Arbeiten wir zuwenig?

Die These, das wir in Deutschland zuwenig arbeiten, zu viele freie Tage haben und zu viel krank feiern, hält sich nicht nur seit Christian Lindner hartnäckig (auch hier im Forum).

Merz erwähnte kürzlich, „Mit einer 4-Tage Woche und Work-Life-Balance“ werden wir den Wohlstand dieses Landes nicht erhalten können".

Eon-Chef Birnbaum (Jahresgehalt 7,02 Millionen Euro) fordert einen gesellschaftlichen Kulturwandel. Reformen im Rentensystem (Arbeiten bis 70?), Steigerung der Arbeitszeiten, ggf Streichung von Feiertagen.

Allianz-Chef Bäte (Jahresgehalt 7,5 Millionen Euro) fordert ähnliches, nennt eine „zu hohe Krankheitsqoute in Deutschland“, fordert die Abschaffung der Lohnfortzahlung am ersten Krankheitstag.

DIHK-Präsident Peter Adrian regt an, ein oder sogar zwei Feiertage zu streichen.

Tenor: Politiker und Manager gehen mit guten Beispiel voran, nun müssen die „faulen“ Beschäftigten ran. Deute ich das so richtig?

Unsere Tageszeitung hatte heute einige Daten dazu:

In Deutschland haben wir rund 83,3 Millionen Einwohner.
Davon sind 45,8 Millionen erwerbstätig, darunter 42,3 Millionen Arbeitnehmer.

Gut 60% davon /25,6 Millionen) der Arbeitnehmer arbeiten in Vollzeit., 16, 8 Millionen in Teilzeit (Stand 2024).
4,6 Millionen Menschen davon haben sogar mehrere Jobs.

Stand März sind 2,9 Millionen Menschen arbeitslos gemeldet.

Somit gehen 77% aller Menschen im erwerbsfähigen Alter in Deutschland zwiwchen 15-64 Jahre einer bezahlten Tätigkeit nach. Damit liegen wir deutlich über dem OECD-Durchschnitt (69%).

Durchschnittlich arbeiten Vollzeitbeschäftigte 38,19 Stunden pro Woche, teilzeitbeschäftigte 18,43 Stunden.

Darüber hinaus leisten die Beschäftigten in Deutschland laut IAB 552,3 Millionen bezahlte Überstunden. Pro Mitarbeiter also 13,1. Dazu kommen je Arbeitnehmer noch 15 unbezahlte Überstunden.

Laut IWH ist die Zahl der geleisteten Überstunden zwischen 1991 bis 2005 gesunken, danach wieder angestiegen und liegt heute deutlich über dem Niveau von 1991.
Generell ist die durchschnittliche Jahresarbeitszeit pro Beschäftigtem rückläufig, sagt das IWH, was an einer Zunahme der Teilzeitbeschäftigung liegt.

Laut IW bringt die Streichung eines Feiertages eine Steigerung von 0,1 bis 0,2 % des BIP; also rund 8,6 Milliarden Euro.
Laut IW könne so die Wirtschaftsleistung sehr kurzfristig und effektiv erhöht werden.
Allerdings löst das nicht das Fachkräfteproblem.
Zudem bemerkt Alexander Herzog-Stein vom IMK, das mehr Überstunden eher zu einer individuell sinkenden Stundenproduktivität führen würde. Auch die Gefahr von Arbeitsunfällen steige.

Fazit: Kann es sein, das es nicht an der mangelnden Arbeitsbereitschaft der Arbeitnehmer liegt, sondern an eher fehlenden Betreuungs- und Pflegeangeboten? Oder an zu hoher Einkommenssteuer, die Mehrarbeit nur bedingt attraktiv macht?
Also sind ggf doch Politik und Manager am Drücker?

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Ungefähr die Hälfte der staatlichen Finanzierung läuft über folgende zwei Steuern:
Mehrwertsteuer und Einkommensteuer
Diese Steuer betrifft überproportional Arbeitnehmer oder Arbeitnehmerin. Arbeiten wird also stark belastet. Vermögen hingegen wenig.
Jetzt ist die Frage, was wir (also die Politiker und Manager) mit mehr Arbeit erreichen wollen:
Aus meiner Sicht einfach nur mehr Gewinn.

