Hallo ihr Beiden,
natürlich schreibe auch ich nur hier, weil ich fleißige Hörerin von euch bin und deshalb auch nur so getroffen bin, von der Berichterstattung oder wohl eher eurer Einordnung.
Ich habe beim Hören, Lesen und Schreiben hier gemerkt, dass es scheinbar sehr relevant ist, welches Geschlecht man hat oder welchem man sich zugehörig fühlt. Ich habe sogar überlegt zu verstecken, dass ich weiblich bin, damit mein Kommentar nicht in eine Ecke gestellt wird und das finde ich in einem so progressivem Umfeld der „Lage der Nation“ schon bedenklich. Schon in eurer Wiederaufnahme des Themas in dieser Folge habt ihr betont, dass ihr vor allem den Fehler bei euch seht, ihr die „weibliche Perspektive“ nicht zu Wort kommen lassen habt. Meiner Einschätzung nach beginnt hier schon der fundamentale Fehler in eurer Einordnung, zumindest auf jeden Fall eurer Reaktion auf den Rücklauf zur ersten Folge dazu.
Auch wenn ich es ausdrücklich begrüße, dass Chiara sich persönlich im Podcast zu Wort zu gemeldet, hatte der ganze Einspieler den Mantel der „weiblichen Perspektive“. Ich denke, es ist kein Zufall, dass es so wirkt, als würdet ihr damit sagen wollen, dass eure „objektive“ Einordnung korrekt sei, aber man die weibliche Perspektive des guten Tons wegen auch Raum lassen sollte. Dieser Verdacht erhärtet sich in der Aufdröselung des Einspielers eurerseits. Dabei ist es doch nicht wichtig, dass die „weibliche“ Perspektive eingenommen wird. Sondern es ist vielmehr wichtig, alle Argumente einzubeziehen und das ist doch völlig egal, ob die Argumente aus einem weiblichen oder männlichen Mund/Gehirn kommen. Sie sind für alle Menschen da, die sich in irgendeiner Weise diskriminiert oder unterdrückt fühlen; egal ob Mann, Frau, Transgender, Kind… Deshalb ist eure Argumentation, dass es auch Männer gibt, die sexuelle Belästigung erfahren vollkommen unnötig: Auch diese Männer dürfen sich bei Ombudspersonen melden und auch hier ist zunächst erstmal angebracht Empathie zu zeigen. Natürlich muss sensibel darauf geachtet werden, dass diese Personen diese Möglichkeit nicht ausnutzen. Übrigens sind Frauen in Führungspositionen durchaus besonders stark von Verleugnungen betroffen - also ist es vollkommen deplatziert, dies nur auf Frauen zu reduzieren, die möglicherweise Schaden verursachen könnten. In dieser Diskussion sollte es ganz explizit darum gehen gehen, dass alle Menschen, die weniger mächtig sind, angemessen Gehör finden. Hier sollte eine Abwägung stattfinden: Welche Hürden/Verfahren bzw. eine Haltung, dass einem erstmal geglaubt wird, haben welche Kosten und welchen Nutzen? Wie bei einer Diagnose einer Krankheit, kann man hier durchaus objektiv abwägen, wie hoch die Wahrscheinlichkeit der Falsch-Positiven/ Falsch-Negativen sein soll. Eine Ombudsstelle, die eben keine strafrechtlichen Konsequenzen vollstreckt, darf diese Frage durchaus anders beantworten als die Polizei.
Ein falsch beschuldigter Mensch ist ein Opfer. Ein Mensch, der etwas Diskriminierendes o.Ä. erlebt, ist ein Opfer. Es ist immer unschön, Opfer gegeneinander auszuspielen, aber ist es legitim, aufzurechnen, welche Opfer öfter nicht zu ihrem Recht kommen oder ihnen Unrecht widerfährt. Objektiv auszurechnen, wie oft Menschen falsch beschuldigt werden (und dies durch die Haltung der Ombudsperson verstärkt werden könnte) und wie oft Menschen, die unterdrückt oder missbraucht werden (und dies nicht ernst genommen wird und es deshalb keine direkten Konsequenzen und gesellschaftlichen Veränderungen gibt), ist (neben anderen) ein legitimes und wichtiges Argument. Und sollte deshalb nicht als „weibliche“ Perspektive abgetan werden! Übrigens vertreten hier scheinbar im Chat und auch in meinem Umstand auch Personen diese „weibliche Perspektive“, die gar keine Frauen sind. Vielleicht ist diese einfach „eine“ Meinung, die in die Diskussion aufgenommen werden sollte, weil sie es wert ist und nicht weil sie „weiblich“ ist!
Vielleicht bin ich etwas ausschweifend geworden und mir ist bewusst, dass meine Darstellung der Aufrechnung der Opferzahlen gegeneinander durchaus auch auf Unmut stoßen kann. Der Grund, warum ich hier schreibe: Wie die meisten anderen Menschen hier haben mich nicht das Ergebnis eurer Einschätzung (z.B. regelte Ombusverfahen) sondern die Wortwahl und Argumentation gestört. Ihr sollt (möglichst) objektiv sein und faktenbasiert argumentieren, deshalb ist es ein Fehler Argumente aus der vermeintlich „weiblichen Perspektive“ als nicht rational abzutun und deshalb gar nicht oder nur des Scheines wegen einzubeziehen!