Lieber Ulf, lieber Phillip,
ganz gleich, wie man zum Thema Gendern steht, ihr sprecht immer wieder an, dass es in Deutschland keine Pflicht zum Gendern gibt. Insbesondere im Interview mit Herrn Vogt.
Auf den privaten Bereich trifft dies tatsächlich zu. Die inzwischen geplanten und bereits beschlossenen Genderverbote drehen sich aber nicht um das Gespräch zu Hause sondern um beruflichen und amtlichen Kontext. In diesem Kontext gibt es aber oft sogar die direkte Pflicht zu gendern.
Ich arbeite in einem gemeinnützigen Umweltinstitut das zu 90% aus Drittmitteln, also Aufträgen der öffentlichen Hand (Sowohl Bund, als auch Länder und Kommunen) finanziert wird. Hier herrscht inzwischen ein regelrechter Wildwuchs an Gendervorgaben. Inzwischen müssen wir bei jedem Antrag genau prüfen, welche Art von Gendern gefordert wird und unsere oft 200 Seiten langen Förderanträge nach den bestimmten Vorgaben des jeweiligen Projektträgers gendern.
Das ist besonders müßig, da sich die Vorgaben auch regelmäßig ändern. Der Genderstern ist nicht barrierefrei, der Doppelpunkt schließt nicht alle mit ein, usw. Je nach bestimmter Vorgabe gendern wir also den einen Antrag so, den anderen so.
Kürzlich erhielten wir einen Antrag mit der Bitte zurück, aus allen Gendersternen die männliche und weibliche Form zu machen (also Lehrer und Lehrerinnen), da sich die Gendervorgaben geändert hätten (die Ausschreibung wurde von der Union übernommen).
Zum einen ist es müßig, nicht eine einheitliche Form des Genderns verwenden zu können, sondern von Projektträger zu Projektträger unterschiedliche Arten zu verwenden, zum anderen wird hiermit aber auch belegt, dass es im beruflichen Kontext sehr wohl die Pflicht zu gendern gibt. In unserem Institut gibt es inzwischen eine einheitliche Regel: Alle Mitarbeitende haben in Texten mit dem Stern (*) zu gendern.
Für Menschen, deren hauptberufliche Tätigkeit das Schreiben ist, kann dies als sehr störend empfunden werden. Klar, ich muss mich auch nach der deutschen Rechtschreibung richten und darf nicht einfach Satzzeichen verwenden, wie ich sie möchte. Nichtsdestotrotz: Das Gendern wird von vielen Menschen als politisch und emotional aufgeladen empfunden. Es wäre glaube ich im Sinne aller Menschen, wenn gendern weder vorgeschrieben, noch verboten wird. Sowohl im beruflichen, wie auch privaten Kontext. Denn genauso, wie das Verbot in Bayern unsinnig ist, so ist auch die Vorgabe, wie ich zu gendern habe, um öffentliche Förderung zu bekommen unsinnig, insbesondere, wenn ich Förderung im Naturschutz beantrage, also ein Thema, was nicht wirklich mit gendern zusammenhängt.
Auch wenn ihr in eurem Alltag nicht zum gendern gezwungen werdet, ich werde es jeden Tag. Ich gendere sogar in meiner Freizeit, denn ich hab damit wirklich kein Problem. Einige meiner Kolleg*innen aber schon. Und die finden dann das Verbot in Bayern wiederum ne richtige Sache. So schafft man Fronten, wo keine sein müssten.
Liebe Grüße