Beim E-Auto abgehängt, Framing zur Verkehrswende

Du hast ja recht, aber was heißt das genau? Wieviel unkomfortabler oder länger ist zumutbar,
Mal so als Anhalt?

Gegenfrage: und warum sollte das mit konsequenter Elektrifizierung nicht möglich sein?

Daneben glaube ich, dass die Alternative nicht unkomfortablere und langsamere Mobilität wäre, sondern schlicht weniger Mobilität. Das halte ich nicht für mehrheitsfähig (siehe auch EU-Wahlergebnis).

Wenn Du eine Zahl willst: Unter heutigen Bedingungen mindestens Faktor 1,5. Für Urlaube auch mehr. Ich meine, das sollte es uns wert sein.
Allerdings bin ich auch der Meinung, dass wir insgesamt zu viel arbeiten. Nicht individuell. Aber als Gesellschaft. Wir produzieren zu viele Dinge, die komplett unnötig und gleichzeitig umweltschädlich sind. Für die machen wir noch Werbung, fahren die durch die Gegend, etc.
Wenn ich aber aufeinmal von einer Vier- oder gar einer Dreitagewoche rede, dann darf doch auch das Pendeln deutlich länger dauern, weil die Zeit über die Woche gleich bleibt. Gleichzeitig habe ich auch mehr Zeit für Urlaubsreisen oder Ausflüge und kann auch hier entsprechend längere Reisezeiten in Kauf nehmen.

Das Problem ist, dass wir uns einzelne Komponenten eines komplexen Systems rausnehmen, diese diskutieren, dabei aber die Wechselwirkungen mit anderen Themen vernachlässigen.
Die Mobilitätswende ist nur ein kleiner Teil des Bildes. Und der ist für viele nicht attraktiv, wenn man nur auf das eigene Mobilitätsbedürfnis schaut. Verstehe ich, geht mir auch oft so.
Wobei ja auch die Mobilitätswende für viele, die z.B. an vielbefahrenene Straßen wohnen, schon jetzt konkrete Verbesserungen bieten würde.

Attraktiv wird erst das Gesamtbild. Es gibt ja Entwürfe für eine klimaneutrale Gesellschaft. Die sind aber komplex und sich darauf einzulassen erfordert Motivation, Zeit und Phantasie. Und ich glaube daran scheitern wir im Moment.

Dazu erstmal meine Prämisse: Aus meiner Sicht sollte der klimaneutrale Lebensstandard den wir für Deutschland anstreben dadurch begrenzt sein, dass er global umsetzbar wäre. Wenn aber alle Länder auf das gleiche Mobilitätslevel wie Deutschland kämen und das strombasiert, brauchen wir dazu enorme Mengen an Ressourcen und erneuerbarer Energie. Das halte ich ressourcentechnisch für nicht darstellbar. Ich mag mich aber irren.
Wenn wir nur von Deutschland reden, mag es möglich sein. Klimaschutz erfordert aber globale Zusammenarbeit und die ich sehe ich nicht, wenn wir an den Wohlstandsunterschieden festhalten und diese verteidigen.
Der zweite Grund, warum ich es für Deutschland kritisch sehe ist, dass wir eigentlich sehr schnell klimaneutral werden müssten. Dazu brauchen wir sehr viel saubere Energie.
Und solange wir die nicht haben, stellt sich schon die Frage, ob wir saubere Energie für den Transport eines einzelnen Individuums insbesondere zu Luxuszwecken verwenden oder erstmal zum Heizen, in der Landwirtschaft oder in der Industrie.

Zusammengefasst: Es mag denkbar sein, dass die E-Mobilität das zu leisten im Stande ist, ich halte es aber langfristig für unwahrscheinlich und kurz- bis mittelfristig für ausgeschlossen.

Ich glaube das sind alles hehre Ziele, die realpolitisch aber nicht durchsetzbar sind. Menschen mögen 1) keine drastischen Veränderungen und sind auch nicht zu 2) freiwilligen Wohlstandsverlusten bereit.

Zu 1: Man muss doch nur schauen auf wie viel Ablehnung bereits die E-Mobilität stößt und da Bedarf es im Nutzererleben lediglich kleinerer Anpassungen. Der von dir skizzierte Weg wäre ein noch viel massiverer Eingriff. Ich denke das ist nicht mehrheitsfähig und birgt die Gefahr, dass am Ende gar nichts passiert.

