Nur wenn die Formulierung eines Dissenses lediglich der Selbstbestätigung dient. Du schließt m. E. ohne Grund die Möglichkeit aus, dass dies auch beim Gegenüber etwas bewirken kann bzw. reduzierst diese Wirkung aufs Überzeugen. Zudem bleibt als dritte Option ja auch noch eine Wirkung auf Dritte.
Wenn es richtig ist, Menschen nicht zu respektieren, weil sie andere (vermeintlich) nicht respektieren, wäre es derselben Logik folgend ja auch richtig, Diebe zu bestehlen oder Betrüger zu betrügen. Konsequenz durchgesetzt ist das nicht die Durchsetzung einer Norm, sondern deren gezielte Erosion.
Bestenfalls „funktioniert“ es als Normerhaltung nur, wenn man sich selbst per se immer als Norm definiert, deren Einhaltung durchgesetzt werden muss - wenn man also voraussetzt, dass eine Abweichung von der Norm nur von anderen kommen kann. Da kommt bei mir dann schon der Verdacht auf, dass es nicht wirklich um die Norm geht, sondern um das eigene Selbstbild.
Nachtrag: Es handelt sich um zwei verschiedene Dinge. Stell dir vor, du lächelst dein Kind die ganze Zeit an, während du es zurechtweist, weil es etwas ziemlich Übles gemacht hat. Nennt sich auch Double-bind. Ich würde wetten, dein Kind empfindet nicht, dass das, was es getan hat, besonders schlimm gewesen ist.
Was sind denn die anderen wundersamen Wirkungen, die du dir erhoffst? Vielleicht kannst du dann auch die weiteren Gründe (s. o.) noch nachreichen.
Nein, es bedeutet zunächst nur, normwidriges Verhalten zu sanktionieren. Solche Sanktionen sind selbstverständlich unterschiedlich. Aus guten Gründen gibt es z. B. keine Todesstrafe für Mörder.
Das ist nichts weiter als eine, wenn auch als Vermutung geäußerte, Unterstellung.
Es sollte möglich sein, sich in einer Gesellschaft mehrheitlich auf bestimmte Normen zu einigen.
Oder würdest du sagen, dass es nicht sanktioniert werden sollte, wenn jemand z. B. rassistische Beleidigungen wie das N-Wort benutzt?
Mindestens darauf sollten wir uns doch einigen können, oder nicht?
Wenn es aber solche Normen anständigen Verhaltens gibt und Normverstöße auch geahndet werden, dann ist nur noch die Frage, wo man die Grenze ziehen will.
Deine Grenze liegt offenbar woanders als meine. Darüber kann man diskutieren. Aber all das hat nichts mit persönlichen Befindlichkeiten zu tun.
Der Diskussion, die Aufnahme palästinensischer Kinder als „Import von Problemen“ zu framen?
Zur „Diskussion“ ist weiter oben schon alles Nötige geschrieben worden.
Ich weiß nicht, warum du hier von „Wundern“ sprichst und ich frage mich etwas, welches Verständnis von Kommunikation du zugrunde legst. Ich finde es jedenfalls sehr viel naheliegender anzunehmen, dass ein Gegenüber meine Aussage zur Kenntnis nimmt und sich seinen eigenen Reim drauf macht (was auch immer das dann bedeuten mag) als dass sie ihn überzeugt.
Das funktioniert aber nur, wenn ich mich selber per se in der Rolle des Sanktionierenden sehe. Aber mit welcher Begründung spreche ich dann einem so sanktionierten wiederum ab, mein sanktionierendes Verhalten ebenfalls zu sanktionieren, sprich: Wenn A beschließt, B nicht mehr zu respektieren, weil B sich respektlos über C geäußert hat, könnte B mit genau derselben Begründung fortan A den Respekt verweigern. Die Wahrscheinlichkeit, dass B sagt: „Das war ja nur eine völlig legitime Sanktionierung meines Fehlverhaltens, also verdient A weiter meinen vollen Respekt“ halte ich für sehr gering. Das setzt ja genau das voraus, was du für unmöglich hälst, nämlich dass das Gegenüber sich durch meine Ausasge überzeugen lässt - und das auch noch trotz offensichtlich fehlendem Respekt.
Das passiert ja auch ständig, aber es geschieht eben in fortwährender Aushandlung, was wiederum Kommunikation voraussetzt. Und ich bleibe dabei: Diese funktioniert wesentlich besser mit gegenseitigem Respekt voreinander.
