Berufsarmee vs. Wehrpflicht

**

Wehrpflicht vs Berufsarmee

Warum wird hier eigentlich hauptsächlich über die Wehrpflicht diskutiert?
Viele große Nationen haben eine Berfufsarmee (USA, GB, Frankreiche, Spanien, Italien, 21 von 27 EU-Staaten). Die Berufsarmee hat viele Vorteile (siehe Wikipedia: Berufsarmee – Wikipedia).
Bei mir drängt sich der Verdacht auf, dass unsere Berufsarmee unattraktiv ist. Und für so einen Laden soll ich dann als Wehrpflichtiger arbeiten - tolle Idee :face_with_raised_eyebrow:

6 „Gefällt mir“

Gibt aber auch negative Erfahrungen. Besonders wenn man Berufssoldaten nur mit Geld bekommt, dafür die Eingangshürden senken muss, und dann auch Soldaten bekommt die man eigentlich nicht haben will.

Aber:

https://www.instagram.com/p/DSISDijjDWW/?igsh=NmlwczVkcWl5MzR0

1 „Gefällt mir“

Weil eine reine Berufsarmee für einen Konflikt, wie ihn Russland derzeit in der Ukraine führt nicht geeignet ist.

Die Ukraine hat knapp 1 Millionen Soldaten im Einsatz, bei Russland geht man von einer ähnlichen Größenordnung aus, ohne dass es dort eine umfassende Mobilisierung gegeben hätte. In einem möglichen Konflikt zwischen Russland und der EU müsste man damit rechnen, dass Russland den Kriegsfall ausruft und dann ca. 5 Millionen Soldaten zum Kriegsdienst einberuft.

Deutschland müsste also schon rein zahlenmäßig weit mehr Soldaten aktivieren, als durch eine Berufsarmee (auch einschließlich ehemaliger Berufssoldaten) zur Verfügung stünden, damit wir unseren Bündnisverpflichtungen effektiv nachkommen können.

Auch die Art der Kriegsführung, wie sie in der Ukraine stattfindet, spricht für eine Wehrpflichtsarmee mit großem Mobilisierungspotenzial. Geländegewinne werden dort eigentlich nur noch durch Infiltration durch unzureichend besetzte Linien hindurch gemacht.

Allein die Grenze zwischen Polen und Belarus hat eine Länge von ca. 418km. Wenn ich diese Länge gegen Infiltration schützen will, brauche ich alleine dafür alle 10 Meter einen Soldaten, der in einem Schützengraben sitzt. Dieser Soldat muss regelmäßig abgelöst, und durch 5 bis 10 Soldaten in der Etappe logistisch versorgt und unterstützt werden. Also brauche ich nur um diesen Grenzabschnitt effektiv zu halten eine knappe Millionen Mann. Da habe ich noch keine Verluste ersetzt oder offensive Operationen durchgeführt, die sehr viel Personalintensiver sind.

Und damit ich im Kriegsfall auch in einer angemessenen Zeit reagieren kann, muss diese Menge an Soldaten auch zeitnah verfügbar sein. Das Beispiel der Ukraine zeigt eindrücklich, dass es nicht funktioniert, “mal eben” eine Armee auszubilden. Schon alleine, weil die Ausbilder dann vermutlich an der Front gebraucht werden.

Ich brauche also ein über Jahre hinweg aufgebautes Reservoir an ehemaligen Wehrdienstleistenden, die man im Kriegsfall schnell einberufen und mit einer kurzen Auffrischung an die Front schicken kann. Im Idealfall kann ich außerdem auf eine ebenfalls recht große Gruppe an Reservisten zurückgreifen, die sich auch nach ihrem Wehrdienst zu regelmäßigen Wehrübungen und Fortbildungen verpflichten und somit kurzfristig an komplexeren Systemen einsetzbar sind. Oben drauf kommen dann die eigentlichen aktiven Berufssoldaten, die technisch sehr anspruchsvolle Systeme einsetzen und eine hohe Einsatzbereitschaft haben.

3 „Gefällt mir“

Kein Problem, hier im Forum wurde ja schon mehrfach erwähnt, dass mit Russland kein konventioneller Krieg zu erwarten ist, sondern hybride Kriegsführung.

Ich denke wenn man die staatliche Pflicht zur Verteidigung ernst nimmt, muss man sich auf beides vorbereiten. Ich sehe schon aktuell viele Indikatoren dafür, dass Russland einen kalkulierten (niederschwelligen) hybriden Krieg gegen Europa führt, auch in Deutschland.

