlich anders, wenn man noch einen Ehepartner und 12 Kinder versorgen muss, aber das ist unabhängig vom Beruf der Fall…)

2 „Gefällt mir“

Kommt natürlich drauf an mit wem man das vergleicht. Ein Sozialpädagoge kann wahrscheinlich nur darüber lachen wenn ihm erklärt wird, dass 5000 netto hier wenig seien weil der Job ja auch belastend sei.

Der Ingenieur beim OEM der selbst bei 5000 netto liegt und das mit 35 Stunden Woche und moderater Verantwortung würde dagegen vielleicht bestätigen, dass 5k bei dem Job und der Verantwortung mit eigener Praxis eher wenig sei.

Vielleicht muss man sich davon verabschieden, dass manche Jobs wenn man dann mal reingerutscht ist eine Lizenz zum gelddrucken sind und doch wieder mehr die Relation zu den mittleren Verdiensten im Blick haben statt zum oberen Prozent.

1 „Gefällt mir“

Wieso kann der Vergleichstab nicht der Radiologe sein? Beim Netto sind die Investitionskosten doch schon rausgerechnet?