Mehr Arbeiten - wozu?
Derzeit unbesetzte Stellen - 1,7 Millionen
Arbeitslose und Unterbeschäftigte - ca. 5 Millionen
Also hilft ein längeres Arbeiten bereits Beschäftigter nicht besonders viel zur Kostenreduzierung im Sozialsystem (Bürgergeld).

Vielleicht sollte man nicht von „bringen“ sprechen. Es ausschließlich um eine Steigerung des BIPs, welche Auswirkungen dies auf Haushalt oder bessere Gehälter für die Angestellten hat ist erstmal unsicher. 0,1 bis 0,2 % des BIPs sind außerdem noch im Unsicherheitsbereich der Berechnungen anzusiedeln.

Vielleicht sollten erstmal die unbezahlten Überstunden bezahlt werden:
550 Millionen * 20€ Stundenlohn ergeben schließlich einen gewissen Milliardenwert, der auch ausgegeben werden kann und somit die Wirtschaft ankurbelt.

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Das Argument mit den Feiertagen wirkt auf mich vorgeschoben.
Deutschland hat je nach Bundesland 9-13 Feiertage gesetzliche Feiertage, was nicht wesentlich mehr ist als in anderen G20 Ländern.
Laut Claude ohne Quellenüberprüfung:

Argentinien: etwa 18 Feiertage
Australien: 8-10 Feiertage (variiert nach Bundesstaat)
Brasilien: etwa 12-14 Feiertage
China: 7 nationale Feiertage (oft verlängert zu "Goldenen Wochen")
Deutschland: 9-13 Feiertage (je nach Bundesland)
Frankreich: 11 Feiertage
Großbritannien: 8 Feiertage
Indien: etwa 14-18 Feiertage (variiert nach Region)
Indonesien: etwa 15 Feiertage
Italien: 12 Feiertage
Japan: 16 Feiertage
Kanada: 5-10 Feiertage (je nach Provinz)
Mexiko: 7 gesetzliche Feiertage
Russland: etwa 14 Feiertage
Saudi-Arabien: etwa 10-12 Feiertage
Südafrika: 12 Feiertage
Südkorea: 15 Feiertage
Türkei: etwa 14 Feiertage
USA: 10-11 bundesweite Feiertage

in manchen Ländern werden sogar Feiertage, die aufs Wochenende fallen, dann unter der Woche nachgeholt.

Da bis auf den 3. Oktober alle Feiertage bei uns Ländersache sind steht es jedem Bundesland frei, Feiertage wegzunehmen, wenn es sich davon einen wirtschaftlichen Vorteil verspricht, der die gesellschaftlichen Kosten wettmacht.

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Das Thema wurde auch bei Linkedin rauf und runter diskutiert.
Neben den Überstunden gibt es folgende Diskussionspunkte:

  • Definition von „Arbeit“ - worum geht es? Bezahlte Erwerbsarbeit vs. unbezahlter Care-Arbeit und ehrenamtlichem Engagement (im Sozialen, Vereinssport, bei den Blaulichtorganisationen, etc.).
  • geleistete Arbeitsstunden vs. Produktivität: es muss nicht mehr, sondern besser gearbeitet werden (Arbeitsprozesse optimieren, Digitalisierung vorantreiben, Doppelstrukturen bspw. durch massiven Einsatz von Zeitarbeit und Werkvertrag reduzieren)
  • Rahmenbedingungen verbessern: Bildung, Kinderbetreuung, Pflegeverantwortung, Infrastukturhemmnisse
  • Recruiting-Verhalten der Arbeitgeber: wenn die KI vorab aussortiert (Ältere, Junge ohne Berufserfahrung, Menschen mit Integrationsbedarf, Quereinsteiger mit dem „falschen“ Zeugnis, …)
  • Führungsverhalten, dass zu innerer und echter Kündigung sowie Dienst nach Vorschrift führt (die Gallup Studien zeigen es seit Jahren) - wirkt sich besonders auf Arbeitsproduktivität und Krankenstand aus)
  • Andauernde Überlastung, führt zu Stundenreduzierung, höhere Krankheitsquote, Jobwechsel/-Aufgabe
  • Magere Reallohnentwicklung in Kontrast zu exorbitanten Managergehältern und passiven Einkommensalternativen (wenn die Perspektive auf das bezahlbare Eigenheim fehlt, leidet auch das „schaffe, schaffe, Häusle bauen“).
  • Trend zu schnellem Personalabbau in Krisen und zur Pflege der KPI beschleunigt Berufs- und Karriere-Brüche und erschwertem Wiedereinstieg
  • Prekäre Arbeitsverhältnisse (Zeitarbeit, Werk-/Dienstvertrag, Solo-/Scheinselbstständige, Subunternehmertum) haben einen höheren Anteil an Nichteinsatzzeiten bzw. Arbeitslosigkeit, Befristungen entlassen Arbeitnehmer ohne Not in die Arbeitslosigkeit
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Beitrag ist in den falschen Thread gerutscht und gehört in den Faden zur LdN431 zur Einbeziehung von Beamten in die Rentenversicherung.

