Uff, hier werden zwei Punkte auf eine ganz kritische Weise durcheinander geworfen.
Es ist total richtig, dass nicht jeder studieren muss. Aber das Problem bleibt, dass ein Studium immer noch für alle höheren Posten in Unternehmen und auch in der Verwaltung verlangt wird, der „soziale Aufstieg“ ohne Studium daher nur sehr begrenzt möglich ist.
Es ist nun eine feine, rote Linie zwischen „Wir akzeptieren, dass nicht jeder ein Studium braucht“ und „Wir akzeptieren, dass es Akademiker-Familien gibt, die die Oberschicht reproduzieren, und Nicht-Akademiker-Familien, die die einfache Arbeiterschaft reproduzieren“.
Dein Statement gegen den Versuch, „mehr Menschen aus Nicht-Akademiker Familien“ auf das Gymnasium zu schicken und ihnen ein Studium zu ermöglichen, halte ich in diesem Kontext für grundfalsch. Utilitaristisch mag man das begründen können (dh. dass es für die gesamte Gesellschaft betrachtet „sinnvoll“ wäre, den Vorteil der Akademiker-Familien zu nutzen, statt bildungsferne Kinder zu Akademikern zu machen), aber aus meiner Sicht ist das eine reine Dystopie.
Der Staat ist durchaus verpflichtet, durch früher Förderung auch Kindern aus Nicht-Akademiker-Familien ein Studium zu ermöglichen und die Studiensituation (z.B. durch BAföG, idealerweise ohne Rückzahlungspflicht!) auch finanziell für Menschen aus armen Elternhäusern akzeptabel zu gestalten. Denn wir haben durchaus auch den umgekehrten Fall: Menschen aus armen Elternhäusern, die definitiv hätten studieren können, das aber nicht getan haben, weil sie „schnell Geld verdienen mussten“ - und so in ihrem möglichen sozialen Aufstieg ausgebremst wurden.
Das sehe ich auf absehbare Zeit leider nicht. Dazu müssten die Tarifverträge erstmal weg von ihrer „Abschluss-Fokussiertheit“ (Ausbildung E6, Bachelor E9, Master E11, Staatsexamen E13…) und die gesamte Unternehmenskultur müsste sich ändern. Es ist schon absurd, dass aktuell Pflegefachkräfte und Erzieher in der Zeitarbeit mehr verdienen als in Festanstellung, weil Festanstellung i.d.R. immer - wenn überhaupt - maximal tariflich erfolgt, oft sogar darunter, während die Zeitarbeitsfirmen von den Entleihbetrieben für die Erzieher/Pflegerstunde über 50 Euro Netto abrechnen und entsprechend ihre Mitarbeiter gut bezahlen können.
Weil sie nur mäßig attraktiv sind. Wer im Beruf steht und sich an sein Vollzeit-Gehalt gewöhnt hat wird selten Willens (und oft auch nicht in der Lage) sein, da wieder massive Abstriche zu machen, um die Zeit für einen zusätzlichen Schulbesuch oder ein Studium zu schaffen. Und die Doppelbelastung von Vollzeit-Stelle und Wochenend-Studium ist eine Belastung, die sich die meisten, die gemütlich mit 19 studiert haben und vielleicht noch etwas nebenher gejobbt haben, nicht mal im Ansatz vorstellen können.
Wenn solche Optionen zwar existieren, aber kaum genutzt werden, kann das eben zweierlei bedeuten: Entweder es gibt generell keinen Bedarf, oder die Rahmenbedingungen sind so schlecht, dass es schlicht unattraktiv ist (dh. es gibt nur keinen Bedarf unter diesen spezifischen Rahmenbedingungen).