Mein Ziel wäre eher, dass möglichst niemand mehr solche Beleidigungen verwendet. Ob das am ehesten erreicht werden kann, indem ich Menschen, die sie (aus was für Gründen auch immer) verwenden, nicht mehr respektiere, finde ich fraglich. Auf einer gesellschaftlichen Ebene sehe ich jedenfalls nicht, dass diese Strategie zu dem von mir genannten Ziel führt.
Diese Formulierung klingt für mich nicht danach, als hättest du ein Interesse daran zu verstehen, wie dieser Verdacht bei mir entsteht. Nur zur Klarstellung: Er ergibt sich nicht aus irgendwelchen Mutmaßungen (aka Unterstellungen) zu deiner Person, sondern aus deiner Argumentation: Die positive Wirkung, die du der negativen Sanktionierung unterstellst, kann diese ja nur haben, wenn ich voraussetze, dass die sanktionierende Instanz selbst nichts tut, was seinerseits negativ sanktioniert werden müsste bzw. könnte.
Dass du auf diese bereits vorgebrachte Herleitung meines Verdachst bei deiner Replik überhaupt nicht eingehst, zeigt übrigens schon eine der m. E. häufigsten bzw. erwartbarsten Reaktionen auf Aussagen anderer in der Kommunikation, nämlich Ignorieren bzw. nicht nur Kenntnis nehmen.
„Ich = Fakten“ vs. „Du = Bauchipedia“ und „Du = rechte Talking Point“ … das ist halt keine inhaltliche Auseinandersetzung. Passiert auch mir hin und wieder.
Falls doch, wird diese Person - und ich schließe mich da selbstverständlich mit ein - eben auch zurecht sanktioniert.
Es geht nicht um Einsicht. Es geht darum, dass Menschen soziale Wesen sind, die von anderen Menschen Anerkennung bekommen wollen.
Wenn jemand weiß, dass er von anderen Menschen sozial sanktioniert wird, wenn er sich z. B. rassistisch äußert, wird er eher geneigt sein, solche Äußerungen zu unterlassen - auch wenn er weiterhin rassistisch denkt.
Das Problem ist doch, dass Leute ihren Rassismus in mittlerweile sehr vielen Fällen mehr oder minder offen artikulieren.
Das hat m. E. viel damit zu tun, dass die Grenzen des Sagbaren immer mehr geöffnet wurden. Frühere Grenzen des Anstands - und da bin ich mal in puncto Menschenfeindlichkeit ganz konservativ - wurden mindestens weit verschoben.
Und dann meinten viele noch, auf Rassisten ‚sozialtherapeutisch‘ einwirken zu müssen, nach dem Motto: ‚Du bist doch eigentlich gar kein Rassist, du hast doch eigentlich ein ganz anderes Problem. Wie können wir dir helfen?‘
Plötzlich genossen diese Leute eine Aufmerksamkeit und mitunter auch Fürsorglichkeit, die sie vorher nicht erfahren hatten. Und das wirkt eben belohnend.
Der sächsische Ministerpräsident hat sich den Popo abgetourt, um den ‚armen Abgehängten‘ zuzuhören, Verständnis zu zeigen und ihnen ihre ‚wahren Probleme‘ abzulauschen.
Das Ergebnis waren zuletzt 37,3 % für die gesichert rechtsextremistische AgD.
So wirklich funktioniert hat also das Respekterweisen nicht. Und ich bin mir sicher, dass Kretschmer auch respektvoll inhaltlich widersprochen hat.
Obwohl die Aussage Einstein fälschlich zugeschrieben wurde:
Die Definition von Wahnsinn ist, immer wieder das Gleiche zu tun und andere Ergebnisse zu erwarten.
Der Punkt ist doch folgender: Wenn die Form der Sanktionierung einer Normverletzung selbst normverletzend ist, und daher die sanktionierte Person ihrerseits legitimiert ist, wiederum das Verhalten der sanktionierenden Person zu sanktionieren, ist der Effekt eben keine Aufrechterhaltung der Norm, sondern genau das Gegenteil: deren Erosion.
Das funktioniert m. E. nur, wenn man das Ganze als einseitigen Prozess behandelt, bei dem es nur eine einseitige Sanktionierung einer rassistischen Äußerungen gibt, aber die Art und Weise der Sanktionierung keine Rolle spielt. Ich habe m. E. zur Genüge geschildert, warum ich diese Sichtweise für verkürzt und nicht realistisch halte.
