ich war kürzlich in der Situation, einen neuen Job zu suchen. Ich bin Ingenieur mit Masterabschluss, habe über acht Jahre Berufserfahrung im In- und Ausland, einen guten Abschluss und durchweg eine gute Qualifikation. Bisher habe ich bei einem großen deutschen Automobilhersteller im Südwesten Deutschlands gearbeitet.
Aus meiner persönlichen Erfahrung kann ich keinen Fachkräftemangel erkennen. Ich habe bei vielen Stellen die Rückmeldung erhalten, dass über 250 Bewerbungen auf eine Position eingegangen sind. Ich kann mich glücklich schätzen, nach einem halben Jahr Suche und über 90 Bewerbungen einen guten Job gefunden zu haben.
Ja, es gibt viele offene Stellen – insbesondere bei Dienstleistern (Arbeitnehmerüberlassung). Aber wenn man eine Festanstellung mit vertretbarem Gehalt und guten Arbeitsbedingungen sucht, dann ist es wirklich schwer, etwas zu finden.
Das Problem liegt meiner Meinung nach eher darin, dass es viele Jobs gibt, die niemand machen will: Die Bedingungen sind schlecht (z.B.: Überstunden werden nicht bezahlt oder gedeckelt), es gibt nur befristete Verträge oder die Firma sitzt mitten im Nirgendwo und erwartet, dass Arbeitnehmer täglich 100 km Anfahrt in Kauf nehmen. Wenn ein Arbeitgeber (zumindest im Ingenieursbereich), flexibel ist und die Stellen attraktiv sind wird er von Bewerbern überrannt grade jetzt wo es überall Abfindungsangebote gibt.
Das kann ich aus dem IT-Feld auch bestätigen. Wir haben kürzlich unser Team (Data&AI) runderneuern müssen und haben viel eingestellt.
Auf 3 ausgeschriebene Stellen (letztlich haben wir 11 Personen basierend darauf eingestellt) haben wir 500 Bewerbungen bekommen. 350 waren sicher unbrauchbar, aber in dem Rest waren so gute Persönlichkeiten zu finden, die haben wir die letzten zehn Jahre gar nicht gesehen. Und sie verlangten mit 5-10 Jahren Berufserfahrung bei bekannten Start-ups oder mittelständischen bis großen Unternehmen so viel Lohn wie die meisten Berufsanfänger von der Uni 2 Jahre zuvor.
Nach der Einstellung darauf angesprochen wie sie die Bewerbungsphase erlebten, sprachen die meisten davon 20-50 Bewerbungen pro Einladung geschrieben zu haben. Vor 4 Jahren habe ich dagegen 2 Bewerbungen pro Einladung geschrieben und nur in einer Ausnahme den Job nicht angeboten bekommen.
Will sagen, auch im IT Bereich kann man nur noch in Nischen von Fachkräftemangel reden.
Allgemein geben die Zahlen diese Prämisse nicht wirklich her. Bei 2,8 Millionen gemeldeten Arbeitslosen und nur 650 Tausend gemeldeten offenen Stellen, finde ich es schwierig, so komplett unkritisch das Arbeitgeberframing vom grassierenden Arbeitskräftemangel zu übernehmen. Vielleicht mag das mit dem fortschreitenden demografischen Wandel irgendwann so kommen, aber aktuell geht der Trend eindeutig in die andere Richtung, weniger offene Stellen und steigende Arbeitslosigkeit.
Auch wenn ich ebenfalls Zweifel an diesem Framing habe, ist die von Dir genannte Gegenüberstellung nicht geeignet, das zu untermauern.
Die gemeldeten Arbeitslosen beinhaltet eine erschreckend hohe Zahl von nicht Vermittelbaren (krank, oft psychisch; Alleinerziehende oder familiäre Altenpflege, …).
Außerdem müsste man die Qualifikation der gemeldeten Arbeitslosen mit den Qualifikationsanforderungen der offenen Stellen mappen. Gerade bei Strukturumbrüchen gehen oft hohe Arbeitslosigkeit und hohe Anzahl offener Stellen miteinander einher.
Das stimmt schon, die Zahlen muss man mit Vorsicht genießen. Auf der anderen Seite muss erwähnt werden, dass unfreiwillig Unterbeschäftigte und zahlreiche andere Gruppen aus der Statistik herausgerechnet werden. Dass es immer einen gewissen Mismatch gibt, ist auch klar, aber eine riesige Zahl an offenen Stellen sehen wir ja gerade nicht.
Aufgrund der berechtigten Skepsis beim Vergleich der absoluten Zahlen, würde ich mich wie angesprochen eher auf die relative Entwicklung der letzten Jahre stützen. Die ist ziemlich eindeutig und bietet wenig Raum für Interpretation. Die Zahl der offenen Stellen sinkt, während die Zahl der Arbeitslosen steigt.
