Arbeitsmarktsituation für Berufsanfänger*innen

Liebes Lage-Team,

ich würde gerne ein Thema ansprechen, das ich gerade aus eigener Situation erlebe und auch im Freundes- und Bekanntenkreis mitbekomme.

Ich bin seit Anfang 2025 sehr unglücklich im Job - ein sehr chaotisches Startup ohne Struktur und mit schlechtem Management und fehlenden Perspektiven. Seitdem suche ich nach einer neuen Stelle. Ich habe einen sehr guten Masterabschluss in Politikwissenschaft und 5 Jahren Arbeitserfahrung hauptsächlich in der öffentlichen Verwaltung. Ich bin mittlerweile bei Bewerbung Nummer 60 angekommen - auf manche bekommt man eine Rückmeldung, ab und zu werde ich zu Bewerbungsgesprächen eingeladen, manchmal folgt dann eine Absage, manchmal auch gar nichts, manchmal wurde die Besetzung der Stelle abgebrochen. Für mich bedeutet das enorm viel Zeit, mich auf Gespräche vorzubereiten, zu Terminen zu fahren etc., und gleichzeitig einen Vollzeitjob zu haben, in dem ich nicht glücklich bin.

Einigen in meinem Bekanntenkreis geht es noch schlechter. Alleine ich kenne gerade 4 Personen, die nach dem Masterabschlus mit einiger Arbeitserfahrung als Werkstudent*innen / Minijobs zwischen 6 und 12 Monaten arbeitslos waren. Raus aus der Uni, rein ins Bürgergeld. Das ist eine erschreckende Beobachtung und enorm belastend für junge Menschen, die eigentlich nur ins Berufsleben starten wollten. Und nein, das sind keine Leute, die absurde Gehaltsvorstellungen hätten oder nur nach 100% Homeoffice suchen. Sie wollen einfach einen Einstiegsjob, um im Berufsleben anzukommen.

Mich würde interessieren, was ihr dazu denkt. Ich frage mich ernsthaft, wo der Fachkräftemangel ist, von dem jeder spricht. Was ist los mit dem deutschen Arbeitsmarkt und wie könnte es wieder bergauf gehen?

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Die Situation ist grad allgemien mau:
Mehr als drei Millionen Menschen in Deutschland sind arbeitslos | tagesschau.de

So aus Erfahrung: Wenn die Wirtschaft strauchelt, man näher an der Rezession ist als an der Konjunktur, dann sind Unternehmen sehr zurückhaltend mit Investitionen.
Es wird eher Personal abgebaut, auch Ausbildungsstellen zurückhaltend angeboten.

Das liegt oft nicht an Deiner Person. ggf an Deiner beruflichen Ausrichtung. Politikwissenschaft ist schon ein eher spezielles Feld.

Andererseits werden Pflegepädagogen oder ähnliches stark nachgefragt.

Hängt also stark von der Branche und Fachrichtung ab.

Wie weit bist Du bereit über den Tellerrand zu gucken? Wieviel Risiko, auch finanziell, bist Du bereit zu tragen? Wie mobil bist Du, ist ein Umzug ein Thema.

Viele Fragen, die sich da stellen.

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Was gerade passiert (auch durch KI) ist das Aufzeigen der großen Fehler unserer Studiengänge. Diese sind viel zu theoretisch und praxisfern. Da helfen auch ein paar Werkstudentenjobs oder Praktika nicht. Viele Tätigkeiten, die klassische Zuarbeiten waren sind durch Automationen mit KI aufgefangen worden. Dadurch werden Theoretiker nicht gebraucht. Und durch die Wirtschaftslage riskiert man eben nicht unerfahrene und möglicherweise teuere Eibsteiger zu holen. Auch wenn das für den Einzelnen hart ist, kann ich es gut nachvollziehen. Dadurch wird auch schlicht wieder die duale Ausbildung mit berufsbegleitender Weiterbildung (zu Recht) aufgewertet. Kann natürlich sein, dass ich damit hier anecke, aber grundsätzlich finde ich das langfristig gut, dass die beiden Bildungswege gleichgesetzt werden. Ich empfehle den 1. Teil dieser Folge von der Tag vom DLF:

Edit: Link eingefügt.