An Putins Stelle würde ich den ab dem Moment eines „Friedens“ in der Ukraine intensivieren und parallel die Kapazitäten der russischen Streitkräfte für einen konventionellen Krieg wieder aufrüsten. Dann fehlt nur noch die passende Gelegenheit und es kracht.

Die Aufgabe deutscher und europäischer Politik ist es, präventiv dagegen zu arbeiten. Und dazu gehört eine glaubhafte konventionelle Abschreckung, die nur eine an Zahlen und Qualität überlegene Armee bieten kann.

3 „Gefällt mir“

Hallo ped,
danke für deine Antwort. Vermutlich hast du fundierte Kenntnisse. Ich verstehe deine Zahlen.
Bitte beantworte mir eine Frage:
Wie gehen Länder mit einer Berufsarmee mit so einer Situation um?
Sind sie dann nicht verteidigungsfähig?

Schließt eine Berufsarmee eine Wehrpflicht im Verteidigungsfall völlig aus?

Gar nicht. Es gibt natürlich einige Länder mit reiner Berufsarmee. Aber für die spielt das Szenario eines längeren konventionellen Konflikts gegen einen starken Gegner entweder keine Rolle (z.B. USA, UK), oder sie hätten auch mit einer Wehrpflicht keine realistische Möglichkeit, abschreckend zu wirken (z.B. Island).

Und selbst Länder wie die USA, die aufgrund einer vorteilhaften geographischen Lage traditionell auf eine Berufsarmee setzen, gehen in solchen Szenarien dann den Schritt zur Wehrpflicht (2. Weltkrieg, Vietnam).

Auch Deutschland hat bis vor kurzem ja das Konzept einer reinen “Interventionsarmee” verfolgt. Für Friedenseinsätze, kurze Eingriffe und die Sicherung von Handlungswegen ist eine Berufsarmee auch besser geeignet als die Horde Wehrpflichtiger. Aber die Bedrohungslage hat sich verändert und damit eben auch die Anforderungen.

Das Problem ist der zeitliche Ablauf. Sagen wir, die Ukraine schließt morgen Frieden mit Russland. Russisches Öl und Gas fließt wieder und spülen Geld in die russische Rüstungsindustrie. Die russische Armee könnte dann wohl jährlich einige hundert Panzer und eine sechsstellige Zahl Drohnen unterschiedlichster Größe pro Jahr neu produzieren.

Russland hat zudem eine Wehrpflicht und zieht inzwischen jährlich ca. 300.000 Wehrpflichtige ein. Putin will außerdem die Armee (also die aktiven Berufssoldaten) 2026 auf 1,5 Millionen Mann ausbauen.

Putin wäre damit in 5 bis 10 Jahren in der Lage, mehrere Millionen aktive Berufssoldaten und “frische” Wehrpflichtige mit kurzer Vorwarnung zu mobilisieren, auszurüsten und einen konventionellen Krieg gegen ein EU-Land vom Zaun zu brechen. Und da ist das Szenario, in dem Belarus auf russischer Seite in so einen Krieg einsteigt noch nicht berücksichtigt. Dass bei so einem Krieg, selbst wenn Putin “gewinnen” sollte hunderttausende Russen draufgehen spielt für ihn nachweislich keinerlei Rolle. Bisher hat sich das für ihn in der Ukraine politisch als beherrschbar herausgestellt.

Das Ziel von Deutschland muss es entsprechend sein, dass dieses Szenario nicht eintritt. Das wird nur möglich sein, wenn Putin einen Angriff für völlig aussichtslos hält und damit das Risiko verbunden wäre, dass seine Machtposition in Russland entscheidend geschwächt werden würde.

Die einzige Möglichkeit, so eine Abschreckung aufzubauen ist für europäische Länder die militärische Kapazität und die politische Einigkeit zu schaffen, mehr Soldaten, die besser ausgebildet und ausgerüstet sind schneller zu mobilisieren als das Russland kann.

Deutschland ist (neben Frankreich, Polen, Spanien und Italien) eines der wenigen Länder in der EU, die tatsächlich für die nötigen Zahlen an Soldaten sorgen können.

Wenn Deutschland aber tatsächlich glaubhaft machen möchte, dass wir innerhalb von ein paar Wochen oder Monaten zwischen 500.000 und 1 Millionen Soldaten mobilisieren und kampffähigmachen können, dann müssen diese Soldaten innerhalb der vorangegangenen 10 Jahre in irgendeiner Form ausgebildet worden sein.