Ja, Rassismus wird vielfach offen und öffentlich artikuliert - ich würde sogar noch weiter gehen und sagen, er ist in gewisser Weise ein Strukturmerkmal dieser Gesellschaft (Stichwort institutioneller Rassismus). Der Streitpunkt ist ja auch gar nicht, ob man rassistischen Aussagen oder rassistischem Verhalten inhaltlich entschieden entgegentreten sollte, sondern ob es gesamtgesellschaftlich betrachtet zu weniger (offenem bzw. öffentlich geäußertem) Rassismus führt, wenn ich Menschen, die sich rassistisch äußern oder verhalten sanktioniere, indem ich sie nicht mehr als Menschen respektiere.
Und nochmal: Jemandem, der eine aus meiner Sicht menschenverachtende Position vertritt, dennoch als Mensch zu respektieren, heißt nicht ihn zu umgarnen oder therapieren zu wollen. Dass du an dieser Stelle deine Argumentation einfach wiederholst, ohne auf die entsprechenden Erwiderungen einzugehen, zeigt mir, dass dieser Meinungsaustausch wohl nicht mehr produktiv ist.
Letztlich läuft aus meiner Sicht bei deiner Argumentation alles darauf hinaus, dass Respekt etwas ist, was man sich verdienen muss oder das einen Mehrwert produzieren muss (etwa in Form von weniger Stimmen für die AfD). Und das sehe ich einfach anders. Das können wir gerne so stehen lassen.
Moin @AndreasLDN,
aus meiner Sicht ist es ist eine unglaubliche und angsteinflößende Entwicklung, die in Deutschland bei „diesem Thema“ (nüchtern betrachtet handelt es sich oft um mehrere Themen, die unter dem einigermaßen willkürlich gewählten Kriterium Migration gesammelt werden) vor sich geht.
Der in deinem Ausgangspost verlinkte Artikel aus dem Focus ist in meiner Interpretation ein eindrückliches Beispiel dafür, wie sich ein Autor durch eine Moral Panic und verhetzende Medien und Politiker:innen hochgradig hat verwirren lassen und es nicht schafft, zu reflektieren, dass er die ihm eingetrichterten Vorurteile nachträglich rationalisiert. Das ist gerade nicht das Erreichen einer höheren Reflexionsebene, wie es den Anschein erweckt, sondern mE ein kognitiver Rückschritt. Dieser hat auch schon große Teile der politischen „Mitte“ und links orientierter Menschen erreicht.
Ich schaffe es nicht, das Alles im Einzelnen aufzuzeigen, und teilweise ist es durch @Doppelrahmstufe ja auch schon geschehen. Leider war das im Ton respektlos und ebenfalls vorverurteilend und hat den Thread ziemlich derailt.
Es gibt aus meiner Sicht keine über Vorurteile hinausgehenden Gründe, speziell diesen Kindern schon vorab zu unterstellen, zu Antisemit:innen oder gar Straftäter:innen heranzuwachsen. Ich würde dich darum bitten, mal zu hinterfragen, was Du hier Menschen so mir nichts dir nichts vom heimischen Schreibtisch aus unterstellst.
Aber ich bin davon überzeugt, dass an Aufklärung interessierte Menschen (was ich hier im Forum allen grundsätzlich unterstelle) es schaffen, diese mit dem Anschein tieferen Nachdenkens, der Anerkennung von Komplexität und „gesunder Skepsis“ nur angestrichenen Kurzschlüsse zu erkennen und zu überwinden.
Was die Sache angeht, ließen sich ja vielleicht Wege finden, die Kinder zu checken, um wenigstens eine etwas bessere Informationsgrdl. zu haben als Vorurteile und sie entsprechend zu betreuen. Ich frage mich auch, ob die Menschen in Palästina und in weiteren Staaten nicht eher Israel und den ganzen „Westen“ noch mehr ablehnen, wenn bspw. dt. Kommunen nicht helfen. Hier kann doch vielmehr eine Brücke gebaut werden. Die Menschen könnten sowohl Wut, vielleicht Hass und Rachegelüste für das empfinden, was ihnen und ihren Angehörigen angetan wurde, als auch Dankbarkeit für die ihnen zugekommene Hilfe.
