Franz-Stefan Gady: "Überfall. Wenn der Krieg zu uns kommt"

Der Militäranalyst Franz-Stefan Gady hat zu seinem neuen Buch „Überfall. Wenn der Krieg zu uns kommt“ Interviews gegeben, siehe z. B. Russland-Nato-Konflikt: Experte warnt vor Angriff auf das Baltikum .
Er beschreibt ein Szenario, in dem Russland das Baltikum angreift und dazu auch von der Front entfernte Länder wie Deutschland mit Drohnen, Raketen usw. angreift, um Unterstützung durch die NATO zu erschweren.
Interessante und oft beunruhigende Aspekte sind dabei u. a.:

  1. Die Verkehrsinfrastruktur der Nato-Drehscheiben Deutschland, Slowenien, Tschechien, Österreich kann womöglich mit einigen 100 Marschflugkörper und ballistische Raketen sowie ein paar 1000 Drohnen und Saboteure vor Ort ausgeschaltet werden. Deutschland unterschätzt, wie verwundbar es militärisch und gesellschaftlich ist und hat große Defizite bei Luftverteidigung und Drohnenabwehr.
  2. Der gefährlichste Zeitraum wären die ersten 2 bis 4 Jahre nach einem Waffenstillstand in der Ukraine, also möglicherweise recht bald. Russland hätte dann die stärksten Streitkräfte an der NATO-Ostflanke, sowohl was Erfahrung, als auch, was Quantität angeht. Und zumindest solange Trump noch an der Macht ist, ist die Abschreckung der NATO geschwächt.
  3. Kriege können nicht nur aus Positionen der Stärke begonnen werden, sondern auch aus Positionen der Schwäche im nichtmilitärischen Bereich, z. B. wenn in einem Staat wie Russland nur noch Militär und Rüstung gut funktionen. Das entspricht dem Hammer-Nagel-Problem: Wenn ein Hammer das einzige Werkzeug ist, das man hat, sieht bald jedes Problem aus wie ein Nagel.
  4. Militärische Stärke ist nötig, um mit Russland auf Augenhöhe sprechen zu können, als „Eintrittskarte“ für Gespräche, die dann zu diplomatischen Erfolgen führen können.

Mich würde eine Einschätzung interessieren, wie realistisch das gesehen wird, und was gute Politik im Angesicht dieser Gefahr sein könnte.

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Siehe/Höre auch hier:

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Problematisch ist wohl, wenn man einen Konflikt aus einer eigenen sehr friedliebenden und beschwichtigenden Sicht beurteilt, die „Gegenseite“ das aber als Schwäche betrachtet und sich dann grade zu Gewalt motiviert fühlt.

Mag kulturell oder historisch bedingt sein.

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Aktuell wirkt aber auch Russland selbst schwach

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Fühlt sich aber stark.

Offenbar, da es ja weiter auf Krieg setzt.

Oder wechselt zur Verzweiflung fatalistischer Art.

Wir können nur vermuten

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Ja. Krieg wegen (gefühlter) Überlegenheit des Agressors ist eine Möglichkeit, die ich für plausibel halte. Hier kommt der Aspekt dazu, dass es reichen kann, dass die militärisch-agressive Option dem Agressor als die bessere Option erscheint gegenüber friedlicheren Optionen, in denen er sich schwach sieht.

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Ich war vor 2-4 Jahren wesentlich besorgter wegen eines Angriffs auf Europa.

Wäre die Ukraine innerhalb von Tagen gefallen, wären asymmetrische Eskalationen in den darauffolgenden Jahren mMn sehr wahrscheinlich gewesen.

Wäre die Ukraine zusammengebrochen, wenige Monate nach Russlands Teilmobilmachung und Umstellung auf Kriegswirtschaft, hätte ich die Gefahr gesehen, dass man schnell das Momentum ausnutzen will.