Zunächst einmal vielen Dank der Lage für die Differenzierung in der Sache. Häufig liest man in auch selbst als seriös einzuschätzenden Medien allerlei Halbwahrheiten und Verdrehungen, wenn es um Besoldung und Pension von Beamten im Vergleich zu Arbeitnehmern geht.

Auch gut finde ich, dass ihr die Lösung der Pensionslasten nicht darin seht, das Pensionsniveau abzusenken, sondern grundsätzlich die Verbeamtungen in vielen Bereichen zu überdenken. Und anders als der Stammtisch, und das hebe ich gerne hervor, sagt ihr, dass nicht nur Feuerwehr und Polizei verbeamtet sein sollten. Ihr habt bewusst gesagt, dass alle Staatsbediensteten, die in Grundrechte der Bürger eingreifen dürfen, verbeamtet sein sollen. Dazu nennt ihr die Finanzbeamten. Ich würde noch etwas weiter gehen. Grundsätzlich sollten auch die Staatsbediensteten verbeamtet sein, die die Interessen des Allgemeinwohls gegenüber wirtschaftlich potenten Akteuren bewahren sollen. Das betrifft beispielsweise die Kartellbehörden und die Marktregulierung, aufgrund der akuten Gefahr der Bestechlichkeit.

Oder anders gesagt: in der freien Wirtschaft sind Geschäftsessen, Präsente, Benefits üblich. Beamten ist die Vorteilsannahme untersagt. In vielen Behörden muss jedes gegessene Brötchen auf einer Tagung gegenüber den Korruptionspräventionsstellen angegeben werden.
Aber ja, bei Lehrerinnen und Lehrern muss man die Verbeamtung überlegen. Auch Personalsachbearbeiter einer Behörde müssen nicht Beamte sein.

Die „faule Generation [whatever]“ mit ihrem „übersteigernden work-life-balance-Bedürfnis“ ist nicht die Ursache der Probleme unserer Wirtschaft.

Während die durchschnittliche Arbeitszeit pro Kopf gesunken ist (was v.a. Auf Teilzeitbeschäftigung zurückzuführen ist), ist das Arbeitsvolumen der Beschäftigten gestiegen (v.a. weil viele - oftmals teilzeitarbeitende - Frauen erwerbstätig geworden sind).

Mit anderen Worten:

  • Wir arbeiten ingesamt mehr, weil der Frauenanteil unter den Erwerbstätigen wächst
  • Wir arbeiten pro Kopf etwas weniger, weil viele dieser Frauen gezwungen sind, teilzeit zu arbeiten (oder das so wollen).
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Dann müsste in einem Schaltjahr (wenn der 29.Februar auf einen Wochentag fällt) das BIP größer sein. Ist das in den zurückliegenden Statistiken so sichtbar ?
(ernstgemeinte Frage)

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Dann wäre ich dafür den 3.Oktober (Tag der deutschen Einheit) zu streichen. Denn eine Einheit sind wir immer noch nicht und dann kann Hr. Adrian doch mal Farbe bekennen, ob er das wirklich ernst meint.

Schaltjahr oder Nicht-Schlatjahr macht nur einen Unterschied von 0,274% (gemessen auf 365 Tage) oder 0,5% (gemessen auf 200 Arbeitstage im Sinne von: Wir haben dann 201 statt 200), der Effekt wird in jeder Statistik untergehen, weil die Schwankung des BIP signifikant höher ist.

