Antisemitismus erkennen

Diese Entgegnung ignoriert aus meiner Sicht einen entscheidenden juristischen Unterschied: Bei den Kurd:innen geht es um eine ethnisch-kulturelle Gruppe, die alles andere als homogen ist und bei der noch nicht mal sicher ist, ob sie in Gänze überhaupt ein Bestreben nach Gründung eines Nationalstaates hat. Dann gibt es sogenannte De-facto-Staaten, die aber kaum von anderen Staaten anerkannt werden (wie etwa die von Russland protegierten Transnistrien, Abchasien und Nordossetien). Im Falle Israels geht es es aber um einen Staat, der aufgrund eines UN-Beschlusses gegründet wurde, der seit Jahrzehnten etabliert und UN-Vollmitglied ist. Das Ausmaß, in dem diesem Staat die Existenzberechtigung abgesprochen wird, ist einfach beispiellos. Wenn man dieselben Kriterien anlegt, gibt es einfach weltweit keinen auch nur annähernd mit Israel vergleichbaren Fall. Am nächsten kommt da noch die VR China ran, die wegen des Konflikts um Taiwan und Pekings „Ein-China-Politik“ von 13 UN-Mitgliedsstaaten nicht anerkannt wird.Und da stellt sich dann schon die Frage, was das damit zu tun hat, dass es sich um den einzig jüdischen Staat handelt.

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Einen Genozid - also Völkermord zu betreiben, wird Israel ja nicht „in der Theorie“ vorgeworfen, sondern ganz praktisch. Dies ist zumindest nach allen Definitionen von Völkermord, die ich kenne einfach kontrafaktisch, entspricht. also nicht den Tatsachen. Man kann m. E. argumentieren, warum Israel systematische Verletzungen des Völkerrechts begeht. Aber schon bei Kriegsverbrechen wid der Nachweis der Systematik (also der Absicht) m. E. äußerst schwierig. Aber Völkermord?
Meiner Beobachtung nach wird der Vorwurf eines Israelischen „Genozids“ de facto u. a. von Millionen Islamist:innen und Linken nicht als juristischer Begriff verwendet, sondern ebenso wie „Apartheid“ als ein politischer Kampfbegriff. Und dessen Absicht ist einzig eine Delegitimierung Israels.
Als Antwort auf Deine Frage könnte man auch fragen: Welchem anderen Land wird aktuell trotz gegenteiliger Faktenlage vorgeworfen, einen Völkermord zu begehen? Welche Motive kann es geben, eine solche kontrafaktische Behauptung aufzustellen, die nichts mit einer Delegitimierung Israels oder anderen antisemitischen Denkweisen zu tun hat?

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In der Theorie vielleicht, aber wer angesichts der jüngeren Ereignisse und der historischen Vergleiche (Herero, Armenier, Uiguren - vom Holocaust mal ganz zu schweigen) immer noch der Meinung ist, Israel des Genozids zu verdächtigen, muss sich schon die Gegenfrage gefallen lassen, was ihn bei der Einschätzung sonst noch so umtreibt. Genozide sind quasi-industrielle Tötungen, um komplette Gruppen auszurotten. Wer Israel das unterstellt, ist entweder böswillig oder geschichtsvergessen.

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Also wenn dieser Thread so weiter läuft, werden die Indikatoren für Antisemitismus Punkt für Punkt abgearbeitet und von einigen als nicht gerechtfertigt abgehakt. Dann müsste am Ende herauskommen, dass es Antisemitismus eigentlich gar nicht gibt, außer in Reinform wie beim Anschlag in Halle. Dann sind alle erleichtert, weil sie ja mit Antisemitismus gar nichts zu tun haben.

Wenn man Antisemitismus aber auch als Weltanschauung versteht, dann wird es wahrscheinlich klarer, wo er beginnt. Diese Weltanschauung geht nämlich immer auch mit Verschwörungstheorien etc. einher. Es ist mehr als offensichtlich, dass die ganzen Verschwörungstheoretiker von Querdenker bis QAnon alle auch immer bei antisemitischen Erzählungen landen. Die werden denn eben über Codes und Metaphern getarnt. Deswegen sollte man sie zumindest kennen.