Klar ist, dass das ohnehin eine quantitativ kaum spürbare Hilfe wäre, die aber für die einzelnen Menschen gigantisch ist (und im Zentrum unserer Werte steht der Mensch, nicht seine ethnische Gruppe). Vorrangig müssen Israel und Hamas ermöglichen, den Menschen zu helfen, um die Lage spürbar zu verbessern.
Nein, denn die Norm ist, allen Respekt zu erweisen, die allen Respekt erweisen. Die Norm ist nicht, allen Respekt zu erweisen, unabhängig davon, ob die auch allen Respekt erweisen. Die Norm ist sozusagen konditioniert. Wenn Normverstöße nie sanktioniert werden könnten, wäre die Erosion der Normen gegeben, denn dann ist es völlig gleichgültig, ob man eine Norm einhält oder nicht.
Ums noch konkret zu machen: Freiheitsentzug ist ein Normverstoß und gleichzeitig eine Sanktion. Man könnte keinen Schwerkriminellen hinter Schloss und Riegel bringen, wenn man sich des Normverstoßes Freiheitsentzug als Sanktion nicht bedienen könnte. „[D]ie Form der Sanktionierung einer Normverletzung [ist also hier ganz offensichtlich] selbst normverletzend“, um mich deiner Worte zu bedienen. Und sie dient der Aufrechterhaltung der Normen und ganz sicher nicht deren Erosion. Ich bin mir sicher, dass du diese Ambiguität tolerieren kannst.
We agree to disagree.
Von Dehumanisierung war nie die Rede.
Darin stimme ich dir durchaus zu, ohne es zu unterlassen, darauf zu beharren, dass ich die mir zugeschobene Verursächlichung zurückweise. Ich kann aber gut damit leben, dass wir nicht zueinander kommen, obwohl ich mir gewünscht hätte, dass du deine Position mal wirklich konkretisierst, anstatt im Vagen zu bleiben.
Da missverstehtst du mich. Der Respekt wird vorbehaltlos so lange gewährt, solange nicht Normverstöße die Grundlage dafür unterminieren. Wenn man sich etwas verdienen müsste, bedeutete das ja, dass man etwas Bestimmtes leisten müsste. Das ist nicht der Fall. Es sei denn, man sieht ein Minimum an Selbstdisziplin schon als Leistung an. „Mehrwert“ halte ich für zu hoch gegriffen, aber etwas, das rein gar nichts bewirkt, kann man auch lassen.
Es ist in meinen Augen aus zwei Richtungen Angsteinflössend. Unter dem Druck der von Rechts aufgebaut wird werden Menschen ausgewiesen die sich in die Gesellschaft integriert haben. Menschen die für ihren Lebensunterhalt selbst aufkommen aber halt einfach zu finden sind.
Auf der anderen Seite schaffen wir es nicht kriminell gewordene und rechtskräftig verurteilte Migranten auszuweisen.
In der Folge wird die Diskussion und Spaltung in der Gesellschaft immer größer und die am einfachsten scheinende Lösung ist wir machen die Schotten dicht. Auch wenn das aus Demographischer Sicht so ziemlich das dümmste ist was wir tun können.
Ich war mir durchaus bewusst dass insbesondere dieser Kommentar unreflektiert ist und hier heftige Diskussionen hervorrufen wird. Gleichwohl weiß ich dass er bei vermutlich einem Drittel in der Bevölkerung erstmal gut ankommen wird.
Ich gehe selbst verständlich auch davon aus, dass eine Aufnahme von unter hundert Kindern erstmal keine Gefahr darstellen wird. Was mich aber zum Nachdenken brachte war wie viele Flüchtende werden wir aufnehmen? Wie lange werden die in Deutschland bleiben. Können wir die Integration leisten? Wie können wir es schaffen eventuell in einen Teil dieser Personen „eingeimpften“ Hass auf Juden/Israel/denWesten zu mindern?
Ein weiteres „Wir schaffen das!“ ohne dass entsprechende Maßnahmen geplant wäre in der angespannten Situation in meiner Augen verheerend.
Stell dir einfach mal vor, dass sich aus den jüdischen Gemeinden in Hannover und Düsseldorf auch Menschen bei der Betreuung der palästinensischen Kinder engagieren. Ich bin mir sicher, dass einige dazu bereit wären.
Und irgendwann fallen dann die Sätze: „Ich finde es auch schlimm, was euch angetan wurde. - Ach, übrigens, ich bin Jude!“
So lange wie nötig.
Das hat dieses Land schon millionenfach unter Beweis gestellt.
