In den aktuellen politischen Debatten scheint sich vieles nur noch um die Wirtschaft zu drehen. Wachstum, Wettbewerbsfähigkeit und das Bruttoinlandsprodukt (BIP) werden regelmäßig als die zentralen Maßstäbe für den Zustand unseres Landes herangezogen. Auch in den letzten Folgen der Lage der Nation fällt mir auf, dass in Diskussionen kaum ein Wert wichtiger scheint als das BIP.
Dabei ist Wirtschaft kein Selbstzweck. Sie sollte letztlich dem Wohlstand und Wohlergehen der Menschen dienen. Trotzdem wird häufig so diskutiert, als wäre ein steigendes BIP automatisch gleichbedeutend mit gesellschaftlichem Fortschritt - das ist es nicht.
Besonders bemerkenswert finde ich, dass der neue Bericht „Counting What Counts: A Compass of Progress for People and Planet“ einer unabhängigen, vom UN-Generalsekretär eingesetzten Expertengruppe praktisch keine öffentliche Aufmerksamkeit erhalten hat. Counting what counts: A compass of progress for people and planet | UN Trade and Development (UNCTAD) [Link ergänzt Mod.] Der Bericht beschäftigt sich mit der Frage, wie gesellschaftlicher Fortschritt umfassender gemessen werden kann als allein über wirtschaftliche Kennzahlen wie das BIP.
Gerade angesichts einer zunehmend fragilen Weltwirtschaft, der wachsenden Kluft zwischen Arm und Reich sowie der immer stärkeren Belastung globaler Ökosysteme erscheint diese Debatte dringlicher denn je. Trotzdem findet sie weder in den großen Medien noch bei den öffentlich-rechtlichen Sendern noch in der Bundespolitik nennenswert statt. Mir ist zumindest keine Bundestagspartei bekannt, die sich ernsthaft und systematisch mit einer Beyond-GDP-Agenda auseinandersetzt.
Dabei wird die Frage, wie wir Wohlstand messen wollen, unter Expert:innen längst diskutiert. Unter dem Stichwort „Wellbeing Economy“ entstehen weltweit Ansätze, die Lebensqualität, Gesundheit, soziale Teilhabe, ökologische Nachhaltigkeit und gesellschaftlichen Zusammenhalt stärker in den Mittelpunkt rücken. Zu den bekanntesten deutschen Stimmen dieser Debatte gehört u.a. auch Maja Göpel. Mit der neuen, von Martin Oetting mitinitiierten, SystemDelta-Bewegung (deutscher Hub von WEAll) gibt es inzwischen auch hierzulande Versuche, diese Debatte stärker in die Öffentlichkeit zu tragen.
Der Bericht selbst ist dabei sicher nicht frei von Kritik. Es erscheint fraglich, ob eine kleine Expertengruppe einen universell gültigen Maßstab für gesellschaftlichen Fortschritt definieren kann. Auch die vorgeschlagene Einbindung der planetaren Grenzen wirkt eher ergänzend als grundlegend – obwohl gerade diese Grenzen letztlich den Rahmen vorgeben, innerhalb dessen wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Fortschritt überhaupt möglich ist.
Daher halte ich den Bericht für wichtig: nicht als fertige Lösung, sondern als Auftakt für eine längst überfällige Debatte. Denn die Frage, woran wir gesellschaftlichen Fortschritt messen, sollte keine akademische Randdiskussion sein. Sie beeinflusst letztlich, welche politischen Ziele wir verfolgen, welche Probleme wir priorisieren und woran Regierungen am Ende gemessen werden.
Genau aus diesem Grund fände ich das auch als Themenpunkt in der Lage der Nation spannend. Ein von Ulf und Philip geleiteter Einstieg in dieses Thema könnte für die Lage-Hörenden einen richtigen Mehrwert für aktuelle Debatten erzeugen. Der Bericht selbst mag nicht Perfekt sein und viele Fragen offenlassen. Umso bemerkenswerter ist es, dass ein derart weitreichender Vorschlag für einen neuen gesellschaftlichen Fortschrittskompass bislang nahezu unbeachtet geblieben ist. Und das ist doch ein perfekter Moment um mit den Hörenden in den Diskurs zu treten. Wenn selbst darüber kaum gesprochen wird – wie soll dann überhaupt eine öffentliche Debatte darüber entstehen, was Wohlstand und Fortschritt im 21. Jahrhundert eigentlich bedeuten?