Sehr viele kluge Dinge wurden gesagt, denen ich vollumfänglich zustimme. Was nicht angesprochen wurde, ist die gegenderte Sprache. Kaum jemand aus dem Lager der AfD-Sympathisanten/-Wähler nutzt gegenderte Sprache. Wie auch immer man zu dem Thema steht: Wenn man beim Gespräch merkt – und das merkt man sicher schon nach wenigen Sätzen –, dass der/die Angesprochene nicht gendert, dann sollte man sein antrainiertes Gendern für die Zeit des Austausches mal abschalten. Tut man das nicht, wird man unnötig in die linksgrün-versiffte Schublade gesteckt. Und das ist sicher dem Dialog nicht zuträglich, wenn nicht sogar kontraproduktiv.
PS: Ich selbst bin als Legastheniker entschieden gegen Gendersprech. Bin also diesbezüglich voreingenommen.
Warum darauf verzichten wenn es j́emandem wichtig ist zu gendern? Das übt Toleranz, auch bei Gesprächspartnern. Meine Anregung wäre, zu überlegen ob es grundsätzlich Sinn macht den Plural zu gendern, der nie einen Genus hatte. Das Gendern des Plurals könnte den Eindruck erwecken, dass geschlechtliche Gleichstellung nicht mehr ausreichend ist, sondern Dominanz angestrebt wird. Das könnte wiederum unwillkürliche Abwehrmechanismen triggern.
In de Praxis zeigt sich auch, dass die *,:innen Sprechweise über die Zeit verschliffen angewendet wird und so (fast) alles weiblich und auf „innen“ endet, da die Sprechpause nicht mehr wahrnehmbar ist.
Mit meiner Schwerster hatte ich schon vor 30 Jahren gescherzt: Da sie ja einen Krankenschwesterin sei, müssten ihr männlicher Kollege ja ihr Krankenbruder sein.
Das wird sich irgendwann wieder einpendeln. Aber im Moment kann das schon mal als zu viel des weiblichen wahrgenommen werden.
Da ich Krankenbruder gelernt habe - ältere Semester der Patienten haben noch Krankenwärter zu mir gesagt.
Über die Diskussion meiner Berufsgruppe über die Berufsbezeichnungen habe ich immer schon gelacht, auch als Wert darauf gelegt wurde, dass es „Gesundheits- und Krankenpfleger/in“ genannt wird.
Das gegendere ist mir völlig wurscht, ich achte beim Sprechen/Schreiben nur darauf, wenn ich weiss, dass ich ein Schneeflöckchen als Gesprächspartner*x habe (Vorsicht Übertreibung). Zum Glück ist der Alltag in meinem Umfeld viel unkomplizierter, positiver und optimistischer, als das in vielen Internet- und Medienbubbles immer bejammert wird.
Im Prinzip gebe ich dir insoweit Recht, als dass - wenn man sich in einem 1:1 Gespräch mit einem AfD Sympathisanten befindet und weiß oder stark vermutet, dass dieser das Gendern ablehnt - dann macht es sicher Sinn auch selbst darauf zu verzichten. Gendergerechte Sprache ist sicher nicht das erste, von dem wir diese Leute überzeugen müssen. Und zu viele rote Tücher auf einmal sind mit Sicherheit kontraproduktiv.
Allgemein würde ich aber nicht sagen, dass man selbst nicht gendern sollte, wenn es das Gegenüber nicht tut. Ich gendere selbst auch oft nicht, halte es aber generell durchaus für sinnvoll.
Ich finde es verwirrend, wenn Lesen/Schreiben und Sprechen durcheinandergebracht werden. Ist es für dich als Legasteniker auch im Fall gesprochener Sprache schwierig, wenn gegendert wird?
Und wenn es um Lesen geht, ist es für dich schwieriger, Sternchen-Formen zu lesen als Formen mit Binnen-Großschreibung des i? Und wie ist es für dich, wenn du „Sängerinnen und Sänger“ lesen musst? Ist das schwieriger oder leichter als die erstgenannten Formen?
Warum darauf verzichten wenn es j́emandem wichtig ist zu gendern?
