Geplante Senkung der Honorare für Psychotherapeut:innen

Der GKV-Spitzenverband tut sich mal wieder hervor mit einem herausragenden Vorschlag zur Finanzierung der Psychotherapie. Dabei geht es jedoch leider nicht um Ersatzleistungen oder eine Umschichtung der Honorare (zugunsten von Langzeit- oder Kurzzeittherapie), sondern schlicht um eine Kürzung der Honorare. Diese kann seitens der Psychotherapeut:innen nur ausgeglichen werden, wenn mehr Privatpatient:innen und weniger GKV-Patient:innen aufgenommen werden. Setzt man voraus, dass es knapp 40.000 Psychotherapeut:innen (ärztlich und psychologisch) mit Kassensitz gibt ( KBV - Arztgruppe ) und geht man von grob 30 Patient:innen pro Woche aus (was schon viel ist), dann könnte der Honorarverlust durch ca ein bis zwei Privatpatient:innen ausgeglichen werden, die Plätze für GKV-Patient:innen einnehmen. Das würde für gesetzlich versicherte Menschen einem Verlust von 40.000 Therapieplätzen gleichkommen. Herr Dieter Adler vom Deutschen Psychotherapeuten Netzwerk (DPNW) wäre für dieses Thema hier sicher ein spannender Interview-Partner.

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Die prekäre Versorgungslücke der Psychotherapie wurde hier ja vor einiger Zeit schon thematisiert. Aktuell fordern Vertreter der Krankenkassen eine pauschale Kürzung von 10% der Honorare für psychologische Psychoherapeut*innen.

Dies macht eine kassenärztliche Versorgung unattraktiv, sodass die Versorgungslage für Kassenpatienten weiter verschärft wird.

Zudem sind psychologische Psychotherapeuten die am schlechtesten bezahlte Ärztegruppe. Ein rechtswirksamer Beschluss, der eine Angleichung an ärztliche Honorare bestimmt, wird nicht umgesetzt. Ein Ausgleich der Inflationsrate findet regelmäßig auch nicht statt.

Dabei ist nachweislich Psychotherapie wirksam und spart gesellschaftliche, ökonomisch und medizinische Folgekosten. Der Anteil der Psychotherapie an den Gesamtkosten der Krankenkassen liegen im unteren einstelligen Prozentbereich. Die geplante Honorarsenkung würde also Kosten in Höhe von ca. 0,1-0,2% einsparen. Die Folgekosten für die Krankenkassen wären ungleich höher.

Ein Thema dem medial noch viel zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt wird, könnte durch Euch hoffentlich besser beachtet werden.

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Wenn man das Ganze aufnimmt bitte auch die Situation in Studium+Ausbildung mit aufnehmen: das System wurde umgestellt, aber es gab Verzögerungen - am Ende wurde das alte System eingestampft bevor es ein neues gab und Leute sind nach ihrem Master ziemlich planlos gewesen und bis jetzt gibt es noch massive Unklarheiten und Wartende aus dieser Übergangszeit die das System “verstopfen”, sodass die Ausbildung nach dem Master nicht reibungslos verläuft

Dazu kommt, dass das Studium eine Abfolge von Auschlusserfahrungen ist und immer wieder enttäuschte Leute hinterlässt mit einer Teilqualifikation mit der sie nichts anfangen können: Es gibt keinen klinischen Psychologie-Bachelor sondern nur einen Allgemeinen (in welchem dann ca. 90% der Studies gerne in einen klinischen Master wollen) und dieser Bachelor hat einen NC von 1,3 - hier wird also schon einmal nach schulischer Leistung gesiebt und nur wenige kommen rein
nach dem allgemeinen Bachelor wird sich dann auf die klinischen Master beworben, davon gibt es deutlich weniger Plätze als für die Bachelor, heißt auch hier wird wieder gesiebt (NC von ca. 1,5 und der allgemeine Bachelor alleine qualifiziert zu kaum einem existierenden Beruf in Deutschland, andere Master die in Frage kommen haben mit dem Berufsfeld des klinischen Masters kaum etwas zu tun - decken sich also fast nie mit den Wünschen der gestrandeten Bachelor)
nach dem Master kommt dann noch eine Ausbildung (siehe oben) und all das während die Leute lernen wie ungesund Stress und so weiter sein kann und dass ihr gesamtes Studium genau so ist, wie es aus ihrer Fachdisziplin nicht sein sollte