Zu 2: Wie populär wäre beispielsweise ein Klimasoli (der unabhängig vom Einkommen bezahlt werden muss) mit dem Klimaprojekte im Rest der Welt finanziert werden? Keine 10%.

Ich glaube, das ist eher ein viel wiederholter Mythos. Für die Elektrifizierung gibt es dazu Forschungsarbeiten: Yes, we have enough materials to power the world with renewable energy | MIT Technology Review

Dort wurden BEV erstmal ausgeklammert, allerdings sagt einer der beteiligten Forscher Folgendes:

Even considering battery materials, the basic takeaway is the same, Wang says: the world’s reserves of the materials needed for clean energy infrastructure are sufficient for even the highest-demand scenarios.

Für BEV wurde jedenfalls abgeschätzt, dass die Nachfrage (ist selbstverständlich ein anderer Wert als das hypothetische 1:1-Ersetzen von Verbrennern) für die nächsten Jahre locker befriedigt werden kann: Enough raw metals to make 14 million… | Transport & Environment

Ob man das angesichts der Begleiterscheinungen für wünschenswert hält, ist eine andere Frage.

Ich favorisiere auch eine Verkehrswende, die andere Verkehrsmittel stärker in den Blick nimmt. Ein eigenes Auto wäre jedenfalls für mich in der Großstadt eher eine Belastung als eine Hilfe, die Autos der anderen sind durch Lärm, Abgase, Platzverbrauch und lokale Erhitzung eine Belastung. Manches davon würde aber auch durch E-Autos schon deutlich besser - finde es immer traurig, dass die Transition zum E-Auto einzig und allein mit dem Klimaschutz als Vorteil verbunden wird. Das zur Qualität.

Zur Geschwindigkeit würde ich sagen, dass die Geschwindigkeitseinbußen auch nicht unversell sind. Viele Langstrecken zwischen Städten sind mit dem Zug schon jetzt schneller absolviert und kurze Strecken sind mit dem Fahrrad viel besser zurückzulegen. Trotzdem wird da noch sehr viel aufs Auto gesetzt - dass alle nur finanzielle Kosten & Zeit berücksichtigen und dann berechnend entscheiden würden, stimmt in diesem Bereich einfach nicht (wir kennen bspw. das Phänomen, dass Autoeigentümer:innen die Kosten stark unterschätzen, PM zur Studie hier). Auch die Verkehrs- und Autokultur spielt hier eine Rolle. Letztlich ist mE eine Mischung aus Ausbau der Verkehrsinfrastruktur für andere Verkehrsmittel, einem Kulturwandel und E-Mobilität notwendig. Beim Kulturwandel mögen es manche Verzicht nennen. Ich halte Entschleunigung in vielen Hinsichten für treffender - wir passen uns der Geschwindigkeit an, mit der wir Energie von der Sonne bekommen, statt gespeicherte Energie von Millionen Jahren in Sekundenschnelle zu verfeuern.

Wenn das die Prämisse von „Realpolitik“ ist, dann gute Nacht. Dann brauchen wir Themen wie militärische Sicherheit, Klimaschutz, Fachkräftemangel, Alterssicherung - nur um vier Beispiele zu nennen - erst gar nicht angehen. Denn die Lösung dieser gewaltigen Herausforderungen sind alle nur „zu einem Preis“ zu haben.

Leider ist genau diese Prämisse heute Grundlage der Politik. Sieht man an dem fast völligen Fehlen von Führungs- und Gestaltungsanspruch (oder dem populistischen Herumgehacke mit dem meist absurden Vorwurf der „Freiheitseinschränkung“ auf diejenigen, die das versuchen).

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ja, aber dazu muss Dir das Auto ja nicht gleich gehören ⇒ Car-Sharing

Muss nicht so sein - hier mal ein tolles Beispiel: 49-Euro-Ticket-Mann: „Schlimmste Ort ist das Frankfurter Bahnhofsviertel“

Ich will Car-Sharing ja auch nicht verbieten. Niemand sollte ein Auto besitzen müssen, obwohl er es nicht will. Wenn es Angebote gäbe, die im Kosten-/Nutzenverhältnis für meine Situation besser wären, würde ich die natürlich auch in Betracht ziehen.

Ich habe übrigens auch ein eigenes Fahrrad, obgleich es entsprechende Bike-Sharing Angebote gibt (die ich auch gelegentlich nutze).