Der Verteidigungsminister will derzeit die Bundeswehr auf 460.000 aktive Soldaten und mobilisierbare Reservisten ausbauen und das halte ich für eher zu tief gegriffen (s.o.). Aktuell gibt es 180.000 Soldaten und 60.000 Reservisten. Die verfügbaren Streitkräfte sollen in ihrer Zahl also mindestens verdoppelt werden, für eine effektive Abschreckung wäre vermutlich eine Verdreifachung besser. Ich halte das für unrealistisch und unbezahlbar, wenn wir das ohne einen substantiellen Anteil an Wehrpflichtigen versuchen.

7 „Gefällt mir“

Deine Argumentation beruht auf mehreren fragwürdigen Annahmen und falschen Analogien.

1. Zahlenfetisch ersetzt keine Militärstrategie
Die Vorstellung, Sicherheit lasse sich durch „Soldaten pro Meter Grenze“ herstellen, ist militärisch überholt. Moderne Kriegsführung entscheidet sich nicht im lückenlosen Besetzen von Linien, sondern durch Aufklärung, Luftüberlegenheit, Präzisionswirkung, Drohnen, Sensorik und schnelle, vernetzte Reaktionskräfte. Wäre es ein reines Zahlenspiel, wäre die Ukraine ja überrollt worden.

Deswegen hat ja die NATO auch hier NATO Force Model entwickelt. 800.000 Soldaten, davon 300.000 als schnelle Eingreiftruppe…

2. Wehrpflicht schafft Masse, aber keine Kampfkraft
Wehrpflichtige mit wenigen Monaten Ausbildung sind im Gefecht nur eingeschränkt einsetzbar. Der Ukraine-Krieg zeigt nicht, dass Masse allein gewinnt, sondern dass schlecht ausgebildete Truppen enorme Verluste erleiden -siehe russische Verluste.

3. Aktuelle Mobilisierung
Die Annahme, Deutschland müsse im Ernstfall allein Millionen Soldaten stellen, ignoriert die Realität der NATO, auch ohne USA. Bündnisverteidigung bedeutet Arbeitsteilung, nicht symmetrisches Spiegeln russischer Mobilisierungszahlen. In einem anderen Thread haben wir bereits mal Zahlen und Herleitung des Bedarfs hier diskutiert. Die NATO hat schon heute - auch ohne die USA - ein deutlich größeres Gesamtpotenzial: rund 2,1 Mio. aktive Soldaten (mit USA 3,4 Mio.) gegenüber 1,3 Mio. in Russland. In einem Podcast von t-online sagt NATO-Forschungsdirektorin und Expertin für Sicherheitsfragen Florence Gaupp „Wir brauchen die Wehrpflicht nicht zu sehr aus operationellen Gründen.“ und geht dann auf Punkte wie Abschreckung und Selbstwirksamkeit der Bevölkerung ein.

4. Wehrpflicht löst kein Zeit-, sondern überdeckt ein Qualitätsproblem
Das Argument, man könne im Krieg „nicht mal eben ausbilden“, spricht gerade gegen Wehrpflicht. Für das NATO Force Model hat Deutschland zusätzliche 35.000 Soldaten zugesagt. Seit Jahren ist die Bundeswehr wegen ihrem schlechten Zustand in der Kritik, jede Comedy Show macht darüber Witze. Für die Bundeswehr hieß es nur 50% der 181k Soldaten in „materielle Einsatzbereitschaft“, was hoffentlich allein durch das “Sondervermögen” besser wird. Der Wehrbeauftragte beklagt die Langeweile als größtes Problem in der Bundeswehr. Gut 1/4 der Zeitsoldaten bricht wieder ab, was also gut 5.000 Soldaten pro Jahr entsprechen müsste. Auf der anderen Seite werden Bewerber für die Reserve abgelehnt . Der Landesvorsitzende des Reservistenverbands spricht von 5.000 Ausbildungsplätzen die leicht zu füllen wären. Kurzausgebildete Wehrdienstleistende sind im Ernstfall schneller überfordert als hilfreich und auch hier berichten viele aus ihrer Wehrpflichtszeit vor allem von Langeweile. Als Zwischenfazit tut sich die Bundeswehr also einfach derzeit schwer, ein attraktiver Arbeitgeber zu sein, aber das hat strukturelle Gründe. Und die Hoffnung ist, das die Wehrpflicht diese Lücke stopft statt an diesen strukturellen Gründen zu arbeiten (siehe unten).