Die Zahlen bereitet Maurice Höfgen auch immer mal wieder im Wirtschaftsbreefing auf. Klar, irgendwann sollte der Boomer Effekt kommen, aber die sollen ja jetzt auch zu mehr Arbeit angeregt werden. Scheint das Pferd zu sein, auf das man setzt, anstatt ehrlicherweise Rentenalter anzuheben oder Menschen aus dem Ausland besser zu integrieren und anzuwerben. Leistungs-Debatte bei Miosga: Linnemann: Die Rentner arbeiten zu wenig - n-tv.de
Der Ausschnitt ist von vor 2 Jahren, aber ähnlich aktuell. 4 Mio Vollzeitäquivalent suchen Jobs, auf 1,8 Mio offene Stellen (weiter gesunken). https://www.youtube.com/live/8FIBFTLLFCU?feature=shared&t=4985
Und ein neueres Darum ist der Arbeitskräftemangel ein Mythos!
3,6 Mio Arbeitslos, 700 000 in Teilzeit, 180 000 in Kurzarbeit + Menschen, die auf Arbeitserlaubnis von der Ausländerbehörde warten + Menschen, die wegen fehlendem Kitaplatz, Ganztagsschulen, Pflege etc nicht arbeiten können
Dagegen 1,3 Mio offene Stellen.
Das muss man aber einordnern. Höfgen ist Vertreter einer öknomischen Minderheitenströmung, die davon ausgeht, dass man eine Vollbeschäftigung in dem Sinne erreichen kann, das wirklich jeder der arbeiten will, auch entsprechende Arbeit erhält.
Tatsächlich zeigen die Zahlen das Gegenteil: Obwohl es soviele nicht-arbeitende Menschen in Deutschland gibt, werden die offenen Stellen nicht besetzt. Das heißt eben nicht, dass der Arbeitskräftemangel ein Mythos ist, sondern, dass das Angebot an nicht-arbeitenden Menschen den bestehenden Mangel nicht decken kann. Das kann ganz viele Gründe haben: meistens ist die Mobilität das Problem. Wenige Menschen sind bereit aus Bayern nach Mecklenburg zu ziehen, nur weil es dort einen für sie passenden Job gäbe. Dann sind eben viele nicht vermittelbar, haben andere Qualifikationen oder auch schlicht keine Lust.
Der Mangelbegriff meint also: Das Angebot an Menschen kann den Bedarf an Arbeitsplätzen nicht decken. Arbeitslräftemangel ist demnach nicht erst, wenn es mehr freie Stellen als Arbeitslose gibt, sondern dann, wenn freie Stellen länger als im Schnitt nicht besetzt werden können. Wenn man von diesem Mangelbegriff ausgeht, gibt es aktuelle einen akuten Mangel in Deutschland, der noch schlimmer werden kann. Insbesondere in technischen Berufen ohne akademischen Abschluss und Handwerk. Das sind leider Schlüsselpositionen einer funktionierenden Wirtschaft einer Industrienation.
Darauf aufbauend gibt es aber auch einen Jobmangel. Offensichtlich kann die Wirtschaft 3,6 Millionen Arbeitswilligen nichts passendes anbieten.
Warum wird darüber eigentlich nie gesprochen?
Es gibt Fachkräftemangel aber nicht (mehr) im akademischen Bereich. Im MINT Bereich ist man gerade sehr defensiv mit Neueinstellungen gerade bei Menschen mit wenig Berufserfahrung. Wir haben in den letzten vier Monaten so viel Bewerbungen bekommen wie insgesamt letztes Jahr.
Wo wir wirklich Fachkräftemangel haben ist der ganze öffentliche Sektor, der Pflegebereich und sämtliche Ausbildungsberufe. Das sind aber auch Jobs die extrem unattraktiv sind. Wenn man aber einen Bericht über den sogenannten Fachkräftemangel macht, ist halt weniger sexy von klassischen Ausbildendungsberufen zu berichten. Auch weil die meisten Journalisten eben nicht in dieser Bubble zu Hause sind.
Eine Drohkulisse, um das Buergergeld zu verschaerfen?
Re Gehalt oben:
Die Lebenshaltungskosten sind gestiegen. Wer neu in andere Stadt zieht, muss idR hoehere Mieten zahlen, als jemand der schon lange da ist.
Man koennte auch 100% remote anbieten, aber aus irgendeinem Grund weigern sich Firmen.
Dann muss man eben mit dem leben, was man vor Ort findet. Ode rman nimmt die, die sich unter Marktwert verkaufen und riskiert ggf , dass sie schnell wieder wechseln, um dann ein besseres Gehalt zu verhandeln.