Weil es in so einem Gespräch nicht um einen selbst gehen sollte. Das Ziel ist es, dem Gegenüber ehrlich zuzuhören, echtes Interesse zu zeigen und dessen Perspektive zu verstehen - nicht, die eigenen Werte zu demonstrieren. Wer starr am Gendern festhält, baut eine subtile Barriere auf. Es geht hier nicht ums Belehren oder Überzeugen, sondern schlicht darum, einen Raum für ein offenes Gespräch zu schaffen.
Dem Mod ist es (siehe weiter oben) aufgefallen. Hier noch einmal für Dich: Wir / Ich habe(n) da etwas am Thema vorbei diskutiert und nicht ausreichend auf den beschrieben Kontext geachtet.
Trotzdem sind die Vorschläge zur Abmilderung auch in dieser konkreten Situation dienlich und es hält keinesfalls davon ab, ehrlich zuzuhören, echtes Interesse zu zeigen und eines anderen Perspektive zu verstehen, wenn man seinen „natürlichen“ Sprachgebrauch beibehält. Das hat nichts belehrendes und inkludiert auch kein starres festhalten am Gendern.
Erst wenn sichtbare Ressentiments oder offenes Entgenwirken, ignoriert oder abgelehnt würden, entstünde eine Situation, die Deiner Konstruktion entspräche. Davon war aber bei uns nicht die Rede.
Trotzdem Danke für Deine Herablassung und Belehrung.
ich hab noch einen Buchtipp, an den ich bei dem Interview mit Frau Prof. Brake gedacht habe, nämlich als es um die psychologischen Auswirkungen der Klimakrise, auch bei Jugendlichen, ging:
Die Journalistin Veronika Rivera, die sich hauptberuflich mit Klima-Themen beschäftigt, hat dieses Jahr bei Edition Claus ein Buch veröffentlicht mit dem Titel „Kindheit am Kipppunkt“.
Es geht darum, wie wir mit Kindern über Zukunftsängste und Erderhitzung sprechen können, ohne dabei selber die Hoffnung zu verlieren. Ich fand es sehr einfühlsam geschrieben und es enthält viele Tipps für die gemeinschaftliche und persönliche Resilienz gegenüber diesem wirklich schwierigen Thema.
Sehr schön ausgedrückt - und vor Augen geführt, was für eine Einbahnstraße es ist mit AFDlern zu diskutieren Auch der will Dich überzeugen, aber auf jeden Fall wird es um ihn selbst gehen, er wird Dir ehrlich zuhören, aber es wird ihn nicht interessieren und Deine Perspektive interessiert ihn schon gar nicht. Ich fühle mich von manchen Dialekten getriggert, ist es dann vom Gegenüber auch unhöflich, mit Rücksicht auf mich nicht ins Hochdeutsche zu wechseln? Sollte ich mit Rücksicht auf Nichtbayern meinen bayerischen Einschlag abtrainieren?
Ein AfD-Politiker? Wenn du mit ihm sprichst, so wie wenn du mit irgendeinem Politiker sprichst, wird der dich natürlich versuchen wollen zu überzeugen. Das ist ja irgendwo sein Job. In dem Interview ging es aber, so wie ich es in Erinnerung habe, nicht darum, mit Politikern zu sprechen.
Ein AfD-Wähler? Darum ging es im Interview und hier bin ich mir tatsächlich nicht sicher, ob der dich immer überzeugen möchte. Bzw. selbst wenn, ist das ja Sinn des Gesprächs. Du willst ihn ja verstehen - also zumindest sollte man das laut Interview wirklich wollen. Du erwähnst zum Beispiel, dass ihn deine Perspektive gar nicht interessiere. Mag sein. Aber erneut: Darum geht es ja auch nicht. Es geht um seine Perspektive.
Das mit den Dialekten finde ich ein sehr seltsames Beispiel. Ich würde es aber tatsächlich bejahen, dass wenn ich „etwas von jemandem will“, dass ich dann im Zweifel meine Sprache anpasse. Natürlich. Nimm einen Lehrer beispielsweise. Dieser wird (bestenfalls) seine Sprache an seine Schüler anpassen und nicht so über sein Thema reden, wie er es an der Uni tun würde.
Ja natürlich ist das eine Einbahnstraße. Wenn die Person, mit der wir hier sprechen, die Fähigkeiten hätte, ihr eigenes Verhalten derart zu reflektieren, dann würde sie nicht AfD wählen.