Gleichzeitig wird die Wieder-Einführung der Wehrpflicht Kosten in Milliardenhöhe verursachen (sieh z.B. Ifo). Das Geld fehlt dann wieder bei anderen Stellen - im Zweifel sogar bei der besseren Ausrüstung der Bundeswehr.

Professionelle Streitkräfte mit durchgängiger Ausbildung, funktionierenden Ersatz- und Ausbildungsstrukturen und klaren Karrierepfaden sind reaktionsfähiger. Und in Sachen Reserve: Länder wie die USA, Großbritannien oder Frankreich zeigen, dass freiwillige Reserve- und Nationalgarde-Modelle mit klaren Anreizen, guter Bezahlung und moderner Ausbildung deutlich leistungsfähiger sind.

2 „Gefällt mir“

Hallo ped,
ich fürchte du hast richtig Ahnung. :open_mouth:
Die Zahlen klingen für mich plausibel. :woozy_face:
Damit ist das Thema für mich abgehakt: Putin zwingt Deutschland zur Wehrpflicht.
Danke - habe wieder etwas dazu gelernt.

…da denkt man an Klimakatastrophe, Artensterben…und dann sowas :man_gesturing_ok:
Ich nehme mir einen Strick. I moag nimmer.

2 „Gefällt mir“

“Soldaten pro Meter Grenze” sind ein notwendiges, aber nicht hinreichendes Kriterium im Kriegsfall. das zeigt die aktuelle Situation in der Ukraine sehr deutlich für alle, die sich die Mühe machen, sich mit den tatsächlichen Entwicklungen an der Front vertraut zu machen. Ich empfehle dazu die “Lageberichte” von Torsten Heinrich.

Russland hat in der Ukraine derzeit keinen eindeutigen Vorteil in der “Aufklärung, Luftüberlegenheit, Präzision, Drohnen, Sensorien oder bei den Reaktionskräften”. Trotzdem gewinnt Russland jeden Tag einige Quadratkilometer Territorium. Warum wohl?

Weil dort minimal/gar nicht ausgebildete “Soldaten” mit einer Kalashnikov in der Hand durch die löchrigen feindlichen Linien geschickt werden. Viele von denen sterben, aber viele kommen auch durch. Die können dann im Rückraum der Linien Nachschubwege und Drohnenpiloten angreifen und Kräfte binden, was wiederum die Situation der ukrainischen Soldaten an der eigentlichen Front so sehr schwächt, dass diese irgendwann von besser ausgerüsteten und ausgestatteten Einheiten ausgeschaltet oder zurückgedrängt werden können.

Genau das passiert heute in der Ukraine täglich und systematisch. In einem Konflikt mit der NATO würde das Russland wohl wenig helfen solange die USA mitkämpft. Die USA hat die militärischen Kapazitäten und Technologie, auch auf russischem Territorium eine absolute Lufthoheit herzustellen und damit die Nachschubwege und Truppenkonzentrationen der russischen Streitkräfte wirksam von der Front zu isolieren.

Wenn die USA aber nicht mitkämpfen und unter Umständen sogar den Europäern den Nachschub abschneiden, dann sieht die Sache anders aus. Dann kämpfen wir de facto einen Stellungs-, Drohnen- und Artilleriekrieg, wie er aktuell auch in der Ukraine stattfindet. Und da hat Russland durch seine komplette Verachtung jeden Lebens einen Vorteil, den man im Zweifel durch zahlenmäßige Überlegenheit ausgleichen muss.

Natürlich muss auch an anderen Aspekten der europäischen Verteidigungsfähigkeit gearbeitet werden. Vor allem ist inzwischen klar, dass wir im Erstfall auch ohne jegliche Kooperation der USA auskommen müssen, was erhebliche Investitionen in die Fernaufklärung, Vernetzung und moderne Luft- und Bodensysteme und die Flugabwehr erfordert. Aber was hilft es mir, wenn Deutschland ein paar extrem moderne Artilleriesysteme einsatzbereit hält, wenn wir im Kriegsfall gleichzeitig nur 10% der EU-Grenze mit Russland auch tatsächlich verteidigen können.

Die Ukraine würde sich aktuell enorm über ein paar zusätzliche Battalione “Wehrpflichtige mit wenigen Monaten Ausbildung” freuen.