Aber jetzt? Selbst ohne die USA sähe es für Russland ziemlich düster aus. Selbst ohne relevante Luftwaffe (~120 Flugzeuge, größtenteils veraltet) kann die Ukraine den Vormarsch aufhalten und z.T. zurückdrehen. Wie sähe ein Krieg aus gegen Länder mit einer echten Luftwaffe? (Alleine Deutschland und Frankreich und Polen hätten zusammen die dreifache Menge an State-Of-The-Art Jets.)

Bleibt also nur ein irrationales Risiko.

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Was für Putin (und andere Autokraten/Diktatoren) eine Rolle zu spielen scheint, ist die „Wahrnehmung“ von Demokratien.

2022 ist Putin wohl davon ausgegangen, das der Westen so abhängig und verweichlicht ist, das wir allein bei der Androhung, uns den Gashahn zuzudrehen, wir uns eingeschüchtert aus dem Angriff auf die Ukraine raushalten. Selbst die Ukraine wurde von Putin als dekadent und eher wenig widerstandsfähig wahrgenommen.
Was sich als Irrtum herausstellte.

Trotzdem scheint Putin der Meinung, das bei einer Demokratie nur wenig Druck und Chaos ausreicht, um dortige Regierungen zusammenbrechen zu lassen.
Ähnliches unterstellt der Iran wohl den USA.

Also das man als Autokratie den längeren Atem hätte.

Was sich aber als Trugschluss erweisen könnte.

Entscheidend ist wohl, wie glaubhaft können wir machen, das wir unsere Art zu leben so sehr schätzen, das wir sie verteidigen wollen?
Die Zahl der Panzer ist da nachrangig, wenn wir niemanden finden der die bedient.

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Wenn uns die Ukraine eines gelehrt hat: Putin wiegt den Gegner in Sicherheit, um ihn dann zu überraschen. Ist ja auch viel sinnvoller als Aufrüstung zu provozieren und dann anzugreifen.
Solange er bellt, beißt er nicht.
Kritisch wird es, wenn er wieder versöhnliche Töne anstimmt.

Diese Diskussion findet hier seit einigen Jahren gefühlt immer wieder statt (etwa hier: Kann Russland die NATO in wenigen Jahren wirklich angreifen – oder wird die Bedrohung überschätzt? - #3 von Flixbus) Ich glaube es kommt sehr darauf an, was man sich unter einem militärischen Angriff vorstellt. Wenn man damit das erfolgreiche Erobern einen gesamten Landes versteht, ist es sicher sehr unwahrscheinlich. Aber genau das ist ja bei den Szenarien von Gady, Masala etc. gerade nicht gemeint. Sie beschreiben vielmehr ein Vorgehen Russlands, das relativ geschickt Stärke demonstriert und gut gewählte Nadelstiche setzt (etwa durch hybride Kriegsführung, aber auch durch Drohnenangriffe auf kritische Infrastruktur), um eine wirksame Abschreckung oder ausreichende Unterstützung für enen gezielten militärischen Angriff - etwa auf den Osten Estlands oder die sogenannte Suwalki-Lücke - faktisch zu unterbinden. Es geht also vielmehr darum, gezielte kleinere Angriffe als Hebel zu benutzen um den eigenen politischen Handlungsspielraum zu vergrößern und den von NATO- bzw. EU-Staaten zu verringern, als um eine full scale militärische Eroberung oder Konfrontation.

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Russland kann keinen kleinen gezielte Nadelstiche mit Drohnen gegen kritische Infrastruktur führen und die Suwalki-Lücke oder den Osten Estlands besetzen, ohne einen Krieg mit ganz Europa zu beginnen. Der Lack ist ab, das lässt Europa Russland nicht aus Angst vor dessen Unbesiegbarkeit durchgehen. (Das wäre was anderes gewesen, wenn der Krieg gegen die Ukraine anders gelaufen wäre.)