Und diesem Drittel soll man nach dem Munde reden? Das erschließt sich mir nicht.
Die Lage in den Kommunen ist sehr unterschiedlich („angespannt“).
„[V]erheerend“ ist in meinen Augen, ständig von angeblich bevorstehenden ‚Verheerungen‘ zu raunen.
Wenn Kommunen meinen, dass sie es schaffen, denn sonst würden sie ja kein freiwilliges Hilfsangebot machen, kann man davon ausgehen, dass sie auch das Notwendige bereitstellen und Maßnahmen umsetzen können, um es zu schaffen.
Selbst das faschistische (meinetwegen auch protofaschistische) Italien hat palästinensische Kinder aufgenommen.
Du scheinst dein indivduelles Verhalten in einer privaten Konversation gleichzusetzen mit der Durchsetzung eines auf demokratischem Wege beschlossenen Gesetzes, das Verhalten deines Gegenübers jedoch als einen in einem rechtstaatlichen Verfahren vollstreckungsfähig festgestellten Verstoß gegen ein solches Gesetz zu verstehen. Damit erhebst du dich in meinen Augen sowohl zur Legislative als auch zur Judikative und schreibst deinem Gegenüber die Rolle des (potenziellen) Delinquenten zu. Das hat mit meiner Vorstellung von gegenseitigem Respekt als Grundlage eines gemeinsamen Gesprächs auf Augenhöhe in der Tat nur wenig gemein.
[Edit: Du selbst nennst dieses Beispiel eine Konkretisierung einer Normverletzung, die wir beide bisher anhand des Beispiels aus diesem Thread bzw. von rassistischen Äußerungen im Allgemeinen diskutiert haben. Wenn Du nun einfach dieses Beispiel mit dem eines Strafprozesses ersetzt, muss ich davon ausgehen, das aus deiner Sicht beide nach derselben Logik funktionieren. Meine Interpretation bezieht sich auf diese Gleichsetzung - also auf deine Argumentation, nicht auf deine Person - ist also nicht, wie du mir vorwirfst, eine „ad-hominem-Unterstellung“)
Warum sollten sich Juden auch nicht bei der Betreuung palästinensischer Kinder engagieren wollen? Ich verstehe nicht ganz, warum man das extra so hervorheben muss bzw. frage ich mich, was das aussagen soll. Falls der Gedanke sein sollte, dass ein Kontakt mit Juden automatisch dazu beiträgt, antisemitische Denk- und Handelsweisen zu verringern, muss ich sagen, dass das aus meiner Sicht der Beständigkeit von Wahrnehmungs- und Erklärungsmustern (wie auch Antisemitismus eines ist) nicht ansatzweise gerecht wird.
Eine jüngere Studie über 2015 nach Deutschland gekommene Syrer zeigt zum Beispiel, dass bei denjenigen, die in einem Maße antisemitisch eingestellt sind, dass es ihr Weltbild prägt, diese Einstellungen sich auch nach mehreren Jahren in Deutschland kaum verändert haben. Vielmehr gibt es Hinweise darauf, dass sich ihre Artikulation von Antisemitismus an hiesige Gepflogenheiten anpasst [1]
Nochmal: Das heißt explizit nicht, dass Antisemitismus in Deutschland vorwiegend ein Problem von Zugewanderten oder Menschen mit Migrationsgeschichte sei. Und wie schon angedeutet finde ich es falsch, eine humanitäre Geste (denn mehr ist die Aufnahme von 20 Kindern durch zwei Städte mit zusammen 1,1 Millionen Einwohnern nicht) danach zu bewerten. Nichtsdestotrotz bleibt die grundsätzliche Frage, wie man dem durchaus verbreiteten Antisemitismus in der Gesellschaft begegnet.
[1]
Der Fall Nour A. aus Frankreich zeigt jedenfalls, wie man es nicht machen sollte. Frankreich erlaubte im Rahmen eines Hilfsprogramms etwa 300 palästinensischen Studierenden, ins an rennomierten Hochschulen in Frankreich weiterzustudieren - aber offenbar, ohne sich die Leute vorher etwas anzuschauen. Eine davon, Nour A., postete von ihrem Social-Media-Kanal u. a. ein Konterfei Adolf Hitlers, zusammen mit der Aufforderung, alle Juden zu töten. Nun hat Nour A. Frankreich Richtung Katar verlassen und nun steht Berichten zufolge das gesamte Programm auf der Kippe - was ich für fatal halte.