Beispielsweise änderte sich das BIP von 2017 bis 2024 je nach Jahr zwischen -2,43 bis +7,56%.
Angenommen, in einem Jahr läge das BIP wegen eines Schalttages, der zu einem zusätzlichen Arbeitstag führt, um 0,5% höher, wäre der Unterschied statistisch dennoch kaum messbar. Im Corona-Jahr wäre das BIP dann nur um 1,94% statt 2,43% gesunken, aber in Anbetracht der massiven normalen Schwankungsbreite von fast 5% (ohne das Corona-Jahr war die Schwankung zwischen 2,87 und 7,56%) ermöglicht das halbe Prozent keine errkennbare Veränderung, dazu spielen einfach zu viele andere Faktoren eine zu bedeutende Rolle.

Nebenbei ein paar Zahlen für NRW (ermittelt mit einem Arbeitstage-Rechner):
2020 (Schaltjahr) 254 Arbeitstage
2021 254 Arbeitstage
2022 252 Arbeitstage
2023 250 Arbeitstage
2024 (Schaltjahr) 251 Arbeitstage
2025 251 Arbeitstage
2026 253 Arbeitstage

Wie zu sehen ist hat das Schaltjahr weniger Einfluss auf die Zahl der Arbeitstage als die schlichte Frage, wie viele Feiertage an den Wochenenden sind oder an welchem Wochentag das Jahr beginnt.

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„Wir arbeiten zu wenig“ oder „Die Wirtschaft schrumpft“ sind aus meiner Sicht viel zu komplex, um sie einfach zu beantworten.
Bei der zu wenigen Arbeiten lohnt es sich bestimmt erstmal den ganzen Bullshit-Anteil der Jobs oder einige überflüssige Bullshit-Jobs genauer unter die Lupe zu nehmen.
Gerade in den Berufen, die nicht durch physische Grenzen beschränkt sind, also die, die die ganze Zeit mehr werden, wird viel zu viel gearbeitet bzw. verschwendet. Hier das Stichwort Multitasking oder zu viel WIP (Work in Process).

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Das ist der Punkt. Wer möchte, dass die Deutschen, wie die Japaner, auch in den Abend hinein noch Überstunden leisten, der sollte sich vielleicht mal damit beschäftigen, was konkret in diesen Stunden passiert und wie produktiv das noch ist. Der einzig sinnvolle Hebel - wenn man Wachstum nachhaltig fördern will ist langfristig die Produktivität.

Die Sache is ja, dass das BIP vom Konsum getrieben wird. Wenn ein Feiertag stattfindet, heißt das ja nicht, dass proportional weniger eingekauft wird. In der Regel machen die Leute ihre Einkäufe ja einfach in den Tagen vorher. Und Restaurants profitieren vermutlich auch von Feiertagen.
Aktuell scheinen wir ja eher ein Konsum-, als ein Produktionsproblem zu haben. Von daher wird ein extra Arbeitstag vermutlich sich gar nicht so positiv auf das BIP auswirken. Vermutlich könnte ein Feiertag im Samstagsstil, also Einzelhandel geöffnet, mehr helfen, da Leute in ihrer Freizeit mehr konsumieren.

Was auch emotional an solchen Forderungen nach Mehrarbeit sauer aufstößt ist, das man das auch schnell persönlich nehmen kann. Es wird ja nicht differenziert, sondern erstmal leisten offenbar alle zuwenig.

Die Wirkung solcher Aussagen sollte man, wenn man sie tätigt, auch auf dem Schirm haben, vollumfänglich.

Wenn ich jetzt 41h Regelarbeitszeit leiste, konstant 70-80 Überstunden vor mir herschiebe, die ich nur als Freizeit abfeiern kann, dazu die undokumentierten Zeiten wo man abends noch mal Mails bearbeitet, oder bei Wochenendeinsätzen nach 10h der Arbeitstag rigoros gekappt wird, egal ob man länger arbeitet, und das für ein Jahresgehalt von deutlich unter sechsstellig (trotz Universitätsdiplom), dann fragt man sich schon, was wollen die jetzt genau von mir?
Die Frage stellen sich auch andere….

Mal so als weiterer Adpekt.

Btw…ich bin glücklich und zufrieden mit meiner Arbeit mit Menschen, viel Idealismus dabei, doch ich habe nicht das Gefühl dabei Zuwenig zu leisten.