Ja, und irgendwer muss in dieser Arbeitsteilung auch für die “Masse” sorgen. Die Niederlande (mit 42.500 aktiven Soldaten) werden das nicht tun. Wer soll das denn leisten, wenn nicht Deutschland?

Bisher wurde davon ausgegangen, dass im NATO-Bündnisfall die USA (mit insgesamt gut 2 Millionen aktiven Soldaten und Reservisten) diese Rolle übernehmen. Tun sie jetzt aber nicht mehr. Das muss kompensiert werden.

Es geht nicht um heute, sondern um die Situation in 5 bis 10 Jahren. Russland will seine Kapazitäten bis dahin massiv ausbauen. Und gleichzeitig müssen wir davon ausgehen, dass die USA als Bündnispartner komplett ausfallen.

Ich gehe auch nicht davon aus, dass Russland die EU konventionell militärisch “besiegen” könnte. Heute nicht und auch in 10 Jahren nicht. Aber das ist im Zweifel auch nicht das Ziel Putins. Der ist doch völlig zufrieden damit, sich von der EU alle paar Jahre Scheibchenweise was abzuschneiden. Und jeder “heiße” Konflikt würde mit enormen Verlust an Menschenleben und viel menschlichem Leid einhergehen.

Das gilt es zu verhindern. “Prävention” ist das Stichwort, nicht nur irgendwie “Überleben”. Dazu muss die EU aus eigenen Mitteln eine russische Aggression völlig unrealistisch erscheinen lassen. Und hierzu braucht es – gerade bei einem Gegner wie Putin, dem das Leben der eigenen Leute nichts wert ist – eben auch die schiere Masse, die man im Ernstfall kurzfristig mobilisieren und einsetzen kann.

5 „Gefällt mir“

Dein Argument läuft im Kern darauf hinaus, dass man Russlands Massenmobilisierung nur mit eigener Masse beantworten könne und daher die Wehrpflicht alternativlos ist. Ich persönlich werde immer sehr misstrauisch, wenn einem etwas als „alternativlos“ verkauft werden soll - wie es leider bei der Lage in den letzten Folgen immer wieder präsentiert wird. Eine Wehrpflicht löst das Zeitproblem ja nicht, sondern verschiebt es oder verschärft es sogar – Ausbildungskapazität, Ausrüstung und Führung fehlen dann trotzdem oder müssen parallel aufgebaut werden.

Das NATO-Force-Model, was ja WEGEN der neuen Bedrohungslage erstellt wurde, geht nicht von flächendeckender Linienbesetzung durch Infanterie aus, sondern von gestaffelten, schnell verlegbaren, hoch integrierten Kräften mit klar definierten Reaktionszeiten (bis 10, 30 und 180 Tage). Abschreckung entsteht dabei nicht durch „Soldaten pro Meter“, sondern durch die Fähigkeit, rasch einsatzfähige Verbände mit Führung, Luftschutz, Logistik und Feuerkraft bereitzustellen. Masse ist Teil des Modells – aber als organisierte, geübte Reserve, nicht als mittelfristig aktivierbares Personal aus Zwangsdienst.

Der Ukraine-Krieg zeigt nicht, dass Wehrpflicht militärisch überlegen ist, sondern dass Russland bereit ist, extreme Verluste zu akzeptieren. Dieses Modell ist für Demokratien weder politisch tragfähig noch militärisch sinnvoll. Dass die Ukraine heute zusätzliche, auch nur grundausgebildete Bataillone einsetzen würde, ist kein Beleg für deren militärische Effizienz, sondern Ausdruck existenzieller Not. Aus einer Notlage eine strategische Blaupause abzuleiten, halte ich für falsch. Im Gegenteil zeigt die Ukraine sehr deutlich, wie teuer schlecht ausgebildetes Personal ist: hohe Verluste, geringe Haltedauer, enorme Belastung für Logistik und Moral. Eine Armee, die auf diesem Prinzip aufbaut, erzeugt im Ernstfall vor allem Verwundete und Gefallene – aber keine Abschreckung. Und ob Russland vs. Ukraine auf Augenhöhe sind bei Luftüberlegenheit, Drohnen und anderem Material wage ich auch zu bezweifeln.

