Arbeitsmarktsituation für Berufsanfänger*innen

Grundsätzlich die Frage ob ein Studium immer die seligmachende Variante ist, die immer (!) ein besseres Leben garantiert (finanziell betrachtet).
Viele Bekannte die damals eine Lehre gemacht haben und nun Meister oder Techniker sind verdienen teils besser, und haben früher Geld verdient als Studenten.
Während der Schulzeit meiner Kinder habe ich oft erlebt, das Eltern ihre Kinder massiv zu Abi und Studium gedrängt haben. Was nicht immer gut von den Kindern verpackt wurde (Drogen, Psyche).
Als ich meine Älteste auf die Hauptschule gepackt habe, weil Lernen ihr eher schwer fiel, wurde mir quasi vorgeworfen eine Arbeitslose zu produzieren.
Sie ist jetzt Einzelhandelskaufrau und arbeitet fast Vollzeit, allerdings zum Mindestlohn, ist aber zufrieden.

Was mich oft stört ist dieser „gesellschaftliche Druck“ studieren zu müssen.

Ist auch intellektuell nicht jeder dazu geboren.

Ich plädiere für eine gezieltere und offenere Berufsorientierung für Jugendliche.

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Volle Zustimmung. Und doch fallen wir auch hier oft darauf rein. Da wird die Durchlässigkeit von Bildung anhand des Abitur bewertet und gefordert mehr Menschen aus Nicht-Akademiker Familien müssten aufs Gymnasium.

Und wenn die Anforderungen an Gymnasien, ob der wachsenden Gymnasiasten-Gruppe zu hoch wahrgenommen werden, dann werden Ansprüche reduziert.

Aus meiner Sicht ist das alles nicht zielführend. Wir bräuchten eher ein System, das jeden zu der bestmöglichen Form seiner selbst ausbildet und nicht in ein festes gesellschaftlich definiertes Wunschkorsett steckt. Und dazu gehört eine ehrliche Bestandsaufnahme, dass nicht jeder, eher ist es die Minderheit, für Abitur und Studium geeignet ist.

Und im Gegenzug muss man beginnen anzuerkennen, dass auch die beruflich gebildete Fachkraft wertvolle Arbeit macht und meist unersetzlich ist.

Und natürlich müssen wir Spätentwicklern die Möglichkeit geben, ein Abitur oder Studium auch nachholen zu können. Diese Option existiert aber bereits und wird nur kaum genutzt.

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Uff, hier werden zwei Punkte auf eine ganz kritische Weise durcheinander geworfen.

Es ist total richtig, dass nicht jeder studieren muss. Aber das Problem bleibt, dass ein Studium immer noch für alle höheren Posten in Unternehmen und auch in der Verwaltung verlangt wird, der „soziale Aufstieg“ ohne Studium daher nur sehr begrenzt möglich ist.

Es ist nun eine feine, rote Linie zwischen „Wir akzeptieren, dass nicht jeder ein Studium braucht“ und „Wir akzeptieren, dass es Akademiker-Familien gibt, die die Oberschicht reproduzieren, und Nicht-Akademiker-Familien, die die einfache Arbeiterschaft reproduzieren“.

Dein Statement gegen den Versuch, „mehr Menschen aus Nicht-Akademiker Familien“ auf das Gymnasium zu schicken und ihnen ein Studium zu ermöglichen, halte ich in diesem Kontext für grundfalsch. Utilitaristisch mag man das begründen können (dh. dass es für die gesamte Gesellschaft betrachtet „sinnvoll“ wäre, den Vorteil der Akademiker-Familien zu nutzen, statt bildungsferne Kinder zu Akademikern zu machen), aber aus meiner Sicht ist das eine reine Dystopie.

Der Staat ist durchaus verpflichtet, durch früher Förderung auch Kindern aus Nicht-Akademiker-Familien ein Studium zu ermöglichen und die Studiensituation (z.B. durch BAföG, idealerweise ohne Rückzahlungspflicht!) auch finanziell für Menschen aus armen Elternhäusern akzeptabel zu gestalten. Denn wir haben durchaus auch den umgekehrten Fall: Menschen aus armen Elternhäusern, die definitiv hätten studieren können, das aber nicht getan haben, weil sie „schnell Geld verdienen mussten“ - und so in ihrem möglichen sozialen Aufstieg ausgebremst wurden.

Das sehe ich auf absehbare Zeit leider nicht. Dazu müssten die Tarifverträge erstmal weg von ihrer „Abschluss-Fokussiertheit“ (Ausbildung E6, Bachelor E9, Master E11, Staatsexamen E13…) und die gesamte Unternehmenskultur müsste sich ändern. Es ist schon absurd, dass aktuell Pflegefachkräfte und Erzieher in der Zeitarbeit mehr verdienen als in Festanstellung, weil Festanstellung i.d.R. immer - wenn überhaupt - maximal tariflich erfolgt, oft sogar darunter, während die Zeitarbeitsfirmen von den Entleihbetrieben für die Erzieher/Pflegerstunde über 50 Euro Netto abrechnen und entsprechend ihre Mitarbeiter gut bezahlen können.