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Man muss dich auch mal ansehen wer das fordert ohne selbst mal was anzubieten. Als ob man sich wie @Mike sagt nicht genug reinhängt. Wenn die armen Arbeitgeber die genug Schuld an der jetzigen Situation haben das wollen dann bitte auch folgendes parallel umsetzen:

• 30% Lohnverzicht des Management
• Lohn und Gehalt steigt automatisch mit der Inflation
• verpflichtende Gewinnbeteiligung für Arbeitnehmer
• Lohntransparenz wie in Schweden

Wollen sie nicht? Dann bleiben auch die Feiertage.

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Das Interessante ist ja:
Das würde dafür sprechen, dass die Läden 24/7, wie in anderen Ländern, offen sein müssten. Das würde das BIP steigern, weil die Dienstleistung der Mitarbeiter natürlich in’s BIP einfließt. Mehr verkauft würde dadurch aber vermutlich nicht (oder nur sehr marginal), die Lebensmittelpreise in den Supermärkten würden aber vermutlich steigen, um die zusätzlichen Kosten aufzufangen - was wiederum das BIP steigern würde. (Fun Fact: In NRW gilt eine 24/6-Regelung, die Supermärkte dürften daher theoretisch außer Sonntags 24 Stunden offen sein. Praktisch wird das so gut wie nirgends angewandt, weil es sich für die Supermärkte nicht lohnt, bis auf wenige Einzelfälle in den Innenstädten der Metropolen…)

Das zeigt ganz gut die Absurdität davon, zu sehr auf das BIP zu schauen: Es ist kein guter Indikator für die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit, weil die o.g. Änderungen, selbst, wenn wir die dafür nötigen Arbeitskräfte hätten, nicht wirklich unseren Wohlstand erhöhen würden.

Wenn wir daher über den Wegfall eines Feiertages sprechen, um die Wirtschaft zu fördern, kann sich das eigentlich nur auf das produzierende Gewerbe beziehen - oder auf Dienstleistungen, die dadurch mehr nachgefragt würden, ohne, dass andere Dienstleistungen dafür weniger nachgefragt würden (Beispiel: an einem Arbeitstag würden zwar mehr arbeitsplatznahe Dienstleistungen nachgefragt, aber dafür würden weniger Party- und Ausgeh-Dienstleistungen am Vorabend nachfragt… unter’m Strich kaum ein Gewinn!).

Damit stellt sich nun die Frage:
Würde ein zusätzlicher Arbeitstag im Jahr tatsächlich dazu führen, dass der Produktionsoutput entsprechend steigt? In manchen Fällen sicherlich (ein Tag, an dem die Fließbänder laufen, produziert selbstredend mehr, als ein Tag, an dem sie stehen…), es sind aber auch genug Fälle denkbar, in denen die maximale Produktion aus anderen Gründen begrenzt ist.

Grundsätzlich glaube ich aber, dass wir hier wieder einen Fall von fragwürdigen Berechnungsmethoden haben. Es ist klar, dass ein weiterer Arbeitstag in jedem Fall irgendeine positive Wirkung auf die Wirtschaft haben wird, aber ob der Effekt wirklich so groß ist, wie arbeitgebernahe Organisationen (die ein großes Interesse haben, es zu propagieren!) argumentieren, kann man bezweifeln. Aus Arbeitgebersicht ist es halt klar: Der Mindestlohn vernichtet Millionen von Stellen, ein zusätzlicher Arbeitstag ohne zusätzliche Bezahlung bringt Milliarden für die Volkswirtschaft… aus objektiver Sicht darf man beides bezeifeln, aus Arbeitnehmersicht ist beides eine krasse Übertreibung.

Wir müssen auch aufpassen, blind auf wirtschaftliche Zahlen zu schauen.
Denn diese messen erst einmal nur theoretische Umsätze, die nicht direkt in gesellschaftlichen Reichtum / Lebensqualität übersetzt werden können.

Ein gutes Beispiel dafür sind Autounfälle:

Durch den Unfall steigt das BIP: Denn es entsteht Arbeit für die Polizei, Krankenhaus, Versicherungen, Schadensgutachter, KFZ-Werkstätten und Autoindustrie.

Das BIP steigt, obwohl das Vermögen der Verunfallten nicht gestiegen ist. Im besten Fall haben die Verunfallten keinen bleibenden Schäden und die Versicherung ersetzt die kaputten Autos.

