Nicht Jein, sondern Nein. Der Vorwurf, man wolle durch Sprachgeschichte lediglich ein eigenes Weltbild stützen, verkennt den Kern der Argumentation. Sprachwissenschaft und Sprachgeschichte transportieren eben kein Weltbild – sie sind neutrale Instrumente, die die gewachsenen Strukturen und die Logik eines Kommunikationssystems beschreiben. Der Verweis auf diese Grundlagen dient nicht der Ideologisierung, sondern ermöglicht erst eine wertfreie Kommunikation.
Das Gendern hingegen setzt an einem völlig anderen Punkt an: Es unterstellt einer über Jahrtausende organisch gewachsenen Sprache eine inhärente Diskriminierung. Der Versuch, dieser vermeintlichen Diskriminierung durch die Einführung künstlicher Regeln und Sonderzeichen entgegenzuwirken, ist kein natürlicher Sprachwandel, sondern ein bewusster, pädagogisch motivierter Eingriff.
Der Hinweis auf historische Belege wie ‚Studierende‘ im 19. Jahrhundert greift zu kurz. Es ist ein Unterschied, ob eine Form in spezifischen Kontexten existiert oder ob sie systematisch instrumentalisiert wird, um das generische Maskulinum zu verdrängen. Wenn sprachliche Ausnahmen zur ideologischen Norm erhoben werden, um grammatische Eindeutigkeit (wie die Unterscheidung zwischen handelnden Personen und Zugehörigkeit zu einer Gruppe) zu verwischen, ist dies ein Rückschritt in der Präzision.
Den Vergleich mit dem ‚Beamtendeutsch‘ als Barriere empfinde ich als deplatziert. Fachsprachen – ob juristisch, medizinisch oder technisch – haben den Zweck, die Ungenauigkeiten und Interpretationsspielräume der Umgangssprache zu minimieren. Im Rechtsstaat ist diese Eindeutigkeit keine Barriere, sondern die Voraussetzung für rechtssicheres Handeln und Gleichbehandlung.
Die Funktionalität von Sprache bemisst sich nicht nur daran, ob man sich ‚trotzdem noch versteht‘. Sie bemisst sich an ihrer Klarheit und ihrer Freiheit von politischer Erziehung. Wer organisch gewachsene Strukturen als ‚tönerne Füße‘ bezeichnet, ignoriert, dass ein stabiles Regelwerk die Basis für einen herrschaftsfreien Diskurs ist. Künstliche Eingriffe hingegen schaffen neue Hürden und führen zu einer Politisierung des Alltags, die der Verständigung eher schadet als nützt.