Wer das will, soll das so machen. Aber da besteht das ist schon ein massiver qualitativer Unterschied.

Geht das wirklich gut? Als Fußgänger kann ich mir das vorstellen. Wenn ich mit 2 Tonnen Blech rumfahre, konzentriere ich mich darauf, um niemanden umzubringen.

(Beitrag gelöscht)

Bei dieser Diskussion um Mobilität landen wir im Grunde immer bei folgenden Erkenntnissen:

  1. Das Verbrenner-Auto hat hinsichtlich Klimaschutz und Effizienz im Grunde keine Zukunft.

  2. Die Individual-Mobilität in Form eines eigenen Autos ist finanziell und besonders innerstädtisch zu teuer und zu belastend (Luft, Stress, Zeit im Stau,…)

  3. Der ÖPNV ist teils eine Alternative, was Einfachheit (mit Deutschlandticket), Bequemlichkeit und Zeit angeht. Hat aber auch Lücken bei Verfügbarkeit, Infrastruktur, Zuverlässigkeit und teils Kosten.

  4. Das E-Auto als Verbrenneralternative fährt lokal Emissionsfrei, leise, hat weniger Wartungsaufwand, aber ist noch teuer, deckt noch nicht alle Automobilen Wünsche (wie Kleinwagen) breit genug ab, und das Ladenetz hat noch große Lücken.

4b. Das eBike ist toll. Bis 25 km ohne Schnee oder Starkregen.

  1. Die Politik zeigt noch keinen wirklichen Willen zur Verkehrswende, trotz guter Ideen.

  2. Die Menschen in Deutschland aus Bequemlichkeit oder Mangel an Alternativen zeigen daher wenig Wille zur Veränderung.

Und da versandet die Diskussion meist.

Oder übersehe ich etwas?

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Ich könnte mir perspektivisch eine smarte Maut gut vorstellen. Mit verschiedenen Zonen und vor allem einem Grundpreis, vielleicht sogar noch mit Zuschlag für sehr kurze Fahrten.

Der Grundpreis richtet sich dann immer nach der teuersten Zone die man berührt. Der kilometerabhängige Satz nach der Zone in der er absolviert wird.

Somit könnten 2 km von Dorf A nach Dorf B bedeutend günstiger sein als 2 km in der Großstadt.
Gerade innerorts könnte man auch Uhrzeit als Faktor mitnehmen um Fahrten zur Rush Hour weniger attraktiv sein zu lassen.

So ließe sich Lenkung durch Maut realisieren ohne vorwiegend die zu bestrafen die keine sinnvolle Alternative haben.

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Das mit den Alternativen ist der entscheidende Punkt.
Sonst bestraft man Menschen für Versäumnisse des Staates bei der Infrastruktur.
Könnte auf verhaltene Akzeptanz stoßen.

Aber sonst eine Option

Wenn man sich die Wahlen anschaut ist das alles eh nur ein Gedankenexperiment. Die Mehrheit der Bevölkerung will es nicht und die kommende Regierung will es auch nicht umsetzen. Das Rad der Elektrifizierung wird es nicht aufhalten aber es wird keine Radikalen Weichenstellungen durch die Politik kommen. Ehrlich gesagt, mir wäre gerade eine Politik wichtiger die die Unzufriedenheit einfängt als die Leute nach Rechts zu drängen. Auch wenn das Anliegen wichtig ist…

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Das erfordert aber ein staatliches Überwachungssystem, das sich gewaschen hat. Da brauchen wir uns vor China nicht mehr verstecken.

Nach Einführung kommt dann die afd an die Macht und fängt an es „anders zu nutzen“.
Nein, danke!

Kenne das vom Italienurlaub. Man hat ein Ticket gezogen beim rauffahren und das dann beim abfahren gescannt und bezahlt. Wer das anonym machen will, stellt sich in die Barzahlerschlange. Du wirst sehen, den meisten geht dann Komfort vor Datenschutz.

Ich bin kein IT-Experte aber es gibt ja Möglichkeiten Daten so zu verarbeiten, dass aus den Daten die gespeichert werden keine Rückschlüsse auf die Person gezogen werden können. Wie das genau umgesetzt wird wäre natürlich die Herausforderung für ein solches System.

Und wahrscheinlich kann man aus den Kreditkartentransaktionen mehr Rückschlüsse ziehen als aus einem solchen System.