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Fehlende Einordnung: Söders Instrumentalisierung des TUM-Whitepapers (Tagesschau vom 1. September)
Sehr geehrte Redaktion,
im Beitrag „Wie sieht die CO₂-Bilanz von E‑Autos aus?“ in der 20‑Uhr‑Tagesschau vom 1. September 2026 zeigen Sie Markus Söder mit der Aussage: „Diese Mogelpackung der EU-Berechnung muss justiert, revidiert, neu etabliert werden.“
An dem Beitrag irritieren mich zwei Punkte.
Erstens: Was genau ist eigentlich der Nachrichtenwert der TUM-Veröffentlichung? Die Lebenszyklus-Betrachtung von Fahrzeugen ist nicht neu. Gerade deshalb wäre eine präzise Einordnung wichtig gewesen: Der von der TUM hervorgehobene zusätzliche CO₂-Rucksack der Herstellung ändert nichts daran, dass batterieelektrische Pkw nach der ausgewerteten Forschung überwiegend deutlich besser abschneiden als vergleichbare Verbrenner.
Zweitens: Der von Ihnen gezeigte Söder-O‑Ton lässt ihn wie einen Befürworter einer methodisch umfassenderen CO₂-Bilanzierung erscheinen. Seine weitergehende und politisch zentrale Schlussfolgerung aus der TUM-Veröffentlichung bleibt jedoch unerwähnt. Söder hatte die Studie ausdrücklich als wissenschaftlichen Beleg für ein „echtes Aus vom Verbrenner-Aus der EU“ ausgegeben: „Einmal mehr wird klar: Es braucht dringend das echte Aus vom Verbrenner-Aus der EU. Das belegt jetzt auch die Wissenschaft.“
In der Pressekonferenz nach der bayerischen Kabinettssitzung am 1. September verknüpfte er das Whitepaper zudem ausdrücklich mit Forderungen zugunsten des Verbrennungsmotors: „Die TU München hat da eine echte Pionierarbeit geleistet. Deswegen wollen wir echte Offenheit und Technologie für den Hightech-Verbrenner. Keine Flottengrenzen, kein Utility-Faktor, keine Strafzahlungen.“
Genau diese politische Folgerung trägt das Whitepaper nicht. Es behauptet weder, E‑Autos seien über den Lebenszyklus klimatisch schlechter als Verbrenner, noch empfiehlt es die Rücknahme der 2035-Regelung. Vielmehr verlangen die Autoren eine Lebenszyklus-Betrachtung als Ergänzung und Verstärkung der Klimaregulierung – ausdrücklich „rather than as a retreat from the electrification path“, also nicht als Rückzug vom Elektrifizierungspfad.
Ihr Beitrag benennt zwar die Expertenkritik, die Studie werde politisch genutzt, „mit etwas, was überhaupt nicht in dieser Studie steht“. Ohne den konkreten Bezug zu Söders tatsächlicher Forderung bleibt diese Einordnung aber abstrakt. Das Publikum erfährt nicht, dass Söder die Studie nicht nur für eine veränderte Berechnungsmethode heranzieht, sondern als Beleg gegen das Verbrenner-Aus und für eine weitreichende Öffnung zugunsten neuer Verbrennertechnologien missbraucht. Wenn Sie mich fragen: ein klarer Fall von Desinformation (auch wenn ich nicht erwarte, dass Sie diesen Begriff verwenden), über den Ihre Zuschauer aber nicht informiert werden.
Eine journalistisch ausreichende Einordnung hätte daher klarstellen müssen: Das Whitepaper befürwortet eine umfassendere Regulierung entlang des Lebenszyklus, nicht den Rückzug vom Elektrifizierungspfad. Söders Schlussfolgerung wird durch die Studie nicht gedeckt.
Ich bin enttäuscht, dass diese zentrale Differenz im Beitrag nicht sichtbar gemacht wurde.
Fortsetzung …