„je länger ich nachdenke desto mehr Ablehnung baut sich in mir auf.“
Je länger ich über deinen Kommentar nachdenke, desto mehr Ablehnung baut sich in mir auf. Weil ich aber lieber auf Fakten schaue, als auf Bauchipedia, habe ich mich mal umgesehen, was es zu deinem Post so an belastbaren Daten von verlässlichen Quellen gibt.
1.) „Die Kinder sollen vor Ort versorgt und behandelt werden“:
Laut WHO (Stand Juli 2025) sind weniger als 30 % der Gesundheitseinrichtungen in Gaza überhaupt noch in irgendeiner Form funktionsfähig. Die meisten Kliniken sind beschädigt oder zerstört. Die, die noch arbeiten, haben kaum Personal, kaum Strom, kaum Medikamente. Es fehlen Narkosemittel, Antibiotika, Verbände, sauberes Wasser. Es gibt keinen Schulbetrieb.
Hinzu kommt: Auch langfristig ist keine realistische Perspektive da, die Situation substanziell zu verbessern. Es gibt keine Planungssicherheit, keine funktionierende Lieferkette und keine Garantie, dass morgen nicht wieder eine zivile Einrichtung unter Feuer gerät.
2.) „Sollen halt die Nachbarländer ran“:
OCHA (United Nations Office for the Coordination of Humanitarian Affairs) nennt im Update #309 vom 3. Juli 2025 insgesamt 7.390 medizinisch evakuierte Menschen seit Kriegsbeginn, darunter 5.160 Kinder. 3.995 davon wurden nach Ägypten ausgeflogen, 1.387 in die VAE, 970 nach Katar. Die Zahlen stammen laut OCHA aus den Evakuierungslisten des palästinensischen Gesundheitsministeriums, ergänzt durch WHO und UN-Partnerorganisationen. Die Nachbarländer tun also ihren Teil.
Und wo wir bei den Nachbarländern sind:
Die Forderung, dass Gazas arabische Nachbarn mehr Menschen aufnehmen sollten, klingt zwar erstmal naheliegend, scheitert aber nicht primär am politischen Willen, sondern an strukturellen Grenzen.
Ägypten kontrolliert Rafah, hat aber in Nord-Sinai seit Jahren ein Sicherheitsproblem mit bewaffneten Gruppen, kaum Infrastruktur und eine eigene Wirtschaftskrise mit über 30 % Inflation. Jordanien hat bereits über zwei Millionen Palästinenser aufgenommen (fast 30% der Gesantbevölkerung Jordaniens), kämpft mit hoher Arbeitslosigkeit und sozialen Spannungen. Libanon ist wirtschaftlich kollabiert, hat weder funktionierende staatliche Strukturen noch die Möglichkeit, auch nur die bestehende Flüchtlingsbevölkerung vernünftig zu versorgen. Die Golfstaaten verfügen nicht über ein Asylsystem, dafür gravierende Menschenrechtsverletzungen, und waren nebenbei der Ursprung, von dem sich der salafistische islamistische Fundamentalismus über den Nahen Osten verbreitet hat. Etliche Golfstaaten, vor allem Qatar, Saudi-Arabien und früher Kuwait, haben darüber hinaus über Jahre direkt oder indirekt islamistische und dschihadistische Gruppen mitfinanziert, teils über staatliche Kanäle, teils über private Spender unter staatlicher Duldung. Also wenn sie sich um die potentielle Radikalisierung vulnerabler Kinder sorgen… ja, nee, besser nicht.
Und zuguterletzt: Wir reden von 20(!) Kindern. Ja, die werden vermutlich auf Juden nicht gut zu sprechen sein. Das ist unschön, aber vollkommen nebensächlich. Wie sie selbst demonstrieren, kann man eine ganze Reihe von Ressentiments und Vorurteilen hegen, und gut integriert und ohne eine Gefahr darzustellen in diesem Land leben. Problematische Ansichten sind, wie uns die AfD immer wieder vormacht, von der Meinungfreiheit gedeckt.
20 traumatisierte Kinder können wir problemlos absorbieren, auch wenn ein paar davon vermutlich keine Fans von Israel werden. Das müssen sie auch nicht. Es reicht, wenn sie sich an bestehende Gesetze halten. Und das tun die allermeisten Geflüchteten, die wir seit 2015 aufgenommen haben (über 90% wurden nie irgendeiner Straftat inkl. Eigentumsdelikte auch nur verdächtigt, präzisere Daten geben die Statistiken leider nicht her).
Mein Fazit: Etwas weniger rechte Talking Point lesen und dafür etwas genauer recherchieren, ob Bauchipedia plausibel ist.