Weil sie nur mäßig attraktiv sind. Wer im Beruf steht und sich an sein Vollzeit-Gehalt gewöhnt hat wird selten Willens (und oft auch nicht in der Lage) sein, da wieder massive Abstriche zu machen, um die Zeit für einen zusätzlichen Schulbesuch oder ein Studium zu schaffen. Und die Doppelbelastung von Vollzeit-Stelle und Wochenend-Studium ist eine Belastung, die sich die meisten, die gemütlich mit 19 studiert haben und vielleicht noch etwas nebenher gejobbt haben, nicht mal im Ansatz vorstellen können.

Wenn solche Optionen zwar existieren, aber kaum genutzt werden, kann das eben zweierlei bedeuten: Entweder es gibt generell keinen Bedarf, oder die Rahmenbedingungen sind so schlecht, dass es schlicht unattraktiv ist (dh. es gibt nur keinen Bedarf unter diesen spezifischen Rahmenbedingungen).

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Darum ging es tatsächlich nicht.

Das jedem der Weg zum Studium offenstehen soll, unabhängig vom Gehalt, ist unbestritten.

Es ging eher um den Punkt, das in unserer Gesellschaft oft die Meinung vorherrscht, ohne Studium ist man zwangsläufig Sozialhilfeempfänger.

Mein Punkt wäre, das man durchaus anerkennen sollte, das eine Kammerausbildung oder staatliche Prüfung durchaus ähnliche Potentiale bietet, um einen gesellschaftlich akzeptablen Status ( was immer das auch ist) zu erreichen.

Die reine Fixierung auf ein Studium empfinde ich
teils abwertend anderen Abschlüssen gegenüber.

Was die oft ungerechte und starre Entlohnung angeht, bin ich absolut bei dir.

Aber just my 50 Cent.

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Man könnte mein Statement auch anders lesen, nämlich dass der Akademikerhaushalt kein Anrecht darauf hat, dass das Kind ans Gymnasium kommt und auch Akademiker wird.

Du wirst sicher einen guten Grund haben, mich so zu interpretieren, als ob ich wolle, den Akademikerfamilien ihre gesellschaftliche Vormachtstellung zu erhalten.

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ich tue mir schwer, das hineininterpretieren, denn es kommen ja nur „Nichtakademiker“ in deinem Statement vor. Aber ich stamme selbst aus einer Nichtakademikerfamilie, da fehlt mir dann wahrscheinlich die angeborene Bildung für so was.

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Meist ist es nicht fehlende Bildung, sondern eine individuelle Voreingenommenheit wenn neutrale Aussagen negativ interpretiert werden.

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Manchmal ist es aber auch die Formulierung, die genau diese Interpretation nahelegt. Ist ja gut, wenn du es so nicht meinst…

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Damit gibt es hier auch wieder eine spannende Verlinkung: Bildung als Ländersache im Sparzwang

Also nach welchem Prinzip entscheiden die Länder was sie von ihren Unis und Hochschulen bestellen? Welche Anreize haben die Länder (gerade Ostdeutschland usw.) ein MINT-Studium (was häufig mit Laboren etc. relativ teuer sein kann) zu finanzieren? (gerade wenn davon ausgegangen wird, dass die Absolvent*innen alle nach BaWü abwandern würden)

also die Studienangebote an den Unis sind ja politisch gesetzt, wenn auch nur sehr indirekt, weil Freiehit der Lehre - aber über die Zielvereinbarung wird sehr wohl gesteuert was in welcher Menge ausgebildet werden soll
dieses Feld von Hochschulpolitik, würde ich mir als Thema in der Lage dringend wünschen, gerade weil immer in Bezug auf Fachkräftemangel usw. über “wir müssen nur gut ausbilden” gesprochen wird, aber unsere Hochschullandschaft als Ländersache verlieren wir völlig aus dem Blick
@cluychaz

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Das hängt sicherlich stark mit der Art des Uni-Abschlusses ab.
Und da gilt auch: Augen auf dem der Berufswahl - Immer mit in die Entscheidung einfliessen lassen, wie gut die Job-Chancen sind.

Ja, soweit zur Theorie. Aber in der Praxis kann man seine Chancen stark verbessern, indem man freiwillig zusätzliche Praktika und Arbeitserfahrungen während des Studiums macht. (nicht wegen des Geldes, sondern wegen der Erfahrung) - und häufig ergibt sich aus solchen Praktika eine spätere Einstellung.

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Ja, soweit zur Theorie.

Auch Praktika Plätze bekommt man aktuell gar nicht so einfach. Dazu kommt, dass wenn man dafür das Studium nicht verlängern möchte (was zumindest für mich höchstens bei einem bezahlten Praktikum in Frage käme und die gibt es erst recht nicht) nur bedingt möglich ist - also meine vorlesungsfreie Zeit sind maximal sechs Wochen und überschneiden sich mit den Sommerferien, für weniger als sechs Wochen will bis jetzt kein Betrieb einen Praktikant rumrennen haben, weil sich das nicht rechnet (zumindest wenn man es nur auf das einzelne Praktikum rechnet)

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