Wachstum und BIP: Sollte Fortschritt wirklich mit dem BIP gemessen werden?

Hallo,

in Lage 446 habt ihr über Wirtschaftswachstum und die Frage gesprochen, wie wichtig Wachstum für eine Gesellschaft ist. Dabei geht es am Ende fast immer um das Bruttoinlandsprodukt, das in der politischen Debatte als zentraler Maßstab für Wohlstand und Fortschritt verwendet wird. Genau hier liegt ein spannender Ansatzpunkt für eine vertiefte Diskussion: Wie aussagekräftig ist das BIP tatsächlich für das Wohlergehen einer Gesellschaft, und wo liegen seine blinden Flecken?

Es gibt einen ganzen Forschungsbereich unter dem Schlagwort „Beyond-GDP“, der sich mit dieser Frage beschäftigt. Dort wird untersucht, welche alternativen Indikatoren besser geeignet wären, um gesellschaftlichen Fortschritt zu erfassen. Beispiele sind ökologische Nachhaltigkeit, soziale Teilhabe, Gesundheit, etc. Politisch ist das hoch relevant, weil politische Entscheidungen und Prioritäten sich oft an dem orientieren, was gemessen wird. Wenn das BIP im Zentrum steht, rücken ökologische Grenzen und soziale Aspekte in den Hintergrund. Ein Buch, das die Debatte sehr gut zusammenfasst und lösungsorientiert aufarbeitet, ist „Replacing GDP by 2030“ von Rutger Hoekstra. Es zeigt auf, was die Schwächen von GDP sind, welche Alternativen es gibt und welche politischen und institutionellen Hürden für eine Neuausrichtung bestehen.

Gerade für die Lage fände ich spannend, das Thema aufzunehmen und zu diskutieren, wie weit ökonomische Indikatoren überhaupt relevant sind, um den Zustand und Fortschritt einer Gesellschaft zu beschreiben und welche Alternativen sinnvoll wären. Ich glaube, es wäre ein lohnender Beitrag, weil er die Diskussion um Wachstum vertieft und gleichzeitig eine oft unterbelichtete Dimension sichtbar macht: dass es nicht nur um „mehr oder weniger Wachstum“ geht, sondern um die grundlegende Frage, was wir überhaupt messen, wenn wir von gesellschaftlichem Fortschritt sprechen.

Zur Transparenz: Rutger Hoekstra ist ein Arbeitskollege an meinem Forschungsinstitut, wir arbeiten jedoch in unterschiedlichen Bereichen, und ich selbst befasse mich beruflich nicht mit der „Beyond-GDP“-Thematik.

4 „Gefällt mir“

Spannendes Thema! Falls ihr auf der Suche nach einem Anwendungsbeispiel für ein alternatives Wohlfahrtsmaß in Deutschland seid, könnte der Nationale Wohlfahrtsindex (NWI) was für euch sein, der neben den Konsumausgaben auch Faktoren wie unbezahlte Arbeit (Hausarbeit, Ehrenamt), Einkommensungleichheit und Umweltkosten mit einbezieht. Wir berechnen den NWI seit geraumer Zeit mit Unterstützung der Hans-Böckler-Stiftung / Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK). Entwickelt wurde er in einer Studie für das Umweltbundesamt, beruht aber konzeptionell auf ähnlichen internationalen Ansätzen, die es seit den 1970er gibt (alternative welfare Indices, z.B. ISEW, GPI).

Zentral ist dabei der Vergleich mit dem BIP, um damit aufzuzeigen, welche “Leerstellen” das BIP aufweist (ohne für sich selbst in Anspruch zu nehmen, die einzig richtige Lösung zu sein, oder dass man auf Basis einer einzelnen Zahl alles bewerten könnte und sollte). Hier das zentrale Ergebnis-Schaubild:

Zentrale Gründe für die unterschiedliche Entwicklung sind:

  • Das Ansteigen der Einkommensungleichheit, insbesonsdere von 1999 bis 2005
  • Bei den Umweltkomponenten zeigen sich sowohl klare Verbesserungen, als auch zeitweise Verschlechterungen.
  • Ereignisse wie die Ahrtal-Flut haben deutliche Auswirkungen (siehe 2021)

Bei Interesse gibt’s weitere Infos hier:
Bericht vom letzten Jahr beim IMK: NWI 2024 - Anstieg bei unterschiedlicher Entwicklung von Umweltschäden, Konsum und Ungleichheit - Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) in der Hans-Böckler-Stiftung
NWI beim UBA: Indikator: Nationaler Wohlfahrtsindex | Umweltbundesamt
Methodenbericht zum NWI 3.0 (Website des IMK): NWI 3.0 - Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) in der Hans-Böckler-Stiftung

Aktuell sind war gerade daran die Ergebnisse für 2024 zu berechnen. Veröffentlicht werden soll das wieder beim IMK Ende November/Anfang Dezember. Zuletzt noch der Hinweis, dass wir entsprechende Berechnungen auch auf Bundesländer-Ebene anstellen, hier unter dem Namen “Regionaler Wohlfahrtsindex” (RWI) (zuletzt fürs Saarland: AK-Texte: Regionaler Wohlfahrtsindex für das Saarland 2025 | Arbeitskammer des Saarlandes )

Solltet Ihr Fragen haben, gerne jederzeit melden.