Ein anderes Beispiel sind ineffiziente Struckturen. Wenn eine Familie zusammenwohnt, die Kita und der Arbeitsplatz ist in der nähe, lässt sich das ganze gut mit wenig Geld organisieren.

Jetzt trennen sich die Eltern, der Mann wird zusätzlich noch in eine andere Stadt versetzt.

Der Mann will weiterhin für seine Kinder da sein, mietet sich also eine Wohnung in der Nähe, in der er jedes 2. Wochenende seine Kinder sieht. Dort braucht er nun natürlich auch 2 Betten, Spielsachen usw. für die Kinder, obwohl sie diese nur jedes 2. Wochenende benutzen.

Gleichzeitig hat der Mann noch eine Dienstwohnung in der anderen Stadt. Dort benötigt er dann noch mal eine Küche, Kühlschrank, Bett usw.

Gependelt wird typischerweise mit dem Auto, sodass dann noch mal Geld für Abnutzung und Sprit drauf geht.

Auch in dem Beispiel steigt durch Trennung und Versetzung wieder das BIP, obwohl die tatsächliche Lebensqualität sinkt.

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Die Frage ist ja auch, wie ich das feststellen und vergleichen kann. Selbst wenn ich die perfekten Daten habe und die richtig auswerte - belastbar kann ich am Ende eigentlich nur die Erwerbsarbeit vergleichen. Wenn ich dann feststelle, dass Land A pro Kopf weniger Stunden Erwerbsarbeit leistet, als Land B, dann sagt das m.E. wenig aus. Denn Carearbeit, Schwarzarbeit und jede Form von „Heimwerken“ zählt da ja nicht rein. Eine Gesellschaft, bei der Familienangehörige ihre Kinder selbst betreuen, ihre Angehörigen selbst pflegen, immer selbst kochen, alle Reparaturen an Wohnung, Auto, Geräten selbst durchführen und auch mal in der Nachbarschaft aushelfen, produziert natürlich viel weniger Stunden Erwerbsarbeit als eine, bei der die Kinder in die Kita gehen, der Pflegedienst kommt, in der Kantine gegessen wird, der Handwerker regelmäßig vorbei kommt, wenig repariert, sondern mehr neu gekauft wird, etc. Das sagt aber wenig darüber aus, wie produktiv die Gesellschaft ist.

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Wichtiger Punkt.

Wenn mal als „Arbeit“ nur das zählt, was sozialversicherungspflichtig irgendwo direkten Umsatz erwirtschaftet, engt das die Sichtweise drastisch ein.

Drum schlucke ich immer wenn es heißt, Frauen die „nur“ Teilzeit arbeiten, arbeiten per se zu wenig.
Die sitzen in der übrigen Zeit ja nicht cocktailschlürfend am Pool.

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Vor Jahren habe ich in einer ähnlichen Diskussion die Warnung gehört weniger Feiertage würden gerade dem Freizeitsektor und der Gastronomie massiv schaden. Gerade große Freizeitparks machen ja sogar ihren Hauptumsatz an Wochenenden und Feiertagen. Das Geld bleibt am Feiertag auch meist im Inland statt ins Urlaubsbudget zu fließen.

Was mich zudem wundert ist, dass auch heute noch in vielen Stellenanzeigen mit zusätzlichen Urlaubstagen geworben wird. Kommt es also wirklich auf jeden einzelnen Tag an oder ist es ein Problem, dass an diesem Tag Firmen komplett zu haben?

Nein, ich würde behaupten, es gibt eine ungefähr fixe Nachfrage nach Lebensmitteln, die ist halbwegs unabhängig davon, ob die Supermärkte an einem oder 7 Tagen in der Woche geöffnet haben.

Bei den anderen Läden hilft es nicht viel sie einfach zu zwingen 24/7 aufzuhaben, das kurbelt den Konsum auch nicht an. Menschen die viel arbeiten haben keine Zeit für Konsum. Wer 8 Stunden arbeitet, hat weniger Lust danach noch ins Stadtzentrum shoppen zu fahren. Freizeit führt zu Konsum. Deswegen hat ja auch Ford damals angeblich das Wochenende für seine Mitarbeiter eingeführt, damit sie am Wochenende mit dem Auto fahren.

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