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Ich fürchte nur, dass die Wirtschaft in fünf Jahren feststellt, dass ihnen die Mitarbeiter fehlen, die sie due fünf Jahre davor nicht ausgebildet haben und es der Staat dann mit viel Geld wieder richten soll. Nebenbei jammern dann die kleinen Betriebe, die nicht auf KI gesetzt haben, weil ihnen die teuer ausgebildeten Mitarbeiter von den Großen abgeworben werden.

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Aus meiner Erfahrung studieren viele junge Menschen einfach das falsche Fach.
Ich bin nun seit mehr als 25 Jahren in der Verfahrenstechnik/- Chemie und im Anlagenbau tätig.
In allen 5 Firmen, wo ich gearbeitet habe und arbeite, bestand und besteht ein riesen Nachwuchsproblem bei den technischen Berufen (Akademisch und Ausbildung). Da ich auch in Branchengremien sitze, betrifft das wirklich die ganze Branche und zwar EU weit.

Wo es keinen Mangel gibt, ist bei den nicht technischen Berufen. Da werden auch die Ausbildungsplätze und Trainee Programme weit zurückgefahren.

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Das ist so pauschal falsch, meiner Meinung nach. Ein Studium an einer Universität muss sowohl für einen Beruf als auch für die Wissenschaft qualifizieren.

Darüber hinaus ist das theoretische Fundament zwar oft relativ weit von der Berufspraxis entfernt, lehrt aber in der Regel ein Verständnis das insbesondere bei den fachlich anspruchsvolleren Jobs definitiv einen Unterschied macht.

Ein Berufsanfänger wird immer erst eingelernt werden müssen. Das ist kein Fehler der Universitäten, zumindest nicht so pauschal in der Breite.

Eine Ausbildung und ein Studium haben doch ganz unterschiedliche Schwerpunkte und Ausrichtungen, selbst im gleichen Fachbereich.

Genau das! Auch wenn Junior-Stellen seltener werden (warum auch immer, sei es wegen Uni oder KI), die Seniors von morgen müssen ja auch irgendwo anfangen. Es ist langfristig schlicht nicht nachhaltig, keine Juniors zu nehmen und einzuarbeiten

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Vielleicht muss man das schlicht früher trennen und kann nicht mehr an alten Weisheiten festhalten. Wahrscheinlich sind sich viele Studienfächer schlicht nicht in der heutigen Lage angekommen. Und am Ende des Tages ist ein Studium eben keine Garantie mehr für einen Job und erst recht nicht direkt für einen hoch bezahlten.

Aber je weniger Praxis desto teurer ist der Anfänger. Das wollen Unternehmen eben nicht mehr tragen.

Habe ich nicht anders gesagt und ich halte oft eine Ausbildung mit anschließendem Fachwirt (Bachelor) neben der Arbeit für wertvoller um produktiv zu arbeiten.

Ich frage mich eben, was hier dann die Lösung sein kann. Das schöne daran, in einem freien Land zu leben, ist doch, dass sich jeder aussuchen kann, wo die eigenen Stärken liegen und dann eine entsprechende Ausbildung oder ein Studium zu wählen. Sollte ein NC eingeführt werden auf Studiengänge wie Kunstgeschichte oder Soziologie, damit es nicht so viele Leute studieren? Oder sollte der Arbeitsmarkt nicht lieber offen genug sein, um auch Berufseinsteiger*innen zu akzeptieren und sie einzulernen, auch wenn sie noch keine 10 Jahre konkrete Berufserfahrung haben? Natürlich kann eine Studentin der Bildungswissenschaft nicht als Ingenieurin arbeiten, aber ich würde mal behaupten, dass die deutschen Unis zum großen Teil gute Arbeit leisten und junge Menschen dahingehend ausbilden, dass sie selbstständig arbeiten und sich schnell in neue Themen und Arbeitsfelder einfinden können. Sollte jemand, der keinerlei Interesse oder Talent in technischen Themen hat, vom Arbeitsmarkt dazu “gezwungen” werden, Ingenieurswesen zu studieren (das ist natürlich überspitzt formuliert, aber ich hoffe ihr seht meinen Punkt)?