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Was ich für eine sinnvolle Diskussion vermisse: wie hoch sind denn die Honorare aktuell? (Ich habe keinen Schimmer)

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Mein letzter Stand sind bei PKV und Selbstzahlern Beträge um die 130-150€. Ganz genau hängt es dann von Einzelposten ab, die man ggf. abrechnen kann, oder auch nicht. Insbesondere bei Selbstzahlern sind die Therapeuten allerdings relativ frei in der Preisgestaltung. Einige Zeit lang lagen die GKV über der Zahlung der PKV, was dazu führte, dass -anders als in anderen Fachgebieten- die Privatpatienten relativ unattraktiv für Therapeuten mit Kassenzulassung waren. Das ist aber nach einigen Anpassungen zuletzt wieder anders, meine ich.

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Ich fände es besonders spannend, wenn dieses Thema zeitgleich mit dem Thema Stigma beleuchtet würde: Immer öfter sind Einzeltaten (i.S. von erweitertem Suizid oder akuter Psychose) von mutmaßlich psychisch erkrankten Personen ein Thema mit dem sich die Polizei und die Innenministerien befassen, aber man vermisst die Stimmen, die mehr finanzielle Mittel für die Behandlung psychisch Erkrankter fordern.

Gleichzeitig werden durch die halbseriöse Berichterstattung der Springer-Gruppe über diese Vorfälle Menschen mit psychischen Erkrankungen stigmatisiert und die gesellschaftliche Hemmschwelle für die Behandlung steigt weiter. Anstatt also - polemisch gesprochen - mehr Mittel für Betonklötze auf Weihnachtsmärkten zu bewilligen wäre es vielleicht sinnvoll psychische Erkrankungen zu entstigmatisieren und gleichzeitig das Behandlungsangebot zu vergrößern (ergo - das Honorar nicht zu verringern). Prof. Schomerus aus Leipzig befasst sich viel mit dem Thema Stigma und bringt sehr interessante Punkte ins Feld.

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Nur am Rande damit verwandt, weil es nicht die Psychotherapie betrifft, aber ein ähnliches Feld:

Die Versorgung durch eine psychosoziale Notfallversorgung läuft häufig über Ehrenamtliche (bsp.: Psychosoziale Notfallversorgung - DRK KV Dortmund e.V. )

Also während alle anderen Einsatzkräfte in diesem Kontext üblicherweise hauptberuflich tätig sind (freiwillige Feuerwehr mal ausgenommen) wird die psychosoziale Erstbetreuung nicht vergütet, sodass es ehrenamtlich gestemmt werden muss…

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Danke, dass das Thema hier bereits seinen Weg hineingefunden hat. Ich selbst bin niedergelassener Psychotherapeut in München und aktuell sehr wütend. Was mich an der Sache am meisten beschäftigt, ist nicht nur die Kürzung selbst – sondern wie sie passiert. Der GKV-Spitzenverband veröffentlicht im Juni 2025 ein Positionspapier mit nachweislich falschen Behauptungen über Prävalenz, Einkommen und Versorgungsgrad. Im Januar 2026 wird dann heimlich ein Kürzungsantrag gestellt. Wir erfahren davon nur durch ein durchgestecktes KV-Schreiben. Kein Dialog, keine Anhörung – nur ein Antrag hinter verschlossenen Türen.

Und was tun unsere Berufsverbände? Sie rufen uns zum Schweigen auf. Protest sei „kontraproduktiv", könne als „Manipulationsversuch" verstanden werden. Der bvvp spricht von „wilden Gerüchten" und „Empörungswellen". Die Bundeskammer schweigt komplett. Nur einzelne Landeskammern sprechen Klartext.

Die GKV handelt, wir werden behandelt – und unsere eigenen Verbände erklären uns, dass Gegenwehr das Problem sei, nicht die Kürzung.

Ich habe das Ganze mit allen Quellen aufgeschrieben: https://couch-und-agora.de/kuerzung-der-psychotherapie-honorare/

Wäre großartig, wenn Philip und Ulf das aufgreifen.

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