Zum Thema Einstellung von Leuten mit wenig Beruferfahrung. Ich habe den Eindruck, dass Erfahrung im wissenschaftlichen Bereich nicht anerkannt wird durch Firmen in Deuschland. Grosskonzerne in Daenemark sind hier viel flexibler.
Hochqualifizierte Arbeitnehmer sind oefter flexibel, wenn es darum geht, ins Ausland zu gehen.
Und zum Fachkraeftemangel in schlecht bezahlten Jobs: Das ist ja auch kein Wunder. Wer nur halbwegs das deutsche System versteht, der laesst die Finger von schlecht bezahlten Jobs. Es droht Altersarmut, Ueberbelastung, Krankheit. Wenn die Rente mit 70 kommt, die LdN ja durchaus fuer gut befunden hat, kann man sich fragen, ob jemand mit 70 Jahren noch Menschen pflegen kann. Ich denke, niemand haelt es solange in solchen Jobs aus.
Grundsaetzlich ist es fuer mich paradox: Wie kann man arbeiten, muss aufstocken? Damit subventioniert man reiche Menschen. Im Alter reicht es dann nicht fuer die Rente, Altersarmut droht. Doppelte Belastung des Staates, weil Grundrente bezahlt werden muss.
Am besten sucht man sich seine Nische und ist dort erfolgreich
Vor allem schreckt es Arbeitgeber ab. Ich habe die Beamtenprüfung gemacht und fand es dann unfair, ein Jahr in einen Beruf zu gehen, in dem ich erst mal ein halbes Jahr brauche, um adäquate Leistung geben zu können. Also bin ich zur Zeitarbeitsfirma gegangen und hab ihnen gesagt: mache gegen meine Einstufung (gelernte Hilfskraft) was da ist. War dann ein Jahr im Reifenlager im Versand. Das mit dem Beamten war dann doch nicht das, was ich mir vorgestellt habe. Aber ein Personaler fragt sich jetzt, warum der nichts anständiges machte. Dass es für das Jahr OK und Dank gewisser Steuervorteile in der Zeitarbeit netto nicht schlechter bezahlt wird nicht honoriert.
Ein Jahr Sabatical auf ALG1 (Welt entdecken) hätte sich vermutlich besser gemacht.
Vielleicht rückt sich hier auch endlich mal wieder etwas gerade. Ich finde wir hatten eine völlig absurde Überakademisierung des Arbeitsmarktes. Es wäre absolut richtig wenn Löhne für Akademiker sinken zu Gunsten von Ausbildungsberufen (mit Weiterbildung). Diese wurde sowieso nicht gut genug behandelt obwohl dort oft wesentlich mehr praktischen Fachwissen liegt als bei Uniabsolventen.
Während bei den großen Firmen mittlerweile teils kaum mehr eingestellt wird und sich die Bewerbungen stapeln leiden viele kleinere Firmen, z.B. im Sondermaschinenbau noch immer darunter, dass auf offene Stellen kaum Bewerbungen kommen. Und das auch bei Firmen die gut zahlen und auch sonst recht vorbildliche Arbeitgeber sind.
Ich finde aber schon, dass Fachkräftemangel auch in Berufen wie Erzieher, Alten- und Krankenpfleger regelmäßig Thema in dem Medien ist.
Danke - ich hab nach 8 Jahren jetzt mal nen annehmbaren Job im öD. Allerdings verdiene Ich trotzdem 10k weniger als ich mir das in meine. Zwanzigern vorgestellt habe. Davor schlimmstens bezahlte teilzeitjobs (oft mehrere gleichzeitig) im gemeinnützigen Sektor. frag ich mich schon so lange - Von welchem Fachkräftemangel reden die Leute eigentlich?
Der Mangel scheint nicht groß genug zu sein um Frauen um die 30 anzustellen, die einen durchschnittlichen Abschluss in Wirtschaftswissenschaften vorzuweisen haben.
Also von daher juckt mich das Gejammer gar nicht. Dennoch würde ich gern mal wissen worum um Himmels wissen es eigentlich geht.
Hallo Tris,
ich kann nicht nachvollziehen, wie man zu so einer Einstellung kommt. Ggf ist zu wenig Wissen ueber Akademiker bekannt?
Ein Studium dauert 5-6 Jahre. Weitere Ausbildungen 6-9 Jahre. In diesen Zeiten verdient man entweder nichts oder arbeitet 100% fuer 50% Vertrag oder gar auf Stipendium (d.h. keine Sozialbeitraege etc).
Kommt das in Ausbildungsberufen auch so vor? Umsonst arbeiten? Überstunden nicht bezahlt? Rechnet man bei Akademikern tatsächliche Arbeitszeit vs Gehalt, fällt man schnell unter den Mindestlohn.
Ggf nach 12 Jahren Spezialisierung in der deutschen Wissenschafts ereilt einem das Berufsverbot, wenn man nicht entfristet wird.