Genauso haben die Märkte, also Arbeitgeber, die Freiheit nur Menschen einzustellen, die von der Ausbildung und Erfahrung her passen. Ein Studium per se ist kein Freifahrtschein, sondern muss eben auch zur Nachfrage passen. Wieso sollten Unternehmen jemanden einstellen, der sich einarbeiten muss, wenn es Menschen gibt, die das schon getan haben oder eben studiert haben? Ich finde ehrlich gesagt diese Anspruchshaltung nicht richtig.

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Ich verstehe den Punkt total. Und natürlich ist es vollkommen ok, dass ITler oder Ingenieurinnen aktuell sehr viel leichter einen Job finden und besser bezahlt werden als Geistes- und Sozialwissenschaftlerinnen. Das regelt eben der Markt. Mir geht es eher darum: Wenn wir sagen “aktuell werden eben technische Berufe gesucht, deshalb studieren die Leute das falsche”, was bedeutet das in der Praxis? Hat der deutsche Arbeitsmarkt nicht überall Bedarf an gut ausgebildeten Fachkräften, nur fehlt es aktuell am Willen, auch junge Personen anzustellen und diese gut einzulernen? Oder müssten wir wirklich die Studienplätze für Geistes- und Sozialwissenschaften drastisch reduzieren, weil der Arbeitsmarkt dafür einfach keinen Bedarf mehr hat?

Dann müsstest du eben eine Ausbildung machen, wenn dein Studiengang dich eben nicht zur Fachkraft für den gesuchten Bereich macht. Ein Studium macht dich nicht zum Universalexperten oder zu jemanden der schnell eingearbeitet ist. Eine in dem richtigen Bereich ausgebildete Fachkraft braucht ca. 6 Monate Einarbeitung. Das was du beschreibst nennt sich Ausbildung und dauert mindestens 2 Jahre.

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Naja, bin als Pädagoge ja auch so eine Art Geisteswissenschaftler.

Du musst dir zumindest klar sein, was du mit deinem Studium anfangen willst. Also was willst du damit beruflich tun und erreichen.
Dann tatsächlich auf dem Arbeitsmarkt zu schauen, wer sucht sowas bzw. wo gibt es Stellen dazu. Das muss nicht immer deckungsgleich sein.
Dazu: gibt es noch weitere Qualifikationen die du einbringen kannst? Die müssen nicht zwingend mit deinem Studium zu tun haben, können aber erste Türen öffnen.

Oft muss man mit „kleinen Brötchen“ anfangen und den Arbeitgeber überzeugen, zu was man als Akademiker in der Lage ist.
Kannst du gut organisieren und planen? Ist Unterrichten eine Stärke? Bist du kommunikativ und Beratung liegt dir?

Das Geisteswissenschaftler finanziell nicht so eingestuft werden wie MINT-Akademiker, liegt halt an unserem produktionorientiertem System.
Und es ist einfacher mit dem System zu arbeiten als gegen das System zu arbeiten. :wink:

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Was man hier sieht ist komplett unabhängig von der Ausbildungs: es ist egal, ob diese praxisnah oder theoretisch ist. Die Wortschaft brummt nicht mehr und das macht den Arbeitsmarkt schwierig. Wenn in Süddeutschland ein Zulieferer nach dem anderen Stellen abbaut, bedeutet das schlichtweg, dass es sehr, sehr hart werden wird. Das ist die Kehrseite der grünen Wende: wenn weniger Teile gebraucht werden oder diese woanders produziert werden, werden weniger Arbeitskräfte gebraucht und viele Erfahrene kommen auf den Markt.

Es gibt heute auf eine Programmiererstelle hunderte, erfahrene Bewerber - wieso sollte man da jemand unerfahrenen einstellen?

Was bleibt: nehmen was es gibt, Eigeninitiative ergreifen, Ideen verwirklichen und hoffen, dass die Wirtschaft sich wieder fängt. Der Arbeitnehmermarkt von vor 5 Jahren ist schneller verschwunden als man denken konnte.