Ein Paradebeispiel hierfür ist für mich Ken Jebsen. Den habe ich früher gerne gehört. Ich fand die Sendungen innovativ, witzig und unterhaltsam. Dann wurde er ja immer politischer und man konnte ihm ja beim Abdriften zuhören. Aus heutiger Sicht könnte man fast alle Punkte aus den oben geposteten Listen erkennen. Habe ich Anfangs nicht, bis Hendrk Broder ihm Antisemitismus vorwarf. Völlig zurecht.

Wen es interessiert, super Podcastreihe:

Cui Bono: WTF happened to Ken Jebsen? · Podcast in der ARD Audiothek

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Erstmal:
Wie aus meinem Beitrag hervorgeht stimmen wir ja überein, dass Israel das Existenzrecht abzusprechen in jedem Fall problematisch ist und mindestens den Verdacht des Antisemitismus begründet. Es geht mir daher nicht darum, die Verneinung der Existenzberechtigung Israels verteidigen zu wollen.

Aber wenn als Argument für das Existenzrecht „das Recht [eines Volkes / einer Religion], in Sicherheit im eigenen Staat leben zu können“ angeführt wird, muss man dieses Argument auch isoliert betrachten können. Und bei dieser isolierten Betrachtung bleibt das Ergebnis: Bei weitem hat nicht jedes Volk / jede Religion dieses Recht, im eigenen Staat zu leben. Dieses Recht ist eine Besonderheit Israels - und wie gesagt, im Hinblick auf die Geschichte absolut berechtigt. Das ändert aber nichts daran, dass die Aussage in ihrer Absolutheit ein schlechtes Argument für die Existenzberechtigung Israels ist. Der Grund für die Existenzberechtigung Israels ist gerne - wie du sagst - die Tatsache, dass der Staat seit nunmehr 75 Jahren existiert und international anerkannt ist.

Man kann auch ein spezifisches Argument angreifen, ohne deswegen zu einer anderen Konklusion kommen zu müssen. Dass Israel in vielerlei Hinsicht „besonders“ ist, kann wohl niemand bestreiten. Das gilt aber eben auch für die Umstände der Gründung des Staates, die - gelinde gesagt - in mehrfacher Hinsicht unglücklich waren. Diese besonderen Umstände der Gründung wiederum eröffnen natürlich auch Argumente, die eine besondere Ablehnung begründen können.

Wie gesagt, ich bin auch absolut für das Existenzrecht Israels, aber Israel ist ohne Zweifel „kein Staat wie jeder andere“, sondern durch seine konfliktbeladene Geschichte und die Tatsache, dass die jeweiligen Gebietsansprüche beidseitig weiterhin strittig sind (dh. Israel durch seine Siedlungspolitik das gesamte Westjordanland beansprucht und radikale Palästinenser teilweise ebenfalls das ganze Staatsgebiet Israels beanspruchen) ein Sonderfall, der beidseitig dazu führt, die Existenzberechtigung eines Staates des jeweils anderen zu bestreiten - und das wird von den „Verbündeten“ beider Parteien übernommen, daher erkennen die „Verbündeten“ der Palästinenser Israel nicht an (Israel wird von 165 Staaten anerkannt), während die Verbündeten Israels Palästina nicht anerkennen (Palästina wird von 138 Staaten anerkannt).

Dem Argument jedenfalls, dass keinem Staat ähnlich stark das Existenzrecht abgesprochen wird wie Israel lässt sich auch damit angreifen, dass sich kein anderer Staat derart lange in einem allumfassenden Gebietskonflikt befindet und die Fronten maximal polarisiert sind. Wie gesagt, Israel ist in vielfacher Hinsicht besonders.

Das ist ironischerweise historisch betrachtet das Ergebnis einer anti-israelischen Erzählung, denn Israel ist, was diesen Umstand angeht, bei weitem kein Sonderfall. Tatsächlich ist das, was in der Region passiert, typisch für den Zerfall ehemaliger Kolonialgebiete. Der Politikwissenschaftler Biskamp schreibt dazu:

„Will man die Besonderheit der „palästinensischen Flüchtlingsfrage“ einschätzen, ist zunächst ist der historische Kontext zu beachten. Ende der 1940er waren zig Millionen von Menschen in verschiedenen Teilen der Welt auf der Flucht. Der zweite Weltkrieg war gerade zu Ende und die Dekolonisierung in vollem Gange, neue Nationalstaaten wurden gegründet und die Grenzen bestehender Staaten wurden neu gezogen. Sowohl Kriege als auch Staatsgründungen und Grenzver- schiebungen gehen immer wieder mit Homogenisierungen, Vertreibungen und Mas- senflucht einher.

