Angeregt durch den Podcast „REICH – Das Geschäft mit dem Zweifel“, der ein wiederkehrendes Muster professioneller Einflussnahme zeigt:
Branchen, deren Geschäftsmodelle durch wissenschaftliche Erkenntnisse und Regulierung bedroht sind, müssen die Forschung nicht widerlegen. Es genügt, Zweifel zu säen, Fakten zu relativieren und politische Maßnahmen als überzogen, freiheitsfeindlich oder wirtschaftsschädlich darzustellen.
Sichtbar wird dieses Muster von Tabak und Nikotin über Alkohol (u.a. auch am Steuer) bis zur fossilen Industrie vs. Klimakatastrophe. Vergleichbare Mechanismen finden sich auch bei Zucker und Übergewicht und weiteren gesundheitlichen oder ökologischen Risiken. Ich würde mich nicht wundern, wenn Social Media und Künstliche Intelligenz nicht auch zu den Themen gehört.
Gemeinsam ist diesen Themen:
Die Schäden sind wissenschaftlich gut belegt und auch die Auftraggeber der Lobbyisten wissen ganz genau um die gesamtgesellschaftliche Schädlichkeit
Die notwendige Verhaltensänderungen verlangen Verzicht, Veränderung und kurzfristige Zumutungen.
Genau dort setzt die Lobbykommunikation.
Das Playbook lautet:
die Unsicherheit bezüglich wissenschaftlicher Erkenntnis übertreiben,
(oft gefakete) Gegenexpertise finanzieren. Da werden „Institute“ oder „Thinktanks“ gegründet, vermeintliche, Ex- oder aktive Wissenschaftler bezahlt (teilweise treten die gleichen „Wissenschaftler“ zu völlig verschiedenen Themen auf)
scheinbar „unabhängige“ Stimmen mobilisieren, oft persönliche Botschafter statt anonymer Unternehmen
Verantwortung individualisieren (darauf fallen wir doch allzu gerne rein, in dem wir uns zu sehr auf die Bewertung individuell schädliches Verhalten konzentrieren),
Wissenschaftler angreifen
die Debatte emotionalisieren, in dem sie z.B. auf Freiheit, Kulturkampf der Arbeitsplätze umgelenkt wird.
Ziel ist oft nicht der endgültige Sieg in der Sache, sondern Verschleppung – solange Zweifel besteht, unterbleiben wirksame politische Konsequenzen.
Interessant: Häufig sind die die selben Personen oder Organisationen, die dieses Playbook zu völlig verschiedenen Themen und für unterschiedlicher „Kunden“ orchestrieren.
Eine Lage-Folge könnte deshalb fragen: Wo endet legitime Interessenvertretung, und wann beginnt organisierte Sabotage demokratischer Problemlösung? Welche Transparenz-, Finanzierungs-, Karenzzeit-, Lobbyregister- und Regeln für wissenschaftsnahe Kommunikation braucht Deutschland, damit wirtschaftliche Macht nicht dauerhaft evidenzbasierte Politik blockiert?
Interviewpartner könnten z.B. die Macher der o.g. Postcast-Reihe sein, aber auch Verantwortliche bei Lobby-Control.
Die Händler des Zweifels von heute füttern wieder Springerpresse und Söder.
White Paper soll Argument für eine veränderte Emissionsbewertung von Elektroautos liefern
erste Berichte vor Veröffentlichung der Papers schürten Hoffnung auf weitere Zulassung von Neufahrzeugen mit Verbrennermotor nach 2035
Experten: Aussagen sind nicht neu, sondern in der Wissenschaft bekannt und berücksichtigt – eine Änderung der Emissionsbewertung sei nicht sinnvoll – Verunsicherung von Kunden durch verzerrte Berichterstattung würde letztlich Industrie schaden
Eine extra in Auftrag gegebene TUM-Studie wird an die Fake-Schleuder BILD durchgestochen und selbst sie zeigt: E-Autos schlagen Verbrenner deutlich in der Klimabilanz und man fordert sogar MEHR Klimaregulierung. Sie ist ein Argument FÜR das Verbrenner-Verbot! Eine problematische Zahl reißt BILD aus dem Kontext, damit der Fossil-Propaganda-Apparat Material hat, um auf die EU-Klimapolitik Druck zu machen. Lies hier, für wie dumm sie dich halten und was die Wissenschaft wirklich sagt.