Also als ALTERNATIVE, die durchaus auch in einer Lage-Folge diskutiert werden könnte:
Wenn Europa – und Deutschland – künftig mehr Verantwortung übernehmen müssen, dann ginge das auch durch strukturelle Stärkung der Berufsarmee: höhere Personalstärke durch sehr gute Bezahlung von Freiwilligen, bessere Bindung - finanziert auch über Einsparungen aus dem Fehlen der Wehrpflicht. Echte Durchlässigkeit in ein verpflichtendes, regelmäßig übendes Reservistenmodell, volle Ausstattung und klare Einbindung in das NATO-Force-Model. Das schafft echte Masse dort, wo sie zählt: einsatzbereit, vernetzt und abschreckend. Abschreckung wirkt, wenn der Gegner weiß, dass jede Eskalation sofort auf funktionierende Verbände trifft – nicht auf Mobilisierungspläne.

1 „Gefällt mir“

Hallo Jan74 und ped,
das Thema scheint doch kontroverser als ich dachte - ups :hushed_face:
Rein moralisch liege ich natürlich bei Jan74 (LdN 458 "Dann verpisse ich mich" - #78 von ManniMammut).

Entschuldige ped für mich klingt das, als wolle man das menschenverachtende (viele Tote), russische Model kopieren. Da fühle ich mich als Wehrpflichtiger noch mehr als Kanonenfutter. :anguished_face:

1 „Gefällt mir“

Wie wäre das bei einer Berufsarmee? Da es sich da ja um Freiwillige handelt, würden wir da die moralische Messlatte hinsichtlich „Verheizen“ genau so hoch legen?

1 „Gefällt mir“

Die gesamte Idee hinter “Abschreckung” ist, dass man am Ende nicht kämpfen muss. Abschreckung muss aber glaubhaft sein. Und aus Putins Sicht, fürchte ich, müssen wir für Glaubhaftigkeit demonstrieren können, dass sich Provokationen und Angriffe nicht lohnen.

Nochmal: wir müssen uns keine Szenarien ausdenken. Wir können einfach beobachten, was in der Ukraine passiert. Und dort sterben heute und in diesem Moment jede Menge ukrainische Soldaten, weil es niemanden gibt, der die 20 Meter rechts und links von ihnen wirksam unter Kontrolle hält.

Es geht um genau das Gegenteil. Wenn ich als Soldat im Schützengrabe oder in einem Keller in einer umkämpften Ortschaft sitze um zu verteidigen (denn darum ginge es ja in jedem Falle), dann fühle ich mich erheblich sicherer, wenn ich weiß das zwei Kameraden direkt bei mir sind und ich mich darauf verlassen kann, dass zwischen uns und der nächsten Stellung niemand durchschlüpft, der mich dann beim Rückzug oder der Rotation abschießt (oder der den Drohnenpiloten 1km hinter der Frontlinie abknallt, der mich vor den feindlichen Drohnen schützt und über Feindbewegungen aufklärt).

Nichts ist alternativlos. Habe ich auch nie behauptet. Aber jede Handlung hat Konsequenzen und die kann man nicht einfach wegdiskutieren.

Wenn Russland die EU angreift und die USA nicht zur Hilfe eilen (und mit beidem müssen wir halt rechnen), dann haben beide Seiten spezifische Vor- und Nachteile:

  • Die EU-Streitkräfte verteidigen und Verteidigung bringt immer strategische Vorteile. Man kann Stellungen vorbereiten, man kämpft auf eigenem Gelände, hat kurze Versorgungslinien, etc.
  • Der Durchhaltewillen der EU-Staaten wird aber wesentlich von den eigenen Verlusten bestimmt. Eine Demokratie ist nicht beliebig bereit, die eigenen Kinder zu verheizen. Genau wie in der Ukraine müssten auch die EU-Generäle den operativen Erfolg einer Aktion stets mit den zu erwartenden Verlusten (die es immer geben wird) abwägen.
  • Russland hat dagegen eine funktional unendliche Reserve. Putin hat im Zweifel schlicht keine Scheu, irgendeinen armseligen Hansel aus Sibirien zu zwingen oder zu überreden, sich für die Armee zu melden, ihm eine Kalashnikov in die Hand zu drücken und auf gut Glück ins feindliche Feuer zu schicken. Langfristig zerstört das die russische Demographie. Aber für ein paar Jahre Krieg kann Putin beliebig viele Landsleute an der Front verheizen.