Genau diese Risken lassen sich Akademiker dann am Ende bezahlen.
Sie bekommen während der Ausbildung schon Geld etc.
" Es wäre absolut richtig wenn Löhne für Akademiker sinken zu Gunsten von Ausbildungsberufen (mit Weiterbildung)."
Warum?
Es regelt der Markt. Verlangen Sie einfach mehr fuer Ihre Arbeit. Sie werden dann sehen, ob Sie erfolgreich sind.
Zur Not kommen eben heute Bauarbeiter aus Polen. Sie sind günstiger als die lokalen Handwerker. Gesehen in Schweden. Polnische Arbeiter kommen regelmaessig nach Schweden, arbeiten dort pro Tag 12h, auch am Wochenende. Dann reisen sie wieder fuer 2 Wochen nach Hause. der Vorarbeiter ist ein Schwede.
Dazu wäre wissenswert, ob du vom akademischen Betrieb redest oder von ernsthaften Stellen in der Industrie. Im akademischen Betrieb (sprich: Forschung) wirst du generell ausgebeutet; aber wenn du nach dem Studium irgendwo in der Wirtschaft angestellt wirst, steigst du in der Regel über dem deutschen Medianeinkommen ein und nach 3 Jahren bist du gehaltstechnisch normalerweise schon in den Top 30% der Einkommen.
Da kommst du mit Ausbildung ohne Meisterbrief in der Regel nicht hin, nicht mal bei großen Unternehmen in der Automobilbranche.
Das ist generell natürlich sehr verallgemeinert, weil es Branchen gibt (und Arbeitgeber), wo das so nicht zutrifft, aber in der Regel passt das schon.
Man könnte natürlich noch fragen, ob man nicht im unteren Drittel, die Löhne extrem anheben müsste um das anzugleichen, weil das Lohngefüge in Deutschland eher unangemessen niedrig ist.
Wir reden bier doch nicht vom wissenschaftlichen Betrieb, sondern von Ingenieuren, BWLern usw. die in die freie Wirtschaft gehen. Die arbeiten absolut nicht für 15 Jahre umsonst. Wo soll das denn stattfinden bitte? Und ein Studium muss nicht 6 Jahre dauern, Bachelor gibt es nach 3. Die Frage ist auch, ob der Abschluss eines Studiums im Standard zu höherem Lohn führen muss? Das denke ich absolut nicht. Ich behaupte sogar, jemand mit Ausbildung und Wirtschaftsfachwirt neben der Arbeit ist extrem viel mehr Wert als jemand mit universitärem Bachelor, weil keine Erfahrung.
Gerade scheint es der Markt zu regeln und die Richtung ist richtig. Wir müssen zwingend davon wegkommen, dass studieren der Standard ist und automatisch einen überhöhten Lohn generiert.
Ich habe vergessen, hier zu antworten. Entschuldigung.
Vergiss nicht, die Kunden, die wenig verdienen, leisten sich bestimmt keine teuren Handwerker. Dort gibt es auch aus innerhalb der EU Konkurrenz.
Aber ja, auch Dir steht es frei, deinen Lohn zu verhandeln. Einfach probieren, wie weit Du damit kommst. Aber ich verstehe nicht,warum man neidisch auf andere Berufsgruppen ist.
In Deutschland ist die Schule kostenlos, es gibt BAFOEG. Technisch gesehen, koennen auch Arbeiterkinder studieren, obwohl es natuerlich fuer sie schwieriger ist.
Du kannst jederzeit ein Uni- oder FH-Studium anfangen, um deine Chancen zu verbessern.
Wenn der Markt schlecht ist in Deutschland, schaut man einfach bei anderen EU-Ländern.
Erlaube mir bitte die Frage, wieviele von denen ueberstehen das 50.te Lebensjahr im Job bei der Firma? BOSCH restrukturierte und konnte Akademiker entlassen, welche dann ziemlich struggelten, einen Job zu finden.
Ja gut, 3 Jahre Bachelor. Du musst Firmen finden, die das akzeptieren, und nicht doch lieber einen Master oder Phd wollen. In der Chemie ist der PhD geradezu Pflicht. Das sind dann mind 5 Jahre Studium und eher im Schnitt 5 Jahre Phd. 10 Jahre wenig Einkommen.
Keine Erfahrung - das ist leider ein altes Argument. In manchen Studienfächern hat man Praktika und dann arbeiten viele als Werkstudenten.
Ich finde deine Einstellung gegenübern Akademikern etwas negativ.
Ich werde keine Berufsgruppen gegeneinander auspielen.
In Deutschland wird viel Wert auf Zeugnisse gelegt. Das ist in anderen Laendern nicht so, da kann on the job Erfahrung ohne Zeugnis wertgeschätzt werden.
Wenn Du nach besseren Chancen als Handwerker suchst, schau dich im UK zB um.