Am dramatischsten war die Situation Ende der 1940er in Südasien, wo das Vereinigte Königreich entschieden hatte, seine indische Kronkolonie in das überwiegend muslimische Pakistan sowie das überwiegend hinduistische Indien aufzuteilen und in die Unab- hängigkeit zu entlassen – auf beiden Seiten der neugezogenen Grenzen folgten Prozesse gewaltsamer Homogenisierung, Vertreibung
und Flucht. Die Schätzungen über die Zahl der Todesopfer bewegen sich zwischen eini- gen Hunderttausend und zwei Millionen, die Zahl der Vertriebenen wird auf über 14 Milli- onen geschätzt.

Auch die Gründung Israels und mehrerer arabischer Staaten in den zuvor britisch und französisch beherrschten Ländern der ME- NA-Region ging mit nationaler Homogenisierung, Vertreibung und Flucht einher – ins- besondere mit einer Flucht von Jüd_innen aus arabischen Staaten nach Israel sowie mit einer Flucht von arabischen Palästinenser_in- nen aus Israel in arabische Staaten.

Dabei waren an den jeweiligen Bewegungen durchaus beide Seiten beteiligt. Das sich gründende Israel hatte ein Interesse daran, dass Jüd_innen dorthin kamen und sich am Aufbau des Staates beteiligten, sodass arabi- sche Vertreibungen und zionistische Anwerbung Hand in Hand gingen. Die arabische Seite wiederum hatte ein Interesse daran, Israel als möglichst grausam erscheinen zu las- sen, sodass reale israelische Gewalt übertrieben dargestellt und die vertreibungsbedingte Fluchtbewegung weiter angeheizt wurde – ebenso wie mit dem Versprechen anschließend in ein durch die arabischen Armeen befreites Palästina zurückkehren zu können. Nichts davon ist einzigartig.“

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Der Zerfall ehemaliger Kolonialgebiete ist aber gerade kein Normalfall, sondern auch Völkerrechtlich die Ausnahme. Genau deshalb ist ja auch die Situation im ehemaligen Jugoslawien so schwierig (Kosovo, Bosnien und co.), weil wir hier das gleiche Problem haben: Es streiten sich viele Völker um Territorien.

Dazu kommt in Israel die Besonderheit, dass die Zahl der in Palästina lebenden Juden im osmanischen Reich verhältnismäßig gering war, in der Konsequenz der Schoah dann aber sprunghaft massiv anstieg. Im Gegensatz zu Regionen wie dem Kosovo stritt hier somit eine Gruppe von größtenteils „Neuankömmlingen“ um ein Territorium mit einer Gruppe „Alteingesessener“. Auch das gibt dem Konflikt eine besondere Note.

Wie gesagt, im Ergebnis war die Staatsgründung in Folge der Schoah auch für mich alternativlos, sodass ich Israel ein absolutes Existenzrecht zuspreche. Aber ich muss akzeptieren, dass die historischen Zustände andere Interpretationen der Situation zulassen, die nicht mit meinen wertemäßigen Abwägungen übereinstimmen.

Vielleicht ist das ein guter Punkt, wenn man Antisemitismus erkennen will, muss man ihn erst mal verstehen.

Wo wir uns hoffentlich alle einig sind, ist, dass quasi jegliche Form von Rassismus gegen Juden (Judenhass/Judenfeindlichkeit) antisemitisch ist. Ich vermute das ist auch dass, was die meisten darunter Verstehen, wenn sie das Wort Antisemitismus hören. Meiner Einschätzung nach ist es auch sinnvoll die Definition so einfach wie möglich zu halten, gerade bei solchen „schweren“ Worten, damit jeder weiß was damit gemeint ist. Außerdem ist es leichter, den Opfern von Rassismus gegen Juden zu helfen, wenn dieser klar benannt wird. Von daher wäre es denke ich besser andere Dinge nicht auch noch mit in die Definition von Antisemitismus reinzumischen und stattdessen, wenn man es für notwendig hält, sich für diese Dinge neue Begriffe zu überlegen.