Wenn Europa nicht durch die Logistik, Luftwaffe, Fernaufklärung und (!) die schnell mobilisierbaren, zahlenmäßig starken Truppen aus den USA unterstützt wird und diese Kapazitäten nicht selbst aufbaut, dann wird folgendes passieren:

  • Die an der EU-Außengrenze eingesetzten Truppen und ihr Nachschub wird durch massive Angriffe der zahlenmäßig überlegenden, qualitativ unterlegenen Streitkräfte Russlands an ihren Schwerpunkten gebunden.
  • Kleine und große Drohnen (bei denen Russland die absolute Übermacht hat) werden Nachschub und Mobilität im direkten Umfeld der Front massiv einschränken.
  • Offensive Operationen zur Entlastung werden kaum möglich sein, weil die damit einhergehenden Verluste nicht kurzfristig ersetzt werden können.
  • Russland erobert unter enormen eigenen Verlusten durch das Durchsickern durch die EU-Linien nach und nach kleinere und größere Gebiete. Aus Angst vor Einkesselung und den damit einhergehenden Verlusten ziehen sich EU-Truppen aus solchen Gebieten zurück und versuchen (vergeblich) eine stabile Front zu errichten.
  • Irgendwann bietet Putin einen Waffenstillstand, den deutsche/französische/italienische Politiker wegen Druck aus der eigenen Bevölkerung aufgrund zunehmender Verluste und Schreckensgeschichten aus dem Drohnen-Sperrfeuer annehmen. Die Waffenstillstandslinie belässt erhebliche Gebiete in russischer Hand, was Putin damit rechtfertigt, dass dort ohnehin in erster Linie “Russen” leben.
  • Ein paar Jahre später wiederholt sich das Ganze.

Nochmal: das ist keine Phantasie, genau das passiert in der Ukraine seit 2014.

6 „Gefällt mir“

Die NATO-Planungen gehen davon aus, dass im Bündnisfall hunderttausende US-Soldaten zügig an die Front verlegt werden und US-Luftwaffeneinheiten Lufttanker, Flugzeugträger, Lenkwaffen und Fernaufklärung dem Feind schon kurz nach Kriegsausbruch die Handlungsfreiheit nehmen. Nimm die USA aus der Gleichung und die aktuellen EU-Streitkräfte stehen auf einmal nicht viel besser da als die gegenwärtige ukrainische Armee (vermutlich in der Praxis schlechter, weil wir keine Drohnen haben, keine Kampferfahrung und nicht ansatzweise so gut befestigte Stellungen).

Ja, wenn die USA ihren Bündnisverpflichtungen nachkommen, dann sehe ich da auch kein Problem. Aber zur Abschreckung taugen die USA heute schon nicht mehr (weil wir uns nicht auf sie verlassen können und Putin das weiß) und geht ja darum, einen Konflikt zu verhindern. Das man ihn am Ende gewinnt, darüber freuen sich die Toten auch nicht.

3 „Gefällt mir“

Dein Szenario setzt implizit voraus, dass es ohne die USA nur zwei Zustände gibt: heutige EU-Streitkräfte oder ukrainische Verhältnisse. Genau das halte ich für das eigentliche Problem deiner Argumentation.

Das NATO Force Model ist ja gerade die Antwort auf die Unsicherheit der USA: höhere Readiness, klar definierte Reaktionskräfte, stärkere europäische Führungs-, Luftverteidigungs- und Logistikfähigkeiten. Es zielt nicht darauf ab, die USA zu ersetzen, sondern die europäische Abschreckungsfähigkeit strukturell zu erhöhen. Dass Europa hier massiv Defizite hat, bestreitet niemand - aber daraus folgt nicht automatisch Wehrpflicht, sondern zuerst die Frage, wie wir Streitkräfte organisieren. Das habe ich aber schon alles ausgeführt.

„Nicht viel besser als die Ukraine“ greift zudem zu kurz. Europa hat:
- funktionierende Bündnisstrukturen
- industrielle Tiefe
- technologische Überlegenheit in vielen Bereichen
- und vor allem Zeit für Vorbereitung, die die Ukraine nicht hatte

Das Kernproblem ist nicht fehlende Wehrpflicht, sondern fehlende Einsatzfähigkeit. Eine Wehrpflicht löst davon wenig, bindet aber enorme Ressourcen in Ausbildung und Verwaltung.

Abschreckung entsteht nicht dadurch, dass man theoretisch Millionen Menschen einziehen könnte, sondern dadurch, dass ein Gegner weiß, dass er sofort auf kampffähige, integrierte Verbände trifft.