Das heißt nicht, dass wir darauf verzichten sollten unsere Streitkräfte zu modernisierung und endlich wieder Verteidigungsfähig zu machen, aber man muss sich nicht alle Freiheitseinschränkungen aus Angst vor dem Russen gefallen lassen (andere Themen…).

Dass und wie das sehr wohl möglich wäre, beschreiben ja u. a. Gady und Masala in ihren Büchern. Und entsprechende Planspiele gehen auch regelmäßig nicht besonders gut für „unsere“ Seite aus. Es lohnt sich m. E. schon, das mal im Detail zur Kenntnis zu nehmen und nicht einfach nur apodiktisch zu behaupten, dass es ja gar nicht sein kann.

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Ich bezweifle ja nicht, dass es Russland theoretisch möglich wäre, die NATO angreifen. Ich glaube nicht daran, dass das ohne militärische Konsequenzen bleiben würde.

Ja, bei dem Kriegsspiel hat sich „Blau=Deutschland“ dazu entschlossen, nichts zu tun. Und Polen handelt auch nicht? Estland ergibt sich sofort? Die anderen baltischen Staaten zucken nur mit den Schultern? Die USA verhängen nicht einmal Sanktionen?

Das ist so ein auf-den-rücken-rollen-und-tot-stellen-Szenario das ich, ohne AfD-Regierung, für nicht mehr glaubwürdig halte.

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Das ist eine sehr gewagte und auch optimistische Behauptung. Wenn Russland in einem Narwa-Szenario mit Soldaten ohne Hoheitsabzeichen eine estnische Stadt besetzt „weil da ja eh fast nur Russen wohnen“, dann gibt es praktisch 2 Optionen.

  1. Die NATO beantwortet diese Agression resolut und mit absoluter Härte. Dann muss praktisch jeder Russe auf NATO Territorium weggesprengt werden, damit Putin merkt, dass wir es Ernst meinen mit der kollektiven Selbstverteidigung. Putin kann dann entweder eskalieren zu einem großen Krieg, den er nach einhelliger Expertenmeinung tatsächlich nicht gewinnen kann, oder sich zurückziehen, darauf verweisen, dass das ja gar keine russischen Soldaten waren, sondern lokale Freiheitskämpfer und business as usal weiter leben. Allerdings würden selbst bei einem schnellen Sieg der NATO mit annähernder Sicherheit Deutsche, Spanier, Amerikaner oder Griechen für Narwa sterben.

  2. Damit kommen wir zu Option 2: Viele Staaten werden sich fragen „Warum für Narwa sterben?“[1] Die Verpflichtung nach Artikel 5 beinhaltet ja keinesfalls die zwingende Entsendung von Truppen. Die Unterstützung kann auch finanziell oder mit Waffenlieferungen erledigt werden. Ich halte es aktuell für völlig unglaubwürdig, dass der Deutsche Bundestag einer Entsendung von Truppen zustimmen würde. Auch die ernsthafte Unterstützung der USA steht aktuell in Zweifel. Das selbe gilt für Spanier, Griechen, Kanadier etc. Polen, Finnland und die anderen Baltischen Nachbarn haben zwar ein deutlich stärkeres Bewusstsein für die Russische Gefahr, müssten in einem solchen Szenario allerdings um die Sicherheit ihrer eigenen Grenzen fürchten. Sollte in diesem Fall eine Russische Agression nicht zurückgeschlagen werden, wäre das ganze NATO Beistandsversprechen wertlos.

Unter dem Strich könnte Putin also mit überschaubarem Risiko (die NATO wird niemals in Russland einmaschieren, wenn Russland sich zurück zieht) relativ viel gewinnen. Die Frage ist, wie hoch Russland seine eigenen Chancen einschätzt. Wenn ich weiß, dass ich im Lotto nur eine 1 % Chance auf einen Gewinn habe, dann las ich es lieber. Wenn ich glaube, dass ich eine 20 % Chance habe, dann spiele ich vielleicht trotzdem, weil der Einsatz einfach nicht so hoch ist. Und für Putin wäre der Kollaps der NATO garantiert ein Lottogewinn.