Ohne das hier zu einem Zwiestreit ausarten lassen zu wollen kurz zwei Klarstellungen:

Da würde ich mitgehen. Deshalb ja mein Hinweis auf den rechtlichen Unterschied, dass es sich bei Israel eben nicht um eine Gruppe (ob „Volk“ oder „Religion“) handelt, sondern um einen Staat und somit um ein Subjekt des Völkerrechts.

Je nachdem, wie man die Formulierung „allumfassender Gebietskonflikt“ interpretiert, ist diese Aussage m. E. entweder falsch oder tautologisch. Wenn damit gemeint ist, dass Teile des Staatsgebietes umstritten sind, zeigt etwa das Beispiel China/Taiwan, dass es sehr wohl andere Länder mit ähnlichen Konflikten gibt. Interpretiert man „allumfassend“ so, dass das gesamte Staatsgebiet umstritten ist, wird es tautologisch, denn dann lautet die Aussage sinngemäß: Das Existenzrecht Israels wird so häufig infrage gestellt, weil der Anspruch des Landes auf sein Anspruch bestritten wird. Wohlgemerkt: an Israel in seinen 1967er Grenzen ist völkerrechtlich überhaupt nichts umstritten.

Das wäre nur korrekt, wenn alle Staaten der UN dem zustimmen würden.
Alleine die Tatsache, dass 28 UN-Staaten Israel nicht anerkennen, bedeutet zwangsläufig, dass die Frage umstritten ist, wobei die stark herrschende Meinung von der Legitimität Israels ausgeht, es aber zweifelsohne eine relevante Minderheit gibt, die eben das bestreitet. Umstritten ist hier eine neutrale Zustandsbeschreibung. Selbst über Armenien, welches von allen Staaten außer Pakistan anerkannt wird, könnte man behaupten, dass es umstritten ist. Oder dass Südkorea umstritten ist, weil Nordkorea es nicht anerkennt und Ansprüche auf das ganze Gebiet anmeldet.

Nochmal: Das heißt nicht, dass aus meiner persönlichen Sicht das Existenzrecht Israels umstritten wäre - ich beziehe da ganz klar Position. Aber ich gestehe der Gegenseite zu, auch aus meiner Sicht unerwünschte Standpunkte zu vertreten.

Die von dir zitierte Aussage soll erklären, warum Israel so oft das Existenzrecht aberkannt wird: Die Antwort lautet m.E. schlicht: Weil es ein Land in einem schwerwiegenden, Jahrzehnte andauernden Konflikt ist und die Gegenseite in diesem Konflikt und ihre Sympathisanten deshalb das Existenzrecht in Frage stellen. Das trifft in dieser Magnitude („allumfassend“) auf keinen anderen Staat zu, nicht mal auf Nord- und Südkorea (Nordkorea wird von allen außer 7 UN-Staaten anerkannt, Südkorea von allen außer Nordkorea; im Vergleich: Israel wird von allen außer 28 UN-Staaten anerkannt, Palästina von allen außer 55). Das ist eine Besonderheit des Konfliktes, die man auch als solche benennen kann. Das meine ich mit polarisierte Fronten.

Ein anderer Gedanke: warum interessiert uns dieser Krieg eigentlich so?
Ansonsten wenn es in der Region brennt ist das eine Randnotiz, erschütternde Bilder und dann weiter zu den Fußballergebnissen.
Nicht einmal Flüchtlingsströme drohen uns von dort. Ein Kriegseintritt Deutschlands ist auch eher unwahrscheinlich.
Dennoch sind nun alle Talkshows dem Konflikt gewidmet.
Dabei ist der Krieg zwischen Iran und Saudi-Arabien nicht weniger verbittert und gefährlich. Syrien ist bis heute nicht zur Ruhe gekommen, großes Leid für die kurdische Minderheit inklusive.

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Ich finde es nicht besonders hilfreich, dass Du diesen einen Satz aus dem Zusammenhang reißt, anstatt auf mein Argument als Ganzes einzugehen. Natürlich ist Israel im politischen Sinne umstritten, ich schrieb aber explizit vom rechtlichen Status. Es ging mir auch nie darum, wie Du persönlich das siehst. Mein Punkt war, dass Israels als Völkerrechtssubjekt gerade nicht umstritten ist. Der Staat ist Mitglied der UNO, in deren Charta es in Artikel 2 heißt:

„Alle Mitglieder unterlassen in ihren internationalen Beziehungen jede gegen die territoriale Unversehrtheit oder die politische Unabhängigkeit eines Staates gerichtete oder sonst mit den Zielen der Vereinten Nationen unvereinbare Androhung oder Anwendung von Gewalt."

