Die Frage ist tatsächlich, für wie gefährlich man Esotherik und vor allem die Rudolf Steiner’sche Anthroposophie hält. Das Interessante daran ist, dass es eigentlich immer die gleiche Diskussion ist, nur mit anderen Themen:
Ist „sanfte“ Esotherik (z.B. Sternzeichen) gut, damit das Bedürfnis nach Esotherik nicht von schädlicheren Akteuren erfüllt wird, oder ist „sanfte“ Esotherik ein Einstieg in den Kaninchenbau der Esotherik (von Sternzeichen über Heilsteine zur germanischen neuen Medizin…)
Sind „sanfte“ Religionen gut, damit Leute nicht extremistischen Splittergruppen beitreten, oder ist die „sanfte Religion“ ein Einstieg, auf dem spätere Kult-Indoktrination aufbauen kann?
Ist Cannabis gut, weil es eine Alternative zu harten Drogen und Alkohol ist, oder ist es eine Einstiegsdroge, die zu harten Drogenkonsum führt?
Ist eine „sehr konservative CDU“ gut, weil sie Leute bindet, die andernfalls in einer rechtsextremen Partei landen könnten - oder bereitet eine „sehr konservative CDU“ geradezu den Boden für die Extremisierung, indem sie die Grenzen des Sagbaren verschiebt?
Es ist immer diese Argumentationsform, die wir in diesen Diskussionen finden. Sollte man „problematische Entwicklungen“ tolerieren, weil sie durch Bedienen eines offenbar vorhandenen Bedarfs eine noch problematischere Entwicklung ausbremsen können - oder führen sie gerade zu dieser noch problematischeren Entwicklung?
Das meiste, was Demeter und die moderne Anthroposophie in der Breite (Extremfälle gibt es natürlich immer!) vertreten ist nicht unmittelbar schädlich, aber wenn das gesellschaftliche Ideal ein gewisser Glaube an die wissenschaftliche Theorie ist, ist auch klar, dass wir hier einen Konflikt haben. Niemand fordert glaube ich das Verbot der Anthroposophie oder z.B. von Sternzeichen in Boulevard-Magazinen (und vor allem Kinder- und Jugendmagazinen, wie damals in der Bravo, auch wenn ich das schon sehr kritisch finde!), aber man muss es deswegen ja nicht unterstützen. In diesem Sinne: Ich toleriere diese Strömungen (so weit, dass ich sie nicht verbieten möchte), aber ich behalte schon eine kritische Distanz und eine gewisse Opposition bei, wozu auch gehört, nicht für sie werben zu wollen keine ihrer Produkte kaufen zu wollen. Ebenso, wie ich z.B. die Springer-Presse ablehne und keines ihrer Produkte kaufen werde, auch wenn ich sie definitiv nicht verbieten lassen will.
Für mich ist die Skala hier:
Verbotsforderung < Boykott < Ablehnung < neutrale Geschäftsbeziehung < Befürwortung < Unterstützung < Mitgliedschaft/Miteigentümerschaft
Werbung für eine Firma zu machen ist ein Geschäft auf Gegenseitigkeit, welches ich im Bereich „neutrale Geschäftsbeziehung“ einordnen würde - leider wird es hier im Forum oft als klare Fürsprache für den Werbepartner interpretiert, was vermutlich daran liegt, dass die Hosts die Werbung einsprechen (was sie wiederum wohl nur tun, weil es dafür mehr Geld gibt…). Ich bin im Hinblick auf Demeter eher auf der Stufe „Boykott“, kann aber akzeptieren, wenn die Hosts eine „neutrale Geschäftsbeziehung“ wahren möchten.
Mir scheint, dass die Abgrenzung von „redaktionellem Inhalt“ und „Werbung“ alleine durch den Werbejingle bei vielen Hörenden nicht ausreicht, um diese Abgrenzung zu verdeutlichen. Aber nach der Werbung immer eine Stimme einzuspielen, die vorträgt: „Die im Werbeblock geäußerten Positionen sind alleine die Meinung der werbenden Firma“ will doch vermutlich auch keiner - und ich denke, dass das für die Hosts selbstverständlich ist, dass die Werbung so aufgefasst werden sollte. Für einige Hörer ist das aber nicht der Fall.
Werbung ist und bleibt wohl ein Balanceakt zwischen „betriebswirtschaftlicher Notwendigkeit“ und „Verkaufen der Seele des Erstgeborenen“.