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Es ist eher die Problematik der Politik der Vergangenheit, dass man nicht in der Lage war, zukunftsfähige Industrie im Land zu halten. Bisher sehe ich da kaum Unterschiede bei der momentanen Politik.
Dazu kommt, dass die deutsche Autoindustrie wichtige Märkte wie China und USA verloren hat. Die Verkäufe innerhalb Europas sind sehr gut, können das aber nicht abfangen.
Das der „grünen Wende“ in die Schuhe zu schieben, ist erheblich zu kurz gegriffen.

Auch das ist eine viel zu starke Verallgemeinerung. Programmierer ist nicht gleich Programmierer. Was kann derjenige. Web, Windows, Linux, Embedded? Welche Programmiersprachen? Welche Entwicklungsumgebungen?
Aus eigener Erfahrung: Auf meine ausgeschriebenen Stellen haben sich bis heute nie hunderte Programmierer beworben. Aber vielleicht habe ich ja Glück, dass sich mein Problem mit zu wenig Bewerbern bald gelöst hat…

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Weil sie sich ja gleichzeitig beschweren, dass es die Menschen, die schon das perfekte Vorwissen haben, eben gar nicht so oft gibt.

Aus Sicht der Unternehmen ist es natürlich sinnvoll das den Universitäten usw vorzuwerfen. Aber genauso wenig wie Absolventen ein Recht auf einen Beruf haben, haben Unternehmen ein Anrecht auf von staatlichen Unis perfekt an den Job angepasste Fachkräfte.

Mich würde mal interessieren, ob es wirklich so oft vorkommt, dass wirklich fachfremde Personen eingearbeitet werden sollen. In meiner Wahrnehmung scheint es deutlich häufiger vorzukommen, dass es schon Leute aus dem Fachbereich sind, die aber eben nicht schon jahrelange Erfahrung in genau der gesuchten Spezialisierung aufweisen

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Das Problem ist/ kann auch schnell ein Volkswirtschaftliches werden.
Die Deutsche Volkswirtschaft hat sehr viele technische Produkte im Angebot.
Wenn in diesem Bereich kein Nachwuchs kommt, dann schrumpft diese Volkswirtschaft. Dann sind andere Berufe noch mehr unter Druck, weil keine Finanzierung für diese vorliegt.

Darum sollte sich die Politik schon überlegen, ob man nicht viel mehr Beschränkungen einführt (NC) auf Studiengänge in denen wenig Bedarf am Arbeitsmarkt besteht.

Was dann zur Frage führt, ob wir nicht zuviele Akademiker heranzüchten, wenn wir eigentlich Facharbeiter wollen.
Die auch gehaltsmässig anders eingruppiert werden. :wink:

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NC ist aber doch auch ein falscher Anreiz.

Das sorgt zb auch dafür, dass es oft lukrativer sein kann seine Fächerwahl schon beim Abi auf erzielbare Noten auszurichten als auf die richtigen Fächer.

Und am Ende hat man dann auch in diesen Fächern nicht die geeignetsten Kandidaten sondern die mit dem besten Abi.

Und wer wegen eines NC keine Politikwissenschaften studieren kann ist ja noch lange kein geeigneter Kandidat für technische Fächer.

Wenn man wirklich mehr Absolventen in technischen Berufen haben will, dann muss man MINT Fächer schon früh mehr fördern. Aktuell ist es ja eher so, dass es cool ist schlecht in Mathe zu sein. Und auch viele Eltern sehen eine 3 oder 4 in Mathe oder Physik eher locker, immerhin war man ja selbst auch nicht besser.

Allerdings hört man ja aktuell auch, dass selbst Ingenieure erstmal ziemlich sicher an Jobs kommen solange sie nicht nenneswert Praxiserfahrung vorweisen können/

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Meinst du zur Zeit oder wenn ein NC eingeführt werden würde?
Wenn du zur Zeit meinst; absolut haben wir zu viele Akademiker und dann noch in den falschen Studiengängen.

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Entspricht nicht meiner Erfahrung. Die Unternehmen wissen, was in den nächsten 5-10 Jahren an Personal in Rente geht und es wird seit einiger Zeit massiv in die Anwerbung von Ings investiert.

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