Da steht nichts von „Für Mitglieder, bei denen sich bestimmte andere Mitgliedern an diese Regel nicht halten wollen, gilt sie nicht.“
Folgte man Deiner Argumentation, so wäre auch der völkerrechtliche Status der 6 (teilweise) von Russland kontrollierten ukrainischen Oblaste „umstritten“. Stattdessen wird der Angriff der Russländischen Förderation aber zurecht als Bruch des im Völkerrecht verbrieften Rechts auf territoriale Integrität - in diesem Fall der Ukraine - interpretiert.

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Der Zerfall von Kolonialreichen ist kein Sonderfall, wenn wir uns auf den spezifischen Zeitraum beziehen, um den es im Zitat auch geht.

Auch das ist eine Frage des Blickwinkels. Die LfpB BaWü schreibt dazu:

„Gegen Ende des 13. Jahrhunderts v. Chr. ist erstmals von „Hebräern“, einer frühen Bezeichnung für Angehörige des Volkes Israel, die Rede. Im Verlauf des 12. Jahrhunderts v. Chr. tauchen die aus dem ägäischen Raum stammenden Philister auf, Angehörige der sogenannten Seevölker. Danach regierten die Israeliten, die Assyrer, die Babylonier und die Perser das Land.

Es folgten Alexander der Große, die Ptolemäer, die Seleukiden, die Römer, die Byzantiner, die verschiedenen Dynastien der muslimischen Araber, die 691 auf dem Tempelberg / Haram al-Scharif in Jerusalem den Felsendom errichteten. Von diesem Zeitpunkt an gab es neben einer jüdischen und einer christlichen auch eine muslimische Präsenz in Palästina. Mit dem Beginn der Kreuzzüge am Ende des 11. Jahrhunderts n. Chr. wurden in Palästina vier christliche Kreuzfahrerstaaten errichtet. Sunniten besiegten 1187 die Kreuzfahrer, besetzten Palästina und eroberte Jerusalem. Mamlukische Dynastien beherrschten Palästina seit 1291. Osmanischen Türken besiegten 1516 die Mamluken, Palästina wurde bis 1917 in das Osmanische Reich eingegliedert.“

Das Osmanische Reich stand also ganz am Ende einer bewegten Geschichte einer Region, die unzweifelhaft zuerst von einer jüdischen Bevölkerung bewohnt wurde. Daraus leitet sich kein Gebietsanspruch ab, aber der Terminus „Neuankömmlinge“ ist verzerrend. Rückkehrer wäre treffender.

Ich halte diese Art der Argumentation für nicht zielführend, da sich realpolitisch für so ziemlich jede noch so absurde Meinung eine relevante Minderheit findet, die diese befürwortet. Daraus lässt sich kein Anspruch für eine Position ableiten, gleichberechtigt im Diskurs vertreten zu sein. … Satz gelöscht Mod.

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Das ist wirklich sehr lang her, findest du nicht.

Mmm, das ist keine Meinung, sondern ein großes Problem.

Daniel versucht nur, dieses Problem zu beschreiben. Weiter nichts. Nicht jede Person, die versucht, den Konflikt zu verstehen, will Israel sein Existenzrecht absprechen.

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Das war ja nur das erste Mal, dass Jüdinnen und Juden dieses Gebiet besiedelt haben. Auch danach blieben sie noch lange die Mehrheitsbevölkerung :slight_smile:

So wie ich Daniel verstanden habe, ging es ja Aber konkret um diejenigen, die Israel die Anerkennung als Staat verweigern (siehe Verweis auf Pakistan/Armenien, Nord und Südkorea). Aus der Tatsache, dass diese Position existiert, leitet sich kein Anspruch ab, dass diese Position gleichberechtigt im Diskurs vertreten sein muss. Zu sagen „Israel besitzt kein Existenzrecht“ ist unzweifelhaft antisemitisch. Selbst wenn wir berücksichtigen, dass auch anderen Völkern/Religionen/Gruppen ein eigener Staat verwehrt, dann wird das fehlende Existenzrecht Israels ja von den arabischen Staaten stets mit dem Argument in Zweifel gezogen, auf dem Staatsgebiet Israels müsse stattdessen ein befreites Palästina entstehen. Dass in diesem Staat kein Platz für die jüdische Bevölkerung wäre, sollte niemanden überraschen, wenn man mal einen Blick auf die Anteile jüdischer Bevölkerung in diesen Staaten blickt. Wer also wie die genannten Staaten das Existenzrecht Israels unter Verweis auf die „from The River to The Sea“ Befreiung Palästinas in Frage stellt, der meint damit auch die Vertreibung der dort lebenden jüdischen Bevölkerung (bestenfalls). Im schlimmsten Fall geht es wie beim Iran, Syrien und der Hamas darum, die Juden „ins Meer zu treiben und zu töten“