Dehumanisierung könnt ihr mir kaum vorwerfen. Und im Allgemeinen stimme ich zu, dass es sinnvoller ist, auf inhaltlicher Ebene zu diskutieren.
Das hat bei mir aber Grenzen, da bin ich bei Doppelrahmstufe. Es gibt Aussagen, bei denen ich keinen Mehrwert mehr darin sehe, den Addressaten überzeugen zu wollen. Das hier war so einer.
In solchen Fällen schreibe ich für die stillen Mitleser - und da weigere ich mich, mich an der zunehmenden Normalisierung dieser Diskurse zu beteiligen. Und ja, Menschen die in diesem Grad menschenverachtende rechte Migrationsdiskurse bespielt, bekommen meinen Respekt nicht. Ich muss nicht jede Meinung freundlich und auf augenhöhe diskutieren.
Wir hatten eine ähnliche Diskussion schon vor ein paar Monaten, als Israel angeblich nach Ländern Ausschau gehalten hat, die bereit wären, palästinensische Flüchtlinge aufzunehmen:
Mein Vorschlag, auch Deutschland solle sich daran beteiligen und ein Kontingent von Flüchtlingen aufnehmen (die freiwillig das Angebot annehmen), stieß auf erbitterten Widerstand.
Hauptargumente waren, dass man dadurch die Vertreibung Israels unterstützen würde, und ein massiver Nährboden für Terrorismus entstünde, der nicht zuletzt die AfD stärken würde.
Ich bin immer noch dafür, dass Deutschland den Menschen helfen sollte und sei es vorerst nur durch die Aufnahme von 20 Kindern.
Gerade weil Menschen soziale Wesen sind wird das eben nur bedingt passieren. Tatsächlich wird das Individuum sich erst einmal ungerechtfertigt angegriffen und damit aus der Gruppe verstoßen fühlen. Perspektivisch wird es auf Gruppen treffen, die das Nichtsagbare zulassen und dort Anschluss und Bestärkung finden.
Das Individuum wird so Schritt für Schritt in die Arme der Rassisten geschubst.
Ich würde vorschlagen, dass die Moderation den Threat hier schließt.
Inhaltlich gibt es nicht wirklich mehr zu sagen.
Das ganze hier ist in eine Meta Diskussion darüber abgeglitten, ob der ursprüngliche Post einfach „nur“ inhaltlich falsch ist, oder so Menschenverachtend, dass es sich verbietet, mit dem Ersteller auch nur höflich zu kommunizieren.
Eine Diskussion über den eigentlichen „Themenvorschlag“ findet nicht statt. Daher wäre es sinnvoll das ganze an dieser Stelle zu beenden.
Der Kommentar ist durchzogen von kulturalistischen, migrationskritischen und nationalkonservativen Diskursen, die zentral für das rechte bis neurechte Meinungsspektrum sind. Die Rechten Talking Points sind mE. daher keineswegs despektierluch, sondern eine gerechtfertigte politische Einordnung.
Rechte Talking Points auf die ich mich im Kommentar beziehe leite ich wie folgt her:
Eine Abwertung und Entmenschlichung von Geflüchteten (besonders von Muslimen), samt kultureller Generalisierung und klassischem Fremdgruppen-Essentialismus
Die Legitimierung nationaler Abschottungspolitik, Kritik an humanitärer Hilfe als naiv und gefährlich anhand der
Warnung vor dem Import von Stellvertreterkonflikten
Die Delegitimierung humanitärer Hilfe und kommunaler Solidarität, statt dessen Appelle an „Hilfe vor Ort“ als strategischer Vorwand
Eine implizite Vorstellung kultureller Unvereinbarkeit, bzw. der Inkompatibilität mit den Werten der Aufnahmegesellschaft; Misstrauen gegenüber Integrationsfähigkeit und Ressourcenverteilung
Diese Argumentationsmuster kann man immer wieder lesen, und nur weil sie medial zunehmend normalisiert werden, kommen sie immernoch aus einer ganz bestimmten politischen Ecke.
Es gibt Diskurse an deren Normalisierung ich mich nicht beteiligen möchte.
Warum ich den Post auf faktischer Ebene nicht durchdacht, und schlecht argumentiert finde habe ich, denke ich, ausreichend begründet. Auf Sachebene habe ich aber noch keine Replik auf meine Punkte gelesen.