In einem 1:1 Gespräch kostet es mich nichts auf etwas wie das Gendern zu verzichten. Es kann aber das Gespräch einfacher machen.
Die Diskussion ist schön stellvertretend für den Umgang mit der AfD. Wenn wir uns genug zurücknehmen, unsere Werte nicht verteidigen, zuhören und ihnen absolut nichts zumuten, dann wären sie ja bereit, evtl keine Faschisten zu wählen. So aber brauchen wir uns nicht zu wundern…
Neben den Parallelen zum allgemeinen Umgang stimme ich aber zu: will man mit ihnen reden und sie nicht nur triggern, sollte man aufs Gendern verzichten. Sind halt nicht belastbar, die Schneeflöckchen.
Da werden mir ehrlich gesagt zu viele Dinge vermischt. Natürlich sollten wir unsere Werte verteidigen. Und natürlich gibt es in einem Gespräch auch rote Linien. Das hat aber nichts damit zu tun, dass es - ganz pragmatisch - in einem solchen Gespräch oft keinen Mehrwert aber einen Nachteil hat, wenn ich gendere. Es ist ja nicht das Ziel meines Gesprächs, dass mein Gegenüber das Gendern toll finden soll.
JA, wenn es gewünscht wird oder das erkennbar ist. Die Annahme, man müsse bei jedem Menschen, der mit AfD sympathisiert aus voreilendem Gehorsam das Gendern einstellen, ist letztlich auch nur ein Vorurteil. Unvoreingenommen auf die Leute zuzugehen ist auch hier, eine gute Wahl.
Ein Eiertanz um den Umgang mit „AfDlern“ geht schon in die Richtung ableism.
Kein Mensch darf auf seine mutmaßlichen oder tatsächlichen mangelnden Befähigungen reduziert werden. Und schon gar nicht auf unterstellte.
Naja das ist doch mehr oder weniger was ich gesagt habe:
Das
hört sich klug an - ist aber m.E. realitätsfern. Jedes delikate Gespräch mit einem unbekannten Gesprächspartner ist ein Abtasten, das man natürlich als „Eiertanz“ bezeichnen kann. So funktionieren aber reale Gespräche, bei denen es wirklich darum gehen soll, eine Verbindung zu meinem Gegenüber aufzubauen und nicht darum dem Publikum etwas zu beweisen. Da muss ich auch bestimmte (konservative) Annahmen treffen, die ich dann ja im späteren Verlauf auch wieder korrigieren kann.
Du mischt hier in Deiner Antwort zwei Erwiderungen, die sich an zwei verschiedene Teilnehmer mit 2 unterschiedlichen Beiträgen richteten so, als bezögen sich beide auf Deinen Beitrag. Zumindest ein bedenklicher Move, @MarkusS .
Aber es ging in dieser Lagefolge ja explizit darum, psychologische Aspekte der Gesprächsführung mit Antidemokraten zu beleuchten. Und mein einleitender Post bezog sich genau darauf. Das hat nichts mit dem Verleugnen seiner Werte zu tun.
Wenn man gar nicht erst ins Streitgespräch kommt, weil das Gendern vom Gegenüber als Stoppschild wahrgenommen wird, dann hat man nicht gewonnen.
Dass der überzeugte Antidemokrat – hier am Beispiel des AfDlers – versucht, Menschen in seine Richtung zu manipulieren, ist ja ein inhärenter Teil des politischen Meinungskampfs. Aber stell dir mal vor, die Antidemokraten würden bei der politischen Ansprache an Haustüren oder sonst wo explizit gendern, um Menschen einzulullen, die in gewissen politischen Punkten noch keine Position haben, denen das Gendern aber – aus welcher Motivation heraus auch immer – wichtig ist. Das wäre dann der sprichwörtliche Wolf im Schafspelz.
Ich unterstelle demokratischen, emanzipatorischen Menschen jetzt einfach mal, nicht der Wolf im Schafspelz zu sein, weil Menschen mit ernsthafter demokratisch-emanzipatorischer Einstellung andere Menschen nicht manipulieren, sondern durch Bildung überzeugen wollen. Und da ist die Gendersprache nun mal eine Hürde, bei der sich jeder überlegen sollte, ob er oder sie dazu bereit ist, auf diesem – wie man im Amerikanischen sagen würde – Berg zu sterben.