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Also ich möchte nochmal auf den anfänglichen Link zur Bundeszentrale für politische Bildung verweisen. Dort wird ja eben am Schluss die " Differenzierung über eine Dreier-Typologie" gemacht. Ich denke, dort wird Euer „Historikerstreit“ ja aufgelöst.

Ich möchte aber doch nochmal auf das Thema „Antisemitismus erkennen“ zurückkommen. Ich denke, ein Beispiel anhand von Greta Thunberg eignet sich gut dafür.

Also die Frage: kann man Gretha Thunberg Antisemitismus vorwerfen? Ich denke ja, weil:

Gretha Thunbergs Aussagen werden ebenfalls nicht im luftleeren Raum getroffen. Es ist das Jahr 2023 und am 7.10 wurde von der Hamas ein Massaker an Israelis begangen, das an Brutalität und Menschenverachtung nicht zu überbieten ist. Das Massaker wurde ausschließlich und gezielt an Juden begangen. Es wurden nicht die israelischen Araber, Christen, Drusen und Beduinen abgeschlachtet. Hätte die Hamas die militärischen Mittel gehabt, hätten sie alle Juden in Israel abgeschlachtet.

Unmittelbar nach diesem Massaker der Hamas teilt und verweist Gretha Thunberg auf ihrem Instagram Account auf andere Accounts, die dieses Massaker (an ausschließlich Juden) als legitimen Befreiungskampf feiern.
Zusätzlich fordert sie „Free Palestine“ und „From the River to the sea“. Das wäre also der Punkt „Delegitimation“. Dass damit nämlich nicht ein Bundesstaat Palästina gemeint ist, in dem alle Bevölkerungsgruppen gleichberechtigt leben sollen, ist nach dem Massaker der Hamas an Juden klar.

Die Raketenangriffe der Hamas gehen bis heute 31.10.2023 weiter. Israel bombardiert die Hamasstellungen und militärische Infrastruktur in Gaza, die die Hamas absichtlich in zivile Infrastruktur integriert hat.
Das eine bezeichnet Greta Thunberg als Genozid und fordert den Stopp der israelischen Bombardierungen. Die Raketen der Hamas werden noch nichtmal erwähnt. Das Recht der Israelis auf Selbstverteidigung noch nichtmal im Ansatz diskutiert.
Das ist für mich eine Paradebeispiel von „Doppelstandards“.

Ich verzichte mal auf weitere Punkte, abgerundet wird das Ganze mit Verschörungserzählungen über die internationale Presse, die im Sinne von Israel manipulieren will. Da brauche ich keinen blauen Kraken mehr, um die Grenze zum Antisemitismus überschritten zu sehen.