Hallo Mike,
danke für die Nachfrage.
Ich fasse mich kurz und teile die Antwort in 2 Teile:

  1. Wehrpflicht als Ergänzung zu Jan und ped
  2. moralische Messlatte
  1. Wenn Experten der Meinung sind, dass Wehrpflicht sein muss, dann gibt es da auch Grauzonen. Meine Meinung:
    Keine Wehrpflichtigen an der Front, weil sie dort
  • nutzlos sind
  • die Profis stören
  • sich und Andere gefährden

Wehrpflichtige sollten den Support hinter der Front machen.

2) die moralische Messlatte
Meine langweilige Antwort entspricht dem Gesellschaftlicher Konsens vermute ich:

  • keine moralische Messlatte, Zaun oder Mauer
  • Freie Meinungsbildung
  • Freie Meinungsäußerung
  • Freie Entscheidung
  • Freies Handeln bis die Freiheit anderer verletzt wird
  • Freies Handeln bis sinnvolle Gesetze ein Limit setzen
  • Freies Handeln bis Experten ein Limit setzen

Beantwortet meine Frage allerdings nicht konkret.
Anders gefragt: wenn Freiwillige an vorderster Front kämpfen, um die Wehrpflichtigen hinter der Front einsetzen zu können, ist uns Leben und Gesundheit dieser Freiwilligen weniger wert, weil diese sich freiwillig zum Dienst an der Waffe entschlossen haben, um die Menschen in Deutschland zu verteidigen?

1 „Gefällt mir“

Die USA haben gerade auf der Arbeitsebene die Zusammenarbeit zwischen dem Pentagon und dem deutschen Verteidigungsministerium eingestellt. Wenn die bei einem Bündnisfall sagen “unsere Kommunikationswege und organisatorischen Ressourcen dürft ihr nicht nutzen”, was bleibt von den Bündnisstrukturen – auch innerhalb Europas – dann noch übrig?

Die Momentan nicht mal den Bedarf der Ukraine an Artilleriegeschossen decken kann und praktisch keine der in der Ukraine tatsächlich an der Front eingesetzten Drohnen produziert.

Die meisten europäischen Luftstreitkräfte (Ausnahme Schweden und Frankreich) schaffen mit dem F35 gerade ein Kampfflugzeug an, das ohne Kooperation der USA keine Woche im Kriegseinsatz genutzt werden kann.

Die ganze EU zusammen kann aktuell vielleicht 100 Kampfpanzer im Jahr neu bauen, Russland heute schon ein vielfaches davon.

Die einzige (glaube ich) aktuell in der europäischen Union produzierte Marschflugkörper (Joint Strike Missile) ist ein Norwegisch-Amerikanisches Projekt.

Das Patriot-System als wesentliche Kapazität zur Abwehr ballistischer Raketen wird in den USA hergestellt, genauso wie die zugehörigen Raketen.

Europa hat nur eine sehr eingeschränkte eigenständige Kapazität, Aufklärungssatelliten zu produzieren und ins All zu bringen. Anders als Russland und die USA können europäischen Militärs feindliche Satelliten auch nicht effektiv bekämpfen.

Ich sehe die “industrielle Tiefe” in Europa ehrlich gesagt nicht. Auch hier sind wir maßgeblich auf die USA angewiesen.

Ja, absolut. Aber der Kampf im Schützengraben hat sich in der Ukraine als überraschend low-tech herausgestellt. Mit Ausnahme der POV-Drohne (von denen es in europäischen Streitkräften keine nennenswerten Anschaffungen gibt), wird dort im wesentlichen noch genauso gekämpft wie vor 50 Jahren: Artillerie, Sturmgewehr und Handgranaten.

Die aber genauso Russland zur Verfügung steht.

Ich würde in den Raum stellen, dass wir beides gleichzeitig lösen müssen: Einsatzfähigkeit und die Kapazität, auch einen Einsatz “in der Breite” zu realisieren.

Stimme ich voll zu. Aber nochmal: die EU-Streitkräfte könnten heute die Ukraine auf sich selbst gestellt meiner Ansicht nach nicht effektiv verteidigen, auch weil sie (genau wie die ukrainischen Streitkräfte) nicht genug Manpower haben.

Ähnlich wie die Ukraine hätten wir im Konfliktfall den Anspruch, dass wir nicht “einfach so” EU-Land und -Bürger in russische Hände fallen lassen dürfen. Das gelingt am Ende nur, wenn wir die Grenze auch sichern können. Und dazu muss man jemanden mit einem Gewehr in der Hand dort in einen Graben setzen, technologische Überlegenheit hin oder her.

2 „Gefällt mir“