Liebes Lage-Team,
ihr betont in der aktuellen Folge die Notwendigkeit der Vereinfachung und Beschleunigung von Planungsverfahren für Windenergieanlagen. In diesem Punkt stimme ich euch zu. Diese Notwendigkeit erwächst aus den Herausforderungen des Klimawandels, die mittlerweile, und das ist gut so, medial sehr präsent sind. Es gibt noch eine weitere globale Krise, die eng mit dem Klimawandel verzahnt ist und diesem in seinen (negativen) Auswirkungen in nichts nach steht, nach Ansicht einiger Wissenschaftler sogar schwerwiegendere Folgen haben könnte: das Artensterben bzw. die Biodiversitätskrise. Während die Auswirkungen des Klimawandels in gewissen Grenzen (und über entsprechende Zeiträume) wieder rückgängig gemacht werden können, ist eine ausgestorbene Art unwiederbringlich ausgestorben.
Ich bin nun seit fast zwei Jahren begeisterter LdN-Hörer, vermisse jedoch, dass diesem Thema genügend Raum geboten wird. Damit unterscheidet ihr euch jedoch leider nicht von anderen Formaten, vom explizit naturwissenschaftlich ausgerichtetem Journalismus abgesehen. Das Thema ist medial viel weniger präsent obwohl es mindestens das gleiche Gewicht wie der Klimawandel hat.
Ich arbeite in einer Fachbehörde des Naturschutzes auf Landesebene und kann aus meiner Erfahrung aus den letzten Monaten heraus sagen, dass große Verunsicherung darüber besteht, wie mit dem neu gestalteten Rechtsrahmen rechtssicher geplant werden kann. Es gibt in den Behörden und Ministerien in meinem Umfeld nicht wenige, die der Meinung sind, das mit dieser Gesetzgebung die Energiewende zu Lasten des Naturschutzes um jeden Preis durchgeboxt werden soll. Mit Aussagen wie „Ein Tod muss gestorben werden“ oder „die Verfahren müssen vereinfacht werden“ stimmt ihr dieser Auslegung zu und haltet, so mein Verständnis, es für legitim, dass auf Kosten eines (des schwächsten) Gliedes in der Planungskette die EE ausgebaut werden, ohne wirklich darauf zu schauen, was das im Kontext der beiden großen Umweltkrisen bedeutet. Der Verschlimmerung der Biodiversitätskrise wird damit ein weiteres Tor geöffnet.
Gleichzeitig muss man bedenken, dass auf der 15. UN-Biodiversitätskonferenz im Dezember 2022 beschlossen wurde (darüber hattet ihr ja auch berichtet), dass 30% der Fläche der Erde unter Schutz gestellt werden sollen. Weiterhin hat jüngst das, wenn auch mittlerweile abgeschwächte, Nature Restoration Law der EU eine weitere Hürde in Richtung Beschlussfassung genommen. Demnach sollen in einem ersten Schritt 20% aller geschädigten Habitate bis 2030 wiederhergestellt werden. Für all diese mehr oder weniger ambitionierten Vorhaben wird Fläche benötigt, die nur ein mal vorhanden ist.
Fazit: Beide großen Umweltkrisen müssen immer zusammen gedacht werden. Anders geht es nicht. Das tut ihr bisher meiner Meinung nach nicht genug, und die aktuelle Folge verfestigt dieses Bild. Eine zukünftig intensivere Betrachtung und Würdigung dieser komplexen Thematik wäre wünschenswert.
Viele Grüße,
Robinio