LG Benjamin

Großartig, dass ihr endlich dieses wichtige Thema beleuchten wollt, ich freue mich auf die nächsten Lage-Folgen :slight_smile: Ihr hattet ja nach Anregungen gefragt… Also hier sind meine Thesen. Da das Thema so vielschichtig ist, fände ich es zunächst mal gut, wenn es auf zwei oder mehr Lage-Folgen verteilt werden würde.

I. Das Dogma des ewigen Wirtschaftswachstums

Das BIP steht für die Erschaffung von etwas und wenn etwas bewusst erschaffen wird, ist es oft wertvoll und gut. Aber diese Grundannahme hat doch einige Haken:

Das BIP als Indikator ist unter- und überinklusiv

  • Nicht erfasst wird ehrenamtliche Arbeit (Kindererziehung, Krankenpflege, soziale Projekte…)
  • Mit Finanzprodukten und Spekulationsgeschäften kann viel Gewinn erwirtschaftet werden, ohne dass dahinter ein greifbarer realer Wert steckt.
  • Die Verteilung wird nicht gemessen. Zwei deutsche Familien besitzen aktuell mehr Vermögen als die Hälfte der Bevölkerung. Das BIP-Wachstum steht für Wohlstand, kann aber zu sozialer Spannung und Unruhe führen.
  • Der langfristige Blick fehlt. Betrachtet werden 1 Jahr bzw. bei einer Rezession 2 Jahre. Für Generationengerechtigkeit, Umwelt und Kima ist da kein Raum.

Planetare Grenzen werden erreicht oder überschritten

  • Hoher Bedarf an begrenzten Ressourcen führt zum Run auf Rohstoffe, d.h. es wird rücksichtslos und schnell viel abgebaut. Bewaffnete Konflikte werden in Kauf genommen z.B. im Kongo.
  • Schwaches Argument: „Die Technologie entwickelt sich weiter, man wird schon Alternativen finden.“ Eher trifft zu: Innovation findet v.a. statt, wenn die Annäherung an die planetare Grenze bereits naht, also wenn Kippunkte schon überschritten und der Schaden angerichtet ist.
  • Schwaches Argument: „Recycling wird Rohstoffabbau überflüssig machen.“ Zweifelhaft, ob das in befriedigendem Umfang zutreffen kann. Je effektiver, umso aufwändiger ist das Recyceln, abhängig vom Rohstoff.

Das Wachstumsdogma setzt Fehlanreize

  • Rüstungsgüter vermarkten und sich nach der Zerstörung ganzer Landstriche am Aufbau von z.B. einer „Riviera am Mittelmeer“ beteiligen: doppelt gut für das BIP.
  • Produkte kurzlebig und nicht reparaturfähig gestalten, wechselhafte Design-Trends vermarkten.
  • Günstige Wartungen der Infrastruktur (Brücken etc.) hinauszögern, bis der vollständige Ersatz unvermeidbar wird.
  • Unbeschränkte Geschwindigkeit auf Autobahnen erhöht die Wahrscheinlichkeit von Unfällen.
  • Umwelt und Menschenrechte in Lieferketten bleiben tendenziell unberücksichtigt, denn ihr Schutz schmälert den Gewinn und eine Angleichung der Produktionsstandards schadet unserer Wettbewerbsfähigkeit.

Das Wachstumsdogma wird immer wieder bemüht, um sinnvolle Gesetze abzuwenden. Beispiel: Das FCKW-Verbot seit 1978 hatte die Sorge um BIP-Einbußen ausgelöst. Aber das Verbot hat Innovation bewirkt und das Ozonloch schließt sich.

II. Bessere Alternativen zum BIP-Fetisch

Was genau wollen wir eigentlich messen? Etwa die Lebenserwartung und Gesundheit von Menschen? Wie glücklich sie sich schätzen? Chancengleichheit innerhalb unserer Gesellschaft? Dass es wenig Spannungen, Konflikte, Unruhen innerhalb unserer Gesellschaft gibt und international? Generationengerechtigkeit? Artenvielfalt und saubere Umwelt? Dann wird es wohl einen oder mehrere komplexere Indikatoren brauchen als das BIP. Der Gross National Happiness Index käme z.B. in Betracht.

1 „Gefällt mir“