Selbst die ARD ist sich nicht zu schade, dass in der Tagesschau ohne adäquate Einordnung darüber zu berichten. Selbst Söder war zu Wort gekommen. Er hat das TUM-Whitepaper als Beleg für seine Forderung nach einem vollständigen Kurswechsel beim EU-Verbrennerverbot genutzt: „Einmal mehr wird klar: Es braucht dringend das echte Aus vom Verbrenner-Aus der EU. Das belegt jetzt auch die Wissenschaft.“
Das Whitepaper sagt nicht, E-Autos seien klimatisch schlechter als Verbrenner oder dass ein Verbrenner-Aus wissenschaftlich widerlegt sei. Im Gegenteil: In etwa 92 Prozent der betrachteten Szenarien schneiden E-Autos bei den Lebenszyklus-Emissionen besser ab, im Mittel mit 41 Prozent niedrigeren Emissionen. Die Ergebnisse hängen aber stark von Strommix, Produktionsort und Herstellung ab. Es stützt sich dabei auf eine Auswertung vorhandener Forschung – 19 Studien und 47 modellierte Szenarien – und erklärt ausdrücklich, selbst keine eigene harmonisierte Lebenszyklus-Analyse durchgeführt zu haben. Das Whitepaper kritisiert vor allem, dass die EU-Regulierung bisher auf die Emissionen am Auspuff fokussiert und die übrigen Lebenszyklus-Emissionen in der Produktion nicht direkt einpreist.
Die TUM beschreibt das Projekt als Arbeit ihres interdisziplinären Netzwerks CirculaTUM. Das hochschulintern in Auftrag gegebene Dokument ist ein Whitepaper („Defossilisation, Not Decarbonisation“) und keine reguläre, extern begutachtete Fachpublikation im Peer-Review-Verfahren. Auftraggeber war TUM-Präsident Prof. Thomas F. Hofmann (ein Strohmann?). Anlass waren laut TUM die anstehenden politischen Entscheidungen zur Zukunft der europäischen Automobilindustrie im Herbst. Ob und in welcher Form für das Whitepaper zusätzliche Drittmittel eingesetzt wurden, geht aus den zitierten Veröffentlichungen nicht hervor.
Die zentrale Passage im Executive Summary lässt kaum Spielraum: Die mit der Berücksichtigung der Lebenszyklus-Betrachtung zusätzlichen Hebel – emissionsarmer Stahl, sauberere Batterieproduktion, erneuerbare Energieträger und Kreislaufwirtschaft – sollen als „reinforcement of the same objective“, also als Verstärkung desselben Klimaziels, in die Regulierung aufgenommen werden, „rather than as a retreat from the electrification path“: ausdrücklich nicht als Rückzug vom Elektrifizierungspfad.
Im Übrigen: Die Lebenszyklusbetrachtung ist alles andere als neu!
Ganz eindeutig: Söder (und andere) missbrauchen das Whitepaper für Desinformation.
Im Grunde hätte Söder, sofern er glaubt, dass E-Autos auch nicht das Klima retten werden, erkennen müssen, dass in seiner Logik KEIN Auto das Klima retten wird. Er hätte also mehr Rad, ÖPNV und Fuß fordern müssen, sofern ihm Klimaschutz wichtig sei. Aber das versteh wieder keiner.
Den Take in der Tagesschau fand ich auch desaströs schlecht. Als hätte sie sich die Studie einfach gar nicht angeschaut.
Bei Autos, die 2021 zugelassen wurden, sind die realen Emissionen im Schnitt 3,5-mal höher als angegeben, wie die Organisation International Council on Clean Transportation (ICCT) mitteilte. Bei 2023 zugelassenen Wagen stieg die Lücke auf das 4,6-Fache. Für die Studie wurden laut ICCT Daten zum Kraftstoff- und Energieverbrauch von rund 920.000 Plug-in-Hybriden ausgewertet, die von 2021 bis 2023 zugelassen wurden. Nach EU-Vorgaben werden diese Informationen standardmäßig vom Bordcomputer gesammelt. Die Auswertung kommt zu dem Schluss, dass Plug-in-Hybride im Schnitt nur über rund 20 Prozent der gefahrenen Strecke elektrisch angetrieben wurden.
Die offiziellen Fahrzeugdaten, auf denen auch die durchschnittlichen CO2-Emissionen beruhen, gehen hingegen von rund 80 Prozent E-Anteil aus.
Man könnte auf Basis der realen Daten sogar sagen, die EU misst noch nichtmal am Auspuff…
Langsam werden Journos wach, nun ordnet auch der Spiegel ein und fasst eingangs treffend zusammen:
Die renommierte Universität veröffentlicht ein Whitepaper zur Klimabilanz von E-Autos, das zuerst via »Bild«-Schlagzeile von einer »Auto-Lüge der EU« lanciert wurde. Bestellt hat es der Unipräsident, erklärtermaßen um politisch Einfluss zu nehmen gegen das heutige System der CO₂-Flottenziele für die Autoindustrie. Die Autoexperten seiner Universität ließ er bewusst außen vor, weil sie bei dem Thema angeblich befangen sein könnten. Das ärgert und irritiert viele Forschende innerhalb wie außerhalb der TU.