Liebes Lage Team,
seit vielen Jahren höre ich begeistert die Lage der Nation. Besonders schätze ich die gute und neutrale Berichterstattung und die Diskussionen, die auch im Nachgang noch aus den Themen entstehen. Mit Interesse habe ich den Bericht zur Endometriose verfolgt und möchte mich grundsätzlich den Hörern aus dem Chat anschießen und mich dafür bedanken, einem sehr wichtigen Thema der Frauengesundheit hier Raum zu geben. Die Kommentare, die ich bislang gelesen habe, fand ich ebenfalls sehr spannend, sie haben viele interessante Aspekte beleuchtet. Mit der Berichterstattung selbst bin ich hier jedoch nicht ganz einverstanden und möchte einmal ein bisschen Input von der anderen Seite geben.
Ich selbst bin Fachärztin für Frauenheilkunde und Geburtshilfe und arbeite als Oberärztin in einer großen Klinik. Ich habe für fast eineinhalb Jahre in einer großen Frauenarztpraxis als angestellte Ärztin gearbeitet und kann daher die Situation von beiden Seiten (Klinik und Niederlassung) beurteilen. Die Endometriose ist in unserem Fachgebiet das „Chamäleon“ unter den gynäkologischen Erkrankungen. Wie es im Bericht bereits angeklungen ist, ist die Diagnosestellung nicht immer einfach und die letztendliche SICHERUNG wird zur Zeit rein histologisch gestellt; dies erfordert dann die Gewinnung einer histologischen Probe, in der Regel im Rahmen einer Operation. Der Speicheltest ist ein Deutschland zwar als Selbstzahlerleistung möglich, die Bedeutung und Interprätierbarkeit ist aber wissenschaftlich noch nicht ausreichend geklärt, daher gibt es hier noch keine abschließende Empfehlung und auch keine Kostenübernahme. Wie Frau Prof. Mechsner ja bereits berichtet hat, ist man mit der operativen Therapie eher zurückhaltender geworden (Stichwort: viele niedergelassene Kollegen versuchen erst einmal die konservative Behandlung, bevor sie in die Klinik schicken), weil häufig ein Ultraschall und die gründlich erhobene Anamnese die Diagnose so wahrscheinlich machen, dass die Operation unter Umständen nicht notwendig ist; an Bedeutung gewinnt dann die konservative Therapie, die optimalerweise multimodal erfolgen sollte, also aus verschiedenen Ansätzen heraus (hormonelle Therapie, Schmerztherapie, supportive Therapie wie Entspannungsübungen, etc.).
Anders als im Forum angenommen, gibt es eine ganz aktuelle S2K-Leitlinie (erschienen 2025) zur Diagnostik und Therapie der Endometriose https://register.awmf.org/de/leitlinien/detail/015-045. Hier wird die Diagnostik und Therapie genau beleuchtet. Grundsätzlich sind wir Ärzte angehalten, nach Leitlinien zu arbeiten bzw. gut zu begründen, wenn wir hiervon abweichen. In der Leitlinie wird die ausführliche Anamnese, also Befragung der Patientin, der Ultraschall, ggf. das MRT und in Fällen, in denen das Bild unklar ist, eine diagnostische Operation empfohlen. Wie man der Leitlinie entnehmen kann, kommt der Behandlung der Betroffenen sowohl ohne als auch mit Operation die hormonelle Therapie eine besondere Bedeutung zu. Es geht hier um Präparate, die entweder als Monotherapie (also nur ein Hormon, nämlich ein Gestagen) verschrieben werden oder eine kombinierte Tablette (Gestagen + Östrogen, meist Ethinylestradiol), die herkömmlicherweise als „Pille“ bezeichnet werden. Der Sinn der hormonellen Behandlung ist unter anderem die Unterbrechung des weiblichen Zyklus, denn die Endometrioseherde machen ähnliche Transformationen unter dem monatlichen Hormonschwankungen durch wie die normale Schleimhaut in der Gebärmutter. Es gibt Präparate, die explizit zur Behandlung der Endometriose zugelassen wurden und als Beieffekt auch verhüten und andere, die eigentlich als Verhütungsmittel zugelassen wurden, die aber als Beieffekt auch einen günstigen Einfluss auf die Endometriose haben. Darüberhinaus gibt es weitere Präparate, zum Beispiel den GnRH-Antagonist Relugolix der seit 2023 eine Zulassungserweiterung für die Endometriose erfahren hat. Welches Präparat man einsetzt hängt von verschiedenen Faktoren ab, nicht zuletzt auch dem Wunsch der Patientin. (Fortsetzung s.u.)