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Die Kritik an der IHRA, dass diese unkonkret und vage ist, stammt nicht nur von der JDA. Die IHRA-Definition ist „non-legally binding“. Was schon deutlich macht, dass sie weder rechtskräftig noch konkret ist. Im Diskurs war sie wenig hilfreich, weil jegliche Israel-Kritik als antisemitisch stummgeschaltet wurde. Die JDA entstand als Reaktion darauf.
Und auch sie wird kritisiert.
Die Jewish Voice for Peace schreibt dazu:
Jewish Voice for Peace welcomes the Jerusalem Declaration on Antisemitism (JDA) as an important alternative to the discredited and dangerous International Holocaust Remembrance Alliance working definition (IHRA), but emphasizes that defining antisemitism does not do the urgently needed work of dismantling antisemitism and all forms of racism.
Rabbi Brant Rosen, JVP Rabbinical Council co-founder: “The JDA presents a welcome alternative, opens space for debate, and refutes the most misleading aspects of the IHRA definition. However, in trying to counter the misleading claims of the IHRA, the JDA still places Palestine/Israel as central to understanding antisemitism. By viewing antisemitism this way, the JDA casts an undue shadow over Palestinian political speech and risks distracting from the real issue, which is, as always, white supremacy and racism.”
Und damit trifft sie, wie so oft in dieser Debatte, den Nagel auf den Punkt.
Was bringt dir eine Definition von Antisemitismus, die dazu genutzt wird, Menschen und Ihre Meinung stumm zu schalten?
Eine Lösung für Antisemitismus liegt ja nicht darin, Meinungen stumm zu schalten oder Sie/ihre Meinungen zu unterdrücken. Wenn das die Strategie ist, wird sie scheitern.
Den Kontext auszublenden, in dem Antisemitismus auftritt, wird ebenfalls keine Lösung oder Abhilfe schaffen. Der Kontext ist ja der größte Bedeutungsgeber in jeglicher Debatte.
Die Antisemitismus-Berichte der Bundesrepublik weisen überigens explizit und deutlichst darauf hin, dass Bildung der Schlüssel ist, um Antisemitismus vorzubeugen (2023, S. 60) und wie Frau Cazés vom ZWST weisen auch die Antisemitismus-Berichte darauf hin, dass Antisemitismus kein „migrantisches“ Phänomen ist (S. 78), sondern ein gesamtgesellschafliches. Wenn Antisemitismus unter jungen Migrantinnen vorkommt, dann durch unreflktierte Reproduktion von Stereotypen ohne die Hinterlegung von Ideologie (S. 78).
Die Lösung gegen Antisemitismus in Deutschland scheint so einfach: Bildung.
Das Deutschland hier nicht weiterkommt, ist mehr als befremdlich, hat aber nicht in erster Linie etwas mit Migrant
innen zu tun.
Und das manche Aussagen, nach der JDA nicht antisemitisch sind, muss kein Nachteil sein. Vlt. handelt es sich einfach bei vielen Israel-kritischen/pro-Palästina-Aussage nicht um Antisemitismus.

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Ja, und zwar die richtige Bildung. Nämlich typische, antisemitische Stereotype zu kennen, Codes von Antisemiten zu erkennen und einordnen zu können.

Dass Bildung alleine die einfache Lösung gegen Antisemitismus ist, sehe ich privat als widerlegt an. Mein Opa war Arzt, mein Onkel Rechtsanwalt. Beide hochgebildet und leider Antisemiten.
Bernd Höcke ist Geschichtslehrer.

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Ich habe auch nicht behauptet, dass diese Kritik „nur“ von der JDA geäußert wird. Aber wenn die JDA selbst mit der vermeintlichen Vagheit der IHRA argumentiert und dann selber mindestens genau so vage bleibt, ist das aus meiner Sicht schon bemerkenswert.

Dass die IHRA-Definition „jegliche Israelkritik als antisemitisch“ bezeichnet, stimmt schlicht nicht. Und „stummschalten“ kann sie schon mal gar nicht - weil sie ja, wie Du richtig sagst, überhaupt nicht rechtlich bindend ist. Das ist einfach nur die x-te Wiederholung eines „Argumentes“ zu dem hier im Forum schon viel geschrieben wurde.
Nochmal zum Mitschreiben es gibt sehr viel Antisemitismus in (oder im Zusammenhang mit) Äußerungen zu Israel oder zum arabisch-israelischen Konflikt. Genau deshalb ist das ja auch in den Defintionen von IHRA und JDA Thema. Das heißt aber nicht, dass jede Kritik an Israel automatisch antisemitisch ist und erst recht nicht, dass diese „stummgeschaltet“ würde.

Was ich mich frage: Warum gehst Du nicht darauf ein, wie und von wem die IHRA-Definition tatsächlich genutzt wird? Etwa auf die Tatsache, dass die Bundesregierung, diverse nachgeordnete Behörden des Bundes und der Länder, der Zentralrat der Juden, zahlreiche NGOs sowie Meldestellen für antisemitische Vorfälle auf Grundlage der IHRA-Definition arbeiten?
Dass „Jewish Voice for Peace“ eine sagen wir mal recht spezielle Haltung in dieser Frage vertritt, ist vielleicht nicht allen bekannt. Diese unterscheidet sich jedenfalls deutlich von den genannten Organisationen und auch von der von Dir zitierten ZWST.

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Die Teilnehmer der Wannsee-Konferenz waren mehrheitlich promoviert.