  1. ↩︎

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Das du persönlich das nicht für glaubwürdig hälst, ist eine legitime Meinung. Ich finde nicht, dass diese subjektive Einschätzung gegenteilige detaillierte Szenarien und begründete Analysen von Fachleuten entkräftet. Let’s agree to disagree.

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Wir schaffen es ja nicht mal die Wehrpflicht wieder in Gang zu setzen. Wir brauchen kein Szenario, um zu überlegen, was wir machen. Wir haben uns bereits entschieden nichts zu tun.

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Völlig OT, aber die Chance für einen vierstelligen Lottogewinn beträgt 0,01 %, trotzdem spielen jede Woche Millionen - naja, zumindest die gemeinnützigen Projekte, die dadurch finanziert werden, können sich freuen :slight_smile:

In diesem Kontext möchte ich auf eine Interview des Militärökonom Markus Keupp mit dem BR hinweisen:

Besonders relevant die Fragen:

  1. Wie wichtig sind Zahlenverhältnisse? (1:20)
    Antwort: Es ist nicht so wichtig wie viele Panzer und Soldaten habe ich am Anfang, sondern in wie weit bin ich in der Lage Verluste zu Ersetzen? Kann ich mehr Soldaten rekrutieren und mehr Drohnen produzieren als der Gegner?

  2. Wie verhindert man Kriege? (24:30)
    Antwort: Durch Entschlossenheit. Der Gegner muss wissen, dass er absolut eins auf die Schnauze bekommt, wenn er einen Angriff startet. Und dafür braucht es diese Entschlossenheit sowohl in der Regierung, als auch in der Bevölkerung.

Bei beiden Punkten bin ich zumindest skeptisch was unsere Position angeht. Bei der Produktion von Material legen wir zwar zu, aber in Russland herscht Kriegswirtschaft, die sind uns da ein paar Jahre voraus.
Bei den Soldaten sind die Reserven überschaubar. Insgesamt können wir verdammt froh sein, dass insbesondere die Polen, Finnen und Balten als Grenzstaaten da eine andere Einstellung haben und durchaus bereit scheinen sich auch zu verteidigen. Die Osteuropäer übernehmen die Abschreckung aktuell praktisch im Alleingang.

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Hörempfehlung

#339 Bedrohungen für die europäische Sicherheit | mdr.de

In dieser Folge von „Was tun, Herr General?“ hören Sie eine Diskussion von der Jahreskonferenz des Wissenschaftlichen Forums für Internationale Sicherheit.

Im Zentrum stand die Frage, vor welchen Bedrohungen wir derzeit in Deutschland und Europa stehen. Wie ist mit Russland umzugehen? Wie sind die Europäer auf künftige mögliche Konflikte vorbereitet? Bühler sagt, die aktuelle Lage sei viel schwieriger und komplizierter als im Kalten Krieg.

Hier kamen auch viele Stimmen zu Wort, die das Bedrohungsszenario Russland infrage stellten.

mit wie vielen Abfangraketen? Luftabwehr ist mau.

Ihre Ausführung ist ziemlich optimistisch. NATO Pläne und Strukturen sind durchaus etabliert, als Verteidigungsbündnis also grundsätzlich verfügbar, vom obersten Befehlshaber bis zur Kampfkompanie.

Wie sieht es da um die EU aus? Wo ist das Äquivalent vom SACEUR in der EU-Verteidigungsstruktur? Wo sitzt das EU-Verteidigungskommando? Welche Truppen welcher Nation stellen welche Fähigkeiten?

Für mich stellt sich das so dar: NATO würde funktionieren, wenn die USA mitmacht. EU-Verteidigung (1999 als ESVP jetzt GSVP und 2009 im Lissabon Vertrag aufgenommen) würde funktionieren, wenn es eine Struktur gäbe, die funktioniert und nicht in den Kinderschuhen steckt.

Siehe

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